Hans „Bumbes“ Schmidt – der Läufer, der überall war

Hans Schmidt hat viermal die deutsche Meisterschaft als Spieler gewonnen und viermal als Trainer. Das allein wäre schon eine Karriere. Aber dazwischen liegen 16 Länderspiele über dreizehn Jahre, ein Platzverweis im Endspiel, ein Wechsel vom Fürther Ronhof zum Nürnberger Erzrivalen und eine Kriegszeit an der Westfront. Seinen Spitznamen trug er ein Leben lang, obwohl er, auf Fränkisch, nicht gerade fein ist. Und sein erster Meistertitel als Trainer war ausgerechnet eine Niederlage für seinen alten Verein.

Hans „Bumbes“ Schmidt · Fürth 1893 bis Fürth 1971
Hans „Bumbes“ Schmidt · Fürth 1893 bis Fürth 1971

»Allüberall und allgegenwärtig, das war die Benotung für den rastlosen Schaffer und sie trifft den Nagel auf den Kopf.«

— Die deutschen Nationalspieler, 1939

Der kleine Bumbes vom Ronhof

Hans Schmidt kommt am 23. Dezember 1893 in Fürth zur Welt. Im Juli 1906, mit zwölf, ist er schon in der Jugend der Spielvereinigung. Klein ist er damals. Bei einem Schülerspiel rempelt ihn ein kräftiger Gegner so heftig, dass er in weitem Bogen über den Platz kullert. Ein Zuschauer ruft: »Schauts ner den klann Bumbes oh!« Der Name bleibt. Was »Bumbes« heißt, erklärt Schalke-Historiker Hardy Grüne: fränkisch für »Furz«. In Westfalen wird später »Bumbas« daraus.

Mit 17 steht er in der ersten Mannschaft. Im April 1911 kommt ein Engländer an den Ronhof, William Townley. Laut dem Lexikon der Nationalmannschaft macht Townley aus dem Linksaußen Schmidt einen linken Läufer, »und damit einen Volltreffer«. Schmidt selbst hielt Townley für seinen entscheidenden Lehrmeister. Er arbeitet damals als kaufmännischer Angestellter in der Spielwarenbranche, und er erzählt, wie das lief: »Nach Geschäftsschluss wetzte ich in den Ronhof. Und zwar im Laufschritt, damit ich ja keine Minute von Townleys Training versäumte.«

Laufen wird sein Markenzeichen. Die Kleeblatt-Chronik beschreibt ihn als »dynamischen Kämpfertyp, der nie ein Spiel vorzeitig verloren gab«. Am 18. Mai 1913 bringt ihm das mit 19 Jahren das erste Länderspiel ein, in Freiburg gegen die Schweiz. Deutschland verliert 1:2.

Meister auf der Tribüne

Ein Jahr später steht Fürth im Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Am 31. Mai 1914 geht es in Magdeburg gegen den VfB Leipzig, Schmidt spielt links in der Läuferreihe. Das Spiel geht in die Verlängerung und dann weiter, bis ein Tor fällt. In der 138. Minute stellt der Schiedsrichter Schmidt vom Platz. Das Ende sieht er von der Tribüne aus. Karl Franz schießt Fürth in der 153. Minute zum Titel. Den Blick aus Nürnberg auf das feiernde Fürth hat Schmidt später so beschrieben: »In Nürnberg blickte man etwas neidisch auf die jubelnde Stadt.«

Dann kommt der Krieg. Schmidt dient seit 1913 im bayerischen 19. Infanterie-Regiment in Erlangen. Laut Wikipedia, gestützt auf die Kriegsstammrolle, erlebt er den ganzen Krieg an der Westfront, wird mehrfach ausgezeichnet und 1919 als Unteroffizier entlassen. Vier Fürther Meisterspieler kommen nicht zurück: Karl Franz, Sebastian Seidel, Hans Jakob und Fritz Weicz.

Im September 1919 wechselt Schmidt überraschend zum Nachbarn TV 1860 Fürth. Mit den »Sechzigern« spielt er ein Jahr zweitklassig, dann steigen sie auf. Im Juni 1920 macht er als Spieler des Turnvereins sein zweites Länderspiel, in Zürich, 1:4. Sieben Jahre nach dem ersten.

