Josef »Seppl« Schmitt – der Sturmführer vom Club

Am 23. September 1928 steigt im Ullevaal-Stadion in Oslo ein 20-jähriger Nürnberger in die Luft. Josef Schmitt, Mittelstürmer des 1. FC Nürnberg, köpft nach einer Vorlage von Conny Heidkamp das 1:0 für Deutschland. Es ist sein zweites Länderspiel, sein erstes Tor und, wie sich zeigen wird, sein letzter Einsatz im Nationaltrikot. Aber da steht er erst am Anfang einer Laufbahn, die 605 Spiele im Club-Dress umfasst, zwei deutsche Meisterschaften, einen Pokalsieg und dazu, als Trainer, noch einen dritten Titel.

Josef Schmitts Laufbahn · vom Club-Jugendspieler zum Meister und Kapitän, 1924–1948
Josef Schmitts Laufbahn · vom Club-Jugendspieler zum Meister und Kapitän, 1924–1948

»Wir spielen kein System. Wir spielen Fußball. Das ist unsere ganze Zauberformel.«

— Seppl Schmitt über seine Meistermannschaft von 1948, zitiert nach Skrentny (Hrsg.), »Als Morlock noch den Mondschein traf«

Schmitt, nicht Schmidt

Wer in alten Zeitungen nach ihm sucht, muss mit Schreibweisen rechnen. Die Vereinszeitung des Club schreibt im August 1926 über den »Sepp Schmidt«, den jungen Sturmführer. Das Darmstädter Tagblatt führt ihn 1928 durchgehend als »Schmidt 2«. Warum die Zwei, steht dort nicht ausdrücklich. Ein Hinweis findet sich im Meisterschaftsendspiel vom 12. Juni 1927: Das Tagblatt druckt die Nürnberger Aufstellung mit einem »Schmidt« in der Läuferreihe und einem »Schmidt II« im Sturm. In derselben Mannschaft standen also zwei Schmidts, der Nationalspieler Hans »Bumbes« Schmidt (zu seiner Biografie) und der neue Sturmführer. Die Zwei diente dann vermutlich der Unterscheidung. Sie blieb ihm aber auch in der Berichterstattung des Jahres 1928 erhalten, als »Bumbes« den Club nach glubberer.de schon verlassen hatte. Fest steht: Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 schreibt »Schmitt, Josef«, ebenso die Wikipedia und Olympedia, und die Länderspiele gehören ihm allein. Hans Schmidts letztes Länderspiel liegt im Dezember 1926.

Ein Eigengewächs aus dem Club-Bad

Josef Schmitt wird am 21. März 1908 in Nürnberg geboren. Als Beruf gibt das Lexikon von 1939 Kaufmann an, Olympedia nennt ihn ebenfalls einen gelernten Kaufmann, auf der Club-Seite glubberer.de steht »gelernter Mechaniker«. 1924 schließt er sich der Jugend des 1. FC Nürnberg an. Der zart gebaute Spieler, so die Wikipedia, gleicht mangelnde Robustheit mit Technik und Spielwitz aus. Entdeckt haben soll ihn der englische Trainer Fred Spiksley. Die Vereinszeitung erzählt es im Februar 1927 als Scherz in ihrer Rubrik »Unverbürgte Nachrichten«: Spiksley habe auf dem Weg zum Platz einen jungen Mann gesehen, der eine Konservenbüchse im Nachschuss zu einem »Blechbatzen« machte, und ihn gefragt: »Are you the little Smith?« Der Angesprochene habe bescheiden geantwortet: »Der bin i.«

Fast wäre es nicht dazu gekommen. Nach einer Verletzung, so glubberer.de, wollte er die Fußballschuhe schon an den Nagel hängen und ging stattdessen zu den Wasserballern in der Schwimmabteilung des Club. Dann zog es ihn zurück auf den Rasen. Sein Einstand in der ersten Mannschaft fällt in den Sommer 1926 in Hamburg, die Wikipedia nennt den Juli, glubberer.de den 1. August. Der Club schlägt den Hamburger SV 9:1. Der »Kicker« schreibt nach Bausenwein, Siegler und Kaiser: »Der neue Sturmführer Schmitt weiß ganz genau, wie er die ausgekochten Flügel zu bedienen hat.« In der ersten Saison wird er Deutscher Meister, mit 19 Jahren. Am 8. Mai 1927 erzielt er in der Endrunde auf dem Fürther Ronhof beim 5:1 gegen den Chemnitzer BC drei Tore, neben Männern wie Heiner Stuhlfauth und Hans Kalb. Es folgen ein 2:1 beim Hamburger SV (22. Mai) und im Halbfinale ein 4:1 gegen 1860 München (29. Mai, Nürnberg). Mit vier Toren in vier Spielen steht er am Ende gleichauf mit Hertha-Stürmer Willi Kirsei auf Rang fünf der Torschützenliste.

