Hans Lohneis – der Möbelschreiner aus Fürth

Um 1920 gab es in Franken zwei Adressen für große Fußballer: die Spielvereinigung Fürth und den 1. FC Nürnberg. Hans Lohneis kam von keiner der beiden. Er spielte beim MTV Fürth, war gelernter Möbelschreiner und Verteidiger. Trotzdem stand er am 26. September 1920 in Wien in der Nationalelf, vor 30.000 Zuschauern. Es blieb sein einziges Länderspiel. Die Geschichte dieses Nachmittags ist schnell erzählt. Sie endet mit drei Toren eines Wieners in 22 Minuten.

Hans Lohneis · 1895–1970
Hans Lohneis · 1895–1970

»Der Kapitän der Mannschaft, Lohneis, hat in der deutschen Nationalmannschaft gespielt.«

— Der Präsident von 1860 Fürth im »Tygodnik Sportowy« (Lwów), 1924, übersetzt aus dem Polnischen

Drei Vereine in einer Stadt

Hans Lohneis wird am 12. April 1895 geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt als Heimatort Fürth und als Beruf Möbelschreiner. Mehr Worte macht es über ihn nicht, einen Porträttext wie bei den Stars gibt es für ihn nicht, nur das Foto und die Daten.

Die Daten erzählen trotzdem etwas. Lohneis fängt beim FC Schneidig Fürth an, einem kleinen Verein, aus dem auch Hans Hagen stammt, der spätere »grimmige Prinz« der Spielvereinigung. Dann geht Lohneis zum MTV Fürth. Laut Wikipedia spielt er dort von 1919 bis 1921. Später trägt er das Trikot von 1860 Fürth, und dazwischen, so Wikipedia, auch einmal das des TV 1847 Augsburg. Wann genau, ist nicht überliefert.

Drei Fürther Vereine also, keiner davon ein Titelsammler. Die Meisterschaften holten in jenen Jahren die Nachbarn. Im Juni 1920 standen sich die SpVgg Fürth und der 1. FC Nürnberg sogar im Endspiel um die deutsche Meisterschaft gegenüber.

Plötzlich Nationalspieler

Der DFB setzte in jenen Jahren gern auf Spielerblöcke, und die kamen vor allem aus Nürnberg und Fürth. Im Herbst 1920 steht ein Spiel in Wien an, gegen Österreich. Laut Wikipedia rückt Lohneis nach, weil sich der Münchner Verteidiger Georg Schneider verletzt hat. Eine zweite Quelle dafür gibt es nicht. Sicher ist: Schneider hatte im Juni in Zürich gespielt, und beim nächsten Länderspiel im Oktober stand er wieder in der Abwehr.

Der Kicker-Almanach führt Lohneis als linken Verteidiger, neben Arthur Mohns aus Berlin. Vor ihm spielt die Läuferreihe Hagen, Tewes, Riegel. Im Tor steht Heinrich Stuhlfauth vom Club, im Sturm tragen Wunderlich, Seiderer und Sutor Fürther oder Nürnberger Farben. Kapitän ist der Altonaer Adolf Jäger. Fünf Spieler bestreiten an diesem Tag ihr erstes Länderspiel: Mohns, Lohneis, Hagen, Tewes und Sutor.

Der große Tag: Simmering (September 1920)

Sonntag, 26. September 1920, 15.30 Uhr, Sportplatz Simmering in Wien. 30.000 Zuschauer sind gekommen, der Schiedsrichter heißt Ákos Fehéry und kommt aus Ungarn. So verzeichnet es das Datencenter des DFB.

Eine Halbzeit lang fällt kein Tor. Nach 56 Minuten trifft Hans Sutor, auch er ein Debütant, zum 0:1. Die deutsche Abwehr hält die Führung acht Minuten lang. Dann beginnt der Nachmittag des Ferdinand Swatosch. Der Wiener gleicht in der 64. Minute aus, trifft in der 83. zum 2:1 und in der 86. zum 3:1. Drei Tore in 22 Minuten, gegen eine Abwehr, in der Lohneis links verteidigt. Leonhard Seiderer verkürzt eine Minute später noch auf 3:2. Mehr ist nicht zu machen.

Was Lohneis selbst an diesem Tag zeigte, lässt sich nicht sagen. Einen Spielbericht mit Einzelkritik haben wir nicht gefunden. Belegt ist nur, dass er von Anfang bis Ende auf dem Platz stand und dass es sein einziges Länderspiel blieb. Vier Wochen später, in Berlin gegen Ungarn, war Georg Schneider wieder da.

Kapitän auf Reisen

Vier Jahre später taucht der Name Lohneis in Polen wieder auf. Im Juni 1924 reist »F. C. 1860 Fürth« durch das Land, so schreiben es die polnischen Zeitungen. In Lwów, dem heutigen Lwiw, spielt die Mannschaft am 28. und 29. Juni zweimal gegen Pogoń, gewinnt 3:2 und verliert 2:3. In der Aufstellung steht Lohneis an dritter Stelle, also in der Verteidigung. Vorher hatten die Fürther schon die Polonia aus Warschau zweimal geschlagen, 5:1 und 6:3, und die Polonia aus Przemyśl 6:4.

Der Präsident des Vereins erzählt der Zeitung »Tygodnik Sportowy« stolz, sein Kapitän Lohneis habe in der deutschen Nationalmannschaft gespielt. Der polnische Reporter bleibt kühl. Die Fürther stünden in ihrem Bezirk auf einem der letzten Plätze und spielten hoch und weit, einen Stil, den man in Polen schon vor dem Krieg als »Kick a Rush« gekannt habe.

»Schneller Start zu jedem Ball und häufiges Schießen aufs Tor, dazu ein recht hübsches Kopfballspiel, das sind die einzigen Vorzüge dieser Mannschaft.«

— Tygodnik Sportowy (Lwów), Juli 1924, übersetzt aus dem Polnischen

Über die Jahrzehnte danach schweigen die Quellen. Hans Lohneis stirbt am 25. November 1970. Wikipedia stützt das Datum auf ein Nationalspieler-Lexikon und auf die Friedhofsverwaltung in Fürth.

Hans Lohneis auf einen Blick

Geboren: 12.4.1895, Heimatort Fürth
Gestorben: 25.11.1970
Vereine: FC Schneidig Fürth, MTV Fürth (laut Wikipedia 1919–1921), TV 1847 Augsburg (nur laut Wikipedia), 1860 Fürth (1924 Kapitän)
Position: Verteidiger
Titel: keine bekannt
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1920)
Beruf: Möbelschreiner
Nationalspieler Nr.: 117 (Debüt 26. September 1920 in Wien)

Länderspiele

Quellen

Die Deutschen Nationalspieler (1939), S. 52 · Wikipedia: Hans Lohneis · DFB-Datencenter: Österreich – Deutschland 3:2, 1920 · Kicker-Almanach 1996 · Tygodnik Sportowy Nr. 27, 1924 · Kurjer Lwowski, 30.6.1924 · fussballdaten.de: Hans Lohneis