Rüber zum Club

Im März 1922 tut er das Unerhörte. Er geht zum 1. FC Nürnberg, zum Erzrivalen. Die Kleeblatt-Chronik setzt hinter den Satz zwei Ausrufezeichen. Mit Hans Kalb und Carl Riegel bildet er beim Club eine Läuferreihe, die jahrelang hält. 1924, 1925 und 1927 wird Nürnberg Meister, jedes Mal mit Schmidt. Im Endspiel 1927 gegen Hertha nimmt er laut Christoph Bausenwein Herthas Torjäger Hanne Sobek aus dem Spiel und stürmt nebenbei selbst nach vorn.

Genau das ist sein Stil, und nicht jeder mag ihn. Die Club-Vereinszeitung klagt im Januar 1925 nach einem Spiel gegen DFC Prag, Schmidt habe den »taktisch falschen Standpunkt« vertreten, »dass ein Läufer überall sein müsse und wenn es auch an dem rechten Stürmerflügel sei«. Und weiter: »Allein er hatte es sich scheinbar in den Kopf gesetzt, dass es ohne ihn vorne nicht gehe. Aber dass es hinten ohne ihn nicht ging, bedachte er nicht.« Die Kasseler Post findet 1926 den »alten internationalen Schmidt« zwar besser als seinen Nebenmann, aber: »Allerdings spielt er zu offensiv.«

In der Nationalelf ist er jetzt gesetzt. Von 1922 bis 1926 kommen 14 Länderspiele dazu, alle als Nürnberger. Eines davon ist berühmt. Im April 1924 besteht die deutsche Elf in Amsterdam nur aus Nürnbergern und Fürthern, die sich nach einem Skandal-Derby spinnefeind sind. Laut Hardy Grüne fahren sie in getrennten Eisenbahnwaggons. Deutschland gewinnt 1:0, der Fürther Auer trifft, und die Nürnberger drehen dem Torschützen demonstrativ den Rücken zu. Schmidt, der Fürther im Club-Trikot, steht mittendrin. Sein letztes Länderspiel bestreitet er am 12. Dezember 1926 in München, 2:3 gegen die Schweiz, zwei Wochen vor seinem 33. Geburtstag. Bilanz: 16 Spiele, 7 Siege, 3 Unentschieden, 6 Niederlagen.

Nebenher ist er Wirt. Laut der Club-Seite glubberer.de heißt sein Lokal »Zum Bumbas«.

Der große Tag: Gegen den eigenen Club (Juni 1934)

1928 hört Schmidt beim Club auf, ein Jahr später ist er auch als Spielertrainer beim ASV Nürnberg fertig. 1931 fängt er als Trainer bei Schwarz-Weiß Essen an. Am 15. August 1933 übernimmt er den FC Schalke 04. Die Knappen haben Ernst Kuzorra und Fritz Szepan, ihr Kombinationsspiel läuft schon auf hohem Niveau. Was der Franke hinzufügt, beschreibt Verteidiger Hans Bornemann später so: »Er machte Schalke härter, selbstbewusster und siegessicherer.«

Schalke marschiert durch die erste Saison der Gauliga Westfalen und durch die Endrunde. Am 24. Juni 1934 steht die Mannschaft im Berliner Poststadion im Endspiel. 45.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist Alfred Birlem aus Berlin. Der Gegner: der 1. FC Nürnberg, Schmidts alter Club. In der Nürnberger Abwehr steht Luitpold Popp, mit dem Schmidt 1927 noch zusammen Meister geworden ist.

Bis zur Pause fällt kein Tor. In der 54. Minute bringt Georg Friedel Nürnberg in Führung. Die Zeit läuft gegen Schalke. Dann, zwei Minuten vor Schluss, gleicht Szepan aus, und in der Schlussminute schießt Kuzorra das 2:1. Schalke ist zum ersten Mal Deutscher Meister.

Es bleibt nicht das einzige Mal. 1935 und 1937 holt Schalke unter Schmidt wieder den Titel, 1937 dazu den Tschammerpokal, das erste Double. Die Zeitschrift Fußball schreibt 1935 über ihn: ein »selten ›feiner Kerl‹, dessen Humor und bayerische Art in Gelsenkirchen stürmisch gefällt«. Und er sei »nebenbei Kuzorras bester Zigarren-Kunde«.

