Carl Zörner – der doppelte Doktor im Tor
Es gab im Jahr 1923 nur einen Mann, der Heiner Stuhlfauth aus dem deutschen Tor verdrängen konnte, und das gleich viermal hintereinander: Carl Zörner vom Kölner SC 1899. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 findet noch einen zweiten Rekord. Im selben Jahr habe er gegen Holland in zwei verschiedenen Sportarten die deutschen Farben vertreten, »als Fußball-Nationaltorwart und als 100-m- und Staffelläufer«. Ein Torwart, der sprintet. Ein Jurist, der hält. Zörner war in vielem ein Allrounder, und das Lexikon meint, einen vielseitigeren Internationalen habe Deutschland nicht hervorgebracht.
»Einen vielseitigeren Internationalen hat Deutschland bisher nicht hervorgebracht.«
Von Neunkirchen nach Köln
Carl Richard Hugo Ernst Zörner kommt am 18. Juni 1895 in Neunkirchen im Saarland zur Welt. So geben es das DFB-Datencenter und Wikipedia an. Das Lexikon von 1939 nennt in seinem Datenkopf den 18. Juni 1897, in der gescannten Fassung ist die Ziffer allerdings schlecht lesbar. Als Heimatort steht Neunkirchen-Saar dort fest. Er studiert Jura und trägt am Ende zwei Doktortitel, Dr. jur. und Dr. rer. pol.; das Lexikon spricht vom »doppelten Doktor«.
Als Student wird er an einem einzigen Tag in vier Wettbewerben Deutscher Leichtathletik-Hochschulmeister, welche genau, sagen die Quellen nicht. Wikipedia nennt als Bestleistungen die 100 Meter unter elf Sekunden und im Weitsprung mehr als sieben Meter, ohne eine Quelle für die Werte anzugeben. In seiner Jugend sei er, so Wikipedia, zunächst Handballtorwart gewesen.
Von 1918 bis 1930 gehört er dem Kölner SC 1899 an, einem Klub mit großer Vergangenheit: 1903 und 1906 Westdeutscher Meister, 1920 aber nur noch Vizemeister im Rheinischen Südkreis hinter dem Kölner BC 01. Mitte der 1920er Jahre fiel der KSC nach der Wikipedia ins Mittelmaß, 1927 stieg er erstmals aus der höchsten Spielklasse ab. 1937 ging der Verein im VfL Köln 1899 auf; deshalb steht Zörner in manchen Verzeichnissen als Spieler von »SC 99 Köln«. Als Torwart bestreitet er für den Klub ab 1919/20 Punktspiele, erst im Rheinischen Südkreis, ab 1921/22 im Rheingau, ab 1925/26 im Bezirk Rhein. Durch seinen Beruf lebt er zeitweise in Berlin, wo er auch für den Deutschen Sport-Club spielt, nach dem Lexikon nicht nur Fußball, sondern auch Wasserball und Hockey. Dazu zählt das Lexikon alle drei Reichssportabzeichen und die Grundscheine der Lebensrettung auf.
Am 25. Februar 1923 steht er in Frankfurt am Main in der Auswahl des Westdeutschen Spiel-Verbandes, die gegen Süddeutschland 1:2 verliert. Zweieinhalb Monate später ist er Nationaltorwart.
Der große Tag: Hamburg, 10. Mai 1923
Christi Himmelfahrt 1923, Hamburg, Victoria-Sportplatz an der Hoheluft. Am Morgen sind die Niederländer mit zwei Stunden Verspätung am Bahnhof Dammtor eingelaufen, ein Musikkorps spielte das Wilhelmus. Um 16 Uhr, zum Anstoß, sind nach den Angaben des DFB 28.000 Zuschauer da, niederländische Zeitungen schätzen 25.000. Nach dem Ersten Weltkrieg ist es das erste Länderspiel der beiden Länder, das letzte hatte am 5. April 1914 in Amsterdam stattgefunden. Es ist ein Spiel der Neulinge: Acht der elf deutschen Spieler debütieren.
