Willi Worpitzky – der Brecher aus Moabit
Er begann als Torwart. Nach vier Spielen bei Viktoria 89 durfte er raus aus dem Kasten, und von da an hatten andere Torhüter ein Problem. Willi Worpitzky schoss die Berliner Viktoria 1908 und 1911 zur deutschen Meisterschaft, jeweils mit zwei Toren im Endspiel. In zwölf Endrundenspielen traf er laut »Libero« 22-mal. Für Deutschland erzielte er fünf Tore in neun Länderspielen, zwei davon gleich beim Debüt. Seine Spitznamen waren »Brecher« und »Schießbude«. Den größten Tag erlebte er vor 12.000 Zuschauern in Dresden.
»Worpitzky wusste, wie man Torhüter verlädt: Er war einst selber einer gewesen.«
Vom Exerzierplatz ins Tor
Friedrich Wilhelm Worpitzky wird am 25. August 1886 geboren. Wo genau, darüber streiten die Quellen. Das IFFHS-Heft »Libero« nennt Pankow. Wikipedia und die Olympia-Datenbank Olympedia nennen Bielenberg bei Kollmar in Holstein, Wikipedia mit Verweis auf sein Berliner Heiratsregister von 1913. Einig sind sich alle über Moabit: Dort wächst er auf.
Mit sieben tritt er einem Turnverein bei. Auf dem Moabiter Exerzierplatz schaut er den Fußballern von Minerva 1893 und Nordwest zu. Dann geht er selbst in die Jugend des BSC Minerva. Mit 15 spielt er schon in der ersten Mannschaft, weil er »athletisch seinem Alter voraus und auch sehr schußentschlossen war«, so »Libero«.
Ein Dauerläufer ist er allerdings nicht. »Libero« nennt ihn freundlich den »nicht sehr lauffreudigen Innenstürmer«. Und der Innenstürmer zieht die Konsequenz: Beim Berliner Ballspiel-Club stellt er sich ins Tor. 1904 bekommt er seine erste kleine Auswahlberufung, im Spiel Berliner Norden gegen Süden. Das Lexikon von 1939 und Olympedia nennen als frühen Verein übrigens nicht Minerva und den BBC, sondern Britannia 92. Auch hier bleibt eine Lücke.
Beruflich ist Worpitzky Techniker. Das steht in allen Quellen gleich.
Die sensationelle Umstellung
1907 wechselt er zu Viktoria 89 nach Mariendorf. Zuerst steht er dort wieder im Tor, aber nur vier Spiele lang. Dann schickt man ihn nach vorn, in die Mitte des Sturms. »Eine sensationelle Umstellung!«, schreibt »Libero« Jahrzehnte später. Worpitzky ist »schnell und unerschrocken« und heißt bald nur noch »Brecher«.
Die Wirkung ist sofort messbar. In der Endrunde 1908 trifft er im Halbfinale gegen Wacker Leipzig zweimal, im Endspiel gegen die Stuttgarter Kickers wieder zweimal, in der 6. und in der 84. Minute. Viktoria gewinnt 3:1 und ist zum ersten Mal Deutscher Meister. Mit sechs Toren wird der Neu-Stürmer Torschützenkönig der Endrunde.
1909 steht Viktoria wieder im Finale, diesmal in Breslau gegen Phönix Karlsruhe. Worpitzky trifft in der 16. Minute zum 1:0. Laut Wikipedia verletzt er sich danach und kann nur noch humpeln. Viktoria verliert 2:4. Torschützenkönig ist er trotzdem wieder, mit sieben Toren.
Auch in der Berliner Stadtauswahl ist er der Mann für die Tore. 41 Auswahlspiele zählt Wikipedia. Im Kronprinzenpokal, dem Wettbewerb der Regionalverbände, trifft er so oft, dass die Aufstellungslisten wie ein Echo klingen. Im Endspiel am 10. April 1910 in Mariendorf gegen Süddeutschland erzielt er vier der fünf Berliner Tore, das 4:4 in der 80. Minute per Elfmeter. Berlin verliert trotzdem 5:6, nach 142 Minuten. Ein halbes Jahr später schießt er beim 8:2 gegen die Mark fünf Tore, im Oktober 1911 beim 10:0 gegen die Balten vier hintereinander.
Doppelpack zum Einstand
Am 4. April 1909 schickt der DFB gleich zwei Nationalmannschaften los. Eine süddeutsche Elf spielt in Karlsruhe, eine gemischte aus Nord, Mitte und Berlin in Budapest. Worpitzky ist in Budapest dabei, mit fünf anderen Berlinern. Nach vier Minuten führt Ungarn, eine Minute später gleicht Worpitzky aus. In der 33. Minute trifft er erneut, zum 2:2. Das Spiel endet 3:3.
Neun Länderspiele werden es bis Oktober 1912, fünf Tore. Nach Budapest trifft er noch dreimal: zweimal wieder gegen Ungarn, einmal gegen Österreich. Worpitzky ist in diesen Jahren der Mittelstürmer, an dem andere vorbeimüssen. Über den Karlsruher Gottfried Fuchs schreibt »Libero«, er habe anfangs »den Berliner Willi Worpitzky zu verdrängen« gehabt.
Der große Tag: Doppelschlag in Dresden (Juni 1911)
1911 ist Viktoria wieder in der Endrunde. Im Halbfinale am 21. Mai in Hamburg schlägt sie Holstein Kiel 4:0. Zwei Tore: Worpitzky.