»Er machte Schalke härter, selbstbewusster und siegessicherer.«

— Hans Bornemann, Schalker Verteidiger, über seinen Trainer (nach Bausenwein/Kaiser/Siegler, »Legenden«)

Parteibuch, Kettenraucher, Meistermacher

Zur Geschichte gehört auch dies: Hans Schmidt trat zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein, Mitgliedsnummer 2.254.167. So steht es, gestützt auf die Mitgliederkartei im Bundesarchiv, bei Wikipedia und in Bernd Sieglers Buch über den 1. FC Nürnberg in der NS-Zeit. Im Herbst 1941 kehrt er als Trainer zum Club zurück. Er holt Spieler von den Kompanieführern los, baut Talente ein. Am 30. November 1941 schickt er einen 16-Jährigen in die erste Mannschaft: Max Morlock. Nach Kriegsende setzen ihn die Amerikaner wegen seiner Parteimitgliedschaft beim Club ab.

Als Trainer bleibt er gefragt. Laut der Club-Seite glubberer.de ist er »der klassische Typ des Schleifers«, der seinen Spielern Alkohol und Zigaretten verbietet. Die Seite fügt trocken an: »Bumbes selber jedoch war Kettenraucher.« Über Bamberg und Augsburg kommt er zum VfR Mannheim und wird am 10. Juli 1949 zum vierten Mal Meister als Trainer, 3:2 nach Verlängerung gegen Borussia Dortmund vor 92.000 Zuschauern. Rudolf de la Vigne nennt ihn »einen Pfundskerl mit einem ganz rauen Ton«.

Es folgen wieder Nürnberg, dann Dortmund und 1955 Fürth. Als seine Fürther im Herbst 1956 in Nürnberg 7:2 gewinnen, ist der Kleeblatt-Trainer hin- und hergerissen: »Die Tränen haben mir in den Augen gestanden, wie die gespielt haben! Und ausgerechnet die Blödel aus Fürth gewinnen das!« 1959 hört er in Mannheim aus gesundheitlichen Gründen auf.

Hans Schmidt stirbt am 31. Januar 1971 in Fürth. Er wird zusammen mit seiner 82-jährigen Schwester tot in der Wohnung gefunden. Offenbar war versehentlich der Gashahn der Bratröhre geöffnet worden. 2006 wird im Nürnberger Stadion Block 40 der Haupttribüne nach ihm benannt.

Hans „Bumbes“ Schmidt auf einen Blick

Geboren: 23.12.1893 in Fürth
Gestorben: 31.1.1971 in Fürth
Spitzname: »Bumbes« (auch »Bumbas«)
Vereine: SpVgg Fürth (1911–1919), TV 1860 Fürth (1919–1922), 1. FC Nürnberg (1922–1928), ASV Nürnberg (Spielertrainer 1928/29)
Position: linker Läufer, anfangs Linksaußen
Titel: Deutscher Meister 1914, 1924, 1925, 1927; Bundespokal und Kampfspielpokal 1922 und 1926 (Süddeutschland); als Trainer Deutscher Meister 1934, 1935, 1937, 1949 und Tschammerpokal 1937
Bilanz: 16 Länderspiele, 0 Tore (1913–1926)
Beruf: kaufmännischer Angestellter (Spielwaren), Gastwirt, Sportlehrer
Trainer: u. a. Schwarz-Weiß Essen, FC Schalke 04, VfR Mannheim, 1. FC Nürnberg, 1. FC Bamberg, Schwaben Augsburg, Borussia Dortmund, SpVgg Fürth
Nationalspieler Nr.: 99 (Debüt 18. Mai 1913 in Freiburg gegen die Schweiz)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Hans Schmidt (Fußballspieler, 1893) · Kleeblatt-Chronik: Hans Schmidt · glubberer.de: Hans Schmidt · RSSSF: Hans Schmidt – International Appearances · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Libero D3 · Libero 36 · Libero 38 · DFB-Datencenter: Deutschland – Schweiz 1913 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1933/34 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1913/14 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1926/27