Hans Ruch – der Rechtsaußen mit dem Siegtor von Düsseldorf

Im Düsseldorfer Rheinstadion steht es 4:4. Holstein Kiel spielt in Unterzahl, trotzdem ist das Publikum auf der Seite der Norddeutschen, und Hertha BSC wartet seit vier verlorenen Endspielen auf einen Titel. Dann geht der Rechtsaußen durch. Hans Ruch schießt in der 87. Minute das 5:4, nach der Darstellung der Wikipedia freistehend vor dem Kieler Tor. Es ist das erste Meisterschaftsendspiel, das Berlin gewinnt, und es ist das wichtigste Tor im Leben eines Mannes, über den sonst kaum etwas überliefert ist.

Hans Ruchs Laufbahn · von Union 92 zu Hertha BSC, drei Länderspiele, 1898–1947
Hans Ruchs Laufbahn · von Union 92 zu Hertha BSC, drei Länderspiele, 1898–1947

»Der Berliner Flügel Sobeck–Ruch lief erst nach der Pause zu einer ›internationalen Form‹ auf.«

— Darmstädter Tagblatt, 3. Juni 1929, über das Länderspiel gegen Schottland

Ein Elektriker aus Berlin

Hans Ruch wird am 8. September 1898 geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt Berlin als Heimatort und Elektriker als Beruf, sein Stammposten ist der Rechtsaußen. Die Wikipedia beschreibt ihn als wendigen Stürmer. Er spielt für Union 92 Berlin, nach der Wikipedia seit 1918. Der Verein, 1905 Deutscher Meister, besteht nach Ruchs Abschied nur noch zwei Jahre: Am 27. Juli 1927 fusioniert er mit Vorwärts 90 zu Blau-Weiß 90.

1925 wechselt Ruch zu Hertha BSC, zusammen mit Hanne Sobek, nach dem DFB-Datencenter ab dem 1. Juli. Die Wikipedia nennt außerdem Karl Tewes und Willi Kirsei als Zugänge dieses Jahres. Die Biografie von Karl Tewes legt dagegen nahe, dass der Kapitän schon vor Ruch und Sobek in Gesundbrunnen war.

Zwei Länderspiele im Norden, eins in Berlin

Seine ersten beiden Länderspiele bestreitet Ruch noch im Trikot von Union 92. Am 21. Juni 1925 steht er in Stockholm in der Elf, die 0:1 verliert. Der DFB hat 25 Spieler auf diese Nordlandreise geschickt, nach Schulze-Marmeling werden 15 von ihnen nie wieder eingesetzt. Ruch gehört nicht dazu, er spielt noch ein drittes Mal für Deutschland, nur dauert es knapp vier Jahre. Neben ihm stürmen nach dem Kicker-Almanach der Berliner Otto Montag, Karl Schulz, Oskar Ritter und Paul Pömpner.

Fünf Tage später in Helsinki liegt Deutschland gegen Finnland nach der Pause 0:2 zurück und gewinnt 5:3. Pömpner trifft dreimal, und dazwischen schießt Ruch in der 75. Minute das 3:2, die erste deutsche Führung. Nach der englischen Wikipedia ist es ein Elfmeter. Das Kicker-Almanach führt ihn bei diesem Spiel auf dem linken Flügel, in Stockholm und später in Berlin steht er rechts. 3.500 Zuschauer sind im Stadion, die niederländischen Zeitungen drucken nur das Ergebnis.

Dann kommt lange nichts. Am 1. Juni 1929 spielt Deutschland an einem Samstagabend im Berliner Stadion gegen eine schottische Profiauswahl, das Tagblatt zählt 50.000 Zuschauer, der DFB 40.000. Schon vor dem Anpfiff hatte die Zeitung bemängelt, die Elf könne auf dem rechten Flügel und in der Läuferreihe besser besetzt sein. Zur Pause steht es 0:0. In der 30. Minute spielt Sobek zu Ruch, Ruch flankt, und Josef Pöttinger schießt aus fünf Metern über die Latte.

