Max Breunig – der »Bomber« vom Elfmeterpunkt
Er hat geweint, als man ihm seinen Lieblingsposten nahm. Max Breunig war Linksaußen beim Karlsruher FV, mit einem linken Fuß wie ein Hammer. Dann erklärte ihm der englische Trainer William Townley, er sei ab sofort Mittelläufer. Breunig wollte die Schuhe an den Nagel hängen. Zum Glück hörte er auf seine Kameraden: Er wurde, so das Lexikon von 1939, »der Mittelläufer Deutschlands«. Deutscher Meister 1910, neun Länderspiele, siebenmal Kapitän. Und an einem Sonntag im Mai 1910 stand er in Köln zweimal am Elfmeterpunkt.
»Mit einer bis ins Letzte durchgebildeten Balltechnik verband er hohes taktisches Verständnis, und vor der Wucht seiner Schüsse zitterten Torhüter und Tornetze.«
Tränen auf dem KFV-Platz
Max Breunig kommt am 12. November 1888 in Stein zur Welt, heute ein Teil von Königsbach-Stein. So steht es im Stadtlexikon Karlsruhe. Das Lexikon von 1939 nennt dagegen den 12. Juni und Karlsruhe als Heimat. Aufgewachsen ist er laut Karlsruher Stadtwiki am Engländerplatz, mitten in der Stadt.
1905 rückt er in die erste Mannschaft des Karlsruher FV auf, zunächst als Aushilfe, dann mit 16½ Jahren als Stammspieler. Der Junge ist ein Brocken: Wikipedia misst 1,96 Meter. Er spielt Linksaußen und liebt es. Von dort, schreibt das Lexikon von 1939, »brachte er seine sagenhaft scharfen Schüsse mit dem linken Bein an«. Die Statistiker von Libero überliefern auch den passenden Spitznamen: »Bomber«.
Dann kommt William Townley. Der Engländer trainiert den KFV und hat einen Plan. Das Lexikon erzählt die Szene genüsslich: »Wie eine Bombe platzte die Mitteilung eines Abends in die Mannschaftssitzung auf dem KFV-Platz, als William Townley mit unerschütterlicher Ruhe verkündete: der Linksaußen Breunig werde fortab als Mittelläufer spielen.« Breunig empfindet das als Zurücksetzung. Er fängt an zu weinen und will aufhören. Die Kameraden aber lassen sich von Townley überzeugen, und Breunig gibt »schließlich klein bei«.
Er merkt schnell, dass man sich in der Mitte »nach Herzenslust austoben« kann. Tore schießen darf man da auch. Der Mittelläufer jener Zeit ist kein Abwehrchef, sondern der Taktgeber des ganzen Spiels. Genau das wird Breunig. Townley hatte recht.
Ein Mann für die Elfmeter
Im Herbst 1909 steht Breunig bereits in der Auswahl Süddeutschlands. Im Halbfinale des Kronprinzenpokals gegen Mitteldeutschland verwandelt er in der fünften Minute einen Elfmeter. Im Finale am 10. April 1910 in Berlin wieder: Elfmeter, Tor, 1:1. Süddeutschland gewinnt nach 142 Minuten mit 6:5. Drei Wochen später, im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft gegen den Stadtrivalen Phönix, trifft er erneut vom Punkt.
Man ahnt ein Muster: In all diesen Spielen ist es Breunig, der sich den Ball hinlegt. Dass das nicht immer gut geht, zeigt ausgerechnet das Endspiel.
Der große Tag: Das Finale von Köln (Mai 1910)
Sonntag, 15. Mai 1910, Weidenpescher Park in Köln. Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Der Karlsruher FV gegen Holstein Kiel. 5.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist Max Grafe aus Leipzig. Beim KFV stehen der Trainer Townley an der Linie und ein Sturm auf dem Platz, der bald berühmt wird: Förderer, Fuchs, Hirsch. Hinter ihnen, in der Mitte der Läuferreihe, der 21-jährige Breunig. Bei Kiel stürmt ein junger Halblinker namens Willi Fick.
Die Kieler Fans erleben die erste Enttäuschung schon vor dem Anpfiff. Holstein-Präsident Karl Möller erinnert sich, dass die Schlachtenbummler nicht mit der Mannschaft durch die Seitentür durften: Sie mussten am Haupteingang »1,10 Mark pro Mann entrichten«.
Auf dem Platz stürmt der KFV, und Kiel verteidigt. Die Eckbälle stehen am Ende 12:2. Noch in der ersten Halbzeit gibt es Handelfmeter für Karlsruhe. Breunig tritt an und verschießt. Der Kieler Torwart Friese hält den Laden dicht, nach 90 Minuten steht es 0:0. Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Meisterschaft muss ein Endspiel in die Verlängerung.
In der 114. Minute wird Julius Hirsch im Strafraum gestoppt, nach Ansicht des Schiedsrichters regelwidrig. Wieder Elfmeter. Wieder Breunig. Libero schreibt, er habe ihn »diesmal mit großer Wucht« verwandelt. Friese ist noch dran, aber der Ball ist drin. 1:0. Der KFV ist Deutscher Meister.
