Hermann Bosch – der elegante Außenläufer vom Bodensee

Hermann Bosch kam vom Bodensee, und in Karlsruhe wurde er zur »Säule«. So nennt ihn das Statistikmagazin Libero. Der Gewerbelehrer aus Öhningen spielte links in der Läuferreihe des Karlsruher FV, jener Elf mit dem berühmten Sturm Förderer, Fuchs, Hirsch. 1910 rutschte er ins Endspiel und wurde Deutscher Meister. Fünfmal stand er in der Nationalelf, gewonnen hat er dort nie. Sein erstes Länderspiel war gleich ein olympisches: Stockholm, Juni 1912.

Hermann Boschs Laufbahn · vom Karlsruher FV bis zum Tod an der rumänischen Front 1908–1916
Hermann Boschs Laufbahn · vom Karlsruher FV bis zum Tod an der rumänischen Front 1908–1916

»Er war sehr flink und vielseitig sowie technisch beschlagen und wurde eine Säule in der großen KFV-Elf.«

— Libero 36 (IFFHS)

Vom See in die Residenz

Hermann Bosch wird am 10. März 1891 in Öhningen geboren, einem Ort am Bodensee bei Konstanz. Der Vater ist Oberrechnungsrat, ein Beamter also. Der Sohn lernt einen soliden Beruf: Gewerbelehrer. So steht es im Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939, und Libero bestätigt es.

Als Jugendlicher spielt Bosch meist Linksaußen. In Karlsruhe rückt er eine Reihe zurück und wird linker Läufer. Ab 1908 bestreitet er für den Karlsruher FV Punktspiele im Südkreis. Die Vereinswebsite des KFV nennt ihn einen »eleganten Außenläufer« und beschreibt seine Spezialität: sich schräg vor den angreifenden Außenstürmer stellen und ihm den Ball abnehmen, wenn es schon fast zu spät scheint. Von wem diese Beschreibung ursprünglich stammt, verrät die Seite leider nicht.

Meister als Einspringer

Der KFV ist um 1910 die Mannschaft der Stunde. Dreimal nacheinander wird der Verein Süddeutscher Meister, 1910, 1911 und 1912. Trainer ist der Engländer William Townley, vorn wirbeln Förderer, Fuchs und Hirsch.

Im Endspiel um die deutsche Meisterschaft am 15. Mai 1910 in Köln steht Bosch dann plötzlich wieder dort, wo er herkommt: auf Linksaußen. Laut Vereinswebsite ersetzt er den verletzten Trumpp. Gegen Holstein Kiel dauert es bis zur 114. Minute, dann verwandelt Max Breunig einen Elfmeter. 1:0, der KFV ist Deutscher Meister, Bosch mit 19 Jahren auch.

Die Kieler wird er noch öfter sehen. Im Finale des Kronprinzenpokals am 25. Mai 1911 in Mariendorf spielt er für Süddeutschland gegen den Norden, bei dem mehrere Kieler mitmachen, darunter Hans Reese. Süd verliert nach zweifacher Verlängerung 2:4. Ein Jahr später, am 26. Mai 1912, trifft der KFV im Endspiel in Hamburg erneut auf Holstein. Diesmal entscheidet ein Elfmeter für Kiel, 0:1. Im Viertelfinale davor, beim 8:1 gegen den Cölner BC, hatte Bosch laut Libero ausgerechnet den einzigen Gegentreffer selbst erzielt: ein Eigentor zum 1:4.

Der große Tag: Olympia in Stockholm (Juni 1912)

Gut einen Monat nach dem verlorenen Finale fährt Bosch nach Schweden. Der DFB hat sich für das olympische Turnier in Unkosten gestürzt und ist, so die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft, »mit zwei kompletten Mannschaften nach Stockholm gereist«. Der Spielausschuss war vorher zuversichtlich gewesen: Man brauche »auf dem Festland keine Ländermannschaft zu fürchten«.

Samstag, 29. Juni 1912, Råsunda-Idrottsplats. Erstes Spiel, Gegner Österreich. 2.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist der Niederländer Herbert James Willing. Hermann Bosch gibt sein Länderspieldebüt als linker Läufer. Neben ihm spielt sein Vereinskamerad und Kapitän Max Breunig, dahinter Ernst Hollstein, vorn Julius Hirsch, ebenfalls vom KFV.

