Rudolf Leip – die Nadel der »Lilien«
Als der DFB im August 1923 seine Elf für das Länderspiel in Dresden zusammenstellte, hagelte es Kritik. Aus der Nürnberg-Fürther Fußballschule, dem Rückgrat der Nationalelf, hatte der Spielausschuss nur einen Mann nominiert. Dafür standen Spieler von zweitrangigen Klubs auf dem Platz, so schreibt es Schulze-Marmeling, darunter ein Rechtsaußen von Guts Muts Dresden: Rudolf Leip. Er war 33 und kaufmännischer Vertreter. Und er spielte vor der eigenen Haustür.
»Leip ist immer noch gut, wird jedoch langsam alt, zog sich aber recht annehmbar aus der Affäre.«
Karl Rudolph aus Striesen
Geboren wird er als Karl Rudolph Leip, am 8. Juni 1890 in Striesen, einem Dresdner Stadtteil. So nennen es das DFB-Datencenter und die Wikipedia. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt dagegen den 8. Juni 1899. Für 1890 spricht mehr: Dann war er bei seinem Debüt 33, wie es die Wikipedia schreibt, und nicht 24. Ein Druckfehler im Lexikon liegt nahe, belegt ist das aber nicht. Als Heimatort führt das Lexikon Dresden.
Über Kindheit, Schule und Lehre ist nichts überliefert. Sicher ist nur der Beruf: kaufmännischer Vertreter, so die Wikipedia und das Lexikon. Ein Mann, der unterwegs ist und Kunden besucht, am Wochenende aber auf dem rechten Flügel steht.
Die Lilien von der Johannstadt
1908 schließt er sich Guts Muts Dresden an, nach der Wikipedia bleibt er dem Klub bis 1944 verbunden. Der Verein war sechs Jahre älter als Leips Mitgliedschaft. Am 8. Mai 1902 hatten Schüler des Gymnasiums zum Heiligen Kreuz und Turner des Turnvereins GutsMuths ihren eigenen Sportverein gegründet. Der Name sollte zeigen, dass die Wurzeln im Turnen lagen. Blau und Weiß stammten vom Mützenband der Gymnasiasten, daher der Spitzname »die Lilien«. Das Fußballspielen begann gleich mit der Gründung.
Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs der Klub zum größten Sportverein Sachsens: rund 1.500 Mitglieder, zwölf Abteilungen, vom Fußball über Tennis, Boxen und Paddeln bis zum Hockey. Im Lexikon von 1939 steht neben Leips Eintrag die Bildzeile: »Die Nadel der ›Lilien‹, wie man im Volksmund die Guts Mutser aus Dresden nennt.«
Leips Posten war rechts außen. Bis zur Saison 1917/18 spielte er nach der Wikipedia in den Meisterschaften des Verbands Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine im Gau Ostsachsen, ab 1920/21 im Kreis Ostsachsen. Einzelne Spiele aus diesen Jahren sind nicht überliefert, in den Tabellen taucht nur der Verein auf.
Das Jahr 1923
Der Höhepunkt für Guts Muts war das Jahr 1923. In der Kreisliga Ostsachsen gewann die Mannschaft 13 von 14 Spielen, bei einem Unentschieden, und schoss dabei 49 Tore bei 5 Gegentoren. Der FC Brandenburg Dresden wurde mit 37:13 Toren Zweiter. In der mitteldeutschen Endrunde erhielt Guts Muts als Kreismeister von Ostsachsen ein Freilos im Viertelfinale. Im Halbfinale schlugen die Dresdner am 22. April den Chemnitzer BC mit 6:1, und eine Woche später, am 29. April 1923, im Finale den VfB Leipzig mit 1:0. Guts Muts war Mitteldeutscher Meister, zum ersten und einzigen Mal.
Zwei Wochen später stand die Mannschaft im Viertelfinale der Deutschen Meisterschaft. Am 13. Mai 1923 verlor sie im Stadion von Altona 93 vor 20.000 Zuschauern 0:2 gegen den Hamburger SV. Der HSV wurde später Deutscher Meister, im Finale gegen Union Oberschöneweide. Leip war in Altona dabei, so führt es das DFB-Datencenter. Für die Auswahl Mitteldeutschlands stand er 1922 und 1923 außerdem in den Halbfinalspielen um den Bundespokal.
