Otto Löble – der Mittelstürmer, der in der 142. Minute traf
Wie lange dauert ein Fußballspiel? Am 10. April 1910 in Mariendorf lautete die Antwort: so lange, bis einer trifft. Nach 90 Minuten stand es unentschieden, nach 120 auch, nach 140 immer noch. Dann traf Otto Löble. Der Mittelstürmer der Stuttgarter Kickers, 1,85 Meter groß, bestritt vier Länderspiele und verlor nur eines davon. Aber sein großer Tag war ein Pokalfinale der Regionalauswahlen, das in die Geschichte einging, weil es einfach nicht aufhören wollte.
»Allerdings mußten die Stuttgarter auf ihren Sturmtank Otto Löble verzichten.«
Ein Kickers-Junge aus Stuttgart
Otto Ernst Löble wird am 27. Oktober 1888 in Stuttgart geboren. Ab 1903 spielt er laut Kickersarchiv in der Jugend der Stuttgarter Kickers, ab 1907 spielt er in der ersten Mannschaft. Dabei bleibt es, fast zwei Jahrzehnte lang, mit einer kurzen Unterbrechung. Das Nationalspielerlexikon von 1939 hält fest: »Stammposten: Mittelstürmer«. Das Kickersarchiv ergänzt die Größe, 1,85 Meter. Für die Zeit ist das stattlich. Die Statistiker der IFFHS nennen ihn Jahrzehnte später einen »Sturmtank«.
Die erste Saison ist gleich ein Volltreffer. Die Kickers gewinnen 1908 den Gau Schwaben, den Südkreis und die süddeutsche Meisterschaft. Damit sind sie in der Endrunde um den deutschen Titel. Im Viertelfinale am 3. Mai 1908 in Pforzheim gegen den Freiburger FC steht Löble im Sturm. Freiburg gewinnt 1:0, doch die Kickers protestieren gegen den Schiedsrichter, und der DFB annulliert das Spiel, weil die Freiburger vorzeitig vom Platz wollten.
Im Wiederholungsspiel fehlt Löble. Er ist laut Libero »angeschlagen«, die Kickers gewinnen trotzdem 5:2. Im Endspiel am 7. Juni 1908 in Berlin fehlt er wieder. Warum, darüber sind sich die Quellen nicht einig: Wikipedia schreibt, er habe vom Militär keine Freistellung bekommen, Libero nennt eine Verletzung. Ohne ihn verlieren die Kickers 1:3 gegen Viktoria 89. Deutscher Vizemeister also, aber ohne Löble auf dem Platz.
Mittelstürmer in der Nationalelf
Am 4. April 1909 steht Löble erstmals in der Nationalmannschaft. In Karlsruhe spielt eine rein süddeutsche Elf gegen die Schweiz, zeitgleich spielt eine zweite deutsche Auswahl in Budapest. Löble ist der Mittelstürmer, zwischen Fritz Förderer und Eugen Kipp. Kipp schießt kurz vor der Pause das einzige Tor. Es ist der erste Sieg in der deutschen Länderspielgeschichte.
Ein Jahr später, am 3. April 1910, spielt Löble wieder gegen die Schweiz, diesmal in Basel. Mit dabei ist sein Kickers-Kollege Paul Kühnle, der als Verteidiger debütiert. Deutschland gewinnt 3:2, Kipp trifft zweimal. Und schon eine Woche später wartet das nächste Finale.
Der große Tag: 142 Minuten Mariendorf (April 1910)
Der Kronprinzenpokal ist der Wettbewerb der Regionalverbände. Jeder Landesverband schickt seine Auswahl. Süddeutschland schlägt im Herbst 1909 erst Westdeutschland 3:0, dann im Halbfinale in Nürnberg Mitteldeutschland 6:2. Löble trifft dort zum 4:1.
Das Finale steigt am 10. April 1910 auf dem Viktoria-Platz in Mariendorf bei Berlin. 4.000 Zuschauer sind gekommen, Schiedsrichter ist Bartels aus Hannover. Gegner ist die Berliner Auswahl mit Willi Worpitzky, den die IFFHS-Statistiker einen »Brecher« nennen, Mittelstürmer von Viktoria 89. Der Süden hat die Karlsruher Max Breunig und Fritz Förderer dabei, Karl Wegele von Phönix, Karl Burger aus Fürth, Eugen Kipp von den Sportfreunden – und aus dem eigenen Verein Hans Krebs in der Läuferreihe.
Worpitzky bringt Berlin in Führung. Dann dreht der Süden auf: Breunig trifft per Elfmeter, Wegele, dazu ein Eigentor des Berliner Torwarts Christian Schmidt. Zur Pause steht es 3:1 für den Süden. Löble erhöht auf 4:1. Das Spiel scheint entschieden.
