Erich Pohl – ein Kölner Läufer an Himmelfahrt in Hamburg
Vier Stunden vor dem Anpfiff war der Weg zum Victoria-Platz an der Hamburger Hoheluft schon dicht, so berichtet es der Sonderberichterstatter des »Vaderland«: Hunderte Schaulustige, von mehreren Häusern wehten deutsche und niederländische Fahnen. Mittendrin stand ein 29-Jähriger vom Kölner SC 1899, der an diesem 10. Mai 1923, einem Himmelfahrtstag, sein erstes Länderspiel bestritt. Erich Pohl war einer von acht Debütanten. Es endete 0:0, und die niederländischen Zeitungen fanden, den Deutschen sei ein verdienter Sieg entgangen. Im August bekam Pohl in Dresden noch eine zweite Chance. Dann war Schluss.
»… machte hin und wieder nicht unschöne Sachen, aber hier erwies sich Pohl als großes Hindernis.«
Von Rastatt nach Köln
Erich Pohl kommt am 15. Januar 1894 in Rastatt zur Welt. Das nennen das DFB-Datencenter und die Wikipedia, die auch den Todestag angibt: 8. November 1948, in Köln. Als Schüler lernt er ab 1904 beim FC Rastatt 04 das Fußballspielen. Nach dem Ersten Weltkrieg verschlägt es ihn beruflich nach Köln, wo er sich dem Kölner SC 1899 anschließt. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 führt ihn noch unter der alten Bezeichnung »KFC 1899, nach der Namensänderung KSC 1899«, mit dem Stammposten Außenläufer und Stürmer. Der Beruf: Justizinspektor in Köln-Nippes. Die Wikipedia spricht vom »späteren« Justizinspektor, ob er es 1923 schon war, sagt keine Quelle.
Sein Verein spielt in der zweiten Reihe. Die Wikipedia nennt die Kreisliga Rheinischer Südkreis, die Rheingauliga und von 1925/26 an die 1. Rheinbezirksklasse, Gruppe Süd; zu Meisterschaftserfolgen habe es nicht gereicht. In der Saison seiner Länderspiele, 1922/23, wird der KSC in der Gruppe Süd der Rheingauliga Vierter, bei 29:20 Toren und 13:7 Punkten. Meister wird der Kölner BC 01. Der Platz des Vereins im Weidenpescher Park sieht am 3. Mai 1925 ein Achtelfinale um die deutsche Meisterschaft, TuRU Düsseldorf gegen den VfR Mannheim, mit Pohls Länderspielkameraden Josef Lüke.
Ein Läufer für den Westen
In der Auswahl kommt Pohl weiter als im Verein. Für den Westdeutschen Spiel-Verband läuft er im Bundespokal auf, dem Wettbewerb der Verbandsauswahlen, die Wikipedia zählt zehn Einsätze im Bundes- und im Kampfspielpokal. Am 20. Juni 1920 gehört er in Hannover der Elf an, die Mitteldeutschland mit 1:0 nach Verlängerung schlägt, das Tor fällt erst in der 116. Minute, durch Georg Stollenwerk. Pohl bildet mit Karl Flink und Josef Schümmelfelder die Läuferreihe.
Danach geht es bergab, wenn auch in Endspielen: 0:4 am 20. März 1921 in Leipzig, 1:4 am 23. Juni 1922 im Berliner Deutschen Stadion im Kampfspielpokal gegen Süddeutschland, 1:2 am 25. Februar 1923 in Frankfurt, wieder gegen Süddeutschland. Die Aufstellungen der beiden letzten Spiele enthalten, was später in Hamburg zusammentrifft: Walter Risse in der Abwehr, Josef Lüke und Walter Claus-Oehler im Sturm, in Frankfurt auch Carl Zörner im Tor. Fünf der elf Spieler, die am 10. Mai 1923 für Deutschland auflaufen, haben in Frankfurt für den Westen gespielt.
Der große Tag: Hamburg, 10. Mai 1923
Es ist das erste Länderspiel gegen die Niederlande seit dem 5. April 1914. Nach DFB-Angabe sind 28.000 Zuschauer da, die niederländischen Zeitungen schätzen 25.000, der Schwede Arthur Björklund pfeift. Pohl spielt nach der Wikipedia als rechter Seitenläufer, neben ihm Ernst Eikhof von Victoria Hamburg und Walter Krause. Hinter ihm steht sein Kölner Vereinskamerad Zörner im Tor, den Sturm führt als Kapitän Georg Wunderlich. Die Nürnberger und Fürther Spieler fehlen wegen der laufenden Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Der Spielausschuss des DFB, schreibt Schulze-Marmeling über diese Jahre, habe mitunter gewirkt, als wolle er »möglichst vielen Akteuren eine Länderspielberufung verpassen«.
