Erich Massini – der Verteidiger von der Ersatzbank des DFB
Manche Nationalspieler werden entdeckt, Erich Massini wurde empfohlen. Im März 1909 fehlten dem DFB kurz vor der Englandreise die Verteidiger, und ein Berliner Mitspieler sollte schnell einen Namen nennen. So kam der Verteidiger des BFC Preussen zu seinem ersten und einzigen Länderspiel, einem 0:9 in Oxford. Viel mehr ist über seine Zeit im Nationaltrikot nicht bekannt. Besser dokumentiert ist ein Spiel drei Wochen zuvor in Hamburg, in dem Berlin am Ende zu neunt gegen den Norden mit Torwart Adolf Werner gewann. Im Dezember 1914 fiel Erich Massini im Ersten Weltkrieg, er wurde 29 Jahre alt.
»Erst wenige Tage vor dem Spiel wurde ich benachrichtigt, und kurz vor der Abreise fragte mich noch unser Geschäftsführer, ob ich nicht ein paar gute Verteidiger wüsste.«
Ein Berliner Kaufmann mit Cricketschläger
Erich Massini wird am 9. August 1885 in Berlin geboren, im Geburtsregister steht er als Erich Conrad Albert Massiny. Laut Wikipedia ist er das erste Kind des Gewerkschafters und SPD-Reichstagsabgeordneten Albert Massini. Er arbeitet als kaufmännischer Angestellter und spielt in seiner Freizeit gleich zwei englische Sportarten, Cricket und Fußball.
Fußball spielt er ab 1908 beim BFC Preussen, einem der großen Berliner Vereine jener Jahre. Mit Preussen wird er zweimal Berliner Meister, 1910 und 1912. Das zweite Mal fällt die Entscheidung am 21. April 1912 im zweiten Finalspiel gegen Viktoria, 2:1. In der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft kommt Massini beide Male nicht zum Einsatz. Beide Male ist gegen Holstein Kiel Schluss.
Das Lexikon »Die deutschen Nationalspieler« von 1939 widmet ihm genau drei Zeilen: »Verein: Preußen Berlin. 1 Länderspiel: 1909 England.« Dazu druckt es ein Foto. Es zeigt einen jungen Mann mit dunklem Haar und Schnurrbart im weißen Trikot mit dem Adler.
Der große Tag: Zu neunt in Hamburg (Februar 1909)
Am 21. Februar 1909 spielt die Berliner Auswahl im Halbfinale des Kronprinzenpokals, damals das Turnier der Regionalverbände. Gegner ist Norddeutschland, Spielort der Victoria-Platz an der Hoheluft in Hamburg. Massini bildet mit Otto Hantschick von Union 92 das Verteidigerpaar. Im Tor des Nordens steht Adolf Werner aus Kiel, dem bald der Ruf als bester deutscher Torwart vorauseilen wird. 3.000 Zuschauer sind gekommen, Schiedsrichter ist Albert Sohn aus Frankfurt.
Was dann passiert, ist verrückt. Helmut Röpnack von Viktoria trifft in der 5., 15. und 22. Minute, drei Tore in 17 Minuten. In der 25. Minute fliegt der Torschütze vom Platz. Zur Pause steht es trotzdem 4:0 für Berlin, weil Alfred Wagenseil in der 35. Minute einen Elfmeter verwandelt. In der 50. Minute scheidet Willi Knesebeck verletzt aus, Berlin hat nur noch neun Mann. Der Norden trifft nur noch einmal, durch Adolf Jäger per Elfmeter in der 56. Minute. Am Ende heißt es 4:1 für Berlin. Libero notiert trocken, Berlin habe »65 min. mit 10 Akteuren und später sogar mit 9 spielen« müssen.
Das Endspiel am 18. April 1909 bestreitet Berlin ohne Massini und verliert 1:3 gegen Mitteldeutschland. Aber da hat er sein großes Abenteuer schon hinter sich.
Nachnominiert nach Oxford (März 1909)
Für das Länderspiel in England sagen alle Spieler des Karlsruher FV und des Karlsruher FC Phönix ab, der beiden Karlsruher Spitzenklubs. Paul Hunder von Viktoria Berlin wird selbst erst wenige Tage vorher benachrichtigt. Dann soll er noch schnell ein paar gute Verteidiger nennen. So kommt »auf Hunders Empfehlung« Erich Massini ins Team, wie es in »Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« heißt, »zu seinem ersten und auch letzten Länderspiel«. Neben ihm verteidigt wieder Otto Hantschick. Im Tor steht ausgerechnet der Mann, dem die Berliner in Hamburg vier Tore eingeschenkt hatten: Adolf Werner.
Die Reise ist beschwerlich. Die Quellen berichten von einer stürmischen Überfahrt über den Kanal, nach der die Spieler seekrank ankamen. Am 13. März 1909 verliert die zusammengewürfelte Elf in Oxford 0:9 gegen die englischen Amateure. Hunders Fazit ist knapp und ehrlich: »Da wir uns so wenig kannten, klappte das Zusammenspiel überhaupt nicht.« Für Massini ist es das einzige Länderspiel, der DFB beruft ihn danach nicht mehr.
»Da wir uns so wenig kannten, klappte das Zusammenspiel überhaupt nicht.«
Gefallen im Dezember 1914
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird Erich Massini eingezogen. Am 19. Dezember 1914 fällt er im Gefecht bei Gut Janolin, getroffen von einem Schrapnell. So steht es in Wikipedia, die sich auf das Sterberegister des Standesamts Tempelhof von 1915 stützt. Er wurde 29 Jahre alt.
Das Lexikon von 1939 weiß davon offenbar nichts. Bei anderen Toten setzt es ein Kreuz hinter den Namen, bei Massini nicht. Auch seine Lebensdaten sind nicht eindeutig überliefert: Die englische Wikipedia nennt, gestützt auf einen Kicker-Almanach, den 13. September 1889 als Geburts- und den 26. Juli 1915 als Todestag. Die Standesamtsangaben sprechen für 1885 und 1914.
Erich Massini auf einen Blick
Geboren: 9.8.1885 in Berlin (als Erich Conrad Albert Massiny)
Gestorben: 19.12.1914, gefallen bei Gut Janolin
Vereine: BFC Preussen (1908–1914)
Position: Verteidiger
Titel: Berliner Meister 1910 und 1912
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1909)
Beruf: kaufmännischer Angestellter
Nationalspieler Nr.: 26 (Debüt 13.3.1909 in Oxford gegen England Amateure, 0:9)
Quellen
Wikipedia: Erich Massini · Wikipedia (en): Erich Massini · Wikipedia: Otto Hantschick · Wikipedia: Josef Glaser · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D3/1992 · IFFHS England Amateurs · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft