Edwin Dutton – der Engländer in der deutschen Elf
Edwin Dutton stand in der deutschen Nationalelf, bevor er 19 Jahre alt war. Die Statistiker des IFFHS nennen ihn trotzdem »einen in Deutschland geborenen Engländer«. Sein Vater hatte den Fußball nach Breslau gebracht, der Sohn schoss für Berlin Tore und unterschrieb danach beim englischen Pokalsieger Newcastle United. Als der Erste Weltkrieg kam, galt er als Brite und wurde in Berlin interniert, fast vier Jahre lang. Danach trainierte er die Stuttgarter Kickers und Ipswich Town. Ein Länderspiel, zwei Länder.
»Dutton, der Halblinke, stand zwar hinter seinen Partnern etwas zurück, bewies aber durch manche geschickt und fein ausgeführte Aktion sein Verständnis für modernes Angriffspiel.«
Der Sohn des Pioniers
Der Vater heißt Tom Dutton, ein Engländer und, wie Wikipedia schreibt, ein »Sport-Pionier«. Laut der Fußball-Weltzeitschrift des IFFHS führte er in Breslau das Fußballspiel ein. Wikipedia nennt ihn Mitgründer des FC Breslau 1895 und des Berliner Klubs Britannia 92. Um die Jahrhundertwende kam er nach Berlin und versorgte die Mannschaften auf dem Tempelhofer Feld mit Kleidung und Ausrüstung. Er war also, modern gesagt, Sportartikelhändler.
Sein Sohn Edwin kommt am 8. April 1890 in Mittelwalde zur Welt, einem Städtchen in der schlesischen Grafschaft Glatz. So steht es im Lexikon von 1939. Englische Quellen nennen auch South Shields oder Berlin. Zur Schule geht Edwin in Berlin, Fußball spielt er natürlich bei Britannia, dem Verein des Vaters. Zur Saison 1906/07 rückt er in die erste Mannschaft auf, zweimal wird Britannia Berliner Vizemeister. 1908 wechselt er zum Lokalrivalen BFC Preussen.
Mit 18 in der Nationalelf
Im Frühjahr 1909 stellt der DFB für einen Tag zwei Nationalmannschaften auf. Eine spielt in Karlsruhe gegen die Schweiz, die andere am 4. April in Budapest gegen Ungarn. In dieser zweiten Elf steht auf Rechtsaußen Edwin Dutton von Preussen, vier Tage vor seinem 19. Geburtstag. Schiedsrichter ist der Wiener Hugo Meisl. Es wird ein wildes Spiel: Dreimal geht Ungarn in Führung, dreimal gleicht Deutschland aus, zweimal durch Willi Worpitzky, zuletzt per Elfmeter durch Kapitän Camillo Ugi. 3:3. Auf dem Mannschaftsfoto steht Dutton in der hinteren Reihe, zwischen Leopold Richter und Paul Hunder.
Es bleibt sein einziges Länderspiel. Dafür wird die Berliner Auswahl im Kronprinzenpokal seine Bühne. Im Viertelfinale im Oktober 1909 gegen die Mark schießt er zwei Tore. In der Aufstellung, die Libero abdruckt, steht hinter seinem Namen ein Sternchen. Die Fußnote dazu: »ein in Deutschland geborener Engländer«.
Der große Tag: Neun Tore in Breslau (November 1909)
Das Halbfinale führt die Berliner nach Breslau, ausgerechnet in die Stadt, in der Tom Dutton laut IFFHS den Fußball eingeführt hat. Am 14. November 1909 kommen 2.500 Zuschauer auf den Platz des SC Schlesien. Gegner ist die Auswahl Südostdeutschlands, Spieler aus Breslau, Cottbus und Kattowitz. Schiedsrichter ist Max Grafe aus Leipzig.
Berlin tritt mit vier Preussen an: Verteidiger Wilhelm Schmidt und im Sturm Rudolf Droz, Otto Thiel und Dutton, der hier halblinks spielt. Nach elf Minuten führt Berlin durch Thiel, drei Minuten später gleicht der Cottbuser Hans Oppel aus. Danach geht es nur noch in eine Richtung. Droz trifft in der 22., 30. und 42. Minute, dazwischen Worpitzky. Mit dem Pausenpfiff, in der 45. Minute, schießt Dutton das 1:6.