Fünf Minuten nach dem Wechsel passt es. Nach der vierten deutschen Ecke schickt Sobek seinen Vereinskameraden auf die Reise. Ruch läuft auf die Elfmetermarke zu und schießt aus vollem Lauf platziert in die äußerste Ecke des schottischen Tores. Das 1:0, es bleibt sein zweites und letztes Länderspieltor. Zwei Minuten vor Schluss fällt der Ausgleich, nach dem DFB durch William Imrie, nach dem Tagblatt durch den Mittelstürmer McCrae. Über den Berliner Flügel urteilt das Blatt wie im Zitat oben. Dann bleibt es bei drei Länderspielen. Warum, sagen die Quellen nicht.

Sechs Endspiele in Folge

Mit Hertha steht Ruch in allen sechs Endspielen um die deutsche Meisterschaft von 1926 bis 1931, so die Aufstellungen bei Wikipedia und im »Libero«. Die ersten vier gehen verloren. Dabei beginnt es gut. In der Endrunde 1926 schießt Ruch nach der Spielstatistik im »Libero« vier Tore, zwei beim 8:2 gegen den FSV Frankfurt (39. und 60. Minute), eins beim 4:2 gegen den Hamburger SV (59.) und eins im Endspiel. Gegen Königsberg, 4:0 am 16. Mai, trifft er nicht. Das Endspiel steigt am 13. Juni in Frankfurt. Dort schießt er nach der Wikipedia, dem »Libero« und der Biografie von Leonhard Seiderer in der 9. Minute das 0:1. Dann dreht Fürth das Spiel und gewinnt 4:1. Das Darmstädter Tagblatt schildert die Szene des Führungstors, soweit der Scan lesbar ist, mit Sobek: Er hebe nach einem Strafstoß den Ball über den herausgelaufenen Torwart Hörgreen. Wer das Tor wirklich schoss, bleibt also offen.

1927 verliert Hertha am 12. Juli im Berliner Stadion 0:2 gegen den 1. FC Nürnberg. Auf dem Weg dorthin gewinnt die Mannschaft 2:1 in Königsberg, 4:2 gegen Holstein Kiel und 2:1 gegen Fürth, das Fürth-Spiel nach 0:1 zur Pause (»Libero«). Ruchs Name taucht in den Torlisten dieser Runde nicht auf, das DFB-Datencenter führt für 1927 und 1928 kein Tor von ihm.

1928 geht es über ein 7:0 gegen die Breslauer Sportfreunde, ein 4:0 in Kiel und ein 2:1 gegen Wacker München ins Endspiel. Dort gewinnt am 29. Juli in Altona der Hamburger SV 5:2.

1929 bringt Ruch seine ersten Tore seit drei Jahren. Beim 8:1 in Zaborze, wo der südostdeutsche Meister gegen Hertha am 9. Juni nie eine Chance hat, verwandelt er in der 7. Minute einen Elfmeter. Dann kommt das Halbfinale gegen Nürnberg. Das erste Spiel am 7. Juli endet 0:0, auch nach Verlängerung. Im Wiederholungsspiel am 21. Juli in Düsseldorf, vor 40.000 Zuschauern, schießt Ruch in der 18. Minute den Ausgleich zum 1:1 und in der 25. per Elfmeter das 2:1. Nürnberg gleicht noch einmal aus, Bruno Lehmann entscheidet es mit dem 3:2. Eine Woche später, am 28. Juli, verliert Hertha das Endspiel 2:3 in Nürnberg gegen Fürth.

Der Dreierpack von Leipzig

Das Jahr 1930 beginnt mühsam. Am 18. Mai gewinnt Hertha 3:2 gegen Beuthen. Am 1. Juni steht es im Kölner Müngersdorfer Stadion gegen Köln-Sülz nach 120 Minuten 1:1, Kirsei trifft in der 44., Zarges gleicht in der 47. aus. Das Wiederholungsspiel in Berlin am 9. Juni gewinnt Hertha 8:1.

