Adolf Werner – der Held der 0:9-Niederlage
Es gibt Torhüter, die nach neun Gegentoren still vom Platz schleichen. Adolf Werner wurde vom Platz getragen, und zwar von den Siegern. Im März 1909 verlor Deutschland in Oxford 0:9 gegen Englands Amateure, und die Engländer hoben den Kieler Schornsteinfeger danach auf ihre Schultern. Werner, genannt »Adsch«, bestritt 13 Länderspiele, so viele wie kein anderer deutscher Torwart vor dem Ersten Weltkrieg. 1912 wurde er mit Holstein Kiel Deutscher Meister und stand beim 16:0 gegen Russland im Tor. Seine Geschichte beginnt aber mit dem schwärzesten Tag der jungen Nationalelf.
»Gott sei Dank glänzte unser Torwart in Hochform, ›Adsch‹ Werner … Ohne ihn wäre es noch viel schlimmer gekommen. Im Triumph trugen die Engländer unseren Torwart auf den Schultern vom Platz.«
Ein Torwart aus der Gartenbude
Adolf Friedrich August Werner kommt am 19. Oktober 1886 in Kiel zur Welt. Mit 15 ist er dabei, als Kieler Oberrealschüler am 4. Mai 1902 einen Fußballklub gründen, laut Libero »in einer Gartenbude am Knopper Weg«. Der Verein heißt FC Holstein, und Werner gehört mit seinem Bruder Alfred, genannt »Fred«, zu den ersten Mitgliedern. Im ersten offiziellen Spiel, einem 4:0 gegen die Reserve des 1. Kieler FV, ist laut Libero »der 16jährige ›Adsch‹ Werner« der überragende Mann.
Von da an geht es für Verein und Torwart gemeinsam aufwärts. Ab 1903/04 gewinnt Holstein Jahr für Jahr die Kieler Meisterschaft. Sein Brot verdient Werner auf den Dächern: Er ist Schornsteinfeger, später Schornsteinfegermeister. Ein Mann, der hoch hinaus muss, auch im Beruf.
Im Herbst 1908 steht er im Tor der norddeutschen Auswahl, als erstmals der Kronprinzenpokal ausgespielt wird. Am 21. Februar 1909 verliert der Norden das Halbfinale in Hamburg mit 1:4 gegen Berlin. Auf der anderen Seite verteidigen Otto Hantschick und Erich Massini. Drei Wochen später werden die drei gemeinsam in einem Zug nach England sitzen.
Ruhe, Fäuste und ein Leitwort
Wie spielte man Torwart im Jahr 1909? Das Lexikon »Die deutschen Nationalspieler« von 1939 gibt eine erstaunlich genaue Antwort. Die einen hätten seine »sprichwörtliche Ruhe« gelobt, die anderen seine Kunst, »die Eckbälle und die hohen Flanken wegzufausten«, wieder andere seine »Unerschrockenheit« im Duell mit einem durchgebrochenen Stürmer.
Nur eines tat Werner ungern: fliegen. »Er war kein Freund davon, sich nach den Bällen zu werfen«, heißt es dort, flache Bälle kickte er lieber weg. Sein Leitwort überliefert das Lexikon gleich mit: »denn der Torhüter ist auch ein Fußballspieler und gehört auch zu einer Fußballmannschaft«. Ein mitspielender Torwart also, lange bevor es dafür ein Wort gab. Der Statistiker Alfredo Pöge beschreibt ihn 1989 in Libero ähnlich: stark in der Faustabwehr, ruhig, und einer, der »geschickt und mutig den Stürmern entgegenlief«.
Der große Tag: Neun Gegentore und ein Triumphzug (März 1909)
Wenn man von Adsch Werner nur eine Geschichte erzählen darf, dann die von Oxford.
Deutschland spielt im März 1909 erst sein viertes Länderspiel, und die Vorbereitung ist ein Abenteuer. Josef Glaser, der Kapitän aus Freiburg, erinnerte sich später: »Wir trafen uns in Vlissingen, genau zehn Mann.« Den elften, den Düsseldorfer Baumgärtner, hatte der DFB gleich in England aufgestellt, weil er dort lebte. Das sparte eine Reise. »Wir zehn Auserwählten dieser zusammengewürfelten Mannschaft standen uns also in Vlissingen gegenüber, etwas verlegen wie in der ersten Tanzstunde.« Sieben Spieler geben in Oxford ihr Debüt, darunter Werner.
Am 13. März 1909 geht es gegen die englische Amateurauswahl, Schiedsrichter ist der Engländer Thomas Kyle. Die Zuschauerzahl schwankt je nach Quelle zwischen 6.000 und 12.000. Zur Pause steht es 5:0, am Ende 9:0. Cyril Dunning und Thomas Porter treffen je dreimal, Gordon Hoare zweimal, Frederick Chapman einmal.
