Hans Geiger – der Läufer von Turin

Er sollte der nächste Hans Kalb werden, sagten manche in Nürnberg, als der 19-jährige Hans Geiger 1925 aus der Jugend des 1. FC Nürnberg in die erste Mannschaft aufrückte. Die Vereinszeitung bremste. Geiger sei vor allem ein Zerstörer, der seine Gegner mit Kopf und Fuß stoppe, im Spielaufbau fehle noch einiges. Er wurde kein neuer Kalb. Er wurde ein Läufer, der sechsmal für Deutschland auflief und in Turin dabei war, als die deutsche Elf zum ersten Mal Italien schlug.

Hans Geigers Laufbahn · vom Club über Berlin bis zur Trainerbank in Mainz, 1924–1952
Hans Geigers Laufbahn · vom Club über Berlin bis zur Trainerbank in Mainz, 1924–1952

»Besonders Weitsichtige behaupten gar, dass er besser als Kalb ist oder noch wird. Gemach, ihr Herren!«

— Hans Hofmann, Vereinszeitung des 1. FC Nürnberg, Februar 1925 (zitiert nach glubberer.de)

Ein Clubjunge mit Zerstörerqualitäten

Hans Geiger kommt am 24. Dezember 1905 in Nürnberg zur Welt. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt als Beruf Automechaniker und als Stammposten Außenläufer und Mittelläufer. Er kommt aus der Jugendabteilung des 1. FC Nürnberg und rückt zur Saison 1924/25 in die erste Mannschaft auf. Auf glubberer.de steht, er habe von 1924 bis 1929 insgesamt 88 Spiele für den Club bestritten, die Wikipedia nennt 88 Punktspiele.

Die Vereinszeitung beschäftigt sich im Januar 1925 gleich mehrfach mit ihm. Als er in einem Spiel gegen den DFC Prag links im Angriff aufgestellt wird, heißt es, das sei ein »Fehlgriff« gewesen: »Geiger hat wohl große Läuferqualitäten, aber seine Stärke liegt in der Zerstörung und nicht im Aufbau.« Gegen Bayern München lobt ein Jugendbetreuer, der »19jährige Geiger, noch vor kurzem die Zierde unserer Fußball-Junioren«, habe in der Läuferreihe gehalten, was er sich von ihm versprochen habe. Und nach dem Spiel gegen Teutonia München lobt die Zeitung sein exaktes, elegantes Zuspiel und seine sichere Ballbehandlung, nur sei er nicht um etliche Pfund schwerer. Die Wikipedia fasst es später so zusammen: Seine Qualität war umstritten, einige Nürnberger sahen in ihm einen Nachfolger für Hans Kalb, andere bemängelten seine Schwächen im Spielaufbau, anerkannt waren seine Qualitäten in der Abwehr.

Mit dem Club wird er nach der Wikipedia Bayerischer Meister (1925 und 1927) und 1929 Nordbayerischer und Süddeutscher Meister. Zu den Meisterspielern des Clubs im Jahr 1927 gehört er nicht.

Sechs Länderspiele in drei Jahren

Im Herbst 1926 holt ihn die Nationalelf. Das erste Spiel ist zugleich das erste Länderspiel unter Reichstrainer Otto Nerz. Am 31. Oktober 1926 spielt Deutschland in Amsterdam gegen die Niederlande, und Geiger kommt in der 70. Minute für den verletzten Otto Martwig vom Berliner Tennis-Club Borussia. Das Darmstädter Tagblatt schreibt, Martwig sei durch den Nürnberger »vollwertig ersetzt« worden; Deutschland gewinnt 3:2. Die Zeitung führt ihn in diesem Bericht als Spieler des A.S.V. Nürnberg, während er laut Wikipedia und glubberer.de damals beim 1. FC Nürnberg war. Ob er damals schon für den ASV spielte, bleibt offen; Wikipedia und glubberer.de führen ihn zu dieser Zeit beim Club.

