Carl Riegel – die Spinne vom Club
Er stand oft krumm da »wie ein Fragezeichen«. Seine Hose reichte ihm fast bis zu den Knien. Und vor Kopfbällen hatte er eine Abscheu »wie vor einer schlimmen Krankheit«. Trotzdem war Carl Riegel für viele Zeitgenossen der eleganteste Läufer seiner Zeit: ein linker Außenläufer, der die Gegner einwickelte, statt sie umzurennen. Viermal wurde er mit dem 1. FC Nürnberg Deutscher Meister, siebenmal spielte er für Deutschland, zweimal als Kapitän. Sein großer Tag hat einen kleinen Haken: Im Endspiel 1925 verschoss er einen Elfmeter.
»Ein Tausendsassa, den keiner einzuwickeln vermochte, der immer nur die anderen einwickelte, der seine Bälle auf dem grünen Rasen gleiten ließ wie ein Billardspieler seine Kugeln auf dem grünen Tuch.«
Vom Pfeil zum Club
Schon beim Geburtsdatum gehen die Quellen auseinander. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 und die Club-Seite glubberer.de nennen den 6. September 1896, Wikipedia den 6. Januar 1897. Einig sind sich alle, dass Riegel Nürnberger war.
Seine ersten Schritte machte er beim FC Pfeil, einem Lokalrivalen des Clubs. 1914 holte ihn der 1. FC Nürnberg, so schreiben es Wikipedia und glubberer.de. Das Lexikon von 1939 erzählt es etwas anders: Stuhlfauth, Popp und Riegel seien »in den letzten Kriegsjahren« als Kleeblatt vom Pfeil zum Club gewandert. Sicher ist: 1916 musste Riegel seine Laufbahn unterbrechen, er wurde zum Wehrdienst eingezogen.
Nach dem Krieg war er da, als der Club seine goldene Zeit begann. Was die Mannschaft stark machte, erklärte Riegel später selbst: »Was heißt Taktik? Unser Club hatte in seinen größten Tagen nicht einmal einen Trainer. Unsere Stärke lag in der Beständigkeit, in der Trainingsbesessenheit.«
Die Spinne, die Hose und das Ofenloch
Woher der Spitzname »die Spinne« kam, erklärt das Lexikon von 1939: Riegel verstand es »so vortrefflich, mit dem von ihm besonders gepflegten Dreieckspiel die Feinde in sein Netz zu verstricken«. Kraft brauchte er dafür kaum, eher »eine aalglatte Beweglichkeit«. Im Verein hieß er schlicht »Karla«.
glubberer.de beschreibt ihn als groß und hager, mit dünnen Beinen in einer viel zu weiten Hose. Er behandelte den Ball »wie ein rohes Ei«, jonglierte auf kleinstem Raum und ließ Gegner mit einer einzigen Körperbewegung dumm dastehen. Hans Pelzner stellte 1922 fest, die persönliche Einzeltechnik habe in Riegel einen Träger gefunden, »der für eine ganze Generation Schule macht«. Nur der Kopfball blieb ihm fremd. Hans Hofmann nahm ihn 1924 in der Vereinszeitung in Schutz: Er sei eigentlich ein ausgezeichneter Kopfballspieler, meide es aber, weil die Schiedsrichter »den Buckerln, wie der Wiener sagt, nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken«.
Auch neben dem Platz sorgte Riegel für gute Stimmung. Vor dem Endspiel 1920 gegen Fürth, so erzählt es glubberer.de, entdeckte er in der Umkleidebude ein Ofenloch, durch das man die Fürther beobachten konnte. »Die gwinner ned«, rief er, »schautsermol, wäi die zittern!« Beim Bummel durch Frankfurt öffnete er vor den Fürthern seinen Gehrock. Innen war ein Flicken eingenäht, Aufschrift: 2:0. Genau so ging das Endspiel aus. Es war der erste Meistertitel des Clubs.
1921 folgte der zweite, ein 5:0 gegen Vorwärts Berlin. Im selben Jahr sollte Riegel als einziger Nürnberger bei einem Auswahlspiel Süddeutschland gegen Westdeutschland in Saarbrücken mitwirken. Er stieg in der Nacht in Würzburg in den Zug, schlief ein und wachte erst in Stuttgart auf. Der Schaffner hatte vergessen, ihn in Osterburken zu wecken. Riegel sah sich stattdessen ein Spiel in Degerloch an. Den Süden störte das wenig, er gewann 7:0.
Sieben Länderspiele, zweimal Kapitän
In der Nationalelf debütierte Riegel am 27. Juni 1920 in Zürich, im ersten Länderspiel nach dem Krieg. Deutschland verlor 1:4 gegen die Schweiz. Mit Stuhlfauth und Kalb standen zwei weitere Club-Spieler in der Elf.
Bis 1923 kamen sechs weitere Einsätze hinzu: 1920 in Wien (2:3) und in Berlin gegen Ungarn (1:0), 1921 in Dresden gegen Österreich (3:3), 1922 beim 2:0 in Wien. 1923 führte er die Mannschaft laut Kicker-Almanach zweimal als Kapitän aufs Feld: beim 2:1 in Basel und beim 1:2 in Stockholm. Für Stockholm nennt der Kicker von 1959 allerdings Seiderer als Mannschaftsführer.
