Willy Baumgärtner – der ewige Jüngste
Uwe Seeler war 17 Jahre und elf Monate alt, als er debütierte. Das ist jung. Willy Baumgärtner war jünger. Als der Linksaußen des Düsseldorfer SV 04 am 5. April 1908 in Basel im ersten deutschen Länderspiel auflief, war er 17 Jahre und 104 Tage alt. Der Rekord steht bis heute. Baumgärtner spielte die ersten vier Länderspiele, verlor alle vier und war damit eine Zeit lang Rekordnationalspieler. Mit 18 war seine Nationalelfkarriere vorbei. Später wanderte er nach Brasilien aus, und dort beginnt eine Legende, die sich nicht belegen lässt.
»Seit 1932 in Südamerika verschollen.«
Vom Berliner Jungen zum Düsseldorfer Linksaußen
Willy Baumgärtner kommt am 23. Dezember 1890 in Berlin zur Welt. Mit 15 spielt er dort schon beim BFC Germania 1888. Zur Saison 1907/08 taucht er in Düsseldorf auf, beim Düsseldorfer SV 04. Warum er an den Rhein zieht, verraten die Quellen nicht. Dem DSV 04 bleibt er dann aber lange treu, bis 1923.
Viel mehr weiß man über den Menschen Baumgärtner nicht. Keinen Beruf, keinen Spitznamen, keine Beschreibung seiner Spielweise. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 widmet ihm drei Zeilen: Verein, Stammposten Linksaußen, vier Länderspiele. Und dann diesen einen Satz, der mehr Fragen aufwirft als beantwortet: »Seit 1932 in Südamerika verschollen.«
Siebzehn Jahre, 104 Tage
Dass ausgerechnet ein 17-Jähriger 1908 ins erste Länderspiel rutscht, hat mit dem Auswahlverfahren zu tun. Der DFB bestimmt keine besten Elf, sondern verteilt die Plätze nach Regionalverbänden. Drei Spieler stellt der Westdeutsche Spiel-Verband. Einer davon ist Baumgärtner.
In Basel steht er am 5. April 1908 ganz links im Sturm, neben Fritz Becker, der zweimal trifft. Es regnet, es hagelt, die Schweiz gewinnt 5:3. Die Elf kommt aus elf verschiedenen Vereinen, und der Jüngste von allen ist der Düsseldorfer. Schulze-Marmelings Geschichte der Nationalmannschaft beschreibt ihn als »den bis heute jüngsten Nationalmannschaftsdebütanten«.
Zwei Wochen später, am 20. April 1908, ist Baumgärtner wieder dabei, diesmal in Berlin gegen die englischen Amateure: 1:5. Im Juni folgt das Spiel in Wien gegen Österreich: 2:3. Drei Länderspiele, drei Niederlagen, aber immer war er gesetzt.
Der große Tag: 0:9 in Oxford (März 1909)
Das vierte Länderspiel ist das, an das sich der DFB am liebsten nicht erinnert. Am 13. März 1909 spielt Deutschland in Oxford gegen die englischen Amateure. Es wird die höchste Niederlage in der Geschichte der Nationalmannschaft.
Die Vorbereitung ist ein Lehrstück in Improvisation. Alle Spieler des Karlsruher FV und des Phönix Karlsruhe sagen kurzfristig ab. Der Berliner Paul Hunder erinnert sich später: »Erst wenige Tage vor dem Spiel wurde ich benachrichtigt, und kurz vor der Abreise fragte mich noch unser Geschäftsführer, ob ich nicht ein paar gute Verteidiger wüsste.« Auf seine Empfehlung kommt der Berliner Erich Massini ins Team. Die englische FA verlegt die Partie derweil aus London nach Oxford. Die deutsche Elf reist über den Ärmelkanal an, und die Überfahrt ist turbulent.
Baumgärtner muss das wohl nicht mitmachen. Laut Wikipedia lebt er zu dieser Zeit vorübergehend in London. So spart der DFB die Anreisekosten für den elften Mann. Einen Beleg nennt der Artikel dafür nicht, aber die Pointe passt zu einem Verband, der seine Spieler ein Jahr zuvor noch auf eigene Kosten nach Basel anreisen ließ.