Neun Gegentore sind neun Gegentore. Und doch sind sich alle einig, wer der beste Deutsche auf dem Platz war. »Die Engländer spielten uns glatt an die Wand und wir sahen mit staunenden Augen zu«, erzählte Glaser. »Jeder einzelne war uns an Schnelligkeit und Ballbehandlung haushoch überlegen.« Nur einer hielt dagegen, und nach dem Schlusspfiff trugen die Engländer ihn auf den Schultern vom Platz. Libero urteilt knapp: Werner war »mit Abstand der beste deutsche Akteur«. Laut Wikipedia bekam er in der englischen Presse glänzende Kritiken und sogar Angebote englischer Klubs, die ihn als Profi holen wollten. Werner blieb Amateur und Schornsteinfeger.
»Das einzige Hindernis für England war Adsch Werner.«
Drei Wochen später steht er schon wieder im Tor, diesmal in Budapest. Deutschland spielt am selben Tag zweimal, in Karlsruhe und in Ungarn. Werners Elf holt ein 3:3.
Hamburger Umweg und Kieler Meisterschaft
Dann macht Werner einen Umweg. Um 1910 wechselt er zum SC Victoria Hamburg, laut Wikipedia als Gastspieler mit Erlaubnis des Holstein-Vorstands. Das Timing ist unglücklich. Ausgerechnet jetzt erreicht Holstein Kiel ohne ihn das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft und verliert es 1910 mit 0:1 nach Verlängerung gegen den Karlsruher FV. Werner selbst wird mit Victoria laut Libero »nicht einmal Bezirksmeister«. Einen Pokal holt er trotzdem: Am 25. Mai 1911 gewinnt Norddeutschland mit ihm im Tor den Kronprinzenpokal, 4:2 nach doppelter Verlängerung gegen den Süden.
Im Sommer 1911 kehrt er nach Kiel zurück, und die Saison 1911/12 wird die beste seines Lebens. Im Halbfinale gegen Viktoria Berlin erlebt er einen kuriosen Moment: Werner hat den Ball schon sicher, als ihn drei Berliner samt Ball über die Linie drängen, und das Tor zählt. Kiel gewinnt trotzdem, in der zweiten Verlängerung. Am 26. Mai 1912 folgt das Finale in Hamburg gegen den Karlsruher FV, den Meister von 1910, mit Förderer, Fuchs und Hirsch. Ein Elfmeter von Ernst Möller in der 52. Minute entscheidet, Holstein Kiel ist zum ersten Mal Deutscher Meister. Hinten hält Werner die Null.
In der Nationalelf ist er inzwischen gesetzt. Zwischen 1909 und 1912 steht er in 13 Länderspielen im Tor. Im Sommer 1912 fährt er zu den Olympischen Spielen nach Stockholm. Am 1. Juli 1912 steht er beim 16:0 gegen Russland im Tor, dem bis heute höchsten Sieg einer deutschen Nationalmannschaft. Zwei Tage später, beim 1:3 gegen Ungarn, spielt er zum letzten Mal für Deutschland.
Verletzung, Krieg, ein langes Leben
Das Ende kommt abrupt. In der Saison 1912/13 verletzt sich Werner in einem Freundschaftsspiel gegen den BFC Preussen schwer, laut Libero ist die Karriere des »Klassekeepers« damit vorerst vorbei. Dann kommt der Krieg. Mehrere seiner Meisterkameraden fallen, unter ihnen Georg Krogmann, Ernst Möller, David Binder und Hans Fick.
Werner überlebt. Nach dem Krieg steht er noch einige Jahre im Holstein-Tor, 1922 und 1923 gewinnt Kiel regionale Titel. Pöge zählt am Ende eine 20-jährige Laufbahn. Zurück in die Nationalelf kommt er nicht mehr. Dort spielt dafür 1925 sein jüngerer Bruder August zweimal.
Adolf Werner stirbt am 6. September 1975 in Kiel, im Alter von 88 Jahren. Das Stadtarchiv Kiel bewahrt ein Foto seiner Beerdigung. Und er lebt in der Literatur weiter: 2024 hat der Schriftsteller Dietmar Sous ihn zur Hauptfigur seiner Erzählung »16:0« gemacht. Das ist Fiktion und keine Biografie, aber eine schöne Pointe für einen Torwart, der seinen berühmtesten Tag mit neun Gegentoren erlebte.
»Von den Torhütern der Vorkriegszeit hält der Kieler Holstein-Mann den Rekord, und das wohlbegründet.«
Adolf Werner auf einen Blick
Geboren: 19.10.1886 in Kiel
Gestorben: 6.9.1975 in Kiel
Spitzname: »Adsch«
Vereine: Holstein Kiel (1902 bis etwa 1923), dazwischen SC Victoria Hamburg (um 1910/11)
Position: Torwart
Titel: Deutscher Meister 1912, Kronprinzenpokal 1911 (Norddeutschland), Olympiateilnehmer 1912
Bilanz: 13 Länderspiele, 0 Tore (1909–1912)
Beruf: Schornsteinfegermeister
Nationalspieler Nr.: 25 (Debüt 13.3.1909 in Oxford gegen England Amateure, 0:9)
Quellen
Wikipedia: Adolf Werner · Wikipedia: Josef Glaser · Wikipedia: Otto Hantschick · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1910/11 · Wikipedia: DM 1909/10 · RSSSF · Olympedia · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D3/1992 · Libero D5 und IFFHS England Amateurs · Libero 36 · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Rolling Stone 356/2024 (Rezension »16:0«)