Karl Zolper – der Torwart von Amsterdam
Der Ball rollt, wie die Utrechtsche courant schreibt, »tergend langzaam« ins verlassene Tor, quälend langsam. Es ist der 29. März 1925, in Amsterdam sind es drei Minuten bis zur Pause, und der niederländische Mittelstürmer Theo de Haas und der deutsche Torwart sind auf denselben weiten Ball zugelaufen. Bei dem Zusammenprall berührt der Ball die Hand des Niederländers und trudelt über die Linie. Der Torwart heißt Karl Zolper, ist 23 Jahre alt und spielt sein erstes Länderspiel. Es bleibt sein einziges.
»Der deutsche Torwart war eigentlich der einzige Gast, der nicht genügte. An beiden Toren trug er etwas Schuld, wobei zuzugeben ist, dass er nicht viel Glück hatte.«
Von Siegburg nach Köln
Zolper wird am 30. April 1901 in Siegburg geboren, so führen es die Wikipedia, das DFB-Datencenter und das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 übereinstimmend. Von Beruf ist er kaufmännischer Angestellter. Mit 15 beginnt er beim Siegburger SV 04, zur Saison 1923/24 wechselt er zum Kölner CfR, bei dem er nach der Wikipedia bis 1929 bleibt. Das Lexikon von 1939 nennt als zweiten Verein »VfR Köln«, Wikipedia und das Verzeichnis bei Schulze-Marmeling nennen den CfR. Gemeint ist vermutlich derselbe Klub.
In Köln spielt er im Westdeutschen Spiel-Verband. 1927 gewinnt der CfR den Südkreis 2 und die Rheinische Bezirksmeisterschaft, in der Endrunde um die Westdeutsche Meisterschaft wird er Siebter von acht. 1928 gewinnt der Klub seine Gruppe und wird in der Endrunde Letzter. Große Titel springen dabei nicht heraus, aber die Wikipedia rechnet Zolper Mitte der Zwanziger zu den stärksten Torhütern der Region. Schon am 9. November 1924 steht er für Westdeutschland im Bundespokal-Halbfinale in Kiel, das mit 2:3 gegen Norddeutschland verloren geht.
Am 4. Juli 1926 hütet er in Köln das westdeutsche Tor beim Kampfspielpokal. Gegner ist Süddeutschland, 30.000 Zuschauer sind im Müngersdorfer Stadion, und auf der anderen Seite steht Heiner Stuhlfauth. Es endet 2:7, der Münchner Josef Pöttinger trifft dreimal.
Der große Tag: Amsterdam, 29. März 1925
Regen am Vormittag, ein frischer Südwestwind, ein glatter Rasen im Amsterdamer Sportpark. Wie viele Zuschauer da sind, weiß niemand genau: Das DFB-Datencenter führt 3.000, die niederländische Presse schreibt von rund 30.000. Den Verlauf mit beiden Aufstellungen erzählt der Spielbericht. Hier geht es um den Mann im Tor.
Deutschland beginnt forsch. Nach der Utrechtschen courant kommen die Gäste zunächst zu den besseren Gelegenheiten: Sepp Herberger schießt hart, doch der Ball prallt von Vermetten ab, und Tull Harder vergibt nach einer Vorlage von Kurt Voß. Zolper hat früh zu tun. Bei einem Freistoß von Vermetten, schreibt »Het Volk«, muss er einen durchschießenden Ball verarbeiten und macht dabei einen »niet al te betrouwbaren indruk«, einen nicht allzu zuverlässigen Eindruck. Danach verzeichnen die Zeitungen mehrere Paraden gegen Lefèvre, Baer, Volkers und De Natris, und nach der Pause rettet er, so »Het Volk«, »prachtig« gegen Baer.
Dann das 1:0, und die Zeitungen erzählen es nicht gleich. Nach der Utrechtschen courant laufen de Haas und Zolper zu einem weit vorgespielten Ball, es kommt zum Zusammenprall, der Ball streift die Hand des Niederländers. Das Blatt nennt den Treffer »twijfelachtig«, zweifelhaft. Nach »Het Volk« ist Zolper zuerst am Ball, lässt ihn aber entgleiten und stößt ihn dem heranlaufenden de Haas gegen den Körper, nach dem »Nieuwsblad van het Noorden« prallt der Ball von Zolper gegen de Haas. Auch die Minute ist strittig: Das DFB-Datencenter nennt die 34., die Utrechtsche courant drei Minuten vor der Pause, das »Nieuwsblad« 19 Minuten davor.
Beim 2:0 steht Zolper im Mittelpunkt. Volkers läuft nach einem Pass von de Haas an den beiden deutschen Verteidigern vorbei auf das Tor zu. Nach der Utrechtschen courant ruft ihm der Verteidiger Müller zu, er solle herauslaufen. Zolper zögert kurz, stürmt dann auf Volkers los, doch der schiebt den Ball in die äußerste Ecke. Das DFB-Datencenter nennt die 51. Minute, die niederländischen Zeitungen setzen das Tor etwa 25 Minuten nach Wiederbeginn an. Kurt Voß verkürzt in der Schlussphase auf 1:2, mehr geht nicht.
