Walter Claus-Oehler – Westfalens erster Nationalspieler
Sonntag, 6. Mai 1923, Bochum: 30.000 Zuschauer, 120 Minuten, 0:0. Arminia Bielefeld und Union Oberschöneweide können sich im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft nicht trennen. Vier Tage später, am Himmelfahrtstag, steht der Bielefelder Halbstürmer Walter Claus-Oehler in Hamburg im Nationaltrikot. Er ist damit der erste Westfale, der für Deutschland spielt.
»Duitschland ontgaat een verdiende overwinning.«
Ein Geraer in Ostwestfalen
Walter Claus-Oehler wird am 7. Mai 1897 in Gera geboren. Wie er nach Bielefeld kam, ist nicht überliefert. Das DFB-Datencenter führt ihn von Juli 1918 bis Juni 1935 bei Arminia, das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt als Stammposten linker Innenstürmer, als Beruf Vertreter. Nach der Wikipedia ist er bei den Blau-Schwarz-Weißen zugleich Spielmacher und torgefährlicher Halbstürmer. Libero nennt ihn schlicht den Spielmacher.
Arminia ist in diesen Jahren die beste Mannschaft Westfalens. Von 1921 bis 1927 gewinnt der Verein nach der Wikipedia ohne Unterbrechung die Westfalenmeisterschaft, 1922 und 1923 auch die westdeutsche. Die beiden Titel haben sehr verschiedene Geschichten.
Der erste, 1922, kommt vom grünen Tisch. Nach der Endrunde liegen Arminia und der Kölner BC 01 punktgleich vorn, und die Kölner gewinnen das Entscheidungsspiel in Mönchengladbach 2:1. Dann protestiert der Essener TB gegen die Wertung seines Spiels gegen Köln, das 2:2 endete: Der schottische Verteidiger Gregor Smith sei nicht spielberechtigt gewesen. Dem Protest wird stattgegeben, das Spiel soll wiederholt werden, Köln erscheint aus Protest nicht, Essen wird zum Sieger erklärt, und Arminia ist mit einem Punkt Vorsprung Westdeutscher Meister (Wikipedia). Libero spricht von einem Titel »am grünen Tisch«. Der zweite, 1923, ist sportlich verdient: Als Titelverteidiger hat Arminia ein Freilos, schlägt am 8. April in Dortmund den Siegener Jahn 2:1 nach Verlängerung und gewinnt am 22. April in Essen das Finale 4:3 nach Verlängerung gegen TuRU Düsseldorf.
Die erste Endrunde endet am 21. Mai 1922 in Karlsruhe nach dem Libero-Heft 36 vor 10.000 Zuschauern auf dem Platz des Karlsruher FV mit einem 0:5 gegen den Süddeutschen Meister Wacker München. Schiedsrichter ist der Berliner Carl Koppehel. Hans Semmler trifft in der 9., 31. und 36. Minute, der ungarische Spielertrainer Alfréd Schaffer verwandelt in der 50. einen Elfmeter, Nebauer erhöht in der 72. Arminia hat Pech: Links außen Walter Röhe, mit dem Claus-Oehler über Jahre einen gefürchteten Flügel bildet, scheidet schon nach 15 Minuten mit einem Wadenbeinbruch aus. Hinten dirigiert der Ex-Karlsruher Wilhelm Noë, der 13 Jahre zuvor mit dem Karlsruher FC Phönix Deutscher Meister geworden war.
Auch für die Auswahl Westdeutschlands läuft er auf, nach der Wikipedia von 1920 bis 1925. Am 25. Februar 1923 steht er in Frankfurt im Bundespokalfinale gegen Süddeutschland, den Süden dominieren Spieler aus Fürth und Nürnberg. Nach 29 Minuten liegt der Westen 0:2 zurück, in der 51. Minute verkürzt Claus-Oehler. Mehr gelingt nicht, 1:2. In der westdeutschen Elf spielen auch Torwart Carl Zörner und Walter Risse, mit dem er bald zweimal in der Nationalelf steht.
