Marius Hiller – »Bubi«, der für zwei Länder traf

Acht Minuten. Länger brauchte Marius Hiller nicht. Am 3. April 1910 stand der Junge vom 1. FC Pforzheim zum ersten Mal in der Nationalelf, und in der 8. Minute lag der Ball im Schweizer Tor. Er war 17 Jahre alt, bis heute hat kein Jüngerer für Deutschland getroffen. Drei Länderspiele hat »Bubi« Hiller für Deutschland bestritten. Dann holte ihn sein Beruf nach Südamerika, und dort schrieb er ein Kapitel, das kein anderer deutscher Nationalspieler seiner Zeit vorweisen kann: An einem Oktobersonntag 1916 schoss er drei Tore – für Argentinien.

Marius Hillers Laufbahn 1892–1964: 1. FC Pforzheim, Argentinien, ein Zwischenspiel in Pforzheim 1919–1921 – und Nationalspieler zweier Länder (Marius Hiller)
Marius Hillers Laufbahn 1892–1964: 1. FC Pforzheim, Argentinien, ein Zwischenspiel in Pforzheim 1919–1921 – und Nationalspieler zweier Länder

»Marius (Eduardo) Hiller war der erste Deutsche, dem es gelang, auch für ein anderes Nationalteam in der Welt zu spielen.«

— Libero D3 (IFFHS), 1992

Der Kleine mit den Taschen

Marius Eduard Hiller kommt am 5. August 1892 in Pforzheim zur Welt, in eine Fußballfamilie. Beim 1. FC Pforzheim spielen die älteren Hillers: Wilhelm, »Hiller I«, in der Verteidigung, Arthur, »Hiller II«, als Mittelläufer und Kapitän. Arthur führt 1908 die allererste deutsche Nationalelf aufs Feld.

Und Marius? Der ist »Bubi«, der Kleine. Ein Cousin erzählte 2010 dem Argentinischen Tageblatt, wie das aussah: »Er trug ihnen die Sporttaschen, putzte ihnen die Schuhe und half, die Torstangen mit auf den Platz zu tragen.« Als die Großen 1906 im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft stehen, ist Bubi 13.

In welchem Verhältnis er genau zu ihnen stand, ist nicht ganz klar. Wikipedia und die Familie nennen ihn den Neffen von Arthur und Wilhelm. Ein Libero-Heft von 1992 spricht von »drei Hiller-Brüdern«. Wir halten uns an die Familie.

Fest steht, was aus dem Kleinen wurde. Libero beschreibt ihn als »trickreichen und wirkungsvollen Innenstürmer mit einem fulminanten Schuß«. Wikipedia fügt hinzu, er sei eher schmächtig als athletisch gewesen, dafür schnell und geschickt im Dribbling.

Acht Minuten in Basel

Im Frühjahr 1910 ist der DFB zwei Jahre im Länderspielgeschäft und hat noch kein Auswärtsspiel gewonnen. Am 3. April geht es wieder nach Basel, auf den Landhof, wo 1908 alles mit einem 3:5 begann. Auf Halbrechts: Marius Hiller, 17 Jahre alt, der Neffe des ersten Kapitäns.

5.000 Zuschauer sehen, wie er nach acht Minuten das 1:0 schießt. Die Schweizer gleichen kurz vor der Pause aus, gehen nach Eugen Kipps 2:1 noch einmal zum 2:2 zurück. Dann trifft Kipp fünf Minuten vor Schluss zum 3:2. Es ist, wie Libero festhält, der erste Auswärtssieg einer deutschen Nationalelf. Hillers Treffer macht ihn laut DFB zum bis heute jüngsten Torschützen der Nationalelf. Jünger beim Debüt war nur Willy Baumgärtner, 1908.

Zwei Einsätze folgen, beide 1911 und beide wieder auf Halbrechts: ein 2:2 gegen Englands Amateure in Berlin vor 10.000 Zuschauern und ein 1:2 gegen Österreich in Dresden. Ein Tor gelingt ihm nicht mehr. Und dann ist er weg.

Die Uhrenfirma ruft

Ende 1911 zieht Marius Hiller aus beruflichen Gründen nach La Chaux-de-Fonds, in die Schweizer Uhrenstadt. Er spielt dort für den FC La Chaux-de-Fonds, schießt Ostern 1912 bei einem Turnier in Turin drei Tore gegen Juventus und trifft im Juni ausgerechnet auf seinen alten Verein. Der 1. FC Pforzheim ist auf Tournee und gewinnt 8:2.

Danach leistet er, so Wikipedia, sein Jahr als Einjährig-Freiwilliger beim Trainbataillon in Durlach ab. Und dann schickt ihn sein Arbeitgeber, die Schweizer Uhrenfirma Palmer & Co., nach Buenos Aires. Ende 1912 bricht er auf, 1913 ist er dort.

Der Fußball findet ihn schnell. Vicente Cincotta, Gründer des jungen Vereins All Boys im Viertel Floresta, zieht durch die Nachbarschaft und wirbt Spieler an. Hiller schließt sich an. Bis zu 69 Tore soll er 1914 erzielt haben, die Zahl ist nicht gesichert. Sicher ist: Er wird das erste Idol des Vereins.

Ab 1915 stürmt er für Gimnasia y Esgrima Buenos Aires in der ersten Liga. 1916 wird sein Jahr. Er erzielt 16 der 31 Ligatore seines Vereins und wird Torschützenkönig. Libero berichtet, wie ihn die Argentinier nannten: »dicke Berta« und »el alemán«. Ein argentinisches Portal kennt noch einen dritten Namen, »el 42«, nach einem deutschen Geschütz des Ersten Weltkriegs. Über die Schusskraft des Deutschen herrschte offenbar Einigkeit.