Eine Szene sorgt für Aufregung. Mehrfach liegt Zolper mit dem Ball am Boden, und niederländische Stürmer, vor allem de Haas und Baer, versuchen ihn ihm abzunehmen. Der Schweizer Schiedsrichter Félix Herren pfeift das ab, schreibt »Het Volk«, und nach der Utrechtschen courant halten auch die deutschen Spieler diese Angriffe auf den Torwart für unzulässig. Die Geldersche courant berichtet, Zolper habe heftig gestikulierend protestiert, obwohl das Spiel nach internationalen Regeln völlig fair gewesen sei.
Am Ende fallen die Urteile so aus. Die Geldersche courant sieht in ihm den einzigen unzureichenden Deutschen. Die Utrechtsche courant lastet ihm das zweite Tor »in hoofdzaak«, hauptsächlich, an, weil er nicht rechtzeitig herauskam, und hält zugleich fest, er habe sein Tor sonst tüchtig und mutig verteidigt. Das »Nieuwsblad« findet, er habe noch ein paarmal unsicher gewirkt. Alle diese Urteile stammen aus niederländischen Zeitungen.
Hinter Stuhlfauth und Ertl
Danach spielt Zolper nie wieder für Deutschland. Die Wikipedia führt das darauf zurück, dass es mit Heiner Stuhlfauth damals einen herausragenden Torwart gab. Bei den Nordlandreisen im Juni 1925 und im September 1928 gehört er nach der Wikipedia als Ersatztorwart zum Aufgebot, neben Georg Ertl und Paul Gehlhaar. Eingesetzt wird er dort nicht.
Aachen und danach
Zur Saison 1929/30 geht er zu Alemannia Aachen. Nach der Wikipedia gewinnt die Mannschaft 1930/31 die Gruppe 2 und das Endspiel der Gruppensieger 3:2 gegen den Rheydter Spielverein, in der Westdeutschen Endrunde wird sie Letzter. 1931/32 und 1932/33 gewinnt sie wieder ihre Gruppe, 1933 geht das Gruppenendspiel gegen Sülz 07 mit 2:3 nach Verlängerung verloren. 1937/38 spielt der Klub nach einer Aufstiegsrunde in der Gauliga Mittelrhein, 1940 steigt er wieder ab, und Zolper bestreitet seine letzten beiden Spielzeiten in der zweitklassigen Bezirksliga. Das Alemannia-Archiv ochehoppaz.de führt ihn als Spieler 1929 bis 1936, 1938 und 1941/42, daneben als Jugendtrainer und für 1935 bis 1941 als Fußballobmann im Spielausschuss.
In Aachen führt er nach der Wikipedia ein Schuhgeschäft, einen Tabakladen und die Bierstube »Pörzchen«. Das Alemannia-Archiv nennt die Straßen: Lagerhausstraße, Alexanderstraße und Seilgraben. Nach der Wikipedia, die sich auf eine Karteikarte im Bundesarchiv und einen Artikel der »Zeit« vom 24. Juli 2024 stützt, beantragte er am 22. September 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen. Weiteres dazu nennt die Wikipedia nicht.
Nach dem Krieg trainiert er den SC Viktoria 04 Rheydt und den FC 03 Süchteln. In Süchteln, einem Stadtteil von Viersen, betreibt er eine Gaststätte. Er stirbt am 1. Oktober 1990 in Viersen, so die Wikipedia, das Alemannia-Archiv nennt nur »10.1990«. Beigesetzt wird er nach Fritz Taubers Nationalspielerbuch auf dem Friedhof in Süchteln.
Karl Zolper auf einen Blick
Geboren: 30.4.1901 in Siegburg
Gestorben: 1.10.1990 in Viersen (nach der Wikipedia, das Alemannia-Archiv: 10.1990)
Vereine: Siegburger SV 04 (1916–1923), Kölner CfR (1923–1929), Alemannia Aachen (ab 1929)
Position: Torwart
Beruf: kaufmännischer Angestellter, in Aachen später Inhaber von Geschäften und einer Bierstube
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Niederlage), 0 Tore
Erfolge: Rheinischer Bezirksmeister 1927 mit dem CfR, Gruppensieger mit Alemannia 1931, 1932 und 1933
Als Trainer: SC Viktoria 04 Rheydt, FC 03 Süchteln
Länderspiele
- 29.03.1925 Niederlande – Deutschland 2:1 – Debüt und einziges Länderspiel
Weitere Einsätze verzeichnen weder das DFB-Datencenter noch das Lexikon von 1939 noch RSSSF. Auf den Nordlandreisen 1925 und 1928 war er nach der Wikipedia nur Ersatzmann.
Quellen
- Wikipedia: Karl Zolper
- Wikipedia (en): Karl Zolper
- DFB-Datencenter: Karl Zolper, Spielerprofil
- Alemannia-Archiv ochehoppaz.de: Spieler Z
- Wikipedia: Bundespokal (Fußball)
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft (Schulze-Marmeling, Internet Archive)
- Utrechtsche courant, 30. März 1925 (Delpher)
- Het Volk, 30. März 1925 (Delpher)
- Nieuwsblad van het Noorden, 30. März 1925 (Delpher)
- Provinciale Geldersche en Nijmeegsche courant, 30. März 1925 (Delpher)