Werner Widmayer – vier Minuten im Endspiel und zwei Länderspiele für Kiel

Vier Minuten. So lange brauchte Werner Widmayer am 22. Juni 1930 in Düsseldorf, um Holstein Kiel im Endspiel um die deutsche Meisterschaft in Führung zu schießen. Nach acht Minuten stand es 2:0, in der 87. Minute fiel das 4:5. Gewonnen hat Hertha BSC. Ein Jahr später reist der Kieler mit der Nationalelf nach Skandinavien und spielt zweimal, in Stockholm und in Oslo, zweimal unentschieden. Elf Jahre danach ist er tot, gefallen im Zweiten Weltkrieg, 33 Jahre alt.

Werner Widmayers Laufbahn · Holstein Kiel, Endspiel 1930, zwei Länderspiele 1931, 1909–1942
Werner Widmayers Laufbahn · Holstein Kiel, Endspiel 1930, zwei Länderspiele 1931, 1909–1942

»… den Widmayer mit unheimlich scharfem Schuß zum Führungstreffer verwandelte.«

— Darmstädter Tagblatt, 23. Juni 1930, über den Freistoß zum 1:0 im Endspiel

Ein Kieler Junge

Werner Widmayer wird am 17. Mai 1909 in Kiel geboren. Bei Holstein fängt er nach der Wikipedia mit zehn Jahren an, das Datencenter führt ihn dort vom 1. Juli 1919 bis zum 30. Juni 1933. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt ihn Linksinnen, die Wikipedia einen Mittelfeldspieler, schussstark und technisch versiert. Das Libero-Heft zur Endrunde 1930 beschreibt ihn als »schwarzhaarigen gebürtigen Kieler« und Halblinken. Als Beruf gibt das Lexikon »Inspektor-Anw.« an, also Inspektor-Anwärter. Die Wikipedia fügt hinzu, er habe auch Tennis und Tischtennis gespielt, ohne dafür eine Quelle zu nennen. 16-mal, so dieselbe Quelle, wurde er in die norddeutsche Auswahl berufen.

Auch der jüngere Bruder spielt in Kiel: Herbert Widmayer, geboren am 17. November 1913, später bei Eintracht Braunschweig und nach dem Krieg Trainer. Mit dem 1. FC Nürnberg wird er 1961 deutscher Meister und 1962 Pokalsieger, im Oktober 1963 ist er der erste Trainer der Bundesligageschichte, der entlassen wird. Werner ist vier Jahre älter.

Mit 17 in der Endrunde

Das Datencenter führt sein erstes Endrundenspiel um die deutsche Meisterschaft am 8. Mai 1927: Holstein schlägt in Kiel Titania Stettin 9:1, vor 4.000 Zuschauern. Widmayer ist 17 Jahre und 11 Monate alt, neun Tage vor seinem 18. Geburtstag. Im Libero-Heft zur Endrunde steht er in der Aufstellung neben Franz Esser, in der Mitte des Angriffs spielt Karl Schulz. Und der Jüngste trifft: In der 30. Minute schießt er das 2:0, sein erstes Endrundentor. Zwei Wochen später verliert Kiel in Berlin 2:4 gegen Hertha, auf dem Preußen-Platz in Tempelhof.

1928 geht es im Juli in die Endrunde. Am 8. Juli gewinnt Holstein in Stettin gegen Preußen Stettin 4:1, vor 10.000 Zuschauern in der Hans-Peltzer-Kampfbahn, dreimal trifft Johannes Ludwig, der damit in der Endrunde debütiert. Eine Woche später, am 15. Juli, verliert Holstein zu Hause 0:4 gegen Hertha, vor 7.000 Zuschauern auf dem Holstein-Platz. Am 16. Juni 1929 folgt in Hamburg, auf dem Victoria-Platz in Hoheluft vor 16.000 Zuschauern, das 1:6 gegen den 1. FC Nürnberg. Zur Pause steht es 1:5. Das einzige Kieler Tor schießt in der 38. Minute Widmayer.