Am 12. Juni 1927 steht er im Endspiel. Im Berliner Deutschen Stadion siegt der Club 2:0 gegen Hertha BSC, die Tore schießen Kalb (6. Minute) und Heinrich Träg (65.). Es regnet am Vormittag in Strömen, am Nachmittag klart der Himmel auf, etwa 50.000 Menschen sind im Stadion, weitere 10.000 bleiben nach dem Tagblatt vor den Toren. Schmitt spielt als Mittelstürmer zwischen Hochgesang und Wieder, unter Trainer Fred Spiksley. Das Tagblatt vom 13. Juni findet, der Sieg sei »so verdient« gewesen, »wie selten der Sieg einer Mannschaft«, die Bayern hätten »bessere Nerven als ihr Gegner« gezeigt. Gelobt werden Stuhlfauth, Popp, die Läuferreihe und der linke Sturmflügel. Schmitt wird in dem Bericht nicht einzeln erwähnt. Kurz nach dem Schlusspfiff, so das Blatt, stürmen die Club-Anhänger den Rasen und tragen ihre Elf auf den Schultern vom Platz.

Zwei Länderspiele im September 1928

Im Mai 1928 fährt Schmitt mit zum Olympischen Fußballturnier nach Amsterdam. Nach Schulze-Marmeling hat Reichstrainer Otto Nerz Wieder, Träg, Hochgesang, »Bumbas« Schmidt und Harder zu Hause gelassen und stattdessen unter anderen Gehlhaar, Heinrich Weber, Gruber, Horn und Josef Schmitt mitgenommen, fünf Neulinge, die Kritiker für zu unerfahren halten. Schmitt kommt in Amsterdam in keinem der beiden Spiele zum Einsatz, weder beim 4:0 gegen die Schweiz noch beim 1:4 gegen Uruguay, Olympedia führt ihn als Ersatzspieler.

Sein Debüt feiert er in der Heimatstadt. Am 16. September 1928 bekommt das neue Städtische Stadion in Nürnberg seinen ersten großen Fußballnachmittag, 50.000 Zuschauer sehen Deutschland gegen Dänemark. Nerz stellt Schmitt als Mittelstürmer neben Baptist Reinmann, Franz Horn, Josef Pöttinger und Ludwig Hofmann auf, Deutschland gewinnt 2:1. Das Darmstädter Tagblatt ist am 17. September mit dem Neuen nur halb zufrieden: Der Mittelstürmer »Schmidt 2« sei »seiner Aufgabe nicht ganz gewachsen« gewesen, Gutes habe man von ihm »nur in Einzelaktionen« gesehen. Dafür sei er im Strafraum von einem dänischen Verteidiger recht unsanft gelegt worden, den Elfmeter habe Schiedsrichter Ruoff übersehen.

Der große Tag: Oslo, 23. September 1928

Eine Woche später reist die Elf nach Norwegen. Das neue Stadion von Oslo liegt zwischen Hügeln an einem Fjord, am Horizont der Holmenkollen, das Wetter ist herrlich, in der Hofloge sitzt der König. Rund 16.000 Zuschauer sind gekommen. Die Norweger wählen Sonne und Wind im Rücken, aber die Deutschen liegen zunächst eine Viertelstunde im Angriff. Das Tagblatt berichtet am 24. September, in der 16. Minute habe Schmitt »im Anschluss an die dritte Ecke« eine Vorlage von Heidkamp »durch schönen Kopfball zum Führungstor« verwandelt, der DFB führt das Tor in der 17. Minute. Norwegen muss gleich darauf seinen Verteidiger Lunde auswechseln.

Danach wird es eng. Die Norweger drängen, Stuhlfauth hält, was zu halten ist, und die deutschen Verteidiger, schreibt das Blatt, bekommen den Ball nicht weg. Das 2:0 fällt in der zweiten Halbzeit, in der 17. Minute nach dem Tagblatt, also in der 62. Minute: Ernst Kuzorra steht weit vorn und nimmt eine Vorlage von Schmitt an. Er hat also an beiden Toren seinen Anteil. Das Tagblatt sagt, das Spiel sei »mit Glück« gewonnen worden, Stuhlfauth sei »der beste Mann der Elf« gewesen, »überhaupt der beste Mann auf dem Platz«. Im Innensturm sei Schmitt, hier wieder als »Schmidt 2«, der beste Mann gewesen; Winkler und Kuzorra hätten nicht imponiert.

