Karl Tewes – der Kaiser, der neun Jahre Pause machte
Mit 17 hört er auf. Einfach so, Anfang 1904, obwohl er bei Askania Berlin schon in der ersten Mannschaft spielt. Karl Tewes lernt Schmied und schaut sich jahrelang kein einziges Fußballspiel an. Gut neun Jahre später steht er wieder auf dem Platz, mit 34 in der Nationalelf und mit 40 noch in einem Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Das Lexikon von 1939 hielt das für einmalig auf der Welt. In Berlin nannten sie ihn »Kaiser Karl«.
»Mit 34 Jahren wird man langsam zu alt für Länderspiele. Karl der Große aber, Berlins unvergeßlicher Mittelläufer, setzte alle Gesetze der Natur und des Fußballs außer Kraft.«
Ein Ballvirtuose hört auf
Carl Albert Tewes wird im August 1886 in Berlin geboren, laut Wikipedia und dem Mitgliederverzeichnis von Hertha BSC am 10., laut dem Lexikon von 1939 und dem DFB am 18. Er geht in Nordberlin zur Schule und lernt das Fußballspielen auf Straßen und Plätzen. Als er 1899 zu Union 1898 kommt, ist er laut der Statistikzeitschrift »Libero« »bereits ein kleiner dribbelstarker Ballvirtuose«.
Mit 15 wechselt er zu Askania Berlin und spielt dort sofort in der ersten Mannschaft. Anfang 1904 beendet er seine Laufbahn, »abrupt«, wie »Libero« schreibt. Warum, verrät keine Quelle. Tewes wird Schmied, später Innungsmeister seines Handwerks.
Erst 1911 springt der Funke wieder über. Tewes sieht das Berliner Spitzenderby Preussen gegen Viktoria und will sofort wieder spielen, am liebsten bei Viktoria. Doch die Viktorianer lehnen ab, der BSC Minerva ebenso. Fast zwei Jahre dauert es, bis ihn 1913 der Berliner FC Norden-Nordwest aufnimmt. Da ist er 27.
Mittelläufer mit 34
Dann geht es schnell. Tewes trumpft als Seiten- und Mittelläufer so auf, dass ihn 1914 die Viktoria holt, der Verein, der ihn drei Jahre vorher nicht wollte. Noch im selben Jahr spielt er zum ersten Mal für die Berliner Stadtauswahl. Der Krieg kostet ihn eineinhalb Jahre Militärdienst, doch ab 1915 fehlt er in der Berliner Auswahl kaum noch und wird bald ihr Spielführer.
Am 19. Mai 1918 steht er als Mittelläufer im Finale um den Kronprinzenpokal, auf dem Viktoria-Platz in Mariendorf vor 8.000 Zuschauern. Brandenburg liegt gegen Norddeutschland in der 76. Minute zurück, gleicht aus und gewinnt in der Verlängerung 3:1.
31 Städtespiele hat Tewes schon hinter sich, als ihn der DFB im September 1920 für das Länderspiel in Wien nominiert. Er ist 34. »Libero« setzt hinter das Alter ein Ausrufezeichen, Hertha BSC nennt ihn den damals ältesten Debütanten aller Zeiten. Deutschland verliert in Simmering vor 30.000 Zuschauern 2:3. Tewes spielt in der Mitte der Läuferreihe, neben dem Fürther Hans Hagen.
Es bleibt nicht bei dem einen Spiel. Bis 1922 kommen fünf weitere hinzu, zweimal trägt Tewes die Kapitänsbinde, in Dresden gegen Österreich und in Helsingfors gegen Finnland. Das Lexikon von 1939 fasst es knapp zusammen: 1920 stieg er »zum ersten Mittelläufer Deutschlands empor, bis ihn der junge Kalb ablöste«. Im Juni 1922 bestreitet er sein 50. Spiel für die Berliner Auswahl.
Kaiser Karl am Gesundbrunnen
Im August 1924 tritt Tewes, inzwischen 38, bei Hertha BSC ein. So steht es im Mitgliederverzeichnis des Vereins; Wikipedia und der DFB nennen 1923. Gleich in der ersten Saison wird Hertha Berliner Meister und erreicht erstmals die Endrunde um die deutsche Meisterschaft. »Libero« führt Tewes dort als Kapitän und sogar als Trainer und beschreibt ihn als »dominante Persönlichkeit und eisenharten Mittelläufer, dessen Energie und rustikale Spielweise vielen Gegnern Respekt und mehr einflößte«. Erst im Halbfinale ist Schluss, 0:1 nach Verlängerung gegen den FSV Frankfurt.
Den Titel »Kaiser Karl« verleiht ihm laut Hertha sein Mitspieler Emil Domscheid, wegen seiner Führungsqualitäten. Diese Ausstrahlung sei auch ein Grund gewesen, warum 1925 Hanne Sobek und Hans Ruch zu Hertha wechselten.
Der große Tag: Das erste Hertha-Finale (Juni 1926)
Mit Sobek und Ruch stürmt Hertha 1926 durch die Endrunde. Der VfB Königsberg wird geschlagen, der FSV Frankfurt 8:2 überrollt, und im Halbfinale am 6. Juni gewinnen die Berliner vor 45.000 Zuschauern 4:2 gegen den Hamburger SV. Kapitän ist Tewes. Zum ersten Mal steht Hertha in einem Endspiel um die deutsche Meisterschaft.
