Paul Fischer – der Eisenbahner im Schlussdreieck
Paul Fischer war Beamter bei der Preußischen Eisenbahn. Links hinten in der Abwehr von Viktoria 89 Berlin stand er in vier Endspielen um die Deutsche Meisterschaft, gewann zwei davon und kam auf zehn Endrundenspiele. Ein Länderspiel machte er auch, eines, an dem die Mannschaft verlor. Sein größter Nachmittag war aber ein anderer: der 7. Juni 1908. An diesem Tag spielte die Nationalelf in Wien, und Fischer war nicht dabei. Er hatte in Tempelhof Wichtigeres zu erledigen.
»Leider wies die Aufstellung der Deutschen verschiedene Lücken auf, so dass wohl sonst ein günstigeres Resultat für die Schwarz-Weißroten herausgekommen wäre.«
Ein Beamter bei den Himmelblauen
Viel Privates ist über Paul Fischer nicht bekannt. Wikipedia nennt als Geburtstag den 6. September 1882, einen Geburtsort gibt keine Quelle an. Das Nachschlagewerk von 1939 nennt als »Heimatort« Berlin und als Beruf »Eisenbahnbeamter«.
1902 kommt er zum Berliner Thor- und Fußball-Club Viktoria 89, den Himmelblauen. Dort spielt er meistens als linker Verteidiger. Viktoria hat ab 1905 einen eigenen Platz an der Eisenacher Straße in Mariendorf, für 10.000 Zuschauer. In den folgenden Jahren wird der Verein zur Macht in Berlin: Berliner Meister 1907, 1908, 1909 und 1911, dazu dreimal der Berliner Pokal. Fischer ist jedes Mal dabei.
Endrunden-Stammgast
Der Berliner Meister darf zur Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Damals heißt das: K.-o.-Spiele, kein Rückspiel. Fischer bestreitet am 21. April 1907 sein erstes Endrundenspiel, ein 2:1 gegen den SC Schlesien Breslau. Im Halbfinale gewinnt Viktoria 4:1 in Hamburg. Im Endspiel am 19. Mai 1907 in Mannheim unterliegt die Mannschaft dem Freiburger FC mit 1:3.
Fast ein Jahr später folgt sein einziger Einsatz in der Nationalelf. Am 20. April 1908 spielt Deutschland zum ersten Mal zu Hause, auf Viktorias eigenem Platz in Mariendorf, gegen die englischen Amateure. Fischer verteidigt links, neben ihm steht Otto Hantschick von Union 92, dahinter Torwart Paul Eichelmann. Wikipedia nennt die drei Berliner das »Schlussdreieck«. Es schneit, 6.000 Zuschauer sind da, und England gewinnt 5:1. Der Reporter der »Mariendorfer Zeitung« findet trotzdem ein Lob. Laut Tagesspiegel habe außer den Berlinern hinten fast die ganze Mannschaft »sehr mangelhaft« gespielt. Die Berliner hingegen: »hervorragend«. Für die Nationalelf wird Fischer danach nicht mehr berufen.
Der große Tag: Meister in Tempelhof (Juni 1908)
Einige Wochen später geht es bei Viktoria wieder um die Meisterschaft. Im Viertelfinale gewinnen die Berliner am 3. Mai 1908 in Königsberg 7:0, im Halbfinale am 17. Mai in Magdeburg 4:0 gegen Wacker Leipzig. Fischer steht beide Male in der Abwehr.
Das Endspiel findet am 7. Juni 1908 auf dem Germania-Platz in Tempelhof statt, also in Berlin. Gegner sind die Stuttgarter Kickers. 4.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist Otto Götzel aus Hamburg. Viktoria kann in Bestbesetzung antreten: Skranowitz im Tor, Hahn und Fischer in der Verteidigung, Kapitän Paul Hunder in der Läuferreihe, vorne Willi Worpitzky und Helmut Röpnack. Den Kickers fehlen dagegen zwei wichtige Leute. Otto Löble bekommt vom Militär keinen Urlaub, Karl Reich ist verletzt.
Am selben Tag verliert die Nationalelf in Wien 2:3 gegen Österreich. In der Aufstellung stehen andere Berliner, aber kein Viktorianer.
Schon nach sechs Minuten schießt Worpitzky das 1:0. Dann passiert lange nichts, was die Chroniken festgehalten hätten. Laut Wikipedia fällt die Entscheidung erst in der Schlussphase. In der 84. Minute trifft Worpitzky zum zweiten Mal, zwei Minuten später verkürzt Rudolf Ahorn für die Kickers. Doch in der 89. Minute macht Röpnack mit dem 3:1 alles klar. Laut Libero patzte Stuttgarts Torwart Hermann Bürkle bei den Gegentoren, und die Berliner Läuferreihe war die routiniertere. Viktoria 89 ist zum ersten Mal Deutscher Meister. Paul Fischer hat alle drei Endrundenspiele bestritten, und in allen dreien kassierte Viktoria nur dieses eine Tor.
»So wanderte die ›Jungfrau Viktoria‹ nach 1905 zum 2. Mal nach Berlin.«
Noch zwei Endspiele, dann Vorwärts
Viktoria bleibt oben. 1909 steht Fischer wieder im Finale, diesmal am 30. Mai in Breslau gegen Phönix Karlsruhe. Laut Wikipedia hat er an diesem Tag vor allem mit dem Rechtsaußen Karl Wegele zu tun, der später Nationalspieler wird. Karlsruhe gewinnt 4:2, nur 1.500 Zuschauer sehen zu. Der Libero schreibt, dieses Endspiel hätte mehr Publikum verdient gehabt.
Der zweite Titel kommt 1911. Viertel- und Halbfinale verpasst Fischer, aber im Endspiel am 4. Juni 1911 in Dresden gegen den VfB Leipzig steht er wieder hinten links. Diesmal kommen 12.000 Zuschauer. Worpitzky trifft zweimal, Paul Kugler einmal, und Viktoria gewinnt wie 1908 mit 3:1. Es ist Fischers zehntes und letztes Endrundenspiel.
Danach wechselt er zum zweitklassigen BFC Vorwärts 90 und lässt dort bis 1914 seine Laufbahn ausklingen. Das Buch von 1939 führt als zweiten Verein »Blau-Weiß Berlin«, den späteren Namen. Paul Fischer stirbt laut Wikipedia am 6. Februar 1942. Einen Ort nennen die Quellen nicht.
Paul Fischer auf einen Blick
Geboren: 6.9.1882 (Ort unbekannt; Heimatort Berlin)
Gestorben: 6.2.1942 (Ort unbekannt)
Vereine: BTuFC Viktoria 89 Berlin (1902–1911), BFC Vorwärts 90 Berlin (1911–1914)
Position: linker Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1908 und 1911, Finalist 1907 und 1909, Berliner Meister 1907, 1908, 1909, 1911, Berliner Pokalsieger 1907, 1908, 1909
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1908); 10 Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft
Beruf: Eisenbahnbeamter
Nationalspieler Nr.: 14 (Debüt 20.4.1908 gegen England Amateure)
Quellen
Die deutschen Nationalspieler (1939) · Paul Fischer – Wikipedia · Deutsche Fußballmeisterschaft 1907/08 – Wikipedia · Fußballländerspiel Deutschland – England 1908 – Wikipedia · Viktoria-Platz (Berlin) – Wikipedia · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3 (1992) · Kicker-Almanach 1996 · Tagesspiegel: Anstoß in Berlin-Mariendorf (2007)