Dann kam der Sommer. Am 11. August 1923 weihte Guts Muts seinen Sportplatz an der Radrennbahn in Reick mit einem Freundschaftsspiel gegen den niederländischen Spitzenklub Blauw Wit Amsterdam ein, die Lilien gewannen 3:2. Später kamen unter anderem Bolton, Slavia Prag und Galatasaray zu Gast. Ob Leip an jenem Samstag mitspielte, ist nicht überliefert. Am nächsten Tag stand er jedenfalls für Deutschland auf dem Platz.
Der große Tag: Dresden, 12. August 1923
Am Sonntag, dem 12. August 1923, empfing Deutschland in der Dresdner Kampfbahn Finnland. 25.000 Zuschauer sahen es nach dem DFB-Datencenter, den Niederländer Job Mutters pfiff. Die Elf stand ohne einen einzigen Fürther, Ernst Eikhof von Victoria Hamburg führte sie als Kapitän aufs Feld, und aus Nürnberg war nur Hans Sutor dabei. Leip debütierte auf dem rechten Flügel, Sutor spielte links außen. Dahinter standen unter anderem Torwart Zörner aus Köln, Verteidiger Walter Risse aus Düsseldorf und der Kieler Läufer Walter Krause.
Der Sturm sah auf dem Platz anders aus, als der DFB ihn angekündigt hatte. Das Darmstädter Tagblatt druckte am 11. August die Aufstellung ab: Neben Leip und Sutor waren Harder, Hartmann und Wieder vorgesehen. Gespielt haben dann Claus-Oehler, Carl Hartmann und Lüke. Tull Harder und Ludwig Wieder fehlten. Den Grund nennt das Blatt nicht.
Es wurde ein verkorkster Nachmittag für die Gastgeber. In der 10. Minute lenkte Verteidiger Henry Müller einen Ball ins eigene Tor, in der 27. erhöhte Aarne Linna auf 0:2. Walter Claus-Oehler verkürzte in der 31. Minute, dann war die erste Hälfte vorbei. In der 50. Minute scheiterte Josef Lüke mit einem Elfmeter. Dabei blieb es: 1:2.
Die »Utrechtsche Courant« sah die deutsche Mannschaft am 14. August technisch besser, die Finnen aber vom Glück begünstigt; die Deutschen hätten außerdem einen Strafstoß verschossen. Das Blatt meldete übrigens einen anderen Verlauf, mit 0:2 zur Pause und beiden finnischen Treffern als Eigentore Müllers. DFB, englische und finnische Wikipedia widersprechen. Wie Leip bei seinem Debüt spielte, ist nicht überliefert.
Hamburg und Berlin
Zwei Monate später stand er wieder in der Elf. Am 4. November 1923 gewann Deutschland an der Hamburger Hoheluft 1:0 gegen Norwegen, Tull Harder traf in der 22. Minute. Harder war nach dem Tagblatt disqualifiziert gewesen und erhielt für dieses Spiel eine Spielgenehmigung. Leip stand rechts, mit ihm sein Vereinskamerad Martin Reißmann, für den es das einzige Länderspiel blieb. Wo genau Reißmann stand, sagen die Quellen unterschiedlich: Die Wikipedia nennt beide auf den Flügeln, das Darmstädter Tagblatt führt Leip rechts außen und Reißmann daneben im Innensturm. Torwart war Heiner Stuhlfauth, dazu kamen unter anderem Hans Kalb und Ludwig Wieder. Das Tagblatt nennt als Schiedsrichter den Niederländer Mutters, das DFB-Datencenter dagegen van Zwieteren. Das Blatt sah die Mannschaft nach dem Spiel so: »Der Sieg ist verdient.« Es war der einzige Sieg in Leips drei Länderspielen.
Das dritte folgte am 31. August 1924 in Berlin, und es ging schief. Gegen Schweden fehlten die Spieler des 1. FC Nürnberg und der SpVgg Fürth. Nach der Wikipedia bestreikten die beiden Klubs die Nationalelf, das Darmstädter Tagblatt schrieb von einer »Disqualifizierung der Nürnberg-Fürther Spieler«. Sechs Debütanten standen in der Elf, Leip war 34. Etwa 20.000 Zuschauer kamen. Schon früh geriet die Mannschaft in Rückstand, in der 9. Minute traf Bror Carlsson. Harder glich in der 28. Minute aus, zur Pause stand es 1:1. Linksaußen Paulsen musste verletzt raus, für ihn kam der Berliner Schumann. In den letzten zehn Minuten fielen drei schwedische Tore, es endete 1:4. Das Tagblatt sprach von einer »Katastrophe«, in der Torwart Werner Kuhnt zwei leichte Bälle durchließ. Über Leip schrieb es am 1. September 1924: »Leip versagte vollkommen in der deutschen Mannschaft.« So lautete das Presseurteil.
