Willy Tänzer – der Achtzehnjährige vom Cricketplatz
Achtzehn Jahre und 178 Tage war Willy Tänzer alt, als er am 7. Juni 1908 in Wien in der deutschen Verteidigung stand. Damals war er laut Wikipedia der zweitjüngste Nationalspieler, den der DFB je eingesetzt hatte. Es wurde ein 2:3 gegen Österreich – und sein einziges Länderspiel. Über den Berliner Kaufmann ist wenig überliefert, kein Foto, kein Wort über seine Spielweise. Dafür eine hübsche Streitfrage: Spielte er für den Berliner Ballspiel-Club oder für den Berliner Sport-Club? Die Antwort entscheidet darüber, ob Hertha BSC ihn heute zu Recht als ihren ersten Nationalspieler zählt.
»Die Deutschen waren damals für uns eigentlich nur Jausengegner, soweit ich mich zurückerinnern kann …«
Ein Berliner, zwei Vereine
Willy – oder Willi, beide Schreibweisen sind im Umlauf – Tänzer kam am 12. Dezember 1889 in Berlin zur Welt. Beruf: Kaufmann. So steht es im Nachschlagewerk »Die deutschen Nationalspieler« von 1939.
Beim Verein wird es kompliziert. Das Buch von 1939 schreibt: »Berliner Ballspielclub (der heute nicht mehr besteht)«. Die Statistiker der IFFHS führen ihn 1908 und 1909 als Spieler des »Berliner Ballspiel-Club 1903«, die österreichische Datenbank austriasoccer.at als »Berliner BC«. Die Kicker-Almanache und die Wikipedia dagegen nennen den Berliner SC, den Berliner Sport-Club. Laut Wikipedia war er dort von 1903 bis 1917 und wurde mit dem BSC 1909, 1910 und 1911 Berliner Meister im Verband Berliner Athletik-Vereine.
Warum das mehr als eine Fußnote ist? Der Berliner SC nahm 1923 die Fußballer von Hertha 92 auf – daher das »BSC« in Hertha BSC. Und so zählte der Tagesspiegel 2002 nach: Arne Friedrich sei Herthas 24. deutscher Nationalspieler, »seitdem Willi Tänzer 1908 beim 2:3 gegen Österreich in der DFB-Elf debütierte«. Gilt die Ballspiel-Club-Version, verliert Hertha ihren Urahn.
Belegt ist jedenfalls ein früher großer Auftritt. Am 22. Juni 1907, mit 17, stand Tänzer im Finale um den Berliner Pokal in der Verteidigung des Ballspiel-Clubs. Gegner war Viktoria 89, der Seriensieger jener Jahre. Auf dem Germania-Platz in Tempelhof hieß es am Ende 0:2.
Der große Tag: Jausengegner in Wien (Juni 1908)
Das dritte Länderspiel des DFB war eine Dienstreise mit Anlass: In Wien tagte der Weltverband FIFA, und am Rand des Kongresses spielte Deutschland zum ersten Mal gegen Österreich. Die Gastgeber hatten eine volle Woche. Laut der österreichischen Länderspielliste verloren sie am 6. Juni gegen England 1:6 und zwei Tage nach dem Deutschland-Spiel noch einmal 1:11.
Gespielt wurde am Sonntag, 7. Juni 1908, um 18 Uhr auf dem Cricketplatz in der Vorgartenstraße. 5.000 Zuschauer kamen, Schiedsrichter war der Engländer George Wagstaffe Simmons. In der deutschen Elf standen vier Berliner: Torwart Paul Eichelmann, Läufer Ernst Poetsch, Stürmer Hans Schmidt – und Tänzer, der mit dem Leipziger Heinrich Riso das Verteidigerpaar bildete. Riso war gut sieben Jahre älter und zweifacher deutscher Meister. Tänzer war achtzehn.
