Paul Hunder – der Kapitän der Endspiele

Er war selten der Auffälligste auf dem Platz. Ein Lexikon nennt ihn den »häufig unauffällig, aber fleißig spielenden Viktoria-Spielführer«. Doch wenn es um den Titel ging, stand Paul Hunder vorn: Viermal führte der Berliner Dreher seine Viktoria als Kapitän in ein Endspiel um die deutsche Meisterschaft, zweimal gewann er. Dazu acht Länderspiele, eines davon als Kapitän. Und ein Ende, das so abrupt kam wie ein Foul von hinten.

Paul Hunders Laufbahn · 1898–1912 (Paul Hunder)
Paul Hunders Laufbahn · 1898–1912

»Erst wenige Tage vor dem Spiel wurde ich benachrichtigt, und kurz vor der Abreise fragte mich noch unser Geschäftsführer, ob ich nicht ein paar gute Verteidiger wüsste.«

— Paul Hunder über die Reise nach Oxford 1909, zitiert in »Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft«

Vereine, die verschwinden

Paul Hunder wird am 12. Januar 1884 in Berlin geboren. Was dann folgt, klingt wie ein Running Gag. Mit 14 gründet er den Verein Olympia mit. Der löst sich bald wieder auf. Er schließt sich dem Verein Apollo an. Der löst sich ebenfalls bald auf. Mit 16, im Jahr 1900, geht er zum Verein Wacker 1900. Der gibt den Fußball kurz darauf auf. »Es war für den jugendlichen Mittelfeldspieler wie verhext«, schreibt das IFFHS-Heft »Libero«.

Zuschauen kann er in dieser Zeit trotzdem. Auf dem Tempelhofer Feld wird er Anhänger des BFC Preussen. In der Saison 1902/03 spielt er für den Berliner Sport-Club Corso. 1903 landet er schließlich beim Berliner Thorball- und Fußball-Club Britannia 1892, und zwar durch Zufall: Er wird als Reservist in der ersten Mannschaft aufgeboten und ist auf Anhieb Stammspieler. 1904 spielt er erstmals für die Berliner Stadtauswahl, als linker Außenläufer.

1905 wechselt er zum Ortsrivalen Viktoria 89 und wird dort Kapitän. Diesmal bleibt der Verein bestehen. Und Hunder bleibt bis zum Ende seiner Laufbahn.

Im Beruf ist er Dreher, das nennen sowohl das Lexikon von 1939 als auch »Libero«. Wikipedia kennt noch einen Rufnamen: »Florian«.

Der Mann in den Endspielen

Viktoria 89 ist in diesen Jahren die Macht in Berlin. Mit dem Verein gewinnt Hunder laut Wikipedia die Berliner Meisterschaft 1907, 1908, 1909 und 1911. Das öffnet jedes Mal die Tür zur Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Elf Endrundenspiele bestreitet er insgesamt, und in den Aufstellungen, die »Libero« dokumentiert, steht bei Viktoria fast immer derselbe Kapitän: Hunder.

Das erste Endspiel geht schief. Am 19. Mai 1907 verliert Viktoria in Mannheim 1:3 gegen den Freiburger FC, den krassen Außenseiter. Das 1:0 für Freiburg schießt ein 20-jähriger Schüler per Elfmeter: Josef Glaser. Zwei Jahre später werden Glaser und Hunder in Oxford nebeneinander in der Läuferreihe stehen.

1909 verliert Viktoria das Endspiel in Breslau gegen den Karlsruher FC Phönix 2:4. 1911 dagegen klappt es wieder. Im Halbfinale in Hamburg gegen Holstein Kiel gewinnt Viktoria überraschend deutlich 4:0, weil es laut »Libero« »dem Routinier Paul Hunder gelungen war, die Kreise von Sophus Nielsen entscheidend einzuengen«. Das Endspiel am 4. Juni 1911 in Dresden gegen den VfB Leipzig endet 3:1, vor 12.000 Zuschauern, damals Rekord für die Endrunde.

Der große Tag: Erster Titel als Kapitän (Juni 1908)

Den ersten Titel aber holt Hunder ein Jahr nach der Freiburger Enttäuschung, und zwar zu Hause.

Auf dem Weg ins Finale 1908 schaltet Viktoria im Halbfinale am 17. Mai in Magdeburg den FC Wacker Leipzig aus, 4:0. Auf Leipziger Seite stürmt auf Rechtsaußen ein gewisser Erich Albrecht. Auch er wird im März 1909 mit Hunder nach Oxford fahren.

Das Endspiel steigt am Sonntag, dem 7. Juni 1908, auf dem Germania-Platz in Tempelhof. 4.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist Otto Götzel aus Hamburg. Der Gegner sind die Stuttgarter Kickers, und die haben Sorgen: Otto Löble und Karl Reich fehlen. Viktoria dagegen tritt in Bestbesetzung an. Hunder spielt links in der Läuferreihe, neben Willi Knesebeck, und trägt die Binde.

