Lony Seiderer – der Mittelstürmer, der auch ins Tor ging

Er war Mittelstürmer, Torschützenkönig und Kapitän. Und wenn Not am Mann war, stellte er sich ins Tor, einmal sogar in einem Länderspiel. Leonhard Seiderer, genannt Lony, war ein Nürnberger Junge, der nach einem Streit zum Erzrivalen nach Fürth ging und dort einer der Väter der »Fürther Schule« wurde. Acht Länderspiele bestritt er zwischen 1920 und 1924. Sein größter Tag kam 1926 in Frankfurt: Meister, mit Tor, als Kapitän, trotz Verletzung.

Lony Seiderers Laufbahn · 1908–1940
Lony Seiderers Laufbahn · 1908–1940

»Grollend brach der noch kriegsverletzte Lony seine Zelte beim 1. Fußball-Club Nürnberg ab und wurde von den gescheiteren Fürthern mit offenen Armen aufgenommen.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Aus der Stadtgrabenliga zum Club

Leonhard Seiderer kam am 1. November 1895 in Nürnberg zur Welt. Fußball lernte er auf der Straße, in der sogenannten »Stadtgrabenliga«, in der sich nach der Schule die Nürnberger Buben trafen. Dort lernte er, den Ball mit beiden Füßen zu beherrschen, so schreibt es Wikipedia nach dem Lexikon von Jürgen Bitter. Mit neun Jahren kam er zum 1. FC Nürnberg, heißt es dort; die Fürther Vereinschronik kleeblatt-chronik.de nennt das Jahr 1908.

Sein bester Freund war Willy Böß, später Mittelstürmer beim Club. Das Lexikon von 1939 erzählt, die beiden hätten schon als Mittelschüler zusammen in einer Jugendmannschaft gespielt. Sie »beherrschten die Kunst des Freispielens ihrer Kameraden aus dem ff«.

Im Streit nach Fürth

Dann kam der Krieg. 1916 kehrte Seiderer als verletzter Soldat zurück, berichtet die IFFHS-Zeitschrift »Libero«. Beim Club geriet er mit einem Funktionär aneinander. Das Lexikon von 1939 beschreibt die Szene so: Ein »allzu kriegerisch gesinnter Clubhäuptling« habe ihn »aus belangloser Ursache etwas zu stark angehaucht«. Die kleeblatt-chronik spricht dagegen nur von »nicht näher bekannten Gründen«.

Im Mai 1917 wechselte er zur SpVgg Fürth. Dort mussten gefallene Stammspieler ersetzt werden. Zur gleichen Zeit kamen Hans Hagen und Andreas Franz, laut Wikipedia »die Geburtsstunde einer großen Fürther Ära«. Seiderer schoss in seiner ersten Saison 20 Tore in 19 Punktspielen. Seine Eleganz brachte ihm laut Wikipedia den Spitznamen »kleine Gazelle« ein.

Den ersten Titel holte er aber nicht als Stürmer. Am 21. April 1918 gewann Fürth das Endspiel um den Süddeutschen Pokal mit 2:1 gegen die Stuttgarter Kickers. Seiderer stand im Tor, laut Wikipedia mit einer überdurchschnittlich guten Leistung.

Sturmführer der Fürther Schule

Vorne war er ein »ausgewiesener Ballästhet«, schreibt Wikipedia nach dem Spielerlexikon von Grüne und Knieriem, ein Kurzpassspezialist, der seine Nebenleute einzusetzen verstand. Mit dem Halbstürmer Andreas »Resi« Franz verstand er sich besonders gut. Die beiden prägten laut »Libero« die »Fürther Schule«, bekannt für »subtile Technik und ein effektives Angriffsspiel«.

1920 führte er Fürth als Kapitän durch die Endrunde. Im Viertelfinale traf er beim 7:0 gegen Mönchengladbach zweimal, im Halbfinale beim 4:0 gegen die Breslauer Sportfreunde ebenfalls. Im Endspiel am 13. Juni 1920 unterlag Fürth ausgerechnet seinem alten Club mit 0:2. Mit vier Treffern war Seiderer immerhin gemeinsamer Torschützenkönig der Endrunde.

Nationalelf und zweimal Torwart

Zwei Wochen nach dem Endspiel debütierte er in der Nationalelf, am 27. Juni 1920 in Zürich beim 1:4 gegen die Schweiz. Im zweiten Spiel traf er zum ersten Mal: am 26. September 1920 in Wien zum 2:3-Endstand, laut Wikipedia in der 87. Minute. Auch beim 3:3 gegen Österreich in Dresden 1921 war er unter den Torschützen.

Das kurioseste Länderspiel folgte am 26. März 1922 in Frankfurt gegen die Schweiz. Sieben Fürther standen in der deutschen Elf, Seiderer war Kapitän. Dann verletzte sich Torwart Theodor Lohrmann. Ein Ersatztorwart war nicht da, also ging Seiderer ins Tor. Das Lexikon von 1939 lobt, er habe dort »so gut wie irgend ein anderer Torwart seinen Mann« gestanden. Das Spiel endete 2:2. Ob Seiderer vorher auch ein Tor geschossen hatte, ist strittig: Die kleeblatt-chronik nennt Franz und ihn als Torschützen, der Kicker von 1959 schreibt beide Treffer Franz zu.