Nach dem Wechsel legt Dutton das 1:7 nach, die Minute ist nicht überliefert. Droz macht mit seinem vierten und fünften Tor das 1:9 perfekt. Berlin steht im Finale.
Das Endspiel am 10. April 1910 in Mariendorf dauert 142 Minuten. Süddeutschland führt 4:1, Dutton verkürzt auf 2:4, Worpitzky trifft viermal. Am Ende verliert Berlin nach zweimaliger Verlängerung 5:6. Eine Woche später ist auch die Saison mit Preussen zu Ende. Der Klub ist Berliner Meister geworden, scheidet aber im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft in Hamburg gegen Holstein Kiel mit 1:4 aus.
»Der Engländer absolvierte sogar ein Länderspiel für Deutschland. Später zog es ihn zu Newcastle United.«
Newcastle, Ruhleben, Ipswich
Im Oktober 1910 unterschreibt Dutton bei Newcastle United, dem amtierenden englischen Pokalsieger. Ein Pflichtspiel bestreitet er dort nicht. Aber im Mai 1911 reist Newcastle durch Deutschland und die Schweiz, und Dutton ist dabei. Beim 5:2 in Pforzheim schießt er ein Tor. 1912 kehrt er nach Berlin zurück. Im Januar 1913 erkennt ihm der DFB-Bundestag den Amateurstatus wieder zu, als Ausnahme von der vorgesehenen Wartezeit. Er spielt wieder für Britannia.
Dann kommt der Krieg. Dutton, inzwischen Sportausstatter, wird laut englischer Wikipedia am 6. November 1914 in Berlin verhaftet. Er gilt als Brite. Wie tausende britische Zivilisten kommt er in das Internierungslager Ruhleben, auf eine Trabrennbahn in Spandau. Dort sitzen auch englische Profis wie Steve Bloomer, Fred Pentland und Sam Wolstenholme. Die Häftlinge gründen eine eigene »Ruhleben Football Association« mit Liga und Pokal. Die Baracken-Teams nennen sich nach englischen Klubs, Dutton spielt für »Tottenham«. Die Ausrüstung liefert laut dem Autor Matthew Philpotts der Sportladen seines Vaters.
Im Sommer 1918 kommen Dutton, Bloomer und Wolstenholme in die neutralen Niederlande. Dort spielen sie Cricket und Fußball, unter anderem in einer britischen Auswahl gegen Blauw-Wit Amsterdam.
Nach dem Krieg geht Dutton nach England und heiratet Mary McPherson, die Tochter des langjährigen Newcastle-Trainers James McPherson. Trotz allem kehrt er noch einmal nach Deutschland zurück. Von 1924 bis 1926 trainiert er die Stuttgarter Kickers und führt sie 1925 zur Bezirksmeisterschaft Württemberg/Baden. Danach wird er Assistent in South Shields und 1927 Trainer bei Ipswich Town, damals ein Amateurverein. 1930 gewinnt Ipswich unter ihm die Southern Amateur League. Die englische Wikipedia nennt ihn den ersten professionellen Trainer des Klubs.
Seine letzten Jahre verbringt Edwin Dutton in Wilmslow bei Manchester, wo sein Sohn John als Neurologe arbeitet. Dort stirbt er am 24. Mai 1972, mit 82 Jahren.
Edwin Dutton auf einen Blick
Geboren: 8.4.1890 in Mittelwalde (Schlesien)
Gestorben: 24.5.1972 in Wilmslow (England)
Vereine: BTuFC Britannia 92 (1906–1908, 1913–1914), BFC Preussen (1908–1910), Newcastle United (1910–1912, ohne Pflichtspiel)
Position: Rechtsaußen, auch Halbstürmer
Titel: Berliner Meister 1910; Kronprinzenpokal-Finalist 1910 (mit Berlin)
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1909)
Beruf: Kaufmann, Sportausstatter
Trainer: Stuttgarter Kickers (1924–1926), Ipswich Town (ab 1927)
Nationalspieler Nr.: 33 (Debüt 4. April 1909 in Budapest)
Quellen
Wikipedia: Edwin Dutton · Wikipedia (en): Edwin Dutton · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · Matthew Philpotts: The Extraordinary Life of Edwin Dutton · Kickersarchiv: Edwin Dutton · The Ruhleben Football Association · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Fußball-Weltzeitschrift (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996