Schon nach sechs Minuten trifft Willi Worpitzky zum 1:0. Dann passiert lange nichts, was die Chronisten notiert hätten. Erst in der Schlussphase wird es hektisch: Worpitzky erhöht in der 84. Minute, Rudolf Ahorn verkürzt zwei Minuten später, und Helmut Röpnack macht in der 89. Minute alles klar. 3:1.

Endspiel 1908 in Tempelhof · Viktoria 89 wird mit Kapitän Hunder Meister (Paul Hunder)
Endspiel 1908 in Tempelhof · Viktoria 89 wird mit Kapitän Hunder Meister

Der Stuttgarter Torwart Hermann Bürkle erwischt keinen guten Tag. Und die Berliner Läuferreihe mit Knesebeck und Hunder erweist sich, so »Libero«, als die »routiniertere«. Die Meistertrophäe, die »Jungfrau Viktoria«, geht damit zum zweiten Mal nach Berlin, für den Verein Viktoria 89 ist es der erste Titel.

»Da wir uns so wenig kannten, klappte das Zusammenspiel überhaupt nicht.«

— Paul Hunder über das 0:9 in Oxford, zitiert in »Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft«

Oxford, Budapest und ein Sieg in Basel

Im März 1909 ruft der DFB. Viel zu spät, findet Hunder. Er erfährt laut der Chronik »Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« erst wenige Tage vor dem Spiel von seiner Berufung, und der Geschäftsführer fragt ihn noch kurz vor der Abreise, ob er ein paar gute Verteidiger kenne. Die Spieler aus Karlsruhe hatten abgesagt. Auf Hunders Empfehlung kommt so Erich Massini vom BFC Preussen zu seinem einzigen Länderspiel.

Die Reise über den Ärmelkanal ist stürmisch, die Mannschaft kennt sich kaum. Am 13. März 1909 geht sie in Oxford gegen Englands Amateure mit 0:9 unter. Hunder bleibt trotzdem im Kader. Drei Wochen später spielt er in Budapest ein 3:3 gegen Ungarn.

Am 3. April 1910 folgt sein persönlicher Höhepunkt im Nationaltrikot: In Basel gewinnt Deutschland 3:2 gegen die Schweiz, zwei Tore von Eugen Kipp, das Siegtor fällt fünf Minuten vor Schluss. Kapitän der deutschen Elf ist Paul Hunder. Es ist erst der zweite Länderspielsieg überhaupt.

1911 wird sein dichtestes Jahr: 2:2 gegen England in Berlin, ein 4:2 in Stockholm gegen Schweden, dann Niederlagen gegen Österreich in Dresden, Schweden in Hamburg und Ungarn in München. Das 1:4 gegen Ungarn am 17. Dezember 1911 ist sein achtes und letztes Länderspiel.

Auch in der Berliner Auswahl ist er Stammgast. Im Kronprinzenpokal, dem Wettbewerb der Regionalverbände, steht er zweimal im Finale, 1909 und 1912. Beide gehen verloren. Das zweite, am 18. Februar 1912, mit 5:6 gegen Süddeutschland.

Ostern 1912

Dann ist Schluss, von einem Tag auf den anderen. Zu Ostern 1912 bestreitet Paul Hunder, 28 Jahre alt, sein letztes Spiel, »ohne das vorher zu wissen«, wie »Libero« schreibt. Beim 3:1 gegen den Karlsruher FV zieht er sich eine komplizierte Knöchelfraktur zu. Seine Laufbahn ist damit beendet.

Was danach kommt, verraten die geöffneten Quellen nicht. Paul Hunder, von Beruf Dreher, stirbt am 9. Mai 1948. Einen Ort nennt keine der Quellen.

Paul Hunder auf einen Blick

Geboren: 12.1.1884 in Berlin
Gestorben: 9.5.1948
Spitzname: »Florian« (laut Wikipedia)
Vereine: Olympia, Apollo, Wacker 1900, SC Corso (bis 1903), BTuFC Britannia 1892 (1903–1905), BTuFC Viktoria 89 (1905–1912)
Position: Linker Läufer
Titel: Deutscher Meister 1908 und 1911 (jeweils als Kapitän), Vizemeister 1907 und 1909; Berliner Meister mehrfach
Bilanz: 8 Länderspiele, 0 Tore (1909–1911), davon 1 als Kapitän
Beruf: Dreher
Nationalspieler Nr.: 29 (Debüt 13. März 1909 in Oxford)

Quellen

Wikipedia: Paul Hunder · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1907/08 · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Kicker-Almanach 1959 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1908/09