Die erste Halbzeit hatte es in sich. Nach der Version von austriasoccer.at, die als Datenquellen unter anderem Wiener Zeitungen jener Tage angibt, traf Kapitän Eugen Kipp in der 6. Minute zum 1:0 für Deutschland. Eine Minute später glich Ladislaus Dlabac per Elfmeter aus. In der 28. Minute brachte der 19-jährige Adolf Jäger die Gäste mit einem Freistoß wieder vorn. Dann drehten die Wiener das Spiel noch vor der Pause: Johann Studnicka in der 41., Johann Andres in der 44. Minute. Die zweite Halbzeit blieb torlos. Ein Haken: Das IFFHS-Heft Libero nennt andere Minuten und einen Pausenstand von 1:1. Das Ergebnis ist unstrittig, der Weg dorthin nicht ganz.
Was Tänzer in diesem Spiel machte, verrät keine der gefundenen Quellen. Für Karl Geyer, Jahrgang 1899 und später selbst österreichischer Nationalspieler, waren die Deutschen in seiner Erinnerung an jene Zeit ohnehin »eigentlich nur Jausengegner«. Knapp war es trotzdem.
»Arne Friedrich ist Herthas 24. deutscher Nationalspieler, seitdem Willi Tänzer 1908 beim 2:3 gegen Österreich in der DFB-Elf debütierte. Es war zugleich Tänzers letztes Länderspiel.«
Auswahlspieler, dann leise Jahre
Mit dem Länderspiel war Tänzer nicht aus dem Blick. Am 4. Oktober 1908 fuhr er mit der Berliner Stadtauswahl erneut nach Wien. Auf der Hohen Warte gab es ein 0:4 vor 4.500 Zuschauern.
Besser lief es im Kronprinzenpokal, dem Wettbewerb der Regionalauswahlen. Am 14. November 1909 gewann Berlin in Breslau gegen Südostdeutschland 9:1, Rudolf Droz schoss allein fünf Tore. Tänzer verteidigte, laut Wikipedia »wie gewohnt« links. Das Buch von 1939 nennt ihn dagegen einen rechten Verteidiger. Beim Finale im April 1910 standen andere in der Berliner Abwehr.
Danach wird es still. Laut Wikipedia stieg er 1911/12 mit dem BSC ab, spielte ab 1917 sechs Runden für Germania 88, den ältesten noch bestehenden Fußballverein Deutschlands, und beendete ab 1923 bei Breslau 02 seine Laufbahn. Das Buch von 1939 erzählt die Reihenfolge anders: erst Breslau, dann – »heute« – Germania 88.
Auch beim Tod gibt es zwei Versionen. Die deutsche Wikipedia nennt den 7. Februar 1946 in Berlin, die englische den 30. November 1949. Belege für beides haben wir nicht gefunden.
Willy Tänzer auf einen Blick
Geboren: 12. Dezember 1889 in Berlin
Gestorben: 7. Februar 1946 in Berlin (laut deutscher Wikipedia; englische Wikipedia: 30. November 1949)
Vereine: Berliner Ballspiel-Club bzw. Berliner SC (umstritten), später Germania 88 und ein Breslauer Verein
Position: Verteidiger
Titel: Berliner Meister (VBAV) 1909, 1910, 1911 – nur laut Wikipedia und nur in der BSC-Version
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1908)
Beruf: Kaufmann
Nationalspieler Nr.: 20 (Debüt 7. Juni 1908 in Wien gegen Österreich)
Quellen
Die deutschen Nationalspieler (1939) · Libero Spezial D3, 1992 · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Wikipedia: Willy Tänzer · Wikipedia (en): Willy Tänzer · Wikipedia: Berliner Sport-Club · Wikipedia: Liste der Länderspiele Österreichs · austriasoccer.at: Österreich – Deutschland 1908 · austriasoccer.at: Wien – Berlin 1908 · RSSSF: Germany – International Results · impromptuinc: Austria – Germany 1908 · Tagesspiegel: Passt (2002)