Gespielt wird auf dem White House Ground. Wie viele Zuschauer kommen, ist umstritten: Die Angaben reichen von »über 4.000« bis 12.000. Schiedsrichter ist Thomas Kyle, Kapitän der Deutschen der Freiburger Josef Glaser. Die deutsche Startelf ist im Schnitt 21 Jahre und 357 Tage alt. Jünger war eine DFB-Elf erst wieder 2014. Und aus der Elf von Basel ist nur noch einer dabei: Willy Baumgärtner, als einziger Spieler in allen vier ersten Länderspielen.
Die Engländer schießen neun Tore. Torminuten sind in den ausgewerteten Quellen nicht verzeichnet. Ein englischer Blog nennt als Schützen Dunning und Porter mit je drei, Hoare mit zwei und Chapman mit einem Treffer.
»Da wir uns so wenig kannten, klappte das Zusammenspiel überhaupt nicht.«
Für Baumgärtner ist Oxford das Ende. Er ist jetzt der erste alleinige Rekordnationalspieler des DFB, mit vier Einsätzen, und bleibt es bis zum April 1910. Eine fünfte Berufung bekommt er nicht. Laut Wikipedia hoffte er immer darauf. Seine Länderspielkarriere endet mit 18 Jahren.
Verschollen in Südamerika
In Düsseldorf spielt Baumgärtner weiter, mit Höhen und Tiefen. 1910 steigt der DSV 04 aus der Verbandsliga ab. 1914 gewinnt die Mannschaft ein Entscheidungsspiel gegen den Düsseldorfer FK Union und darf zur Endrunde um die Westdeutsche Meisterschaft, wo sie Letzter wird. Bis 1923 bleibt er im Kader.
1932 wandert Baumgärtner nach Brasilien aus. Zu Hause verliert man ihn aus den Augen, das Lexikon von 1939 meldet ihn als »verschollen«. Laut Wikipedia stirbt er am 6. November 1953 in São Paulo. Andere Quellen nennen den 16. November 1953, das DFB-Datencenter sogar den 22. Februar 1953.
Und dann ist da die Geschichte vom FC São Paulo. Der DFB schrieb einmal auf seiner Homepage, Baumgärtner habe »auch dort als Pionier« gewirkt: »Er gehörte zu den Begründern des FC Sao Paulo.« Das Magazin 11 Freunde hat nachgesehen. Auf der Gründungsurkunde von 1930 stehen zwölf Namen, keiner davon lautet Baumgärtner. »Kein Wunder, da war Willy ja auch noch in Deutschland.« 1935 gründen 15 Männer den Klub neu. Unter ihnen ist ein offenkundig Deutschstämmiger, Frederico Antonio Germano Menzen. »Doch wieder kein Baumgärtner.«
Was bleibt, ist der Rekord. Und der hält seit 1908.
Willy Baumgärtner auf einen Blick
Geboren: 23. Dezember 1890 in Berlin
Gestorben: laut Wikipedia 6. November 1953 in São Paulo (Datum umstritten)
Vereine: BFC Germania 1888 (1905–1907), Düsseldorfer SV 04 (1907–1923)
Position: Linksaußen
Titel: –
Bilanz: 4 Länderspiele, 0 Tore (1908–1909)
Beruf: nicht überliefert
Nationalspieler Nr.: 11 (Debüt 5. April 1908 gegen die Schweiz; mit 17 Jahren und 104 Tagen jüngster Nationalspieler aller Zeiten)
Quellen
Wikipedia: Willy Baumgärtner · Wikipedia: Länderspiel Schweiz – Deutschland 1908 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Libero D 3/1992 · Libero International · Kicker-Almanach 1959 · Kicker-Almanach 1996 · 11 Freunde (Internet Archive) · DFB-Datencenter · South Oxford History · impromptuinc: England – Germany 1909