Es war sein letztes Länderspiel. Warum keine weiteren folgten, ist nicht überliefert.
Noch einmal Mitteldeutschland
Im Frühjahr 1925 führte Leips Klub noch einmal die Tabelle an. Guts Muts wurde Meister im Gau Ostsachsen, mit 11 Siegen, 5 Unentschieden und 2 Niederlagen bei 45:22 Toren. In der mitteldeutschen Endrunde fertigten die Lilien den Zittauer BC am 8. März mit 9:1 ab, eine Woche später gewannen sie gegen den Riesaer SV 7:0, am 5. April in Chemnitz 2:1. Im Halbfinale war am 10. April Schluss: 2:3 gegen den 1. SV 03 Jena, in Dresden. Jena verlor eine Woche später das Finale gegen den VfB Leipzig. In der Saison 1925/26 wurde Guts Muts im Gau nur noch Fünfter.
Im August 1926 stand Leip, nun 36, noch einmal in der Auswahl Mitteldeutschlands, die gegen Ungarn 5:1 gewann. Der »Kicker« urteilte darüber, was oben im Zitat steht. Bald danach scheint er seine aktive Laufbahn beendet zu haben, schreibt die Wikipedia. Als Mitglied blieb er Guts Muts bis 1944.
Nachleben
Am 17. Dezember 1944 spielten die »Lilien« zum letzten Mal als SV Guts Muts, 0:1 gegen den Dresdner SC. Zwischen 1933 und 1941 hatte der Verein mehrere Jahre in der Gauliga Sachsen gespielt, damals der stärksten Liga Deutschlands. Zu Kriegsbeginn wurden Stammspieler eingezogen, 1939/40 stieg die Mannschaft ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es den Verein nicht mehr. Der Nachfolgeverein SSV Turbine Dresden spielt nach der Wikipedia noch heute auf dem alten Guts-Muts-Platz an der Pfotenhauerstraße, auf Kreisliga-Niveau.
Leip starb nach der deutschsprachigen Wikipedia am 2. Januar 1948 in Dresden. Die englische Wikipedia nennt den 5. März 1947. Welche Angabe stimmt, ist offen.
Rudolf Leip auf einen Blick
Geboren: 8.6.1890 in Dresden-Striesen (Lexikon 1939: 1899)
Gestorben: 2.1.1948 in Dresden (en. Wikipedia: 5.3.1947)
Verein: SV Guts Muts Dresden (1908–1944)
Position: Rechtsaußen
Beruf: kaufmännischer Vertreter
Erfolge: Mitteldeutscher Meister 1923, Meister Kreis Ostsachsen 1923, Meister Gau Ostsachsen 1925
Bilanz: 3 Länderspiele (1 Sieg, 2 Niederlagen), kein Tor (1923–1924)
Länderspiele
- 12.08.1923 Deutschland – Finnland 1:2 – Debüt
- 04.11.1923 Deutschland – Norwegen 1:0
- 31.08.1924 Deutschland – Schweden 1:4
Quellen
- Wikipedia: Rudolf Leip
- Wikipedia (en): Rudolf Leip
- DFB-Datencenter: Rudolf Leip
- Wikipedia: Guts Muts Dresden
- Wikipedia: Mitteldeutsche Fußballmeisterschaft 1922/23
- Wikipedia: Mitteldeutsche Fußballmeisterschaft 1924/25
- Wikipedia: Mitteldeutsche Fußballmeisterschaft 1925/26
- Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1922/23
- RSSSF: (West) Germany International Results
- DFB-Datencenter: Länderspiele Deutschland 1923/24
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Schulze-Marmeling: Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Darmstädter Tagblatt, 11. August 1923
- Darmstädter Tagblatt, 5. November 1923
- Darmstädter Tagblatt, 1. September 1924
- Delpher: Utrechtsche Courant, 14. August 1923