Otto Montag – der Mann der 85. Minute

Fünf Minuten vor dem Ende steht es 0:0. Am 21. Mai 1922 spielt der Berliner Meister Norden-Nordwest im Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft gegen Viktoria Forst, 10.000 Zuschauer sind in Mariendorf, und kein Tor will fallen. Dann trifft Otto Montag. Es ist das 1:0, und es bleibt der Endstand. Montag war Halbrechter, von Beruf Kaufmann, später Trainer. Viermal spielte er für Deutschland.

Otto Montags Laufbahn · von Hertha 92 über Norden-Nordwest zu vier Länderspielen, 1914–1928
Otto Montags Laufbahn · von Hertha 92 über Norden-Nordwest zu vier Länderspielen, 1914–1928

»Die Berliner mit ihren Nationalspielern, dem 25jährigen ›Atze‹ Mohns in der Verteidigung und dem 24jährigen Otto Montag, der mit ›Ale‹ Trotschinsky ein starkes Halbstürmerpaar bildete, machten den ›Cluberern‹ auf dem Gelände dessen regionalen Erzrivalen, der SpVgg. Fürth, schwer zu schaffen.«

— Libero 36 (IFFHS) über das Halbfinale 1922

Berliner, Halbrechter, Kaufmann

Otto Montag wird am 12. Oktober 1897 geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt Berlin als seinen Heimatort, als Beruf Kaufmann, »heute Fußballtrainer«, und als Stammposten Halbrechter. Bei den Vereinen führt es Hertha-BSC, Norden-Nordwest und den SC Ullstein auf, Jahreszahlen nennt es nicht.

Die Stationen lassen sich daher nur ungefähr bestimmen. Nach Wikipedia spielt er von 1914 bis 1917 beim BFC Hertha 92 und wird dort 1915 und 1917 Berliner Meister, dann von 1917 bis 1927 beim FC, später SV Norden-Nordwest. 1927/28 gehört er zu Hertha BSC, die am 7. August 1923 aus Hertha 92 und dem Berliner Sport-Club hervorgegangen war. Das DFB-Datencenter führt ihn bei Norden-Nordwest von 1918 bis 1926. Mit Norden-Nordwest gewinnt er nach Wikipedia 1921 die Meisterschaft des Nordkreises, 1922 die Berliner Meisterschaft sowie 1923 und 1925 den Berliner Pokal. 1928 folgt mit Hertha BSC ein weiterer Meistertitel, dazu der Pokal.

Zum Einordnen: Hertha 92 gewann 1915 und 1917 die Berliner Meisterschaft, es waren der erste und der zweite Titel des Vereins, und die Wikipedia vermerkt für beide Jahre, dass im Ersten Weltkrieg keine deutsche Endrunde ausgespielt wurde. Montag war damals 17 und 19 Jahre alt. Der FC Norden-Nordwest, 1898 als Berliner FC des Nordens gegründet, spielte im Gesundbrunnen an der Behmstraße, auf einem Platz, den die Wikipedia als ältesten noch bespielten Vereinssportplatz Deutschlands bezeichnet. Bei den Pokalsiegen widersprechen sich die Quellen: Der Vereinsartikel nennt im Text 1922 und 1925, in der Erfolgsliste 1923 und 1925, der Artikel über Montag ebenfalls 1923 und 1925.

Der große Tag: Fünf Minuten vor Schluss in Mariendorf

Im Frühjahr 1922 ist Norden-Nordwest Meister von Berlin-Brandenburg und damit in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Der Weg dorthin war knapp. In Gruppe A der Berliner Verbandsliga beendet der Klub die Runde mit 13 Siegen, 3 Remis und 4 Niederlagen, genau wie der Titelverteidiger Vorwärts 90. Die Tordifferenz spricht eher für Vorwärts (44:23 gegen 35:21), doch die Entscheidungsspiele um Platz 1 gewinnen die Nordberliner nach der Wikipedia mit 4:2 insgesamt. Im Finale um die Berliner Meisterschaft schlagen sie den SC Union Charlottenburg am 10. Mai 4:2 und am 14. Mai 1:0, zusammen 5:2. Es ist der erste Berliner Titel des Klubs. Eine Woche später steht das Viertelfinale an.

Das Viertelfinale am 21. Mai findet auf dem Viktoria-Platz in Mariendorf statt, mit Heimvorteil, nach der Libero-Chronik vor 10.000 Zuschauern. Der Gegner, Viktoria Forst, hätte nach der Libero-Chronik eigentlich gar nicht dabei sein dürfen: Drei Teams im Südosten waren punktgleich, der Verband ordnete ein Zusatzspiel zwischen Forst und den Vereinigten Breslauer Sportfreunden an, das Forst 6:1 gewann. Wochen später wurden die Breslauer trotzdem südostdeutscher Meister.

Die Berliner haben »große Mühe«, schreibt Libero. Ihr Torwart heißt »Neese« Bork, vorne dominieren »Modder« Schulz und »Ale« Trotschinsky. Zur Pause steht es 0:0, bis in die 85. Minute bleibt es dabei. Dann trifft Otto Montag zum 1:0. Wer es vorbereitete, ist nicht überliefert.

