Erich Albrecht – der Rechtsaußen aus Gohlis, der den ersten Pokal holte
Über Erich Albrecht weiß man wenig, und das Wenige passt fast auf eine Postkarte. Rechtsaußen beim FC Wacker Leipzig. Rauchwarenhändler, also Pelzhändler. Ein Länderspiel, ausgerechnet das 0:9 von Oxford. Aber im Frühjahr 1909 steht er in der Elf, die den allerersten Kronprinzenpokal gewinnt, und ein Jahr zuvor bei der Mannschaft, die sich die mitteldeutsche Meisterschaft in 137 Minuten erkämpft. Das ist mehr, als die meisten Einmal-Nationalspieler vorweisen können.
»Wir zehn Auserwählten dieser zusammen gewürfelten Mannschaft standen uns also in Vlissingen gegenüber, etwas verlegen wie in der ersten Tanzstunde.«
Ein Wacker-Mann aus Gohlis
Erich Albrecht kommt am 31. März 1889 in Leipzig zur Welt. Sein Verein wird der FC Wacker, ein Klub aus dem Stadtteil Gohlis, 1895 von Real- und Gymnasialschülern gegründet. Gespielt wird seit 1902 auf dem Wacker-Platz am Debrahof. Neben dem VfB ist Wacker in diesen Jahren die stärkste Leipziger Adresse.
Von 1906 bis 1914 stürmt Albrecht laut Wikipedia für Wacker, immer auf Rechtsaußen. So nennt ihn auch das Nationalspieler-Lexikon von 1939, knapp wie ein Personalbogen: »Stammposten: Rechtsaußen / Beruf: Rauchwarenhändler«. Mehr über Albrechts Spielweise verraten die Quellen nicht. Kein Lob, kein Tadel, keine Anekdote.
Meister nach 137 Minuten
Die Saison 1907/08 wird die beste in der Geschichte des Vereins. Wacker gewinnt den Gau Nordwestsachsen und zieht in die Endrunde um die mitteldeutsche Meisterschaft ein. Das Halbfinale gegen den Halleschen FC 1896 geht nach Verlängerung 2:1 aus. Im Finale am 19. April 1908 gegen den Magdeburger FC Victoria 1896 wird es noch zäher: Die Statistiker des IFFHS notieren eine Spielzeit von 137 Minuten. Wikipedia nennt das Ergebnis, 3:2 für Wacker. Albrecht ist Mitteldeutscher Meister.
Damit geht es in die Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Am 3. Mai 1908 gewinnt Wacker in Breslau beim VfR 3:1, nach 0:1-Rückstand zur Pause, vor gerade einmal 500 Zuschauern. Albrecht spielt Rechtsaußen. Im Halbfinale am 17. Mai in Magdeburg ist dann Schluss: 0:4 gegen Viktoria 89 Berlin. Deren Kapitän heißt Paul Hunder. Auch mit ihm wird Albrecht bald in einer Mannschaft stehen. Laut Wikipedia ist das Halbfinale 1908 der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte von Wacker.
Oxford: ein Länderspiel, neun Gegentore
Im März 1909 wird Albrecht für die Nationalmannschaft berufen. Das vierte Länderspiel der Geschichte führt nach England, gegen die Amateure des Mutterlands. Die Organisation ist chaotisch: Die Karlsruher Spieler sagen ab, die Mannschaft reist über Vlissingen, der Elfte wartet in England, die Überfahrt ist laut der Chronik »Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« turbulent.
Am 13. März 1909 spielt Deutschland in Oxford. Albrecht steht auf Rechtsaußen, neben ihm Hermann Garrn, dahinter die Läuferreihe mit Camillo Ugi, Kapitän Josef Glaser und Paul Hunder. Zur Pause steht es 0:5, am Ende 0:9. Dunning und Porter treffen je dreimal, Hoare zweimal, Chapman einmal. Wikipedia fasst es in einem Satz: Nur der überragende Torhüter Adolf Werner habe eine noch höhere Niederlage verhindert. Es bleibt Albrechts einziges Länderspiel.