Einer davon steht im Tor. Zörner, 27 Jahre alt (nach dem Lexikon wären es 25), hat vor sich Walter Risse und Henry Müller, davor die Läufer Erich Pohl, Ernst Eikhof und Walter Krause, dazu den Angriff mit Kapitän Georg Wunderlich, Josef Lüke, Carl Hartmann, Walter Claus-Oehler und Hellmut Maneval.
In den niederländischen Zeitungen wird der neue Torwart früh gefordert. Das »Vaderland« berichtete am 11. Mai 1923, die deutsche Hintermannschaft sei zunächst zu lässig gewesen, die Niederländer drängten. Zörner hielt den ersten gefährlichen Schuss von Bieshaar, parierte gegen Jole und lief rechtzeitig gegen Heijnen heraus. Nach der Pause wurden die Deutschen nach diesem Bericht überlegen, Zörner lenkte noch einen Schuss von Groosjohan zur Ecke. Eine Schlagzeile des »Vaderland« lautete: »Duitschland ontgaat een verdiende overwinning«, Deutschland entgehe ein verdienter Sieg. Es blieb beim 0:0, dem zweiten torlosen Länderspiel der Nationalelf nach dem 0:0 gegen Ungarn im Juli 1922.
Und der Sprinter? Das Lexikon sagt nur, er habe 1923 auch in einem Länderkampf gegen Holland in der Leichtathletik teilgenommen. Ein Datum nennt es nicht. Die niederländische Presse liefert eine Spur. Am 2. August 1923 meldete der »Algemeen Handelsblad« (Delpher) aus Berlin, wie die deutsche Mannschaft für den Länderkampf West-Deutschland – Niederlande aussehen werde, der am 26. August in Köln stattfinden sollte. In der 4x100-Meter-Staffel stand »dr. Zörner« neben Houben, Düllmann und Most. Gleichzeitig wuchsen die Zweifel. Am 13. August schrieb dieselbe Zeitung, der Wettkampf finde wegen der »heerschende troebelen« in Deutschland vielleicht nicht statt, und am 25. August meldete »Het Volk« in einer Zeile: »De wedstrijd West-Duitschland—Nederland te Keulen gaat niet door.« Gesichert ist damit Zörners Nominierung. Ob er je in einem Länderkampf an den Start ging, geben diese Quellen nicht her.
Drei weitere Spiele, ein Jahr
Stuhlfauth hatte im Januar 1923 beim 1:3 in Mailand noch im Tor gestanden, jetzt verdrängte ihn Zörner. Am 3. Juni 1923 gewinnt Deutschland in Basel 2:1 gegen die Schweiz, Carl Hartmann schießt beide Tore. Zörner ist wieder dabei, ebenso Henry Müller, Risse, Eikhof, der Nürnberger Carl Riegel und Hans Schmidt. Es ist sein einziger Sieg. Nach den niederländischen Vorberichten vom 1. und 2. Juni standen in der deutschen Mannschaft nur fünf Spieler, die auch gegen die Niederlande angetreten waren: Zörner, Risse, Müller, Eikhof und Hartmann. Hartmann schoss in der 3. und 71. Minute beide Tore.
Am 29. Juni 1923 verliert die Elf in Stockholm 1:2 gegen Schweden, nachdem Lony Seiderer Deutschland in Führung gebracht hatte. Das Tor fiel nach dem DFB in der 38., nach englischer Wikipedia in der 43. Minute. Nach der Pause glichen die Schweden durch Harry Dahl aus und gewannen durch Albin Dahl. Am 12. August 1923 folgt in Dresden das 1:2 gegen Finnland, das einzige Länderspiel, das die Finnen in jenem Sommer gewannen. Henry Müller schoss ein Eigentor, und Josef Lüke vergab einen Elfmeter. Schon am 27. Juli hatte eine niederländische Zeitung (Delpher) geschrieben, für Dresden seien die Kölner Pohl und Zörner und der Düsseldorfer Risse gewählt worden, die mehrfach gegen ostholländische Mannschaften gespielt hätten. Nach der »Utrechtsche Courant« vom 14. August spielten die Deutschen technisch besser, die Finnen hatten das Glück. Zörners Bilanz: ein Sieg, ein Remis, zwei Niederlagen, beide Niederlagen mit nur einem Tor Unterschied.