Insgesamt kommt er dort von 1927 bis 1932 auf 14 Endrundenspiele und neun Tore, bei acht Siegen und sechs Niederlagen. Die Wikipedia nennt ihn den jüngsten Spieler im Kader, der 1929 norddeutscher Vizemeister und 1930 norddeutscher Meister wird. Die Kieler heißen im Libero-Heft die »Störche«. Ihr Trainer ist 1930 der Österreicher Karl Heinlein, der nach dem Heft zuvor beim Club Europa in Barcelona gearbeitet hatte.

Der große Tag: Düsseldorf, 22. Juni 1930

Der Weg nach Düsseldorf führt über drei Siege, und in allen drei trifft Widmayer.

Am 18. Mai gewinnt Holstein in Hamburg 4:3 gegen den VfB Leipzig, vor 7.000 Zuschauern auf dem Platz des Eimsbütteler TV. Widmayer schießt in der 3. Minute das 1:0, Oskar Ritter erhöht per Elfmeter, Esser macht kurz vor der Pause das 3:0. Dann holt Leipzig auf: 3:1, 3:2, 3:3 (70., Elfmeter). Als alle schon mit der Verlängerung rechnen, überwindet Widmayer in der 87. Minute den Leipziger Torwart Alwin Riemke ein zweites Mal. Das Libero-Heft nennt das den Treffer, mit dem Widmayer »den Leipziger Keeper« bezwang, als niemand mehr damit rechnete. Das Darmstädter Tagblatt vom 19. Mai zählt 8.000 statt 7.000 Zuschauer, spricht von einem »erbitterten Kampf« und sagt, Widmayer habe vier Minuten vor Schluss mit einem Kopfball das siegbringende Tor erzielt. Leipzig hatte zur Pause seine Elf umgestellt, der alte Edy ging in den Sturm, Groß ins Mittelfeld, und holte in den ersten vier Minuten nach dem Wechsel zwei Tore auf.

Am 1. Juni folgt in Berlin das 4:2 gegen Eintracht Frankfurt, auf dem Preußen-Platz in Tempelhof, vor 30.000 (so das Libero-Heft; das Tagblatt vom 2. Juni zählt nur 12.000). Das Blatt sieht die Frankfurter technisch klar besser, aber mit einem schwachen Ersatztorwart geschlagen, während der Kieler Angriff bei Durchbrüchen immer gefährlich war. Ludwig trifft nach 24 Minuten, Widmayer in der 34. Minute zum 2:0, nach dem Wechsel erhöht Esser, in der 84. Minute macht Ritter alles klar. Am 15. Juni gewinnt Holstein das Halbfinale 2:0 gegen den Dresdner SC im Duisburger Stadion, vor 17.000. Das Tagblatt vom 16. Juni zählt 25.000 Zuschauer statt 17.000 und urteilt, die Kieler besäßen »den typischen Pokalstil« und keinen schwachen Punkt. Das Spiel ist zäh, die beiden erfahrenen Trainer, Heinlein auf Kieler, der Engländer James Hogan auf Dresdner Seite, lassen vorsichtig spielen. In der 71. Minute bricht Widmayer den Bann, zehn Minuten später trifft Esser zum 2:0. Das Tagblatt erzählt es etwas anders: In der 30. Minute (nach der Pause) gab Schiedsrichter Fissenenwerth einen Freistoß, nach dem Tagblatt nicht gerechtfertigt, den Baasch trat und Widmayer zum Führungstor einlenkte, acht Minuten später folgte Esser. Dresdens Richard Hofmann sei die ganze Zeit von zwei Gegenspielern umringt gewesen. Auf der anderen Seite spielt dort Kurt Stössel, der im Jahr darauf selbst ein Länderspiel bekommt. Widmayer steht in allen vier Spielen auf dem Platz und schießt fünf Tore (3., 87., 34., 71. und 4. Minute), nach der Wikipedia der dritte Platz in der Torschützenliste der Endrunde, hinter Josef Schmitt vom 1. FC Nürnberg (7) und Willi Kirsei von Hertha (6).

