Willy Ascherl – die Flanke von Amsterdam
Siebenmal hatte Deutschland bis dahin gegen die Niederlande gespielt, und kein einziges Mal gewonnen. Am Ostermontag 1924 in Amsterdam änderte das ein Flügelstürmer, der selbst gar nicht traf: Willy Ascherl flankte, Karl Auer köpfte, 1:0. Der Fürther stand zum ersten und letzten Mal in der Nationalelf.
»Willy Ascherl war ein gebürtiger Fürther und selbst als Flügelflitzer sehr klein, aber schnell und wendig.«
Ein Fürther Junge
Willy Ascherl wird am 7. Januar 1902 in Fürth geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt Fürth als Heimatort und Kaufmann als Beruf, als Stammposten »Außenstürmer«. Er kommt aus der Jugend der Spielvereinigung Fürth. Bis 1918 bleibt er dort, geht dann zum Stadtrivalen TV 1860 Fürth und kehrt im Dezember 1922 an den Ronhof zurück, so führen es die Kleeblatt-Chronik und das DFB-Datencenter. Die Wikipedia sieht ihn in den Runden 1920/21 und 1921/22 mit dem TV 1860 in der Kreisliga Nordbayern, gegen den 1. FC Nürnberg und die SpVgg.
Zurück beim Kleeblatt wird er zum Linksaußen und Verbinder im Angriff. Die Wikipedia beschreibt einen kleinen, schnellen, überaus trickreichen Stürmer, die Chronik einen »Flügelflitzer«. Ein Foto vor 1923 im FürthWiki zeigt ihn mit Karl Auer als den damals kleinsten Spielern der ersten Mannschaft.
Die Fürther Angriffsreihe, 1923 und 1924
1923 geht es schnell. Am 25. Februar gewinnt Süddeutschland in Frankfurt das Endspiel um den Bundespokal 2:1 gegen Westdeutschland. Im Sturm stehen nach der Wikipedia Georg Wunderlich von den Stuttgarter Kickers und die Fürther Andreas Franz, Leonhard Seiderer, Ascherl und Karl Auer. Ascherl erzielt als Halblinker das 2:0. Die SpVgg wird Süddeutscher Meister, in der Endrunde schlägt sie die Breslauer Sportfreunde 4:0, Ascherl trifft zweimal. Datiert ist dieses Spiel in den Quellen verschieden: die Wikipedia zur Meisterschaft nennt den 6. Mai, der Ascherl-Artikel den 13. Mai. Im Halbfinale am 27. Mai 1923 in Halle verliert Fürth 1:2 gegen Union Oberschöneweide.
1923/24 wird die SpVgg Vizemeister im Süden. Am 17. Februar 1924 gewinnt Süddeutschland den Bundespokal erneut, 4:2 gegen Norddeutschland, Ascherl schießt nach der Wikipedia zwei Tore. Zwei Monate später steht er in der Nationalelf.
Der große Tag: Amsterdam, 21. April 1924
Die Reise ist beschwerlich, das Lexikon erzählt es im Eintrag zu Auer: Eine rein Nürnberg-Fürther Mannschaft fährt auf Umwegen um das besetzte Rheinland herum, über Rheine ins Land der Tulpen. Neben Ascherl ist auch der Nürnberger Heinrich Träg neu im Angriff, im Tor steht Heiner Stuhlfauth. 26.000 Zuschauer kommen in den Sportpark, voll wird er nicht. Den ganzen Verlauf erzählt der Spielbericht.
Die Niederländer beginnen schwungvoll. Das Tor fällt auf der anderen Seite, nach einem Fehler: Hans Tetzner klärt einen Ball unsauber, er kommt zu Ascherl, der scharf flankt. Torwart Jan de Boer steht nach dem »Gooi- en Eemlander« am falschen Pfosten und erreicht den Ball nach dem »Amstelbode« nur mit den Fingerspitzen. Auer köpft ihn nahe am Pfosten ins Netz. Das Lexikon macht daraus ein Bild: ein »meisterlicher Angriffszug Träg–Ascherl«, der hohen Flanke fliegen zwei Kämpfer »in phantastischem Hochsprung« entgegen, Hollands Torwart und der »Kleinste« am rechten Flügel, Auer.