Am 4. November 1923, im nächsten Länderspiel, steht im Tor wieder Heiner Stuhlfauth, als Kapitän. Zörner spielt nie wieder für Deutschland. Der Grund wird in den Quellen nicht genannt.
Betriebsführer und Funktionär
Beruflich geht Zörner in die Wirtschaft. 1932 wird er nach Wikipedia Vorstandsmitglied und kaufmännischer Betriebsdirektor der Bleichert Transportanlagen GmbH, einer Auffanggesellschaft für den Leipziger Seilbahn- und Anlagenbauer Adolf Bleichert & Co. Das Lexikon von 1939 beschreibt ihn als Betriebsführer einer deutschen Weltfirma, der mit seinen Arbeitern und Angestellten in der Firmenelf seines Werkes spielt.
Am 1. Mai 1933 tritt er nach Wikipedia, die sich auf das Bundesarchiv beruft, der NSDAP bei, am 30. Juni 1933 der SA. 1938 ernennt ihn der Reichssportführer zum stellvertretenden Fachamtsleiter Fußball im Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen, also zum Stellvertreter von Felix Linnemann. Nach dem von Dietrich Schulze-Marmeling herausgegebenen Band »Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« war ein Versuch des früheren Nationalspielers Karl Zörner, sich zum Linnemann-Stellvertreter und Nachfolger von Otto Nerz als Spielausschussvorsitzender aufzuschwingen, zwischenzeitlich gescheitert; Sepp Herberger habe spätestens Anfang 1939 das Steuer in der Hand gehabt.
Krieg und Tod
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Zörner zum Wehrdienst eingezogen. Im Westfeldzug 1940 wird er an der Schelde schwer verwundet. Am 12. Oktober 1941 fällt er in der Doppelschlacht bei Wjasma und Brjansk. Er wurde 46 Jahre alt. Die englische Wikipedia nennt ihn nach dem Gräbersuchverzeichnis des Volksbunds einen Hauptmann.
Carl Zörner auf einen Blick
Geboren: 18.6.1895 in Neunkirchen (Saar) (das Lexikon von 1939 nennt 1897)
Gestorben: 12.10.1941 bei Wjasma, Sowjetunion (gefallen)
Vereine: Kölner SC 1899 (1918–1930), zeitweise Deutscher Sport-Club Berlin
Position: Torwart
Beruf: Dr. jur., Dr. rer. pol., kaufmännischer Betriebsdirektor
Bilanz: 4 Länderspiele, 1923 (1 Sieg, 1 Remis, 2 Niederlagen)
Länderspiel-Debüt: 10. Mai 1923 in Hamburg gegen die Niederlande (0:0)
Schreibweise: Carl, in manchen Verzeichnissen Karl; die Seitendaten führen ihn als Carl E. Zörner
Länderspiele
- 10.05.1923 Deutschland – Niederlande 0:0 (Hamburg, Debüt)
- 03.06.1923 Schweiz – Deutschland 1:2 (Basel)
- 29.06.1923 Schweden – Deutschland 2:1 (Stockholm)
- 12.08.1923 Deutschland – Finnland 1:2 (Dresden)
Quellen
- DFB-Datencenter: Dr. Carl Zörner
- Wikipedia: Carl Zörner
- Wikipedia (englisch): Carl Zörner
- Die Deutschen Nationalspieler (1939)
- RSSSF: (West) Germany – International Results
- Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft
- Algemeen Handelsblad, 2. August 1923: Länderkampf West-Deutschland – Niederlande (Delpher)
- Algemeen Handelsblad, 13. August 1923: »Gaat misschien niet door« (Delpher)
- Het Volk, 25. August 1923: Athletiek (Delpher)
- Delpher, 27. Juli 1923: Sport, Athletiek
- Delpher, 1. Juni 1923: Zwitserland—Duitschland (Vorbericht)
- Wikipedia: Kölner SC 1899
- Het Vaderland, 11.5.1923 (Delpher)
- Algemeen Handelsblad, 11.5.1923 (Delpher)
- Berichtsseite Deutschland – Niederlande 1923