Norwegen – Deutschland 0:2 in Oslo · Schmitt köpft das 1:0, Kuzorra trifft nach seiner Vorlage zum 2:0
Norwegen – Deutschland 0:2 in Oslo · Schmitt köpft das 1:0, Kuzorra trifft nach seiner Vorlage zum 2:0

Es ist die Art von Spiel, die man später gern zur Visitenkarte macht: ein Tor, eine Vorlage, ein Lob. Dennoch folgt kein weiteres Länderspiel mehr. Eine Woche später, in Stockholm, steht Pöttinger im Sturmzentrum, und Schmitt gehört nicht mehr zur Elf. Nach der Wikipedia war er noch einige Male im Länderspielkader, ohne zu spielen. Warum es bei zwei Einsätzen blieb, bleibt offen.

Kapitän des Club

Im Verein geht es weiter, und wie. Unter den ungarischen Trainern Jenő Konrád und Alfréd Schaffer wird Schmitt zum Spielmacher und zum Mannschaftskapitän. Das Club-Porträt auf glubberer.de beschreibt ihn als den überlegten Strategen, der das Spiel aus der Tiefe aufzog und die Außenstürmer mit millimetergenauen Vorlagen losjagte: »Die Pässe des blonden Halblinken waren oft schon halbe Tore.« Auch bei der Geselligkeit gab er den Ton an: Er habe durchgesetzt, dass die Mannschaft zu Auswärtsspielen grundsätzlich einen Tag vorher anreiste.

Die großen Endspiele des Club in diesen Jahren sind eine Berg-und-Tal-Fahrt. Im Endspiel von 1934 gewinnt Schalke 2:1, trainiert von Hans »Bumbes« Schmidt, seinem früheren Vereinskameraden. Schmitt steht nach der Wikipedia-Saisonseite als Halblinker neben Kund im Nürnberger Angriff. Am 24. Juni, vor 45.000 Zuschauern im Berliner Poststadion, führt der Club nach Friedels Treffer (54. Minute) bis kurz vor Schluss, dann drehen Szepan (88.) und Kuzorra (90.) das Spiel. Das 1:0 für den Club schreibt die Wikipedia Georg Friedel zu; das Darmstädter Tagblatt vom 25. Juni 1934 nennt dagegen einen »Schmidt« als Schützen nach einem Flankenlauf von Kund, vermutlich ist Schmitt gemeint (Vermutung, nicht belegt). Im Juli 1934 zieht Schmitt als linker Verbinder die Fäden im Angriff der bayerischen Gauauswahl, die im Kampfspielpokal erst im Endspiel am 29. Juli in Nürnberg mit 3:5 an der Südwest-Auswahl scheitert. 1935 holt der Club den Tschammerpokal gegen Schalke. Am 8. Dezember, bei Schnee und Regen im Düsseldorfer Rheinstadion, führt Schmitt als Kapitän die Mannschaft aufs Feld. Das Tagblatt sieht am 9. Dezember 55.000 Zuschauer (die Wikipedia nennt 60.000) und eine »glänzende Leistung« des Club, der das erste Endspiel des neuen Wettbewerbs 2:0 gewinnt: Eiberger trifft gleich nach der Pause, Friedel fünf Minuten vor Schluss. Beste Stürmer seien die Außen und vor allem Eiberger gewesen, schreibt das Blatt, bei Schalke habe der Spielmacher Szepan das Länderspiel gegen England vier Tage zuvor anzumerken gewesen. Nach der Wikipedia agiert der Club in der Schlussphase wegen einer Verletzung Schmitts praktisch nur mit neun Feldspielern. Die »Deutsche Sport-Illustrierte« lässt Schmitt nach glubberer.de sagen: »Es war ein herrlicher Kampf, der zu den schönsten meiner Laufbahn gehört.« 1936 wird er mit dem Club zum zweiten Mal Deutscher Meister. Im Halbfinale schlägt Nürnberg Schalke 2:0, im Endspiel am 21. Juni im Berliner Poststadion gegen Fortuna Düsseldorf siegt der Club nach der Wikipedia 2:1 nach Verlängerung. Die Fortuna geht in der 3. Minute durch Nachtigall in Führung, Eiberger gleicht in der 34. Minute aus, Gußner trifft in der 120. Minute. Schiedsrichter Birlem erkennt in der 95. Minute einen Treffer des Düsseldorfers Czaika nicht an. Die Fortuna spielt unter anderem mit Paul Janes, Jakob Bender und Stanislaus Kobierski, und Trainer des Club ist Hans Kalb. 1937, im Endspiel gegen Schalke, steht ihm ein schwarzer Tag bevor. Vor etwa 101.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion verliert der Club am 20. Juni 0:2 (Tore durch Poertgen in der 26. und Kalwitzki in der 81. Minute). Schmitt wird nach glubberer.de in der 60. Minute des Feldes verwiesen, der ansonsten ruhige, besonnene Stürmer hatte nach einem verlorenen Zweikampf gegen Kalwitzki übel nachgetreten. Ohne ihn spielt der Club die letzte halbe Stunde zu zehnt.