Sein zweites Spiel, am 12. Dezember 1926 in München gegen die Schweiz, geht 2:3 verloren. Er ist als Läufer neben Hans Schmidt und Georg Köhler aufgestellt. Das Tagblatt schreibt, Köhler und Geiger spielten »vor allem sehr schlecht zu«, Geiger und Köhler »zeigten vor allem im Zuspiel große Mängel«. Schmidt dagegen war der einzige Läufer »von internationalem Gepräge«. Karl Scherm, mit dem Geiger in der Aufstellung stand, schoss in diesem Spiel das zweite deutsche Tor.

Dann beginnt eine lange Pause: Bis zum 10. Februar 1929 wird er nicht mehr berufen, zwei Jahre und zwei Monate. Am 10. Februar 1929 gewinnt Deutschland in Mannheim 7:1 gegen die Schweiz, Geiger spielt rechter Läufer, links Georg Knöpfle. Nach dem Tagblatt (11. Februar 1929) fehlten der verletzte Stuhlfauth und Horn, für sie spielten der Frankfurter Kreß und Hanne Sobek. Das Tagblatt schreibt, in der deutschen Läuferreihe, die stark nach vorn drücke, überrage Geiger. Sie sei entscheidend für die Höhe des Sieges gewesen, und Geiger habe »internationale Extraklasse« gespielt.

Danach folgen binnen zweier Monate drei weitere Länderspiele. Das wichtigste, das 2:1 am 28. April in Turin, steht weiter unten. Am 1. Juni 1929 trifft Deutschland in Berlin auf eine schottische Profiauswahl und spielt 1:1. Beim Tagblatt hat Geiger hier eine schwache erste Halbzeit: Er lasse den schnellen Linksaußen der Schotten »immer wieder laufen«, Heidkamp gefalle besser als er. Am 23. Juni 1929 gewinnt Deutschland in Köln 3:0 gegen Schweden, Richard Hofmann schießt alle drei Tore, die Läuferreihe nennt die Zeitung den »Rückhalt der Elf«. Es ist Geigers sechstes und letztes Länderspiel. Torschütze war er nie. Warum danach Schluss war, ist nicht überliefert. Auch die Zahl der Spiele stimmt nicht überall: Glubberer.de spricht von einem einzigen Länderspiel, das Lexikon von 1939, die Wikipedia und die Berichtsseiten dieser Seite kommen auf sechs.

Der große Tag: Turin, 28. April 1929

Es ist das dritte Länderspiel gegen Italien. Das erste, am 1. Januar 1923 in Mailand, ging 1:3 verloren, das zweite, am 23. November 1924 in Duisburg, 0:1. Am Sonntag, dem 28. April 1929, spielt Deutschland im Stadion Filadelfia des FC Turin vor 30.000 Zuschauern (DFB; das Tagblatt zählt 40.000). Beim Einlaufen der Mannschaften wird das Deutschlandlied gespielt, das Publikum, das mit den Italienern fühlt, verhält sich einwandfrei.

Italien stürmt sofort los. Schon nach sechs Minuten (Tagblatt: neun) trifft Gino Rossetti zum 1:0. Deutschland antwortet in der 12. Minute (Tagblatt: 13) durch Josef Hornauer nach einer Flanke von Ludwig Hofmann. Zur Pause steht es 1:1, die Ecken stehen 8:0 für Italien. Heiner Stuhlfauth im deutschen Tor wehrt, wie das Tagblatt schreibt, mit Fuß und Faust ab. Etwa eine Viertelstunde vor Schluss (DFB: 80. Minute) flankt Ernst Albrecht vom Düsseldorfer Flügel, und Georg Frank schießt zum 2:1 ein.

Italien – Deutschland 1:2 in Turin · Hans Geiger in der Läuferreihe, erster deutscher Sieg über Italien
Italien – Deutschland 1:2 in Turin · Hans Geiger in der Läuferreihe, erster deutscher Sieg über Italien

Das Tagblatt ist in dieser Sache nüchtern. Es nennt den Sieg gerecht, aber wenige hätten ihn für möglich gehalten, Italien habe weit mehr Chancen gehabt. Und wenn die Italiener nicht gewannen, so sei das »fast allein« der glänzenden Läuferreihe um Leinberger, Knöpfle und Geiger und dem tapferen Stuhlfauth zu verdanken. Geiger selbst bekommt einen Satz Einzelkritik: Er habe die beiden anderen Läufer erst in der zweiten Halbzeit erreicht. Nach Schulze-Marmeling soll eine italienische Zeitung hinterher geschrieben haben: »Gott selbst stand im Tor.« In der Abwehr stand Heinrich Weber.