Wann der Ball einschlägt, sagen die Quellen verschieden: Das DFB-Datencenter nennt die 14. Minute, der »Amstelbode« die 13., der »Gooi- en Eemlander« etwa eine Viertelstunde vor der Pause, die deutsche Wikipedia die 26. Danach wird es ein Abwehrspiel. Der »Gooi- en Eemlander« zählt vor der Pause 14, danach 13 deutsche Abseitsstellungen, der »Amstelbode« nennt das Niveau »buitengewoon slecht«, außergewöhnlich schlecht, und schreibt von einer verdienten Niederlage der Gastgeber. Über Ascherl urteilt die Zeitung, er sei der gefährlichste Flügel gewesen. Schiedsrichter ist der Schweizer Félix Herren.
Kein zweites Länderspiel
Weitere folgen nicht. Am 31. August 1924 tritt der DFB in Berlin gegen Schweden ohne einen einzigen Nürnberger oder Fürther an, weil die beiden Vereine nach der Wikipedia wegen unüberbrückbarer Auseinandersetzungen nicht gemeinsam in der Nationalelf spielen wollten. Drei Wochen später kehren in Budapest die Nürnberger zurück, aber kein Fürther steht in der Elf. Warum Ascherl auch später nicht mehr gerufen wird, steht in keiner Quelle.
1926 wird es sein großes Jahr, aber mit dem Verein. Fürth, in der Bayernliga nur Dritter, kommt als süddeutscher Pokalsieger in die süddeutsche Endrunde und wird dort Zweiter hinter den Bayern. In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft schlägt die SpVgg Viktoria Forst 5:0, den Breslauer SC 4:0 und im Halbfinale am 6. Juni in Düsseldorf Holstein Kiel 3:1. Das Endspiel steigt am 13. Juni 1926 in Frankfurt gegen Hertha BSC, vor 40.000 Zuschauern. Fürth gewinnt 4:1, und es ist Ascherl, der in der 68. Minute den Schlusspunkt setzt. Mit vier Treffern in vier Spielen teilt er sich Platz vier der Torschützenliste mit Andreas Franz und Hans Ruch von Hertha. Das Endspiel im Bundespokal im Oktober 1925 verpasst er verletzt, für ihn stürmt Georg Kießling. Am 29. Mai 1927 scheidet Fürth in Leipzig im Halbfinale 1:2 gegen Hertha aus. Von 1923 bis 1927 hat Ascherl nach der Wikipedia acht Endrundenspiele bestritten und dabei sieben Tore erzielt.
Meißen
Die Saison 1927/28 beendet die SpVgg als Dritter. Nach acht Punktspielen mit vier Toren wechselt der gelernte Kaufmann im November 1928 zum MSV 08 Meißen. Die Wikipedia schreibt, der DFB habe den Verdacht gehegt, er sei aus finanziellen Gründen gewechselt, was damals nicht erlaubt gewesen sei. In Meißen trainiert er zunächst und spielt später in der Bezirksliga Ostsachsen. Es bleibt kurz. Am 8. August 1929 stirbt Willy Ascherl in Meißen mit 27 Jahren, nach Wikipedia und Kleeblatt-Chronik an den Folgen eines Darmrisses.
Willy Ascherl auf einen Blick
Geboren: 7.1.1902 in Fürth
Gestorben: 8.8.1929 in Meißen
Vereine: SpVgg Fürth (Jugend bis 1918, 12/1922–11/1928), TV 1860 Fürth (1918–1922), Meißner SV 08 (11/1928–8/1929)
Position: Linksaußen, Verbindungsstürmer (Lexikon 1939: Außenstürmer)
Beruf: Kaufmann
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Sieg), kein Tor (1924)
Erfolge: Deutscher Meister 1926 mit einem Tor im Endspiel, Bundespokalsieger mit Süddeutschland 1923 und 1924 (die Wikipedia nennt zusätzlich 1926), Endrunde 1923–1927: acht Spiele, sieben Tore
Länderspiele
- 21.04.1924 Niederlande – Deutschland 0:1 – Debüt und einziges Länderspiel, Vorarbeit zum Tor von Auer
Quellen
- Wikipedia: Willy Ascherl
- Wikipedia (en): Willy Ascherl
- Kleeblatt-Chronik: Willy Ascherl
- FürthWiki: Willy Ascherl
- DFB-Datencenter: Willy Ascherl, Spielerprofil
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1922/23
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1925/26
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1926/27
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis