Fritz Schnürle – der Pforzheimer, nach dem ein Spiel heißt
In Nordbaden kennen viele den Namen Schnürle, ohne je einen Länderspielbericht gelesen zu haben. »Schnürles« heißt dort ein Ballspiel: vier gegen vier auf einem Feld von acht mal sechzehn Metern, in der Mitte ein Seil in 50 Zentimeter Höhe, der Ball muss so zum Gegner, dass der ihn nicht regelgerecht zurückbringt. Erfunden und bekannt gemacht hat es nach der Wikipedia ein Fußballer aus Pforzheim, der als Trainer im Pforzheimer Raum arbeitete. Derselbe Mann stand am 5. Juni 1921 in Budapest in der deutschen Nationalmannschaft. Es blieb sein einziges Länderspiel.
Ein Pforzheimer Goldschmied
Fritz Schnürle wird am 23. Februar 1898 in Pforzheim geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt den Beruf: Goldschmied. In Pforzheim, der Stadt der Schmuckindustrie, ist das kein exotischer Beruf. Gespielt hat er zuerst in der Jugend des VfR Pforzheim, dann im Seniorenbereich beim 1. FC Pforzheim. Im November 1918, kurz nach Kriegsende, steht der 20-Jährige beim Neustart des Vereins unter Trainer Max Breunig mit auf dem Platz. Am Karfreitag 1919 gehört er zu der Pforzheimer Elf, die gegen Nordstern Basel antritt. Die Schweizer waren, so die Wikipedia, die erste ausländische Mannschaft, die nach dem Krieg in Deutschland zu einem internationalen Spiel kam.
Dann wechselt er, das Lexikon führt ihn so, von Pforzheim zur Spielvereinigung Fürth und von dort zu Germania 1894 Frankfurt. Die Fürther Zeit war nach den Hinweisen, die die Wikipedia auf eine Meldung der »Badischen Presse« vom 22. September 1919 stützt, wohl nur ein kurzes Gastspiel.
Die »Schnürle-Elf« in Frankfurt
Bei Germania, Frankfurts ältestem Fußballverein, wird Schnürle zur Hauptfigur. Die Wikipedia schreibt ihm eine hervorragende Ballbehandlung zu und nennt ihn den überragenden Spielgestalter des Klubs. Die Mannschaft der Saison 1920/21 hieß in Frankfurt zeitweise die »Schnürle-Elf«, so die Wikipedia nach der Literatur. Sie schlägt den FSV Frankfurt und Eintracht Frankfurt jeweils 5:1, das Derby gegen die Adlerträger am 16. Januar 1921 sehen mehr als 16.000 Zuschauer, und im Entscheidungsspiel um die Bezirksmeisterschaft gewinnt Germania gegen Eintracht noch einmal, diesmal 4:1. Erst in der Qualifikation zur Endrunde um die Süddeutsche Meisterschaft stoppt der VfR Mannheim die Siegesserie.
Im Mai 1922 gewinnt die Elf den »Schwedenpokal«. Sie wird mit zehn Zweispännern vom Hauptbahnhof zum Vereinsheim am Zoo gefahren, wie die Wikipedia nach einem Buch über hessische Traditionsvereine erzählt. Es ist der Höhepunkt der Vereinsgeschichte, danach geht es bergab: Am Ende der Saison 1922/23 steigt Germania als Sechster von acht Vereinen in die zweite Klasse ab. Schnürle gastiert nach einer Meldung des »Wiener Sporttagblatts« vom 16. August 1923 zwischendurch beim DFC Prag, steht aber spätestens im Frühjahr 1924 wieder für Germania auf dem Platz. Der Verein kehrt zur Saison 1925/26 in die Bezirksliga Main zurück und steigt 1927/28 erneut ab.
Auch im Auswahlfußball ist er gefragt. In der Saison 1921/22 spielt er für Süddeutschland im Bundespokal, am 9. Oktober 1921 beim 6:0 gegen Westdeutschland. Er spielt Mittelstürmer und trifft einmal, neben Karl Höger, Sepp Herberger mit drei Toren, Luitpold Popp und Anton Kreß, so die Wikipedia. Nebenher trainiert er den VfB Gießen, wie der »Gießener Anzeiger« am 7. Juli 1922 meldet.
Die Notelf von Budapest
Als Position gibt das Lexikon von 1939 Mittelläufer an, die Wikipedia nennt ihn Offensivspieler. Beides lässt sich nicht sicher auflösen. Für Budapest sagt die Wikipedia jedenfalls, er gehöre zum deutschen Angriff.
Der Termin ist schlecht. Am 5. Juni 1921 läuft die Endrunde um die deutsche Meisterschaft, eine Woche später steht in Düsseldorf das Endspiel an. Die Spieler des 1. FC Nürnberg und von Vorwärts Berlin fehlen, und so reist der DFB mit einer Mannschaft, in der nur Torwart Heiner Stuhlfauth aus der Meisterschaftsspitze kommt. Sechs Neulinge stehen in der Elf. Im Angriff debütieren neben Schnürle Karl Höger, Emil Gröner und Anton Kreß, geführt wird der Sturm von Adolf Jäger. Eine genaue Position nennen die Quellen nicht; in der Reihenfolge der DFB-Aufstellung steht Schnürle am Ende der Sturmreihe.
Der große Tag: Budapest, 5. Juni 1921
30.000 Zuschauer kommen in das Stadion an der Hungária körút, der Österreicher Heinrich Retschury pfeift. Nach dem Spielbericht fällt das erste Tor in der 10. Minute durch Imre Schlosser, in der 29. Minute erhöht Béla Guttmann auf 2:0, in der 47. Minute stellt József Braun den 3:0-Endstand her. Der deutsche Angriff kommt nicht zum Ehrentreffer. Schulze-Marmeling nennt die Niederlage »hochverdient«.
Für Schnürle ist es das erste und letzte Spiel im Adlertrikot. Eine zeitgenössische Einzelkritik seiner Leistung haben wir nicht gefunden. Von den sechs Debütanten dieses Tages kehren Karl Höger und Henry Müller später in die Nationalelf zurück, Höger schon im September in Helsinki.
Nach der Nationalelf
Länderspiele folgen nicht mehr. Laut Tauber, den die Wikipedia anführt, kehrt er 1928 nach Pforzheim zurück und beendet 1935 beim VfR Pforzheim seine aktive Laufbahn. Als Trainer arbeitet er im Pforzheimer Raum, unter anderem beim SC Pforzheim und beim FC Eutingen. In dieser Zeit entsteht nach der Wikipedia das Spiel, das noch heute seinen Namen trägt.
Am 9. November 1937 wird Fritz Schnürle in einem Wald bei Pforzheim tot aufgefunden. Der »Kicker« schreibt am 23. November 1937, es sei inzwischen Gewissheit geworden, dass der frühere Nationalspieler freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Er war 39 Jahre alt.
Fritz Schnürle auf einen Blick
Geboren: 23.2.1898 in Pforzheim
Gestorben: 9.11.1937 (tot aufgefunden bei Pforzheim)
Vereine: VfR Pforzheim (Jugend), 1. FC Pforzheim, SpVgg Fürth (kurz), Germania 1894 Frankfurt, zuletzt VfR Pforzheim (bis 1935)
Position: Mittelläufer (Lexikon 1939), Offensivspieler (Wikipedia)
Beruf: Goldschmied
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Niederlage), kein Tor
Erfolge: Bezirksmeister mit Germania Frankfurt 1921, Schwedenpokal 1922 (nach der Wikipedia)
Sonstiges: Namensgeber des Spiels »Schnürles«
Länderspiele
- 05.06.1921 Ungarn – Deutschland 3:0 – Debüt und einziges Länderspiel, Budapest
Die Liste deckt sich in Wikipedia, Lexikon 1939 und RSSSF.
Quellen
- Wikipedia: Fritz Schnürle
- Wikipedia (en): Fritz Schnürle
- Wikipedia: Schnürles
- RSSSF: (West) Germany International Results
- Die Deutschen Nationalspieler (1939), Verzeichnis
- Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft (Schulze-Marmeling)
- DFB-Datencenter: Ungarn – Deutschland 3:0 (5. Juni 1921)
- Kicker, 23. November 1937 (nach der Wikipedia)