Adolf Höschle – ein Kapitän für die Kickers

Von Adolf Höschle ist kein Foto überliefert, kein Zitat, keine Anekdote. Was bleibt, sind Daten. Aber die erzählen eine ganze Menge. Mit 17 war er Süddeutscher Meister, 14 Jahre lang spielte er für die Stuttgarter Kickers, zwei Spielzeiten führte er sie als Kapitän an. Am 27. Juni 1920 stand er in Zürich in der Abwehr, als Deutschland nach sechs Jahren Pause wieder ein Länderspiel bestritt. Es blieb sein einziges. Und 1933 übernahm er einen Posten, der erst frei wurde, weil man einen anderen hinausgedrängt hatte.

Adolf Höschles Laufbahn · von den Stuttgarter Kickers zum Trainer und Funktionär 1899–1969
Adolf Höschles Laufbahn · von den Stuttgarter Kickers zum Trainer und Funktionär 1899–1969

»Die Sympathiewerbung war also gelungen.«

— Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft über das Zürich-Spiel 1920

Ein Kickers-Leben

Adolf Höschle kommt am 20. Juli 1899 in Stuttgart zur Welt. 1915, mitten im Krieg, schließt er sich den Stuttgarter Kickers an. Die spielen damals im Südkreis des Süddeutschen Fußball-Verbands, und sie spielen gut. 1917 werden sie Süddeutscher Meister, mit drei Punkten Vorsprung vor der SpVgg Fürth. Um die deutsche Meisterschaft dürfen sie nicht spielen, die fällt im Krieg aus. Höschle ist bei diesem Titel 17 Jahre alt.

Das Lexikon von 1939 führt als seinen »Stammposten« Mittelläufer und Verteidiger. Mehr steht dort nicht. Einen Porträttext, wie ihn viele andere Nationalspieler dort bekommen, gibt es für ihn nicht.

Nach dem Krieg spielen die Kickers in der Kreisliga Württemberg, ab 1923 in der Bezirksliga Württemberg/Baden. Die württembergische Meisterschaft holen sie laut Wikipedia 1921, 1923, 1924, 1925 und 1928, dazu kommt schon 1916 ein Titel. In der Saison 1921/22 teilt sich Höschle das Kapitänsamt mit Anton Unseld, 1922/23 hat er es allein, so die Liste der Spielführer auf der Kickers-Website. Im März 1929 kündigt der Völkische Beobachter ihn noch in der Kickers-Aufstellung für ein Spiel bei 1860 München an. In diesem Jahr endet laut Wikipedia seine Zeit als Spieler.

Der große Tag: Zürich (Juni 1920)

Das erste Länderspiel nach dem Ersten Weltkrieg ist mehr Diplomatie als Sport. Belgien und England wollen Deutschland aus der FIFA werfen. Die neutrale Schweiz lädt trotzdem ein und muss sich dafür »zornige Kommentare« anhören, so die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft. Den deutschen Spielern wird vor der Abreise eingeschärft, »nur keinen Anlass zum Klagen zu geben«. Ausgewählt werden laut derselben Quelle Männer, die über »entsprechende gesellschaftliche Formen verfügen«.

Sonntag, 27. Juni 1920, Utogrund in Zürich. 8.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist der Ungar László Bálint. In der deutschen Elf stehen sieben Neulinge, darunter die Nürnberger Stuhlfauth, Kalb und Riegel, der Münchner Georg Schneider und Adolf Höschle. Höschle und Schneider bilden die Verteidigung vor Torwart Stuhlfauth. Kapitän ist der Altonaer Adolf Jäger, ein Nationalspieler aus der Zeit vor dem Krieg.

Die Schweizer gehen durch zwei Tore von Karl Meyer bis zur Pause 2:0 in Führung. Nach dem Wechsel erhöhen Afflerbach und Ramseyer auf 4:0. Zwei Minuten nach dem vierten Gegentor verkürzt Jäger auf 4:1. So steht es in den Daten des DFB. Hans Kalb erklärte später, warum es so deutlich wurde: »Wir verzichteten oft im entscheidenden Moment lieber auf den Ball, nur um einem möglichen Zusammenprall aus dem Wege zu gehen.«

Trotzdem herrscht nach dem Schlusspfiff Zufriedenheit, schreibt die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft. Die Zuschauer verabschieden die Deutschen mit Beifall, die Sympathiewerbung ist gelungen. Im selben Jahr spielt Höschle noch einmal für die süddeutsche Auswahl, gegen die Nationalmannschaft Ungarns. In die Nationalelf wird er nicht mehr berufen.

Trainer, Parteimitglied, Funktionär

1930 wird Höschle Trainer, zuerst bei den Sportfreunden Esslingen. 1933 übernimmt er die Stuttgarter Kickers. Der Posten ist frei geworden, weil ihr Trainer Fritz Kerr Jude ist. Am 9. April 1933 haben die süddeutschen Spitzenvereine erklärt, Juden und »Marxisten« auszuschließen. Kerr muss gehen, Höschle kommt. So beschreibt es Wikipedia nach einer Vereinschronik der Kickers. In der ersten Saison der neuen Gauliga Württemberg führt er die Kickers auf den zweiten Platz. Danach trainiert er die zweite Mannschaft der Kickers, später Phönix Karlsruhe und wieder Esslingen. Das Lexikon von 1939 führt die beiden Vereine unter seinen »Vereinen« auf.

Am 28. Mai 1937 beantragt Höschle die Aufnahme in die NSDAP, rückwirkend zum 1. Mai wird er Mitglied. Das belegt die Mitgliederkartei im Bundesarchiv. Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft erwähnt ihn in einem Satz über die Nazizeit: Er habe »dem Vorstand einer NS-Organisation angehört, weshalb ihm 1952 die Einreise in die USA verweigert wurde«. Welche Organisation das war, steht dort nicht.

Beruflich ist Höschle Diplom-Ingenieur, laut Wikipedia später Lastwagenfabrikant. Seine Kickers lassen ihn nicht los. 1952 wählen ihn die Mitglieder zum zweiten Vorsitzenden. Adolf Höschle stirbt am 14. Dezember 1969. Wo, ist nicht überliefert.

Adolf Höschle auf einen Blick

Geboren: 20.7.1899 in Stuttgart
Gestorben: 14.12.1969
Vereine: Stuttgarter Kickers (1915–1929)
Position: Verteidiger, Mittelläufer
Titel: Süddeutscher Meister 1917; Württembergischer Meister 1916, 1921, 1923, 1924, 1925, 1928
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1920)
Beruf: Diplom-Ingenieur, später Lastwagenfabrikant
Trainer: Sportfreunde Esslingen (1930/31), Stuttgarter Kickers (1933/34), Kickers II (1935/36), Phönix Karlsruhe, Sportfreunde Esslingen
Nationalspieler Nr.: 110 (Debüt 27. Juni 1920 in Zürich gegen die Schweiz)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Adolf Höschle · Wikipedia: Fritz Kerr · Wikipedia: Süddeutsche Fußballmeisterschaft 1916/17 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · DFB-Datencenter: Adolf Höschle · DFB-Datencenter: Schweiz – Deutschland 4:1, 1920 · Stuttgarter Kickers: Spielführer