Die Pointe liefert Libero gleich mit. Ein Jahr zuvor hatte Phönix Karlsruhe den Titel geholt. »So blieb die ›Jungfrau Viktoria‹ in Karlsruhe, wechselte nur den Verein.« Die Karlsruher Stadtwiki weiß noch mehr: Der Ball habe das Netz zerrissen. Einen Beleg dafür nennt sie nicht.
»In der Läuferreihe war Breuning der Turm in der Schlacht. Er war ohne Überhebung der beste Mann der Deutschen, wenn nicht gar des ganzen Feldes.«
Kapitän ohne Glück
Drei Wochen vor dem Finale, am 24. April 1910, hatte Breunig in Arnheim gegen Holland sein erstes Länderspiel bestritten. Deutschland verlor 2:4. Laut DFB-Datencenter verschoss er dort in der 75. Minute einen Elfmeter.
Im März 1911 macht der DFB etwas Neues. Er holt gleich vier Karlsruher in die Elf: Hollstein, Breunig, Förderer, Fuchs. Breunig ist Kapitän. In Stuttgart schlägt Deutschland die Schweiz vor 8.000 Zuschauern mit 6:2. Breunig trifft per Elfmeter zum 2:0. Es bleibt sein einziges Länderspieltor. Die Stuttgarter, schreibt das Lexikon 1939, erzählten noch lange von diesem Schuss »mit unheimlicher Kraft«.
Siebenmal führt Breunig die Nationalelf als Kapitän aufs Feld. Nur ein Spiel davon gewinnt sie, eben jenes in Stuttgart. Beim 5:5 in Zwolle 1912 unterläuft ihm ein Eigentor, in Leipzig verschießt er gegen Holland einen Elfmeter. Bei den Olympischen Spielen in Stockholm führt er die Elf am 29. Juni 1912 gegen Österreich an. Zur Pause steht es 1:0 für Deutschland, dann verletzt sich Torwart Albert Weber, Mittelstürmer Worpitzky muss ins Tor. Am Ende heißt es 1:5.
Im September 1913 wechselt Breunig zum 1. FC Pforzheim. Für die neuen Farben spielt er noch zweimal in der Nationalelf. Das 1:4 gegen Dänemark in Hamburg verliert Deutschland zwar deutlich, doch die Zeitschrift »Fußball« findet, Breunig habe seinen berühmten dänischen Gegenspieler Nils Middelboe »in den Schatten« gestellt.
Der Lehrer
Der Erste Weltkrieg unterbricht die Laufbahn, eine Kriegsverletzung beendet sie. Breunig, laut Stadtlexikon gelernter Bankkaufmann, wird Fußballlehrer. Er trainiert Pforzheim, den KFV, einen Verein in Basel, 1925 den Rheydter Spielverein. Dort, so eine spätere Vereinschronik, »verbesserte er wesentlich die Spielkultur«.
Im Dezember 1924 holt ihn auch der DFB, allerdings nicht als Bundestrainer. So weit ist man noch nicht. Die Geschichte der Nationalmannschaft beschreibt es spitz: Statt eines verantwortlichen Trainers habe man »lediglich einen ›Berater‹« engagiert. Seine Aufgabe: den Spielern die neue Abseitsregel beibringen.
Seinen größten Erfolg als Trainer feiert er in München. Mit 1860 erreicht er 1927 das Halbfinale um die Meisterschaft und 1931 das Endspiel. Gegen Hertha BSC gehen die Löwen zweimal in Führung und verlieren doch 2:3, durch ein Tor in der 89. Minute. Später trainiert er noch den VfR Mannheim, Wacker München und im Krieg und danach wieder den KFV.
Zum 1. Mai 1933 tritt Breunig der NSDAP bei. Nach dem Krieg wird er im Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer eingestuft, so das Stadtlexikon. Max Breunig stirbt am 4. Juli 1961 in Pforzheim, 72 Jahre alt. Der KFV machte ihn laut Stadtwiki zum Ehrenspielführer.
Max Breunig auf einen Blick
Geboren: 12.11.1888 in Stein (heute Königsbach-Stein); abweichend 12.6.1888, Karlsruhe
Gestorben: 4.7.1961 in Pforzheim
Spitzname: »Bomber« (laut Libero)
Vereine: Karlsruher FV (1905–1913), 1. FC Pforzheim (ab 1913)
Position: Mittelläufer (vorher Linksaußen und Verteidiger)
Titel: Deutscher Meister 1910; Kronprinzenpokal 1910 und 1912
Bilanz: 9 Länderspiele, 1 Tor (1910–1913), davon 7 als Kapitän
Beruf: Bankkaufmann, später Sportlehrer und Trainer
Trainer: u. a. 1. FC Pforzheim, Karlsruher FV, Basel, Rheydter SV, TSV 1860 München (Vizemeister 1931), VfR Mannheim, Wacker München; 1924 Berater der Nationalelf
Nationalspieler Nr.: 53 (Debüt 24. April 1910 in Arnheim gegen die Niederlande)
Quellen
Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 · Libero D 3/1992 · Fußball-Weltzeitschrift/Libero International · Kicker-Almanach 1996 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Oberliga West 1950/51 · Wikipedia: Max Breunig · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1909/10 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · Stadtlexikon Karlsruhe · Stadtwiki Karlsruhe · DFB-Datencenter · voetbalstats.nl