Bochum, Hamburg, Berlin
Dann kommt der Mai 1923. Arminia, nach dem Finalsieg vom 22. April in Essen zum zweiten Mal in Folge Westdeutscher Meister, trifft im Viertelfinale auf den Berliner Meister Union Oberschöneweide. Nach dem Libero-Heft 36 leitet Albert Friedrichs aus Altona die Partie in Bochum. Union ist dem Sieg mehrfach nahe, ihr Spielmacher Hermann Lux scheitert in der 85. Minute mit einem Elfmeter, auch die Verlängerung bleibt torlos. Nach der Wikipedia hat Claus-Oehler dort die Verantwortlichen im DFB-Spielausschuss überzeugt; das Debüt vier Tage später ist jedenfalls sehr knapp getaktet. In Hamburg wartet die Niederlande-Elf auf dem Victoria-Sportplatz an der Hoheluft, nach DFB-Angabe vor 28.000 Zuschauern (niederländische Zeitungen schätzen 25.000). Acht der elf deutschen Spieler debütieren. Im Angriff spielt neben Claus-Oehler Georg Wunderlich als Kapitän, daneben Josef Lüke, Carl Hartmann und Hellmut Maneval.
Es bleibt beim 0:0. Den feierlichen Anstoß führt die Tochter des niederländischen Konsuls aus, er misslingt, und der Schiedsrichter bittet Hartmann, ihn zu wiederholen (Het Vaderland). Der Berichterstatter sieht eine deutsche Elf, die nach der Pause überlegen ist. Einen Ball, den Claus-Oehler aus kurzer Entfernung weit über das Tor setzt, erwähnt er allerdings auch: Er habe ihn »huizenhoog«, haushoch, übers Gehäuse geschossen. Zeitweise spielen die Deutschen nur zu zehnt, weil Walter Krause verletzt vom Platz muss. Zugleich lobt er den Halblinken in der Gesamtwertung: Maneval und Claus-Oehler seien dem niederländischen Läufer Le Fèvre meist zu schnell gewesen, sodass Verteidiger Denis ihm oft zu Hilfe kommen musste. Der deutschen Sturmreihe als Ganzes bescheinigt der Reporter dagegen, es habe jeder Zusammenhang gefehlt (Presseurteil, aus dem Niederländischen übersetzt). In der Überschrift heißt es, Deutschland entgehe ein verdienter Sieg.
Zehn Tage nach dem Debüt, am 20. Mai, folgt in Berlin das Wiederholungsspiel gegen Union Oberschöneweide. Libero nennt 12.000 Zuschauer, wieder pfeift Albert Friedrichs. Arminia führt durch Willi Pohl in der 80. Minute 1:0, Max Franke gleicht in der 90. für Union aus, und in der 125. Minute entscheidet Hermann Lux, der Mann mit dem verschossenen Elfmeter von Bochum, die Partie zum 2:1. Für Arminia ist die Meisterschaftssaison damit zu Ende. Claus-Oehler spielt auch diese 125 Minuten, so führt ihn die Aufstellung bei Libero. Wo genau gespielt wurde, ist nicht ganz klar: Die Wikipedia zur Meisterschaft nennt das Deutsche Stadion, Libero das Poststadion.
Der große Tag: Dresden, 12. August 1923
Der Sommer 1923 ist für die Nationalelf mühsam. Finnlands Nationalelf ist auf Europareise: Sie hat im Juni in Kristiania 0:3 und in Gävle 4:5 verloren, nun folgen binnen einer Woche Dresden, Wien und Budapest. Am Sonntag, dem 12. August, treten die Gäste in Dresden an, in der Dresdner Kampfbahn (die Wikipedia nennt die Illgen-Kampfbahn), 25.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist der Niederländer Job Mutters. Die deutsche Elf tritt ohne einen einzigen Fürther an. Ernst Eikhof führt sie als Kapitän aufs Feld, auf dem rechten Flügel debütiert mit 33 Jahren Rudolf Leip. Hans Sutor spielt links außen an Claus-Oehlers Seite.