Meisterschaftssommer 1929: Der Club und Hertha

Zwischen den Länderspielen läuft die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, und Geiger ist mit dem 1. FC Nürnberg dabei, nach der Wikipedia in allen vier Spielen. Am 16. Juni 1929 gewinnt der Club in Hamburg 6:1 bei Holstein Kiel, am 30. Juni in Fürth 3:1 gegen Tennis Borussia Berlin, den Verein, bei dem Geiger ein Jahr später spielen wird. Im Halbfinale wartet Hertha BSC, der Verein von Hanne Sobek, mit dem Geiger in drei Länderspielen zusammen auf dem Platz stand. Am 7. Juli endet das Spiel im Berliner Poststadion 0:0 nach Verlängerung.

Das Wiederholungsspiel am 21. Juli im Düsseldorfer Rheinstadion sehen nach dem Darmstädter Tagblatt (22. Juli 1929) mehr als 50.000 Zuschauer. Der Club tritt, so die Zeitung, »zur allgemeinen Überraschung« mit Hornauer an, aber ohne Wieder: Stuhlfauth; Popp, Kugler; Geiger, Kalb, Lindner; Reinmann, Hornauer, Schmitt, Fuchs, Weiß. Weiß bringt Nürnberg in der 10. Minute in Führung, Ruch gleicht aus und verwandelt später einen Handelfmeter zum 2:1 für Hertha. Nach der Pause gleicht Kalb per Elfmeter aus. In der 27. Minute schiebt der Berliner Lehmann den Ball ins leere Tor, nachdem sich Stuhlfauth weit vorgewagt hatte; die Zeitung nennt ihn an dieser Stelle waghalsig und leichtsinnig. Das Spiel endet 2:3. Beide Mannschaften, schreibt das Tagblatt, hätten eine ausgezeichnete Verteidigung gehabt. Und: »Auch in der Läuferreihe hatten die Berliner ein Plus, weil sie beweglicher waren.« Einzeln nennt die Zeitung Geiger in der Kritik nicht.

Nach der Wikipedia war es die erste richtige Niederlage des Clubs in einer Meisterschaftsendrunde und das erste Mal, dass er bei einer Teilnahme das Finale verfehlte. Eine Woche später, am 28. Juli 1929, gewann die SpVgg Fürth das Endspiel in Nürnberg 3:2 gegen Hertha. Nach der Wikipedia waren Nürnberger Anhänger überzeugt, der Schiedsrichter habe im Halbfinale falsch entschieden, und bereiteten den Berlinern einen feindseligen Empfang.

Von Nürnberg nach Berlin

Dann wechselt Geiger für eine Saison zum ASN, dem Allgemeinen Sportverein Nürnberg. Von 1930 bis 1932 spielt er für den Berliner Tennis-Club Borussia, von 1932 bis 1934 für Viktoria 89 Berlin. Warum er nach Berlin ging, ist nicht überliefert. Die Wikipedia nennt ihn bei seinen letzten beiden Länderspielen im Juni 1929 schon einen Spieler des ASN. Das Darmstädter Tagblatt führt ihn in den Aufstellungen zu den Spielen vom 28. April, 1. Juni und 23. Juni 1929 dagegen jedes Mal beim 1. FC Nürnberg, und in der Meisterschaftsendrunde stand er bis Juli für den Club. Die beiden Angaben passen nicht zusammen.

Tennis Borussia ist in dieser Zeit eine Spitzenmannschaft. 1931 schafft sie als Vizemeister von Berlin-Brandenburg die Endrunde: 6:1 gegen den VfB Liegnitz am 10. Mai in Berlin, danach ein 0:1 gegen 1860 München am 24. Mai in Frankfurt. 1932 wird Borussia zum ersten Mal Berliner Meister, nach der Wikipedia mit Geiger. In der Endrunde gewinnt sie am 8. Mai 1932 in Berlin 3:0 gegen Viktoria Stolp und scheidet am 22. Mai mit 1:3 bei Eintracht Frankfurt aus.