Im Halbfinale am 15. Juni im Leipziger Probstheidaer Stadion wartet wieder Nürnberg, wie ein Jahr zuvor, und diesmal sind es 27.000 Zuschauer. Der »Libero« schreibt, die Süddeutschen seien grandios gestartet. In der 19. Minute trifft Schmitt, in der 25. Hornauer, es steht 0:2. Dann schwingt sich Herthas Angriff ein. Kirsei verkürzt in der 29. Minute, Lehmann gleicht in der 35. aus. In der 40. Minute bekommt Hertha einen Elfmeter, Ruch verwandelt zum 3:2. Hornauer gleicht noch vor der Pause aus, 3:3.

Nach dem Wechsel kommt der Rechtsaußen wieder an den Punkt. Ein zweiter Elfmeter in der 58. Minute, Ruch trifft, 4:3. Sieben Minuten später schießt er aus dem Spiel das 5:3. Hahn macht in der 86. Minute das 6:3. Im »Libero« steht dazu ein Satz, der den Nachmittag zusammenfasst: Es sei der Tag des Hans Ruch gewesen, aber sicher nicht der des 19-jährigen Torhüters Georg Köhl. Drei Tore in einem Halbfinale, zwei davon vom Punkt.

Ob sie stimmen, ist eine eigene Frage. Das DFB-Datencenter schreibt Ruch für die gesamte Endrunde 1930 nur ein Tor zu, das Siegtor im Endspiel. Der »Libero« kommt auf vier, drei in Leipzig und das 5:4. Für die Jahre 1926 und 1929 stimmen beide Quellen bei der Zahl überein, vier und drei. Die Differenz liegt allein im Halbfinale von Leipzig.

Der große Tag: Düsseldorf, 22. Juni 1930

Der fünfte Anlauf. Im Düsseldorfer Rheinstadion sind nach dem DFB 40.000 Zuschauer, das Tagblatt zählt 45.000 und spricht von »tropischer Hitze«, die Wikipedia nennt 40 Grad im Schatten. Gegner ist Holstein Kiel, Schiedsrichter der Essener Willi Guyenz. Nach acht Minuten steht es 0:2. Hertha dreht das Spiel bis zur Pause auf 3:3, Hanne Sobek schießt zwei Tore. Das 3:3 durch Bruno Lehmann fällt nach einer Flanke von Ruch, nach dem Tagblatt in der 38. Minute, nach dem DFB in der 36. Der Verlauf ist in der Biografie von Hanne Sobek ausführlicher erzählt.

Nach der Pause trifft Lehmann zum 4:3. Dann schickt Guyenz den Kieler Johannes Ludwig wegen Reklamierens vom Platz (Wikipedia: 80. Minute), nach dem Tagblatt eine Entscheidung, die »etwas zu hart« war. Zwei Minuten später gleicht Oskar Ritter zum 4:4 aus. Hertha sammelt, so das Tagblatt, die Kräfte zu einem letzten Generalangriff, und Ruch geht nach einem Durchbruch durch. Er schießt, schreibt die Zeitung, »unter dem falsch stehenden und sich zu spät werfenden« Torwart weg, nach dem Tagblatt in der 40. Minute der zweiten Halbzeit, nach dem DFB und der Wikipedia in der 87. Torwart auf der Kieler Seite ist Alfred Kramer, im Tagblatt »Cramer«. Danach, schreibt das Blatt, zieht Berlin fast die ganze Mannschaft zurück, um das Ergebnis zu halten, den Norddeutschen fehlt die Kraft zum Endspurt.