Im Rheinstadion warten nach dem DFB 40.000 Zuschauer, das Tagblatt zählt 45.000 und spricht von »tropischer Hitze«. Für Hertha ist es das fünfte Endspiel, die ersten vier gingen verloren. Kiel wird von dem Österreicher Karl Heinlein trainiert. Den Anfang macht Widmayer: Nach dem Tagblatt bekommt Kiel an der Strafraumgrenze einen Freistoß zugesprochen, und er schießt ihn zum 1:0 ins Tor. Das DFB-Datencenter und die Wikipedia nennen dafür die 4. Minute. Kurz darauf trifft Oskar Ritter zum 2:0.

Hertha BSC – Holstein Kiel 5:4 in Düsseldorf · Widmayer eröffnet den Torreigen in der 4. Minute, Torminuten nach Libero und Wikipedia
Hertha BSC – Holstein Kiel 5:4 in Düsseldorf · Widmayer eröffnet den Torreigen in der 4. Minute, Torminuten nach Libero und Wikipedia

Das Tagblatt sieht bei Ritters 2:0 Widmayer und Ritter gemeinsam durchbrechen. Dann dreht Hertha auf, Hanne Sobek trifft zweimal, Johannes Ludwig bringt Kiel wieder in Führung, Bruno Lehmann gleicht zum 3:3 aus. Nach der Pause fällt das 4:3 für Berlin, Ludwig fliegt wegen Reklamierens vom Platz, Ritter gleicht aus, und Hans Ruch schießt das 5:4. Wer die Kieler Seite des Spiels lesen will, findet sie in der Biografie von Ludwig, die Berliner in der von Sobek. Widmayers Tor in der 4. Minute war das erste des Spiels, zwei der vier Kieler Treffer fielen in den ersten acht Minuten.

Die Nordlandreise, Juni 1931

Auch 1931 spielt Kiel in der Endrunde. Am 10. Mai gewinnt Holstein 3:2 gegen Prussia-Samland Königsberg, auf dem Holstein-Platz vor 5.000 Zuschauern (Libero Nr. 38). Der Neuling aus Ostpreußen führt zur Pause 2:0, nach dem Tagblatt vom 11. Mai durch Stillger und Mischke, dann drehen Ohm und Voß (zwei) das Spiel. Am 17. Mai geht es nach Dresden: Beim Dresdner SC liegt Kiel zur Pause 1:3 zurück und gewinnt 4:3, Widmayer schießt in der 70. Minute das Siegtor, im Ostragehege sehen es nach dem Heft 25.000, nach dem Tagblatt vom 18. Mai 35.000. Vor dem Spiel hatte die Zeitung Dresden als das bessere Team gesehen, Kiel sei »längst nicht in der Form« des Vorjahres. Nach der Pause, schreibt sie dann, war Holstein nicht wiederzuerkennen: Voß verkürzt in der 2. Minute mit einem Alleingang auf 2:3, Ludwig gleicht in der 8. Minute zum 3:3 aus, und in der 24. Minute fällt das Siegtor durch Widmayer. Am 31. Mai verliert die Mannschaft das Halbfinale in Duisburg 0:2 gegen 1860 München, vor 12.000. Das Tagblatt vom 1. Juni nennt die Münchner »ständig die bessere Mannschaft«, die Norddeutschen hätten sehr enttäuscht. Gut zwei Wochen später steht Widmayer in der Nationalelf.

Zunächst sieht es nicht nach Einsatz aus. Am 12. Juni 1931 nennt das Tagblatt die voraussichtliche Elf für Stockholm, mit Kreß im Tor, Bergmaier, Helmchen, Hohmann, Sackenheim und Kund im Angriff. Widmayer steht dort unter den Ersatzleuten, neben Jakob, Emmerich und Kauer. Ludwig sei nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. Der DFB schickt im Juni 1931 eine Elf nach Schweden und Norwegen, das »Darmstädter Tagblatt« nennt es die »Nordlandreise der Nationalelf«. Das Lexikon von 1939 führt für Widmayer zwei Länderspiele, das Datencenter ebenfalls. Am 17. Juni 1931 spielt Deutschland in Stockholm 0:0, Willibald Kreß im Tor ist nach dem Tagblatt »einfach nicht zu schlagen«. Das Blatt schreibt seinen Namen »Widmeier« und zählt ihn mit Ludwig zu denen, die »sehr befriedigend« spielten.

