Fritz Baumgarten – der Schulschwänzer im ersten Tor
Wer die Liste der deutschen Nationalspieler aufschlägt, landet zuerst bei einem Torwart. Fritz Baumgarten vom BFC Germania 1888 stand am 5. April 1908 in Basel zwischen den Pfosten, als eine deutsche Auswahl zum ersten Mal ein offizielles Länderspiel bestritt. Für die Reise in die Schweiz musste er die Schule schwänzen. Die Bilanz ist kurz: ein Spiel, fünf Gegentore, eine Niederlage. Aber diesen einen Nachmittag im Regen von Basel kann ihm niemand nehmen.
»Es machte beinahe den Eindruck, als wenn das Auftreten unserer Mannschaft und ihrer Begleiter der eigentliche Hauptzweck des Länderspiels sei.«
Vom Tennis-Club ins Tor der Germania
Fritz Wolffgang Werner Baumgarten kommt am 21. Dezember 1886 in Steglitz zur Welt, damals ein Vorort, heute ein Teil Berlins. Er besucht das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin. Fußball spielt er trotzdem. Schon mit 17 steht er beim Berliner Tennis-Club Borussia im Tor, dem Verein, den man heute als Tennis Borussia kennt.
Zur Saison 1906/07 wechselt er zum Stadtrivalen BFC Germania 1888. Das ist nicht irgendein Klub: Germania gilt als ältester noch bestehender Fußballverein Deutschlands. Sportlich läuft es wechselhaft. 1908 kommt Germania im Berliner Pokal bis ins Halbfinale und scheitert dort an Viktoria 89, dem späteren Deutschen Meister. Ein Jahr später steigt die Mannschaft ab.
Mehr über den Torwart Baumgarten verraten die Quellen nicht. Kein Spitzname, keine Anekdote über Paraden, kein Urteil eines Reporters. Er ist, das muss man ehrlich sagen, vor allem durch einen einzigen Tag in die Geschichtsbücher gekommen.
Elf Spieler aus elf Vereinen
Wie wurde man 1908 Nationalspieler? Nicht durch Leistung allein. Einen Trainer gab es nicht. Der DFB hatte erst im Februar 1908 beschlossen, überhaupt Länderspiele auszutragen. Die Auswahl übernahm der Spielausschuss unter Hugo Kubaseck, und der musste die Regionalverbände nach einem Schlüssel bedienen. Vier Süddeutsche, drei Westdeutsche, zwei Mitteldeutsche, ein Norddeutscher – und ein Berliner. Dieser eine Berliner war Fritz Baumgarten.
Dass ausgerechnet er fuhr, hatte auch mit dem Terminkalender zu tun. Am selben Tag spielten zwei Berliner Stadtauswahlen gegen Wien und Leipzig, gespickt mit späteren Nationalspielern. Die Hauptstadt war also anderweitig beschäftigt.
Für Baumgarten, 21 Jahre alt, gab es ein anderes Problem: die Schule. Er war noch Gymnasiast, laut Wikipedia ein »angehender Abiturient«. Also schwänzte er. Der Tagesspiegel formulierte es 2008 knapp: »Torwart Fritz Baumgarten schwänzte die Schule, um in Basel dabei zu sein.«
Reich wurde dabei niemand. Die Spieler reisten einzeln an. Neben der Fahrkarte gab es 20 Mark Spesen. Die sollten für drei Tage Unterkunft und Verpflegung reichen.
Der große Tag: Regen in Basel (April 1908)
Sonntag, 5. April 1908, Basel. Das offizielle Programm verspricht nicht weniger als »die 11 besten Spieler von Deutschland gegen die 11 besten Spieler der Schweiz«. Die meisten dieser besten Spieler Deutschlands haben sich erst im Zug oder im Hotel kennengelernt.
Um neun Uhr morgens ist Kleiderappell beim DFB-Schatzmeister Wilhelm Behm. Die Trikots sind schwarz, mit weißen Ärmeln und einem großen Reichsadler auf der Brust. Danach holen die Schweizer Gastgeber die Deutschen zur Stadtrundfahrt ab, samt Zoo und einem Gläschen Bier. Der amtliche DFB-Bericht notiert dazu trocken, bei der Frage nach den Siegchancen sei »keine Einigung zu erzielen« gewesen, »denn jede Partei ›wollte‹ verlieren«.