Ist es nicht. Edwin Dutton verkürzt, Worpitzky trifft und dann noch einmal per Elfmeter. 4:4 nach 90 Minuten. Verlängerung, und nach 120 Minuten steht es immer noch 4:4. Also wird noch einmal verlängert, zweimal zehn Minuten. Förderer bringt den Süden in Führung, Worpitzky gleicht in der 139. Minute aus, sein viertes Tor an diesem Tag. 5:5.
Nach 140 Minuten gibt es keine weitere Frist mehr. Gespielt wird, so vermerkt es Wikipedia, »bis zur Entscheidung«. Wer das nächste Tor schießt, hat gewonnen. Heute würde man es Golden Goal nennen. In der 142. Minute fällt es. Der Schütze: Otto Löble. 6:5 für Süddeutschland.
Der Süden gewinnt damit zum ersten Mal den Kronprinzenpokal. Löble kommt in dem Wettbewerb auf drei Spiele und drei Tore. Das Kickersarchiv führt ihn seither als »Kronprinzenpokalsieger 1910«. Das Nachsehen hat unter anderen Ernst Poetsch in der Berliner Läuferreihe.
Ein Jahr später steht Löble wieder in einem Kronprinzenpokal-Finale, wieder in Mariendorf, diesmal gegen Norddeutschland. Und wieder wird verlängert. In der 102. Minute schießt Löble den Süden 2:1 in Führung. Eine Minute vor Ende der ersten Verlängerung gleicht der Norden aus, in der zweiten trifft Ernst Möller aus Kiel zweimal. 2:4. Diesmal reicht es nicht.
»Während die Stuttgarter mit einem neuen Stürmer für den angeschlagenen Otto Löble antraten, vertraute der Titelverteidiger auf die gleichen 11 Akteure.«
Examen, Frankfurt und die Reichsbahn
Die Länderspiele kommen in großen Abständen. Am 5. Mai 1912 in St. Gallen gewinnt Deutschland wieder gegen die Schweiz, 2:1, mit Löble in der Mitte. Am 21. März 1913 folgt das letzte, in Mariendorf gegen Englands Amateure. 17.000 Zuschauer sehen ein 0:3. Vier Spiele, drei Siege, alle drei gegen die Schweiz, kein eigenes Tor.
In der Saison 1912/13 fehlt Löble den Kickers oft. Das Kickersarchiv nennt den Grund: »wegen Examen«. Die Kickers werden trotzdem Süddeutscher Meister, in der deutschen Endrunde aber scheiden sie gegen den Duisburger SV aus, ohne ihren »Sturmtank«. In der Rückrunde 1913/14 spielt Löble beim Frankfurter FV, der Nordkreismeister wird. Dann kehrt er nach Stuttgart zurück.
Er bleibt bis 1925. Die Kickers werden 1917 noch einmal Süddeutscher Meister, später zweimal Kreismeister in Württemberg und 1924 und 1925 Bezirksmeister Württemberg/Baden. Löble ist da schon Mitte dreißig. Laut Kickersarchiv ist er Träger der Ehrennadel des DFB.
Beruflich geht er zur Reichsbahn. 1939 steht im Lexikon »Beruf: Reichsbahnoberrat«. Laut Kickersarchiv arbeitet er später als Reichsbahnrat in Erfurt, 1953 noch dort, zuletzt als Reichsbahnoberrat in Wiesbaden.
Am 6. Juli 1937 beantragt Otto Löble die Aufnahme in die NSDAP. Er wird rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen, Mitgliedsnummer 5.969.390. So steht es, gestützt auf die Mitgliederkartei im Bundesarchiv, bei Wikipedia.
Otto Löble stirbt am 26. Mai 1967 in Wiesbaden. Die Traueranzeige erscheint in der Stuttgarter Zeitung, dazu eine Anzeige vom Altenkreis der Stuttgarter Kickers.
Otto Löble auf einen Blick
Geboren: 27.10.1888 in Stuttgart
Gestorben: 26.5.1967 in Wiesbaden
Vereine: Stuttgarter Kickers (1907–1925, Jugend ab 1903), Frankfurter FV (Rückrunde 1913/14)
Position: Mittelstürmer
Titel: Süddeutscher Meister 1908, 1913, 1917; Kronprinzenpokal 1910 (mit Süddeutschland); Deutscher Vizemeister 1908 (im Endspiel nicht eingesetzt)
Bilanz: 4 Länderspiele, 0 Tore (1909–1913)
Beruf: Reichsbahnbeamter, zuletzt Reichsbahnoberrat
Nationalspieler Nr.: 43 (Debüt 4. April 1909 in Karlsruhe gegen die Schweiz)
Quellen
Wikipedia: Otto Löble · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1910/11 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1907/08 · Das Kickersarchiv: Otto Löble · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D3 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996 · Stadtarchiv Karlsruhe: Erster deutscher Länderspiel-Sieg