Camillo Ugi – Leipzigs Kapitän mit dem Fernweh

Camillo Ugi war ein Mittelläufer, der die Bälle weit auf die Flügel schlug, und ein Mann, der selbst gern weit weg ging. Der Leipziger spielte in São Paulo, in Marseille, in Frankfurt und in Breslau, und fast jedes Mal kam er enttäuscht zurück. Dazwischen wurde er 1906 mit dem VfB Leipzig Deutscher Meister, bestritt 15 Länderspiele und führte die Nationalelf neunmal als Kapitän aufs Feld. Das war häufiger als jeder andere Spieler vor dem Ersten Weltkrieg. In seinem ersten Spiel als Kapitän verwandelte er in Budapest selbst einen Elfmeter.

Camillo Ugis Laufbahn · 1898–1924 (Camillo Ugi)
Camillo Ugis Laufbahn · 1898–1924

»Die lange, hagere Gestalt mit dem rabenschwarzen Haar bleibt für immer im Gedächtnis haften, und die feinen Vorlagen, die dieser Camillo Ugi auf die Flügel schickte, brachten so manches Tor für Deutschland ein.«

— Die deutschen Nationalspieler, 1939

Vom Turnverein nach São Paulo

Hermann Kamill Ugi kommt am 21. Dezember 1884 in der Leipziger Talstraße zur Welt. Der Vater ist Buchbinder und stammt aus Lahr in Baden. Der exotische Name hat Legenden hervorgebracht, bis hin zum »italienischen Blut« des Vaters. Die Familienbiografie seiner Tochter nennt das eine »Falschmeldung«: Die Ugi-Linie lasse sich über die Schweiz nach Italien zurückverfolgen, mehr nicht.

Mit 14 tritt er in den Allgemeinen Turnverein Leipzig 1845 ein, turnt, schwimmt und läuft. Dort wird gelegentlich auch Fußball gespielt, aber gelegentlich reicht ihm nicht. 1902 wechselt er zum Leipziger Ballspiel-Club. Libero erzählt von seinem Einstand: In der Reserve schießt er gleich zu Beginn zwei Tore und wird nach 20 Minuten ausgewechselt, damit er am Nachmittag noch in der ersten Mannschaft spielen kann. Einem Freund schreibt der 17-Jährige, wie ernst es ihm ist: »… ich würde doch verrückt, wenn ich einmal nicht spielte.«

1904 schließt er eine Lehre als Elektromechaniker ab und baut Kinematographen. Dann lockt ein Angebot aus Übersee. Im April 1905 fährt er nach Brasilien, am 3. Mai kommt er in São Paulo an und spielt dort für den SC Germânia. Die gut bezahlte Stelle kann er nicht antreten, weil er kein Portugiesisch spricht. Nach wenigen Monaten ist er wieder in Leipzig.

Meister, Soldat, Wandervogel

Zurück in Leipzig schließt er sich dem VfB an, dem ersten Deutschen Meister von 1903. Als linker Läufer ist Ugi im Frühjahr 1906 laut Libero der »Dreh- und Angelpunkt des Leipziger Spiels«. Am 27. Mai 1906 gewinnt der VfB in Nürnberg das Endspiel gegen den 1. FC Pforzheim mit 2:1. Camillo Ugi ist mit 21 Jahren Deutscher Meister.

Dann beginnt, was Libero seine »große Odyssee« nennt. Beim Militärdienst in Dresden spielt er 1906/07 für den Dresdner SC. Irgendwann zieht es ihn nach Marseille, wo man ihm von bezahltem Fußball erzählt hat. Wann genau, ist umstritten: 1908 laut Libero, 1911 laut Wikipedia. Einig sind sich die Quellen über die Enttäuschung. Ugi erinnerte sich später:

»Am Sonntag darauf zeigte man mir den Fußballplatz. Ich war erschüttert! Kein Sitzplatz. Eine Holzbude zum Umkleiden und sonst nichts.«

— Camillo Ugi über Marseille, zitiert vom Leipziger Fußballverband

Auf dem Rückweg bleibt er eine Weile in Frankfurt und spielt für den FSV. Zwischen all diesen Ausflügen landet er immer wieder beim VfB. Mit den Leipzigern erreicht er 1911 noch einmal das Endspiel, verliert es aber am 4. Juni in Dresden 1:3 gegen Viktoria Berlin.

Der große Tag: Kapitän und Retter in Budapest (April 1909)

Seine Länderspiel-Laufbahn beginnt wie die von Adolf Werner und Erich Massini mit dem 0:9 in Oxford am 13. März 1909. Ugi spielt dort rechter Läufer neben Kapitän Josef Glaser. Nur drei Wochen später bekommt er selbst die Kapitänsbinde.

Am 4. April 1909 bestreitet der DFB zwei Länderspiele gleichzeitig. Eine süddeutsche Elf spielt in Karlsruhe gegen die Schweiz, eine Mischung aus Norden, Mitte und Berlin fährt nach Budapest. Dort ist Ugi Kapitän, im Tor steht wieder Adolf Werner. Schiedsrichter auf dem Millenáris-Platz ist der Wiener Hugo Meisl. Libero zählt 9.000 Zuschauer, »Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« 15.000, und der DFB schwärmte damals, so viele habe es noch bei keinem Länderspiel gegeben.