Hertha BSC – Holstein Kiel 5:4 in Düsseldorf · Hans Ruch schießt das Siegtor in der 87. Minute
Hertha BSC – Holstein Kiel 5:4 in Düsseldorf · Hans Ruch schießt das Siegtor in der 87. Minute

Über die Torschützen sind sich die Quellen nicht ganz einig. Tagblatt, DFB und Wikipedia sehen zwei Tore von Sobek, zwei von Lehmann und eines von Ruch. Das Kicker-Almanach nennt Ruch zweimal und je einmal Sobek, Lehmann und Kirsei. Das erste Meisterschaftsendspiel, das Berlin gewinnt, ist es in jedem Fall. Ein Jahr später, am 14. Juni 1931, steht Ruch auch beim 3:2 in Köln gegen 1860 München in der Elf, das Hertha zum zweiten Mal zum Titel führt. Im Müngersdorfer Stadion sind nach dem »Libero« 50.000 Zuschauer, das Darmstädter Tagblatt nennt im Scan, soweit lesbar, 55.000. Ruch schießt kein Tor, aber er bereitet zwei vor. Nach dem Tagblatt legt er in der 42. Minute steil für Sobek vor, der zum 1:1 trifft, und nach dem Rückstand lenkt er den Ball zu Lehmann ab, der zum 2:2 einschießt. In der Einzelkritik der Zeitung ist Sobek der beste Stürmer, und Ruch gehört zu den Gelobten, während Hahn und Lehmann enttäuschen. Insgesamt hält das Blatt Sechzig für die technisch bessere und ausgeglichenere Elf. Der Titel sei den Berlinern gegönnt, schreibt es, man dürfe aber den Wunsch verbinden, dass Hertha ihn in der kommenden Saison »mit mehr Würde« trage als im letzten Jahr (Tagblatt, 15. Juni 1931).

Bei den Toren stimmen die Quellen nicht überein. Das Tagblatt nennt Sobek zum 1:1, Lehmann zum 2:2 und Sobek eine Minute vor Schluss zum 3:2. Der »Libero« führt Sobek in der 44. und der 75. Minute und Kirsei in der 89. Ausführlicher steht das bei Hanne Sobek.

Schienbeinbruch und frühes Ende

Das DFB-Datencenter führt Ruch in 32 Endrundenspielen mit 10 Toren: vier 1926, drei 1929, das Siegtor 1930, je eines 1933 und 1935. Rechnet man die drei Tore von Leipzig nach dem »Libero« dazu, wären es 13. Das letzte Spiel ist am 26. Mai 1935, ein 1:2 bei Vorwärts-Rasensport Gleiwitz in der Endrunde. Nach der Wikipedia endet seine Karriere 1935 nach einem doppelten Schienbeinbruch, die Infobox derselben Seite nennt 1936.

Hans Ruch stirbt am 8. August 1947. Die Wikipedia schreibt, der gelernte Elektriker sei zwölf Jahre nach dem Ende seiner Laufbahn an einer »tückischen Krankheit« gestorben. Ein Sterbeort steht dort nicht.

Hans Ruch auf einen Blick

Geboren: 8.9.1898 (Heimatort Berlin nach dem Lexikon 1939)
Gestorben: 8.8.1947 (Ort nicht angegeben)
Vereine: Union 92 Berlin (1918–1925), Hertha BSC (1925–1935; die Infobox der Wikipedia nennt 1936)
Position: Rechtsaußen
Beruf: Elektriker
Titel: Deutscher Meister 1930 und 1931 mit Hertha BSC; Endspiele 1926 bis 1929 verloren
Bilanz: 3 Länderspiele (1 Sieg, 1 Unentschieden, 1 Niederlage, Tore 6:5), 2 Tore (1925, 1929)
Spielzahlen im Verein: 32 Endrundenspiele um die deutsche Meisterschaft mit 10 Toren (DFB-Datencenter, 1926–1935); der »Libero« zählt bis 1931 26 Spiele und für das Halbfinale 1930 drei Tore mehr

Länderspiele

Quellen