Norden-Nordwest Berlin – Viktoria Forst 1:0 · das Siegtor erzielt Otto Montag in der 85. Minute
Norden-Nordwest Berlin – Viktoria Forst 1:0 · das Siegtor erzielt Otto Montag in der 85. Minute

Zwei Wochen später, am 4. Juni 1922, steht das Halbfinale an, und es führt die Berliner nach Franken. Im Fürther Ronhof, dem Platz des Nürnberger Erzrivalen, spielt vor 20.000 Zuschauern der Titelverteidiger, der 1. FC Nürnberg, unter Schiedsrichter Fritz Kiemeyer aus Leipzig. Nach zehn Minuten trifft Willi Böß zum 1:0. Dabei bleibt es. Die Berliner um den Nationalspieler Arthur Mohns und Montag, der mit Trotschinsky das Halbstürmerpaar bildet, machen dem Club nach Libero schwer zu schaffen. Nürnberg zieht ins Endspiel ein, Norden-Nordwest scheidet aus. Das DFB-Datencenter führt für Montag genau diese beiden Endrundenspiele.

Vier Länderspiele

Ein Jahr nach Fürth steht Montag in der Nationalelf. Am 3. Juni 1923 gewinnt Deutschland auf der Basler Schützenmatte 2:1 gegen die Schweiz, 17.000 Zuschauer sind da. Beide Tore schießt Carl Hartmann. Im Angriff stehen drei Neulinge: Montag, sein Landsmann Hanne Sobek von Alemannia 90 und der Nürnberger Ludwig Wieder. Sobek wird später der Berliner Star und mit Hertha zweimal Meister.

Knapp vier Wochen später, am Freitagabend des 29. Juni 1923, spielt Montag in Stockholm vor 16.000 Zuschauern. Der Fürther Lony Seiderer bringt Deutschland in der 38. Minute in Führung (die englische Wikipedia nennt die 43.). Nach der Pause drehen die Schweden durch Harry und Albin Dahl das Spiel. Es wird ein 1:2. Kapitän ist nach dem Kicker-Almanach von 1996 wieder Carl Riegel, der von 1959 nennt Seiderer. Neben Montag stehen Hans Hagen, Luitpold Popp, Carl Riegel und Hans Sutor auf dem Platz.

Dann vergehen zwei Jahre. Im Juni 1925 schickt der DFB 25 Spieler auf eine Reise in den Norden, von denen nach Schulze-Marmeling 15 anschließend nie wieder in der Nationalelf auftauchen. Montag ist einer der Reisenden. Am 21. Juni verliert Deutschland in Stockholm 0:1, vor etwa 10.000 Zuschauern, darunter nach niederländischen Meldungen die gesamte königliche Familie. Filip Johansson trifft früh, nach dem DFB in der 9. Minute. Nach 22 Minuten verlässt Ali Beier das Feld, für ihn kommt August Werner. Deutschland bleibt ohne Treffer. Als Kapitän führt nach dem Kicker-Almanach von 1996 der Läufer Hans Lang die Elf aufs Feld; vorn spielen neben Montag unter anderem Hans Ruch und der Stürmer, den der Almanach als Paulsen führt.

Fünf Tage später, am 26. Juni 1925, spielt Montag in Helsinki sein letztes Länderspiel, vor 3.500 Zuschauern. Finnland führt zur Pause 1:0, so das DFB-Datencenter, De Telegraaf meldete damals 0:2. Nach der englischen Wikipedia erhöht Aulis Koponen in der 50. Minute per Elfmeter auf 2:0. Dann dreht Deutschland das Spiel: Paul Pömpner verkürzt in der 52. Minute und gleicht in der 71. aus, Hans Ruch bringt die Elf in der 75. Minute per Elfmeter erstmals in Führung, Pömpner macht in der 79. das 4:2. Koponen verkürzt noch einmal, in der 87. Minute stellt Kurt Voß den 5:3-Endstand her. Es ist der erste deutsche Sieg gegen Finnland überhaupt, und Kapitän ist nach dem Kicker-Almanach von 1996 der Stürmer, den der Almanach Paulsen nennt und die Berichtsseite dieser Website Pömpner. In der Aufstellung des DFB steht Montag in beiden Spielen der Nordlandreise direkt neben dem Rechtsaußen, also halbrechts, wie es auch das Lexikon als Stammposten angibt. Danach steht er in keiner deutschen Elf mehr.

Danach

Was nach 1925 aus ihm wurde, ist spärlich überliefert. Er spielt weiter in Berlin, und 1928 wird er mit Hertha BSC Berliner Meister. Hertha gewinnt die Gruppe A der Verbandsliga 1927/28 mit 13 Siegen, 3 Remis und nur einer Niederlage bei 80:19 Toren. Im Finale gegen den Berliner Tennis-Club Borussia enden Hin- und Rückspiel im März zusammen 4:4, das Entscheidungsspiel am 15. April gewinnt Hertha nach der Wikipedia 4:0. Der alte Verein Norden-Nordwest wird in der Gruppe A Vierter. Das Lexikon von 1939 nennt ihn Fußballtrainer, wo er trainierte, ist nicht überliefert. Otto Montag stirbt nach Wikipedia am 23. Dezember 1973, einen Ort nennt die Quelle nicht.

Otto Montag auf einen Blick

Geboren: 12.10.1897 (Heimatort Berlin nach dem Lexikon von 1939)
Gestorben: 23.12.1973 (Ort nicht angegeben)
Vereine: BFC Hertha 92 (1914–1917), Norden-Nordwest Berlin (nach Wikipedia 1917–1927, nach dem DFB 1918–1926), Hertha BSC (1927/28); laut Lexikon außerdem SC Ullstein
Position: Halbrechter
Titel: Berliner Meister 1915, 1917, 1922, 1928; Berliner Pokalsieger 1923, 1925, 1928; Halbfinale um die deutsche Meisterschaft 1922
Bilanz: 4 Länderspiele (2 Siege, 2 Niederlagen, Tore 8:7), kein Länderspieltor (1923–1925)
Beruf: Kaufmann, später Fußballtrainer

Länderspiele

Quellen