In den Endrunden um die Deutsche Meisterschaft bestreitet er von 1927 bis 1940 nach der Wikipedia 47 Spiele und trifft 24-mal. Seine letzten drei Endrundenspiele sind 1940 das 1:1 gegen Waldhof Mannheim, das 8:0 gegen die Offenbacher Kickers und das 0:2 gegen die Stuttgarter Kickers. Der Krieg, sagte er später bedauernd, habe seine Laufbahn beendet.

Tabakladen und Meistertrainer

1932 gründet Schmitt mit seinem Bruder Fritz einen Tabakladen am Plärrer, in der Gostenhofer Hauptstraße 15. Das Geschäft wird über Jahre zum Treffpunkt des harten Kerns der Club-Fans, nach dem Krieg kommt eine Toto- und Lottoannahmestelle dazu, die bis in die 1970er Jahre bleibt. Die Vereinszeitung ruft ihre Mitglieder sogar in Reimen dazu auf, Rauchwaren »beim Seppl Schmitt« zu kaufen.

Nach dem Krieg wird er Trainer des 1. FC Nürnberg. Die Vereinsgeschichte auf Wikipedia führt ihn von 1947 bis 1949 in der Trainerliste und nennt ihn als ersten und bislang einzigen, der beim Club sowohl als Spieler als auch als Trainer erfolgreich war. Mit ihm gewinnt der Club 1948 die erste Deutsche Meisterschaft nach Kriegsende. In der Oberliga Süd schließt Nürnberg die Saison 1947/48 als Erster ab (60:16 Punkte, 88:37 Tore), die folgende Runde 1948/49 nur als Elfter (27:33 Punkte, 49:55 Tore). Der Weg dorthin führt nach der Wikipedia über einen kampflosen Einzug ins Viertelfinale (Gegner Planitz), ein 3:2 nach Verlängerung gegen den FC St. Pauli (25. Juli, Mannheim) und das Endspiel am 8. August im Kölner Müngersdorfer Stadion. Vor 75.000 Zuschauern besiegt der Club den 1. FC Kaiserslautern um Fritz Walter 2:1, Winterstein (8.) und Pöschl (24.) treffen, Kaiserslauterns Anschluss fällt durch ein Eigentor von Uebelein (57.). Max Morlock erzielt in der Oberliga Süd 30 Tore, und Trainer Schmitt, der frühere Halbstürmer, erklärt es mit der Fußballkunst seiner Spieler: Sie verstünden es, »mit Kopf und Beinen zuweilen auch mit halber Kraft zu gewinnen«. Josef Schmitt stirbt am 16. April 1980. Olympedia nennt als Sterbeort München, die Wikipedia gibt keinen an.

Nachleben im Stadion

In Nürnberg selbst fiel die Ehrung einzelner Spieler lange schwer. Erst zur Saison 2006/07 benannte der Club 35 Blöcke des Stadions nach verdienten Spielern, nach der Wikipedia mussten dafür mindestens zwei von drei Kriterien erfüllt sein: 400 Einsätze für den Club, Nationalspieler, Deutscher Meister mit dem Club. Schmitt gehört zu den Geehrten, bei ihm trifft alles zu (605 Spiele, zwei Länderspiele, zwei Meisterschaften als Spieler). Die Wikipedia nennt ihn dabei als den Spieler, der den Übergang zwischen den goldenen 1920ern und den Erfolgen der 1930er Jahre verkörpert: Aus der Meistermannschaft von 1927 war er 1936 der einzige Verbliebene. Auf einer Fahne am Stadion ist sein Gesicht mit Pokal abgebildet.

Josef Schmitt auf einen Blick

Geboren: 21.3.1908 in Nürnberg
Gestorben: 16.4.1980 (Olympedia: in München)
Spitzname: »Seppl«
Verein: 1. FC Nürnberg (1924 Jugend, 1926–1940 erste Mannschaft)
Trainer: 1. FC Nürnberg (1947–1949, Meister 1948)
Position: Mittelstürmer, Halblinker
Beruf: Kaufmann (Lexikon 1939, Olympedia), nach glubberer.de gelernter Mechaniker; später Tabakwarenhändler
Erfolge: Deutscher Meister 1927 und 1936 (Endspiele 1934 und 1937 verloren), Tschammerpokal 1935, Olympia-Aufgebot 1928 (ohne Einsatz); als Trainer Deutscher Meister 1948
Bilanz: 2 Länderspiele (2 Siege, Torverhältnis 4:1), 1 Tor, 1928

Länderspiele

Quellen