Danach geht er zu Viktoria 89. 1933 ist der Klub Vizemeister von Berlin-Brandenburg und verliert am 14. Mai in Dortmund 1:4 bei Schalke 04. In der Saison 1933/34, der ersten der neuen Gauliga Berlin-Brandenburg, wird Viktoria Gaumeister: 15 Siege, 3 Unentschieden, 4 Niederlagen, 65:32 Tore, vor Hertha BSC und Tennis Borussia. In der Endrunde gewinnt die Mannschaft alle sechs Gruppenspiele (24:9 Tore) gegen Beuthener SuSV, Viktoria Stolp und Preußen Danzig und scheitert am 17. Juni 1934 in Leipzig im Halbfinale 1:2 am 1. FC Nürnberg, Geigers altem Verein. Die Nürnberger verloren dann das Endspiel gegen Schalke. Die Wikipedia gibt Geiger acht Endrundenspiele für Viktoria. Das passt, wenn man das Spiel von 1933, die sechs Gruppenspiele und das Halbfinale 1934 zusammenzählt, ist aber eine Rechnung mit den Mannschaftsspielen, kein Einsatznachweis.

Im Zweiten Weltkrieg wird er zur Wehrmacht eingezogen. 1941/42 kommt er als Kriegsgastspieler gelegentlich für den ASC Daco-Getica in Bukarest zum Einsatz.

Nach dem Krieg wird er Trainer. Von Oktober 1950 bis zum Ende der Saison 1951/52 betreut er den 1. FSV Mainz 05 in der Oberliga Südwest. Das Vereinsarchiv fsv05.de zählt 50 Spiele, 16 Siege, 6 Unentschieden, 28 Niederlagen. Er übernahm die Mannschaft, nach den Tabellen des Archivs, nach dem sechsten Spieltag der Saison 1950/51 und holte aus 20 Spielen 4 Siege und 2 Unentschieden. Mainz wird mit ihm 1950/51 Zwölfter von 14 Mannschaften, 1951/52 mit 12 Siegen, 4 Unentschieden und 14 Niederlagen Zehnter von 16. Sein Vorgänger war Dr. Berno Wischmann, sein Nachfolger Georg Bayerer.

Beim Todesdatum widersprechen sich die Quellen. Die Wikipedia nennt den 25. August 1991 in Mainz und beruft sich auf Fritz Taubers »Deutsche Fußballnationalspieler« und das Stadtarchiv Mainz. Das Archiv von Mainz 05 gibt den 17. Dezember 1974 an, ohne Ort.

Nicht zu verwechseln

Hans Geiger heißen auch ein Physiker (1882–1945), ein Schachspieler (1899–1972), ein Politiker (1912–1986) und zwei österreichische Fußballspieler, einer von Rapid Wien. Dieser hier ist der Nürnberger Läufer, Jahrgang 1905.

Hans Geiger auf einen Blick

Geboren: 24.12.1905 in Nürnberg
Gestorben: 25.8.1991 in Mainz (Wikipedia; fsv05.de nennt den 17.12.1974)
Vereine: 1. FC Nürnberg (1924–1929), ASN Nürnberg (1929/30), Tennis-Borussia Berlin (1930–1932), Viktoria 89 Berlin (1932–1934), ASC Daco-Getica Bukarest (1941/42, Kriegsgastspieler)
Trainer: 1. FSV Mainz 05 (Oktober 1950 bis 1952; 50 Spiele, 16 Siege, 6 Unentschieden, 28 Niederlagen)
Erfolge: Süddeutscher Meister 1929 (Club), Berliner Meister 1932 (Tennis Borussia), Gaumeister Berlin-Brandenburg 1934 (Viktoria 89)
Position: Außenläufer, Mittelläufer
Beruf: Automechaniker (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 6 Länderspiele (4 Siege, 1 Unentschieden, 1 Niederlage), kein Tor (1926–1929)

Länderspiele

Quellen