Ein Tor schoss Riegel in der Nationalelf nie. Er war der Mann, der die anderen bediente.
Der große Tag: Endspiel in Frankfurt (Juni 1925)
Im Juni 1924 war Riegel schon auf dem Absprung. Vor einem Zwischenrundenspiel gegen den Duisburger SV überreichte ihm der Vorstand einen Blumenstrauß, und Hans Hofmann schrieb in der Vereinszeitung, er wolle »im Zenith seines Könnens« dem Fußball Valet sagen. Er machte weiter, und der Club wurde 1924 wieder Meister. Doch die Kritik wurde lauter. Im Dezember 1924 sagte ihm Hans Hofmann in der Vereinszeitung ein Doppelkinn voraus, wenn er nicht trainiere wie ein Besessener.
Am 7. Juni 1925 stand Riegel trotzdem wieder im Endspiel. Gegner war der FSV Frankfurt, Spielort das Frankfurter Stadion. 40.000 Zuschauer kamen, Schiedsrichter war Willi Guyenz aus Essen. Beim Club standen Stuhlfauth im Tor, Kalb in der Mitte und Riegel links in der Läuferreihe.
Es wurde ein zähes Spiel. Der FSV-Torwart Jean Koch, so die IFFHS-Zeitschrift »Libero«, hielt »wieder einmal glänzend«, und die Frankfurter hatten den Heimvorteil. In der zweiten Halbzeit bekam der Club einen Elfmeter. Riegel trat an. Koch hielt. Wikipedia nennt dafür die 53. Minute. Laut »Libero« motivierte die Parade die Frankfurter noch einmal.
Nach 90 Minuten stand es 0:0. In der Verlängerung half ein Konter. Nach einem Eckball für den FSV leitete Kalb blitzschnell den Gegenangriff ein, Ludwig Wieder schloss ein langes Solo in der 108. Minute ab. 1:0. Der Club war zum vierten Mal Meister, Riegel auch.
Ein Foto aus der Chronik »Der Meisterclub« zeigt Riegel bei der Seitenwahl vor diesem Endspiel, neben dem FSV-Verteidiger Adolf Reitz und Schiedsrichter Guyenz. Als Kapitän führt »Libero« allerdings Hans Kalb.
»Man hat ihm in der großen Zeit seines Wirkens den Beinamen ›die Spinne‹ verliehen, weil er es so vortrefflich verstand, mit dem von ihm besonders gepflegten Dreieckspiel die Feinde in sein Netz zu verstricken.«
Tennis, Edelstahl, Landsitz
1925 reichten Schnelligkeit und Kondition noch, danach war Schluss. Mit 29 Jahren gab er den Fußball auf, schreibt glubberer.de, »denn der Beruf ging ihm vor«. Rund 370 Spiele hatte er für den Club bestritten. Als der Club 1927 erneut Meister wurde, stand Riegel nicht mehr in der Mannschaft.
Angebote anderer Vereine hatte er immer abgelehnt, »weil unser Herz am Club hing«. Dem Club blieb er treu, nur mit anderem Gerät: In der Tennisabteilung spielte er in der ersten Mannschaft. In den dreißiger Jahren saß er im Ältestenrat, Anfang der fünfziger Jahre im Verwaltungsrat. Beruflich bekam er die Generalvertretung einer großen deutschen Edelstahlfirma in München. Es lief so gut, dass er sich einen Landsitz in Walchstadt am Wörthsee leisten konnte. Das Lexikon von 1939 nennt als Beruf »Direktor«.
Carl Riegel starb am 26. November 1970. Sein Name blieb im Fußball: Die Carl-Riegel-Trophäe war von 1951 bis 1998 der Wanderpokal für den Deutschen Amateurmeister, heute steht sie im Deutschen Fußballmuseum. Im Nürnberger Stadion trägt seit 2006 ein Block seinen Namen.
Carl Riegel auf einen Blick
Geboren: 6.9.1896 in Nürnberg (Lexikon 1939, glubberer.de; Wikipedia: 6.1.1897)
Gestorben: 26.11.1970
Spitzname: »die Spinne«, »Karla«
Vereine: FC Pfeil Nürnberg, 1. FC Nürnberg (1914–1925)
Position: linker Außenläufer
Titel: Deutscher Meister 1920, 1921, 1924, 1925
Bilanz: 7 Länderspiele, 0 Tore (1920–1923)
Beruf: Direktor; Generalvertreter einer Edelstahlfirma in München
Nationalspieler Nr.: 113 (Debüt 27. Juni 1920 in Zürich)
Länderspiele
- 27.06.1920 Deutschland – Schweiz 1:4
- 26.09.1920 Deutschland – Österreich 2:3
- 24.10.1920 Deutschland – Ungarn 1:0
- 05.05.1921 Deutschland – Österreich 3:3
- 23.04.1922 Deutschland – Österreich 2:0
- 03.06.1923 Deutschland – Schweiz 2:1
- 29.06.1923 Deutschland – Schweden 1:2
Quellen
Wikipedia: Carl Riegel · glubberer.de: Carl Riegel · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 38 (IFFHS, 2002) · Libero D 6/7 (IFFHS, 1993) · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1924/25 · Kicker-Almanach 1996 · Kicker 1959