Alle drei Tore fallen vor der Pause. In der 10. Minute lenkt Verteidiger Henry Müller einen Ball ins eigene Tor, in der 27. erhöht Aarne Linna auf 2:0. Vier Minuten später, in der 31., verkürzt Claus-Oehler. Es bleibt sein einziges Länderspieltor. In der 50. Minute scheitert Josef Lüke mit einem Elfmeter. Weitere Tore fallen nicht.
Die niederländische Utrechtsche Courant sieht das am 14. August anders und berichtet von einem Halbzeitstand von 0:2 und zwei Eigentoren Müllers. DFB-Datencenter, englische und finnische Wikipedia nennen dagegen das deutsche Tor in der 31. Minute. Dieselbe Zeitung meint, die Deutschen hätten technisch besser gespielt, die Finnen aber das Glück gehabt. Für Finnland war es der einzige Sieg aus fünf Länderspielen in diesem Sommer.
Danach: eine Nationalelf ohne ihn
Mehr Länderspiele gibt es nicht. Warum nicht, ist nicht überliefert. Claus-Oehler spielt bis Juni 1935 für Arminia. Nach der Wikipedia vergehen fast 75 Jahre, bis wieder ein Bielefelder das deutsche Trikot trägt: 1996 Stefan Kuntz, der in seinen zwei Länderspielen als Bielefelder ebenfalls ein Tor erzielt.
Im Zweiten Weltkrieg stirbt Walter Claus-Oehler als Offizier der Wehrmacht in Frankreich. Libero führt ihn als Hauptmann und als gefallen, mit dem Sterbedatum 8. November 1941, ebenso die englische Wikipedia. Die deutsche Wikipedia nennt den 14. Dezember 1941 und Rennes als Ort, schreibt im Fließtext aber von Paris. Welche Angabe stimmt, ist offen. 2005 wählten die Fans ihn in die Jahrhundertelf von Arminia Bielefeld.
Walter Claus-Oehler auf einen Blick
Geboren: 7. Mai 1897 in Gera
Gestorben: 1941 in Frankreich (8. November oder 14. Dezember, Rennes oder Paris: die Quellen weichen ab)
Verein: Arminia Bielefeld (Juli 1918 bis Juni 1935)
Position: linker Innenstürmer, Spielmacher
Titel: Westfalenmeister 1921–1927, westdeutscher Meister 1922 und 1923 (mit Arminia)
Bilanz: 2 Länderspiele, 1 Tor (1923)
Beruf: Vertreter
Auszeichnung: 2005 in die Arminia-Jahrhundertelf gewählt
Länderspiele
Quellen
- Die Deutschen Nationalspieler (1939)
- DFB-Datencenter: Walter Claus-Oehler
- Wikipedia: Walter Claus-Oehler
- Wikipedia (en): Walter Claus-Oehler
- Wikipedia: Arminia Bielefeld
- Wikipedia: Bundespokal
- Wikipedia: Westdeutsche Fußballmeisterschaft 1921/22
- Wikipedia: Westdeutsche Fußballmeisterschaft 1922/23
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1922/23
- Libero International, Heft 36 (Deutsche Meisterschaft 1922/23, Arminia-Mannschaftsfoto)
- RSSSF: (West) Germany – International Results
- Het Vaderland, 11.5.1923 (Delpher)
- Utrechtsche Courant, 14.8.1923 (Delpher)
- Liberoguide: Bielefeld (Arminia, Claus-Oehler)
- Jens Kirschneck, Klaus Linnenbrüger: Arminia Bielefeld. Ein Verein will nach oben, Göttingen 1997 (nach Wikipedia)