Die erste Halbzeit läuft gut. In der 35. Minute trifft Adolf Jäger zum 1:0, so geht es in die Pause. Nach dem Wechsel kippt das Spiel. Torwart Albert Weber wird verletzt. Wann genau, erzählen die Quellen verschieden: Die Geschichte der Nationalmannschaft nennt die 52. Minute, Libero die 69. Einig sind sie darin, dass Mittelstürmer Willi Worpitzky ins Tor muss. Laut Geschichte der Nationalmannschaft lehnte Österreich einen Torwartwechsel ab. Österreich trifft fünfmal, das letzte Tor fällt in der 89. Minute.

Was Bosch an diesem Tag geleistet hat, steht in keiner der Quellen. Nur das Ergebnis ist überliefert, und die Folgen: Die »heimlichen Bronzeträume« seien danach »bereits ausgeträumt« gewesen. Zwei Tage später schlägt eine stark veränderte deutsche Elf Russland 16:0, ohne Bosch. Am 3. Juli ist er wieder dabei, als Deutschland in der Trostrunde gegen Ungarn 1:3 verliert.

»Er hatte die Gabe, durch Einnahme der bewußten Schrägstellung zum vorgehenden gegnerischen Außenstürmer den Ball im letzten Moment wegzuschnappen, als es fast zu spät schien.«

— Website des Karlsruher FV (karlsruher-fv1891.de)

Fünf Spiele, fünf Niederlagen

Nach Olympia bleibt Bosch im Kader. Am 6. Oktober 1912 verliert Deutschland in Kopenhagen 1:3, am 17. November in Leipzig 2:3 gegen Holland. Sein letztes Länderspiel bestreitet er am 18. Mai 1913 in Freiburg gegen die Schweiz: 1:2. Fünf Länderspiele, fünf Niederlagen. Die Olympia-Datenbank Olympedia hält trocken fest, er habe mit der Nationalelf nie ein Spiel gewonnen.

Auch im Verein geht es bergab. Die Saison 1913/14 beendet der große KFV als Letzter des Südkreises, der Meister von 1910 steigt ab.

Kronstadt 1916

Im Ersten Weltkrieg wird Bosch Soldat. Laut Wikipedia, gestützt auf ein Buch des Stadtarchivs Karlsruhe, trifft ihn an der rumänischen Front ein Kopfschuss. Er stirbt in einem Lazarett in Kronstadt in Siebenbürgen, dem heutigen Brașov. Wikipedia und Olympedia nennen den 15. November 1916. Libero und die KFV-Website geben den 16. Juli 1916 an, doch Rumänien trat erst Ende August 1916 in den Krieg ein. In seinem Todesmonat erhält Bosch das Eiserne Kreuz. Die preußische Verlustliste vom 21. März 1917 führt ihn knapp, mit Herkunftsort Öhningen, als »tot«.

Er wurde 25 Jahre alt. Für die Familie war es laut Wikipedia bereits der zweite Sohn, den sie im Krieg verlor. Der KFV verlor nach derselben Quelle 66 Mitglieder. Boschs Schwester Emma heiratete später seinen alten Mitspieler Max Breunig.

Hermann Bosch auf einen Blick

Geboren: 10.3.1891 in Öhningen (Bodensee)
Gestorben: 15.11.1916 in Kronstadt (Brașov, Siebenbürgen); andere Angabe: 16.7.1916
Vereine: Karlsruher FV (1908–1914)
Position: Linker Läufer, früher Linksaußen
Titel: Deutscher Meister 1910; Deutscher Vizemeister 1912; Süddeutscher Meister 1910, 1911, 1912
Bilanz: 5 Länderspiele, 0 Tore (1912–1913)
Beruf: Gewerbelehrer
Nationalspieler Nr.: 89 (Debüt 29. Juni 1912 in Stockholm)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Hermann Bosch · Wikipedia: Olympische Sommerspiele 1912/Fußball/Spiele · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1910/11 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1911/12 · Die Deutschen Nationalspieler (1939), S. 15 · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Olympedia: Hermann Bosch · Karlsruher FV: Helden · Verlustliste Preußen 789 (1917) · Wikipedia: Rumänischer Kriegsschauplatz