1923 traf er gegen Italien und Schweden. Am 13. Januar 1924 führte er in Nürnberg eine Elf aus lauter Nürnbergern und Fürthern zu einem 4:3 gegen Österreich. Am 21. April 1924 in Amsterdam, beim 1:0 gegen Holland, trug er zum letzten Mal das Nationaltrikot, wieder als Kapitän.

Dass es nicht mehr wurden, lag an zwei Dingen. Seiderer war schmächtig und verletzungsanfällig. Und in Norddeutschland gab es mit Otto »Tull« Harder und Adolf Jäger zwei robustere Sturmführer.

»Wenn Not am Mann war, dann konnte man Seiderer auch in der Rolle des Mittelläufers sehen, und außerdem war er – das hatte er mit Worpitzki gemeinsam – ein vorzüglicher Torwart.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Der große Tag: Endspiel in Frankfurt (Juni 1926)

1926 stand Fürth wieder in der Endrunde. Seiderer führte die Mannschaft als Kapitän. Im Viertelfinale gegen den Breslauer SC 08 schoss er beim 4:0 zwei Tore. »Libero« urteilte, er sei »nicht nur wegen seiner beiden Tore wieder einmal in brillanter Form« gewesen. Im Halbfinale wurde Holstein Kiel 3:1 geschlagen.

Das Endspiel stieg am 13. Juni 1926 im Frankfurter Stadion. 40.000 Zuschauer kamen, Schiedsrichter war Fritz Spranger aus Glauchau. Gegner war Hertha BSC, zum ersten Mal in einem Finale. Laut Wikipedia war Seiderers Einsatz wegen einer Verletzung lange fraglich.

Hertha ging nach neun Minuten durch Hans Ruch in Führung. Dann kam Seiderer. In der 27. Minute glich er aus. Karl Auer und ein Eigentor des Herthaners Otto Leuschner sorgten bis zur Pause für ein 3:1. Laut Wikipedia wurde Seiderers Verletzung im Lauf des Spiels schlimmer, er spielte nur noch auf dem linken Flügel, fast im Stand. Die Flanke zum 4:1 durch Willy Ascherl in der 68. Minute soll trotzdem von ihm gekommen sein.

»Libero« lobte den »eleganten, technisch gekonnten und effektiven Kombinationsfußball« der Fürther. Zwölf Jahre nach dem ersten Titel war die Spielvereinigung wieder Deutscher Meister. Für Seiderer, den Nürnberger, war es der einzige.

Trainer, Tabakladen, früher Tod

Sein letztes Pflichtspiel für Fürth bestritt er am 12. Februar 1928, ein 1:1 gegen die Stuttgarter Kickers. Den Abschied nahm er, so Wikipedia nach Bitter, bei einem Städtespiel Nürnberg gegen Fürth zur Einweihung des Stadions. Das Fürther Tor zum 1:0-Sieg schoss er selbst.

Danach wurde er Trainer: bei Germania Nürnberg, beim ASV Nürnberg, bei Wacker München und beim 1. FC Schweinfurt 05. Von April 1934 bis März 1936 trainierte er seine Spielvereinigung, 1935 wurde Fürth Meister der Gauliga Bayern. Am 1. April 1936 übernahm er den VfB Stuttgart, gewann 1937 und 1938 die württembergische Gauliga und wurde 1937 Dritter der deutschen Meisterschaft. Im März 1939 war Schluss.

Mitte der dreißiger Jahre war Seiderer an Tuberkulose erkrankt. Nach der Trainerzeit eröffnete er laut Wikipedia einen Tabakwarenladen in Fürth. Leonhard Seiderer starb am 3. Juli 1940, mit 44 Jahren. Er wurde in Nürnberg begraben.

Lony Seiderer auf einen Blick

Geboren: 1.11.1895 in Nürnberg
Gestorben: 3.7.1940
Spitzname: »Lony« (auch »Loni«), »kleine Gazelle«
Vereine: 1. FC Nürnberg (1908–1917), SpVgg Fürth (1917–1928)
Position: Mittelstürmer, gelegentlich Torwart und Mittelläufer
Titel: Deutscher Meister 1926; Süddeutscher Pokal 1918, 1923, 1925, 1926, 1927; Bundespokal 1922, 1923, 1926 (Süddeutschland); Torschützenkönig der DM-Endrunde 1920
Bilanz: 8 Länderspiele, 4 oder 5 Tore (1920–1924), mindestens dreimal Kapitän
Beruf: Sportlehrer; später Tabakwarenhändler
Trainer: Germania Nürnberg, ASV Nürnberg, Wacker München, 1. FC Schweinfurt 05, SpVgg Fürth (1934–1936), VfB Stuttgart (1936–1939)
Nationalspieler Nr.: 115 (Debüt 27. Juni 1920 in Zürich)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Leonhard Seiderer · kleeblatt-chronik.de: Leonhard Seiderer · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero 38 (IFFHS, 2002) · Libero D 6/7 (IFFHS, 1993) · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1925/26 · Kicker-Almanach 1996 · Kicker 1959