Der große Tag: Der erste Kronprinzenpokal (April 1909)
Fünf Wochen nach Oxford kommt die Revanche, zumindest im Kleinen. In der Saison 1908/09 wird erstmals ein neuer Wettbewerb ausgespielt: der Kronprinzenpokal, ein Turnier der Auswahlmannschaften der Regionalverbände. Mitteldeutschland ist von Anfang an dabei, mit Albrecht auf Rechtsaußen.
Im Viertelfinale am 1. November 1908 in Braunschweig gewinnt Mitteldeutschland 2:0 gegen Westdeutschland. Im Halbfinale am 21. Februar 1909 in Leipzig, auf dem Wacker-Platz am Debrahof, wird es ein Schützenfest: 8:0 gegen die Auswahl aus dem Nordosten.
Das Finale steigt am 18. April 1909 auf dem Viktoria-Platz in Mariendorf bei Berlin. 3.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist Willi Rave aus Hamburg. Gegner ist die Berliner Auswahl mit fünf Spielern von Viktoria 89, darunter Paul Hunder in der Läuferreihe. Albrecht hat zwei Wacker-Kollegen dabei: Hans Riso im Tor und Paul Dietze in der Verteidigung.
Der Star des Tages ist allerdings ein anderer. Edgar Blüher vom Leipziger Ballspiel-Club trifft in der 15. Minute zum 0:1 und in der 75. Minute zum 0:2. Helmut Röpnack verkürzt per Elfmeter, dann macht Blüher mit seinem dritten Tor alles klar. Die Minuten der letzten beiden Treffer sind nicht überliefert. 3:1 für Mitteldeutschland.
Mitteldeutschland ist damit der erste Sieger des Kronprinzenpokals. Das Siegerfoto, das der DFB aufbewahrt hat, zeigt die Elf in gestreiften Trikots. Erich Albrecht steht in der Reihe, laut Wikipedia als Fünfter von rechts.
Als Titelverteidiger scheitert Albrecht mit Mitteldeutschland in der Saison 1909/10 im Halbfinale, laut Wikipedia mit 2:6 gegen Süddeutschland.
»Die Engländer spielten uns glatt an die Wand und wir sahen mit staunenden Augen zu.«
Pelzhändler, Funktionär, Parteimitglied
Nach dem Fußball verliert sich Albrechts Spur weitgehend. Er verdient sein Geld als Pelzhändler, wie Wikipedia schreibt, oder als Rauchwarenhändler, wie es das Lexikon von 1939 nennt. Das ist dasselbe: Rauchwaren ist der alte Handelsbegriff für Pelze. Seinem Verein bleibt er verbunden, er sitzt später im Verwaltungsrat des SC Wacker.
Am 29. Oktober 1937 beantragt Erich Albrecht die Aufnahme in die NSDAP. Er wird rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen, Mitgliedsnummer 5.798.680. So steht es, gestützt auf die Mitgliederkartei im Bundesarchiv, bei Wikipedia.
Erich Albrecht stirbt am 22. April 1942. Wo, verrät keine der geöffneten Quellen.
Erich Albrecht auf einen Blick
Geboren: 31.3.1889 in Leipzig
Gestorben: 22.4.1942
Vereine: FC Wacker Leipzig (1906–1914)
Position: Rechtsaußen
Titel: Mitteldeutscher Meister 1908; Kronprinzenpokalsieger 1909 (mit Mitteldeutschland)
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1909)
Beruf: Rauchwaren- bzw. Pelzhändler
Nationalspieler Nr.: 30 (Debüt 13. März 1909 in Oxford)
Quellen
Wikipedia: Erich Albrecht · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1908/09 · Wikipedia: Wacker Leipzig · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Wikipedia: Josef Glaser · Kicker-Almanach 1996