Gespielt wird am Landhof, dem Platz des FC Basel. Eine Schokoladenfabrik hat eine Extratribüne für 700 Zuschauer bezahlt, darauf der Spruch »Chocolade LUCERNA isst die ganze Welt!«. Insgesamt kommen 3.500 bis 4.000 Menschen, je nach Quelle. Schiedsrichter ist H. P. Devitte, ein in der Schweiz lebender Brite. Es regnet.
Der Start gelingt. Schon in der 6. Minute trifft Fritz Becker zum 1:0 für Deutschland. Dann kippt das Spiel. Nach dem Ausgleich durch Hans Kämpfer prasselt Hagel auf den Platz, danach folgt Dauerregen. Der Boden wird schlüpfrig. In der 28. Minute köpft Baumgartens Vordermann Ernst Jordan einen Freistoß ins eigene Netz, vier Minuten später steht es 3:1 für die Schweiz. Fritz Förderer und noch einmal Becker verkürzen nach der Pause, doch Kapitän Siegfried Pfeiffer und in der 89. Minute erneut Kämpfer machen den Schweizer Sieg perfekt. Endstand 5:3.
Wie Baumgarten selbst gehalten hat, ist nicht überliefert. Die Kritik traf vor allem die Verteidiger vor ihm. Die Basler Nachrichten lobten den deutschen Angriff und fanden die Schwäche weiter hinten:
»Die Schwäche der Mannschaft waren die Backs, die gegenüber den Sturmangriffen der Schweizerstürmer Kämpfer und Pfeiffer zu wenig Energie entwickelten.«
Am Abend folgt das eigentliche Pflichtprogramm: ein Bankett im Smoking, laut Tagesspiegel im Hotel Metropol (der DFB nennt den »Bären«). Mitspieler Becker hatte seinen eigens geliehen. Für Baumgarten war es das erste und letzte Länderspiel. Zwei Wochen später gegen England stand Paul Eichelmann im deutschen Tor.
Arzt statt Torwart
Nach Basel geht es für Baumgarten im Vereinsfußball weiter, aber nicht mehr lange bei Germania. Spätestens 1911 hütet er das Tor von Britannia 92, bis ihn dort im Herbst 1913 ein neuer Keeper verdrängt. 1914/15 spielt er für den SC Schlesien Breslau, danach noch drei Spielzeiten für den Berliner SV 92, wie die Britannia inzwischen heißt. 1917/18 ist er als Aufsteiger noch einmal in der höchsten Berliner Spielklasse dabei.
Nebenher wird aus dem Schulschwänzer ein Mediziner. Baumgarten studiert in Königsberg und wird dort 1918 promoviert. Das Thema seiner Doktorarbeit aus der Psychiatrischen Universitätsklinik lautet »Über hysterische Gangstörungen bei Kriegsteilnehmern«. Ob er selbst im Krieg diente, geht aus den Quellen nicht hervor. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 führt ihn schlicht mit dem Beruf »Arzt«.
Laut der Mitgliederkartei im Bundesarchiv beantragte Baumgarten im Juni 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen.
Fritz Baumgarten stirbt am 17. Mai 1961. Wo, ist nicht bekannt. Er war 74 Jahre alt.
Fritz Baumgarten auf einen Blick
Geboren: 21.12.1886 in Steglitz (heute Berlin)
Gestorben: 17.5.1961 (Ort unbekannt)
Vereine: Berliner Tennis-Club Borussia (1904–1906), BFC Germania 1888 (1906–spätestens 1911), Britannia 92 Berlin (bis 1913/14), SC Schlesien Breslau (1914–1915), Berliner SV 92 (1915–1918)
Position: Torwart
Titel: keine
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1908)
Beruf: Arzt (Dr. med., Königsberg 1918)
Nationalspieler Nr.: 01 (Debüt 5.4.1908 in Basel gegen die Schweiz)
Quellen
Wikipedia: Fritz Baumgarten (Fußballspieler) · Wikipedia: Fußballländerspiel Schweiz – Deutschland 1908 · Wikipedia: BFC Germania 1888 · Spiegel einestages: Der schwarze Tag von Basel · Tagesspiegel: Acht Tore und ein Smoking voller Saucenflecken · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3 (1992) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · DFB-Datencenter