Länderspiel in Budapest am 4. April 1909 · Kapitän Ugi verwandelt in der 79. Minute den Elfmeter zum 3:3 (Camillo Ugi)
Länderspiel in Budapest am 4. April 1909 · Kapitän Ugi verwandelt in der 79. Minute den Elfmeter zum 3:3

Das Spiel beginnt wild. Nach vier Minuten führt Ungarn, eine Minute später gleicht Willi Worpitzky aus. Dreimal gehen die Ungarn in Führung, dreimal kommt Deutschland zurück. Beim dritten Mal liegt der Ball in der 79. Minute auf dem Elfmeterpunkt, und der Kapitän tritt selbst an. Ugi trifft zum 3:3. Es bleibt sein einziges Länderspieltor. Die gemischte Elf wird hinterher ausdrücklich für ihr Zusammenspiel gelobt. In Karlsruhe gewinnen die Süddeutschen am selben Tag 1:0, der erste deutsche Länderspielsieg überhaupt.

Zwei Wochen später gewinnt Ugi auch noch einen Pokal. Am 18. April 1909 schlägt Mitteldeutschland im ersten Endspiel um den Kronprinzenpokal Berlin mit 3:1. Das Siegerfoto in Libero zeigt ihn im gestreiften Trikot, als Zweiten von links.

»Camillo Ugi schlug mit spielerischer Leichtigkeit lange Pässe auf die Flügel. Er verstand es auch zu kämpfen. Vor allem aber drückte er fast immer dem Spiel seinen Stempel auf.«

— Libero, 1992

Kapitän in Stockholm, Abschied in Leipzig

Von nun an gehört Ugi zum festen Stamm. Das Lexikon von 1939 lobt seinen »Kampfeifer« und sein »vorbildliches Ballabnehmen«. Wikipedia führt ihn von 1912 bis 1913 als deutschen Rekordnationalspieler. Im Sommer 1912 fährt er mit zu den Olympischen Spielen nach Stockholm. Beim 16:0 gegen Russland am 1. Juli trägt er die Kapitänsbinde, ebenso zwei Tage später beim 1:3 gegen Ungarn.

Kurz darauf zieht er nach Breslau, wo ihm eine eigene Werkstatt für Kinematographen in Aussicht gestellt wird. Wieder klappt es nicht, er arbeitet als Handwerker in einem Automatenrestaurant und trainiert nebenbei den Nachwuchs. So kommt es zu einer kleinen Ironie der Geschichte. Am 17. November 1912 findet in Leipzig das erste Länderspiel der Stadt statt, 2:3 gegen die Niederlande. Ugi, der Leipziger, spielt mit, aber als Spieler des Vereins Breslauer Sportfreunde. Es ist sein 15. und letztes Länderspiel.

Krieg, Comeback und ein langes Leben

Im Ersten Weltkrieg wird Ugi Soldat und kämpft in Frankreich. Er zieht sich eine Knöchelverletzung zu, Libero spricht von einem Knöchelbruch im Oktober 1914, Wikipedia von einer leichten Verwundung 1915. Laut Libero wird er 1917 dienstuntauglich entlassen.

Nach dem Krieg ist er 34 und spielt wieder für den VfB, als wäre nichts gewesen. 1921 beruft ihn der mitteldeutsche Verband noch einmal in seine Auswahl. Im selben Jahr heiratet er. Zu den Sportfreunden Leipzig wechselt er laut Libero ebenfalls 1921, laut Wikipedia und Leipziger Fußballverband erst 1924, nachdem er bis 1923 noch in VfB-Aufstellungen auftaucht. Drei Töchter kommen zur Welt. Beruflich arbeitet er sich bei der Leipziger Kinematographenfirma Johannes Nitzsche hoch, 1927 wird er Betriebsleiter. Mit dem Fußball ist es laut Leipziger Fußballverband Ende der Zwanziger vorbei, nach einem Motorradunfall.

Ugi bleibt in Markkleeberg bei Leipzig, auch als daraus die DDR wird. Die Verbindung zum westdeutschen Fußball reißt nicht ab. 1957 lädt ihn der DFB zum Länderspiel gegen Ungarn nach Hannover ein, zusammen mit Heinrich Riso, der ebenfalls beim ersten Duell 1909 dabei war. Camillo Ugi stirbt am 9. Mai 1970 in Markkleeberg. Sepp Herberger schreibt danach einen Satz, der fast wie ein Auftrag klingt:

»So lange es eine deutsche Fussball Nationalmannschaft gibt, wird der Name Camillo Ugi fortleben.«

— Sepp Herberger, zitiert vom Leipziger Fußballverband

2006 benennt Markkleeberg seinen Sportpark nach ihm, und 2016 ehrt Leipzig ihn mit dem Ugiwinkel in Probstheida.

Camillo Ugi auf einen Blick

Geboren: 21.12.1884 in Leipzig
Gestorben: 9.5.1970 in Markkleeberg (abweichend auch 18.5.1970 genannt)
Vereine: ATV Leipzig 1845, Leipziger BC (1902–1905), SC Germânia São Paulo (1905), VfB Leipzig (1905–1912 mit Unterbrechungen, ab 1919), Dresdner SC (1906/07), Marseille, FSV Frankfurt, Verein Breslauer Sportfreunde (1912–1914), Sportfreunde Leipzig (kurz nach dem Krieg; erneut ab 1921 laut Libero bzw. 1924 laut Wikipedia/LFV)
Position: Außenläufer, Mittelläufer
Titel: Deutscher Meister 1906, Kronprinzenpokal 1909 (Mitteldeutschland), Deutscher Vizemeister 1911, Olympiateilnehmer 1912
Bilanz: 15 Länderspiele, 1 Tor (1909–1912), davon 9 als Kapitän
Beruf: Elektromechaniker, ab 1927 Betriebsleiter bei der Johannes Nitzsche AG
Nationalspieler Nr.: 27 (Debüt 13.3.1909 in Oxford gegen England Amateure, 0:9)

Quellen

Wikipedia: Camillo Ugi · RSSSF · Leipziger Fußballverband (Gerlinde Rohr) · Lehnert/Schröter, Leseprobe · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D3/1992 · Libero 36 · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Wikipedia: Josef Glaser