Das Endspiel steigt am 4. Juni 1911 in Dresden, auf dem Sportplatz an der Hygiene-Ausstellung. 12.000 Zuschauer sind gekommen, so viele wie noch nie bei einem Spiel der Endrunde. Schiedsrichter ist Paul Schröder aus Mönchengladbach. Der Gegner ist der VfB Leipzig mit Camillo Ugi und dem Kapitän Heinrich Riso. Bei Viktoria führt Paul Hunder die Mannschaft an, in der Mitte des Sturms steht Worpitzky.
»Libero« beschreibt die Leipziger als Team mit zwei sehr guten Flügelstürmern, Karl Uhle rechts und »Bert« Friedrich links. Ihr Innentrio habe aber nicht die Durchschlagskraft des Berliner Innensturms gehabt. Kurz vor der Pause trifft Worpitzky zum 1:0. Nach 52 Minuten erhöht Paul Kugler. Dann wird es noch einmal eng: Riso verkürzt in der 82. Minute auf 2:1. Sechs Minuten lang wackelt der Titel. Dann ist wieder Worpitzky dran, in der 88. Minute, 3:1.
Es ist der zweite Titel für Viktoria. Sechs Spieler werden laut »Libero« an diesem Tag zum zweiten Mal Meister, Worpitzky ist einer von ihnen. Mit vier Toren aus zwei Spielen führt er auch diese Endrunde als Torschütze an. Zum dritten Mal.
»Dennoch waren die Messestädter erst kurz vor Spielende besiegt, einmal mehr versetzte ›Brecher‹ Worpitzky dem Gegner den K.o.«
Zurück ins Tor
Ein Jahr später findet einer ein Mittel gegen ihn. Im Halbfinale 1912 gegen Holstein Kiel neutralisiert der Kieler Spielertrainer Willi Zincke den Berliner Mittelstürmer, »auf dem das Spiel der Viktoria zugeschnitten war«, so »Libero«. Viktoria verliert 1:2 nach doppelter Verlängerung.
Wenige Wochen danach fährt Worpitzky mit der Nationalelf zu den Olympischen Spielen nach Stockholm. Am 29. Juni 1912 geht es gegen Österreich. Deutschland führt zur Pause 1:0. In der zweiten Halbzeit wird Torwart Albert Weber verletzt. Auswechseln darf man nicht. Also geht der Mittelstürmer ins Tor, der ja einmal Torwart war. Wann genau das passiert, schildern die Quellen unterschiedlich. Einig sind sie sich über das Ergebnis: Deutschland verliert 1:5, und Worpitzky muss noch mehrere Gegentore hinnehmen. »Libero« nennt ihn in einer Bildunterschrift »Sturmtank und Ersatzkeeper«.
Sein neuntes und letztes Länderspiel bestreitet er am 6. Oktober 1912 in Kopenhagen, ein 1:3 gegen Dänemark. Er ist 26. In der Stadtauswahl, so »Libero«, verliert er später »an Durchschlagskraft und damit auch seinen Stammplatz«. 1913 scheidet Viktoria im Halbfinale aus. Es ist Worpitzkys letzte Endrunde.
Halle, Pankow und die Trainerbank
Im Ersten Weltkrieg spielt Worpitzky in Halle, erst für den Halleschen FC 1896, dann für Wacker. Laut Wikipedia steht er mit dem HFC im mitteldeutschen Endspiel 1918, das mit 0:2 gegen den VfB Leipzig verloren geht. Nach dem Krieg geht er zum VfB Pankow und hört dort 1921 auf. Im Frühjahr 1924 kommt er noch einmal kurz zurück.
Später trainiert er Vereine in Oranienburg, Pankow, Charlottenburg und Neukölln. Beim VfB Pankow wird er 1948 als »Technischer Leiter« geführt. Willi Worpitzky stirbt am 30. Oktober 1953 in Berlin. »Der einst so populäre Willi Worpitzky«, schreibt »Libero« zum Abschied.
Willi Worpitzky auf einen Blick
Geboren: 25.8.1886 in Bielenberg (Kollmar) laut Wikipedia/Olympedia, in Pankow laut »Libero«
Gestorben: 30.10.1953 in Berlin
Spitzname: »Brecher«, »Schießbude«
Vereine: BSC Minerva 1893, Berliner Ballspiel-Club (als Torwart), BTuFC Viktoria 89 (ab 1907), Hallescher FC 1896 und Wacker Halle (im Ersten Weltkrieg), VfB Pankow (bis 1921, Comeback 1924)
Position: Mittelstürmer, anfangs Torwart
Titel: Deutscher Meister 1908 und 1911, Vizemeister 1909; dreimal Torschützenkönig der Endrunde (1908, 1909, 1911)
Bilanz: 9 Länderspiele, 5 Tore (1909–1912)
Beruf: Techniker
Trainer: u. a. in Oranienburg, beim VfB Pankow, bei der SG Charlottenburg und der SG Neukölln-Mitte
Nationalspieler Nr.: 35 (Debüt 4. April 1909 in Budapest)
Quellen
Wikipedia: Willi Worpitzky · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1910/11 · Olympedia: Willi Worpitzky · RSSSF: Worpitzky – Goals in International Matches · Libero D 3 (IFFHS 1992) · Libero 36 (IFFHS 2002) · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · austriasoccer.at: Österreich – Deutschland 1912 · kulturfalter.de: Hallescher FC von 1896