Das Finale steigt eine Woche später, am 13. Juni 1926, im Frankfurter Waldstadion vor 40.000 Zuschauern. Schiedsrichter ist Fritz Spranger aus Glauchau. Der Gegner ist die SpVgg Fürth, in deren Abwehr ein alter Bekannter steht: Hans Hagen, mit dem Tewes sechs Jahre vorher in Wien debütiert hatte. Auf Herthas Trainerbank sitzt der Österreicher Alexander Popovich, erst kurz vor der Endrunde nach Berlin gekommen. Auch ihn kennt Tewes aus Wien: Popovich stand damals in der österreichischen Abwehr.
Hertha beginnt stark. Nach neun Minuten trifft Hans Ruch zum 0:1. Doch die Fürther lassen sich, so »Libero«, von der frühen Führung nicht aus dem Rhythmus bringen. Seiderer gleicht nach 27 Minuten aus, Auer dreht das Spiel in der 35. Minute. Drei Minuten später unterläuft Herthas Otto Leuschner ein Eigentor zum 3:1, das laut »Libero« »wohl psychische Wirkung zeigte«. In der 68. Minute macht Ascherl das 4:1.
Fürth ist zum zweiten Mal Meister. Tewes ist bald 40, und er glaubt, die Chance sei vorbei. Im Hotelzimmer sagt er nach dem Spiel zu seinem Mitspieler Max Fischer, so überliefert es Hertha BSC:
»Nun ist die weitere Teilnahme an ferneren Kämpfen um die Meisterschaft für uns Alte für immer dahin.«
Er irrt sich. Ein Jahr später ist Hertha wieder im Finale. Tewes spielt das Viertelfinale gegen Holstein Kiel und das Halbfinale gegen den Titelverteidiger Fürth, 2:1 in Leipzig. Am 12. Juni 1927 steht er in Berlin vor 50.000 Zuschauern ein letztes Mal in einem Endspiel, als Kapitän und mit 40 Jahren. Der 1. FC Nürnberg gewinnt 2:0.
Der Mann im Hintergrund
Danach macht Tewes Platz für Ernst Müller und führt ihn laut Hertha »mit Rat und Tat« in die Rolle des Mittelläufers ein. Einmal muss er noch ran: Am 5. Februar 1928 verletzt sich Hans Grenzel kurz vor dem Anpfiff bei Wacker 04, und Tewes spielt ab der 20. Minute mit. Es ist sein letztes Spiel für Hertha. Das Endspiel 1928, das Hertha wieder verliert, erlebt er nicht mehr auf dem Platz.
Später kümmert er sich als Spielausschussobmann um die erste Mannschaft und bleibt dem Verein jahrzehntelang verbunden. Beruflich führt er, so das Lexikon von 1939, als Schmiedemeister eine Autoreparaturwerkstatt.
Karl Tewes stirbt am 7. September 1968 in Berlin, mit 82 Jahren. Im Nachruf der Club-Nachrichten schreibt Hanne Sobek, sein Mitspieler aus den Endspielen:
»Ich glaube mich mit allen alten Rasensportlern einig zu wissen, dass nicht nur ein ehemaliger großer Spieler und guter Mensch, sondern ein ›Kaiser‹ von uns gegangen ist.«
Karl Tewes auf einen Blick
Geboren: 10.8.1886 in Berlin (Lexikon 1939 und DFB: 18.8.1886)
Gestorben: 7.9.1968 in Berlin
Spitzname: »Kaiser Karl«
Vereine: Union 1898 Berlin, Askania Berlin (bis 1904), Norden-Nordwest (1913/14), Viktoria 89 (1914–1924), Hertha BSC (1924–1928)
Position: Mittelläufer
Titel: Kronprinzenpokal 1918 mit Brandenburg; Deutscher Vizemeister 1926 und 1927 mit Hertha BSC
Bilanz: 6 Länderspiele, 0 Tore (1920–1922); mindestens 50 Spiele für die Berliner Stadtauswahl
Beruf: Schmiedemeister, Inhaber einer Autoreparaturwerkstatt
Nationalspieler Nr.: 119 (Debüt 26. September 1920 in Wien)
Länderspiele
- 26.09.1920 Deutschland – Österreich 2:3
- 24.10.1920 Deutschland – Ungarn 1:0
- 05.05.1921 Deutschland – Österreich 3:3
- 05.06.1921 Deutschland – Ungarn 0:3
- 18.09.1921 Deutschland – Finnland 3:3
- 02.07.1922 Deutschland – Ungarn 0:0
Quellen
Die Deutschen Nationalspieler (1939), S. 78 · Wikipedia: Karl Tewes · Hertha BSC: #HerthaMuseum – Karl Tewes (2019) · Libero D 6/7 (1993) · Libero D 3 (1992) · Libero 38 (2002) · DFB-Datencenter: Finale 1926 · DFB-Datencenter: Österreich – Deutschland 1920 · Kicker-Almanach 1996