Der große Tag: Drei Tore für Argentinien (Oktober 1916)

Hiller hat sich einbürgern lassen, schreibt Libero, und darf nun für Argentinien spielen. In der Presse heißt er »Eduardo«. Am 15. August 1916 debütiert er in Avellaneda gegen Uruguay, vor 16.000 Zuschauern, und schießt in der 87. Minute das 3:1. Sieben Wochen später kommt der Tag, für den er in Argentinien in Erinnerung bleibt.

Sonntag, 1. Oktober 1916, wieder Avellaneda, wieder der Platz des Racing Club, wieder Uruguay. Es ist ein Benefizspiel für den Presseverband, den »Círculo de la Prensa«. 11.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist William Jordán. Hiller spielt Mittelstürmer, neben Ennis Hayes. Hinten verteidigt Kapitän Juan Domingo Brown, eine Legende des argentinischen Fußballs.

Argentinien gegen Uruguay 7:2 am 1. Oktober 1916: Marius Hiller als Mittelstürmer, drei Tore (Marius Hiller)
Argentinien gegen Uruguay 7:2 am 1. Oktober 1916: Marius Hiller als Mittelstürmer, drei Tore

Nach sieben Minuten führt Argentinien. In der 19. Minute trifft Hiller zum 2:0, so geht es in die Pause. Drei Minuten nach Wiederanpfiff macht er das 3:0. Uruguay verkürzt. Dann trifft Argentinien dreimal binnen acht Minuten: 4:1, 5:1, und in der 68. Minute das 6:1, Hillers drittes Tor. Am Ende steht es 7:2. Ein Deutscher aus Pforzheim hat gegen den großen Rivalen einen Hattrick erzielt, im Trikot Argentiniens.

»In seinem zweiten und letzten A-Länderspiel für Argentinien spielte der 24jährige Eduardo alias Marius Hiller geradezu phänomenal.«

— Libero D3 (IFFHS), 1992

Eine Fußnote gehört zur Wahrheit: An beiden Tagen, an denen Hiller für Argentinien spielte, trat zeitgleich eine zweite argentinische Auswahl in Montevideo an. Argentinien stellte, wie Libero vermerkt, zwei gleichberechtigte Nationalteams auf. Beide Spiele zählen in den Statistiken als Länderspiele. Vier Tore in zwei Spielen, das bleibt Hillers argentinische Bilanz.

Zurück, noch einmal weg

1917 steigt Gimnasia y Esgrima ab. Nach dem Krieg kommt Hiller zurück nach Pforzheim, laut dem Nationalspieler-Lexikon von 1939 nur für kurze Zeit und um die Geschäftsbeziehungen zwischen der Goldstadt und Übersee wieder anzukurbeln. Er spielt noch einmal für den 1. FC Pforzheim, und das Lexikon kann sein Staunen nicht verbergen:

»Leicht wie ein Reh fegte er die Linien entlang, gewandt versetzte er seine Gegner.«

— Die deutschen Nationalspieler, 1939

Das Abschiedsspiel in Karlsruhe gegen Phönix steht dort als kleine Legende. Zur Pause führt Phönix 2:0. Dann reißt Hiller den Sturm mit, Pforzheim gleicht aus, und Bubi hebt vor den Schlachtenbummlern zwei Finger: Es kommen noch zwei. Pforzheim gewinnt 4:2.

1921 ist er wieder in Buenos Aires. Er stürmt für Estudiantil Porteño und Sportivo Barracas. Am 14. Juni 1925 spielt er zum letzten Mal, für All Boys gegen Huracán. Das 0:1 schießt Guillermo Stábile, der fünf Jahre später Torschützenkönig der ersten Weltmeisterschaft wird.

Buenos Aires bleibt seine Heimat. Über 30 Jahre vertritt er, so Wikipedia, die Firma Palmer in Argentinien und Paraguay. 1956 ist er Ehrengast beim 60. Geburtstag des 1. FC Pforzheim. Marius Hiller stirbt 1964 in Buenos Aires, laut Wikipedia am 17. Oktober, laut Libero am 25. November. Er liegt auf dem Friedhof Chacarita.

Marius Hiller auf einen Blick

Geboren: 5.8.1892 in Pforzheim
Gestorben: 17.10.1964 in Buenos Aires (Libero: 25.11.1964)
Spitzname: »Bubi«; in Aufstellungen »Hiller III«; in Argentinien »Eduardo«, »el alemán«, »dicke Berta«
Vereine: 1. FC Pforzheim (1901–1911, 1919–1921), FC La Chaux-de-Fonds, CA All Boys, CA River Plate, Gimnasia y Esgrima Buenos Aires, Estudiantil Porteño, Sportivo Barracas
Position: Halbrechts, Mittelstürmer
Titel: Torschützenkönig der argentinischen Primera División 1916; Meister Kreis Südwest 1921 mit Pforzheim
Bilanz: 3 Länderspiele, 1 Tor für Deutschland (1910–1911); 2 Länderspiele, 4 Tore für Argentinien (1916)
Beruf: Vertreter der Schweizer Uhrenfirma Palmer & Co.
Nationalspieler Nr.: 49 (Debüt 3. April 1910 in Basel gegen die Schweiz)

Quellen

Wikipedia: Marius Hiller · Libero D3 (IFFHS, 1992) · Libero International: Argentinien 1902–1940 · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Kicker-Almanach 1996 · RSSSF: Marius Hiller – International Appearances · 442.perfil.com: Marius Hiller, un alemán que triunfó en nuestro fútbol