Die Niederländer drängen anfangs, Zörner hält die ersten gefährlichen Schüsse. Nach der Pause werden sie nach dem »Vaderland« zeitweise »völlig eingeschlossen«. Eikhof spielt im Mittelfeld eine glänzende Partie, und Krause muss kurz verletzt vom Platz, sodass Deutschland für einen Moment zu zehnt ist. Über Pohl steht in den benutzten Zeitungen wenig, und es ist durchweg freundlich. Gemeint ist im Zitat der niederländische Halbrechte Sigmond, der nach dem »Vaderland« hin und wieder Schönes zeigte, an Pohl aber scheiterte. Eine andere Zeitung rühmt, Pohl habe sich dem Läuferpaar Eikhof und Krause »gut angeschlossen«, und der »Utrechtsch Dagblad« meldet schon aus den ersten Minuten, ein holländischer Angriff sei »durch Pohl abgeschlagen« worden (Presseurteile, 11. Mai 1923, übersetzt). Diese Zeitung schätzt die Zuschauerzahl übrigens nur auf 20.000, das DFB-Datencenter zählt 28.000. Das »Algemeen Handelsblad« sucht den Grund für das Remis anderswo, bei einer schwachen niederländischen Läuferreihe, und das »Vaderland« zieht das Fazit in der Überschrift: Deutschland entgehe ein verdienter Sieg.
Dresden, 12. August 1923
Im Sommer rückt der DFB seine Elf erneut zurecht. In Basel am 3. Juni und in Stockholm am 29. Juni spielt Pohl nicht. Am 12. August steht er in Dresden gegen Finnland wieder in der Läuferreihe, mit Krause und Eikhof, der die Mannschaft als Kapitän aufs Feld führt. Es wird ein schlimmer Nachmittag: Henry Müller lenkt in der 10. Minute einen Ball ins eigene Tor, Aarne Linna erhöht in der 27. auf 2:0, Claus-Oehler verkürzt in der 31. Minute. In der 50. Minute verschießt Lüke einen Elfmeter. Es bleibt bei 1:2, gespielt wird vor 25.000 Zuschauern (DFB) oder 20.000 (Schulze-Marmeling).
Es ist Pohls letztes Länderspiel. Einen Grund nennt keine der benutzten Quellen.
Erich Pohl – und die anderen
Der Name war verbreitet. Die Wikipedia-Begriffsklärung nennt neben dem Fußballer einen Fotografen (1904–1968) und einen Internisten, Ärztefunktionär und CDU-Politiker (1917–2002). Im Fußball selbst stößt man auf Willi Pohl von Arminia Bielefeld, der in der westdeutschen Elf vom Februar 1923 die Läuferreihe bildet, und auf Charly Pohl, den Torwart von Victoria Hamburg. Im Lexikon von 1939 steht von den Pohls nur Erich, mit zwei Länderspielen 1923 gegen Holland und Finnland.
Erich Pohl auf einen Blick
Geboren: 15.1.1894 in Rastatt
Gestorben: 8.11.1948 in Köln (nach der Wikipedia)
Vereine: FC Rastatt 04 (ab 1904), Kölner SC 1899
Position: Außenläufer, Stürmer
Beruf: Justizinspektor (Lexikon 1939: Köln-Nippes)
Bilanz: 2 Länderspiele (1 Unentschieden, 1 Niederlage), kein Tor (1923)
Erfolge: Bundespokalsieger 1920 mit der westdeutschen Auswahl (nach der Wikipedia)
Länderspiele
Quellen
- Wikipedia: Erich Pohl (Fußballspieler)
- Wikipedia: Erich Pohl (Begriffsklärung)
- Wikipedia: Bundespokal (Fußball)
- Wikipedia: Westdeutsche Fußballmeisterschaft 1922/23
- RSSSF: (West) Germany International Results
- DFB-Datencenter: Erich Pohl, Spielerprofil
- Schulze-Marmeling (Hrsg.): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Delpher: Utrechtsch Dagblad, 11. Mai 1923, weitere Berichte vom 11. Mai 1923
- Delpher: Het Vaderland, 11. Mai 1923
- Delpher: Algemeen Handelsblad, 11. Mai 1923