Vier Tage später folgt das 2:2 in Oslo bei anhaltendem Regen, mit einem Tor von Josef Bergmaier in der ersten Minute und Ludwigs Treffer in der 60. Minute. Das Tagblatt sieht im Angriff Ludwig als besten Mann der Fünferreihe und schreibt dann: »Auch sein Vereinskamerad Widmayer gefiel.« Mehr steht über seine beiden Länderspiele in den benutzten Quellen nicht. Die Mannschaft sei, so das Blatt, auf etlichen Posten nicht die erste Garnitur gewesen und habe trotzdem recht gut gespielt. Die Einzelheiten stehen in den Spielberichten zu Stockholm und Oslo.

Weitere Länderspiele folgen nicht. Am 13. September 1931 verliert Deutschland in Wien 0:5, ohne Widmayer. Einen Grund nennt keine der benutzten Quellen. Schreibweisen: Das Lexikon führt ihn als »Widmaier«, das Tagblatt in Stockholm als »Widmeier«, das DFB-Datencenter und die Wikipedia als Widmayer. Alle meinen denselben Mann.

In Kiel bleibt er Stammkraft. Zu seinem letzten Endrundenjahr gehört 1932: Am 8. Mai gewinnt Holstein in Breslau 4:1 gegen den Breslauer SC 08, im Sportpark Grüneiche vor 8.000. Ritter trifft in der 11. Minute, ein Eigentor von Meißner macht das 2:0, nach dem Libero-Heft schießt Widmayer in der 78. Minute das dritte Tor. Der Trainer ist inzwischen der Engländer William Stanton. Am 22. Mai ist im Viertelfinale Schluss: 0:4 gegen den 1. FC Nürnberg, vor 20.000 auf dem Viktoria-Platz in Hamburg-Hoheluft, die Wikipedia nennt die Anlage Sportplatz Hoheluft. Widmayer spielt durch, es ist laut Heft sein 14. Endrundenspiel.

Itzehoe, Partei und Krieg

Nach der Wikipedia wechselt Widmayer 1933 von Kiel zu Preußen Itzehoe, das Lexikon von 1939 nennt Itzehoe als zweiten Verein. Ein Ende der Station nennt keine Quelle.

Nach der Wikipedia, die sich auf das Bundesarchiv stützt, trat er zum 1. Dezember 1931 in die NSDAP ein und erreichte im NSKK den Rang eines Obersturmführers. Im August 1940 schrieb er nach der Wikipedia, die sich dabei auf einen Artikel von Armin Jäger in der Zeit vom 24. Juli 2024 beruft: »Frankreich liegt am Boden und England wird es nicht anders ergehen.«

Werner Widmayer fällt am 14. Juni 1942. Die deutsche Wikipedia nennt als Ort die Russische SFSR, die englische mit Berufung auf den Volksbund Semenivka in der Ukraine, wo er als Oberleutnant gedient habe. Der Ort ist damit nicht gesichert.

Werner Widmayer auf einen Blick

Geboren: 17.5.1909 in Kiel
Gefallen: 14.6.1942 (Ort umstritten: Russische SFSR oder Semenivka, Ukraine)
Vereine: Holstein Kiel (1919–1933), Preußen Itzehoe (ab 1933)
Position: Linksinnen (Lexikon 1939), Mittelfeld (Wikipedia)
Beruf: Inspektor-Anwärter (Lexikon 1939)
Erfolge: norddeutscher Vizemeister 1929, norddeutscher Meister 1930, Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1930; Endrunde: 14 Spiele, 9 Tore (DFB-Datencenter)
Bilanz: 2 Länderspiele (2 Unentschieden), kein Tor (1931)

Länderspiele

Quellen