Gustav Unfried – vom Kickers-Läufer zum Landmesser in Ostafrika
Gustav Unfried hatte es eilig. Mit 13 Jahren trat er den Stuttgarter Kickers bei, mit 19 stand er im Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Ein Jahr später spielte er in Berlin und bald darauf für Deutschland. Vier Monate nach seinem einzigen Länderspiel war er in Afrika. Dort vermaß er Land, zog in den Krieg und geriet in Gefangenschaft. Als er Ende 1919 nach Stuttgart zurückkehrte, blieb ihm nicht mehr viel Zeit.
»Wieder einmal überzeugte die Läuferreihe der Kickers. Zu ihr gehörte der vielseitige Gustav Unfried …«
Ein Kickers-Junge
Gustav Unfried wird am 24. März 1889 in Stuttgart geboren. So steht es bei Wikipedia und im Archiv seines Vereins. Ganz sicher ist das nicht: Die Kickers-Chronisten haben seine Todesanzeige gefunden, und danach wäre er älter gewesen.
Mit 13 kommt er zu den Stuttgarter Kickers, 1902 ist das. Er wird Läufer. Die Statistiker von Libero nennen ihn »vielseitig«. Mehr über seine Spielweise verraten die Quellen nicht.
1908 sind die Kickers süddeutscher Meister und ziehen in die Endrunde ein. Der Weg ins Finale ist kurios. Das Viertelfinale in Pforzheim verlieren die Stuttgarter 0:1 gegen den Titelverteidiger Freiburger FC. Doch der DFB annulliert das Spiel, weil die Freiburger vorzeitig den Platz verlassen wollten. Das Wiederholungsspiel gewinnen die Kickers 5:2. Im Halbfinale in Frankfurt, auf einem Platz unter Wasser, schlagen sie den Duisburger SV 5:1. Das Duisburger Ehrentor in der 85. Minute ist ein Eigentor. Der Schütze: Gustav Unfried.
Der große Tag: Das Endspiel von Tempelhof (Juni 1908)
Sonntag, 7. Juni 1908, Germania-Platz in Tempelhof bei Berlin. 4.000 Zuschauer, Schiedsrichter ist Otto Götzel aus Hamburg. Die Kickers treffen auf den Berliner TuFC Viktoria 89. Die Berliner können in Bestbesetzung antreten. Den Stuttgartern fehlen Otto Löble und Karl Reich. Reich ist sonst der Mittelläufer, also rückt der 19-jährige Unfried in die Mitte der Läuferreihe.
Es geht schlecht los. Schon in der sechsten Minute trifft Willi Worpitzky zum 1:0 für Viktoria. Danach passiert lange nichts Zählbares. Die Berliner Läuferreihe mit Willi Knesebeck und Paul Hunder erweist sich als die routiniertere. Aber entschieden ist das Spiel erst in der Schlussphase.
In der 84. Minute trifft wieder Worpitzky, 2:0. Zwei Minuten später verkürzt Rudolf Ahorn auf 2:1. Die Hoffnung hält drei Minuten: In der 89. Minute macht Helmut Röpnack alles klar. Viktoria ist zum ersten Mal Deutscher Meister. Libero vermerkt, dem Stuttgarter Torhüter Hermann Bürkle seien bei den Gegentreffern »Schnitzer« unterlaufen.
Für Unfried bleibt es das einzige Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Mehrere Männer auf dem Platz werden wie er in den nächsten Jahren Nationalspieler: die Berliner Worpitzky, Röpnack und Dumke und sein Kickers-Kapitän Paul Kühnle.
Ein Jahr in Berlin
Im Herbst 1909 spielt Unfried noch für Süddeutschland im Kronprinzenpokal. Beim 6:2 gegen Mitteldeutschland in Nürnberg schießt er in der 75. Minute das letzte Tor. Den Pokal gewinnt Süddeutschland im April 1910, im Finale steht er aber nicht mehr in der Mannschaft.
In derselben Saison spielt er allerdings in Berlin, beim BFC Preussen. Wann genau er wechselte, ist nicht überliefert. Libero schreibt, die Preussen hätten sich mit ihm und Alfred Gelbhaar »verstärkt«. Es funktioniert: Preussen bleibt in der Berliner Liga in 16 Spielen ungeschlagen und wird Meister. Unfried spielt Mittelläufer.
Im Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft geht es am 17. April 1910 in Hamburg gegen Holstein Kiel. Preussen führt durch Walter Sorkale, verliert aber 1:4. Einer der Kieler Torschützen heißt Willi Fick. Eine Woche später stehen Unfried und Fick in derselben Mannschaft.
Ein Länderspiel, dann Afrika
Am 24. April 1910 spielt Deutschland in Arnheim gegen die Niederlande. Unfried ist linker Läufer, neben Ernst Poetsch und dem Karlsruher Max Breunig. 10.000 Zuschauer sehen ein Spiel, das Deutschland zur Pause mit 2:1 anführt, durch Tore von Eugen Kipp und eben Willi Fick. In der zweiten Halbzeit drehen die Holländer die Partie, am Ende steht es 4:2 für sie. Es ist Unfrieds einziges Länderspiel.
Im August 1910 geht er nach Deutsch-Ostafrika, für mehrere Jahre, so das Kickersarchiv. Er ist Landvermesser, das Lexikon von 1939 schreibt »Landmesser«. 1912/13 kommt er auf Heimaturlaub und läuft wieder für die Kickers auf. Die Stuttgarter werden in dieser Saison süddeutscher Meister.
Krieg und Gefangenschaft
1913/14 steht er dem Verein wieder aus beruflichen Gründen nicht zur Verfügung. Im Ersten Weltkrieg gehört er der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika an und erhält 1916 das Eiserne Kreuz. Am 26. November 1916 gerät er in englische Kriegsgefangenschaft. Sie führt ihn nach Njassaland, nach Ägypten und nach Malta. Erst am 18. Dezember 1919 ist er wieder in Deutschland, über Malta kehrt er nach Stuttgart zurück.
Anfang 1920 spielt er laut Württemberger Zeitung in der Altherrenmannschaft der Kickers. Am 2. Mai 1921 stirbt Gustav Unfried. Wo und woran, ist nicht überliefert. Die Statistiker von Libero geben ein ganz anderes Todesdatum an, den 13. September 1917. Das kann nicht stimmen, wenn die Zeitungsberichte über seine Heimkehr zutreffen. 1934 zählt der DFB ihn zu den Nationalspielern, die »im Weltkrieg gefallen bzw. verstorben« sind.
Gustav Unfried auf einen Blick
Geboren: 24.3.1889 in Stuttgart (laut Todesanzeige womöglich früher)
Gestorben: 2.5.1921 (abweichend: 13.9.1917)
Vereine: Stuttgarter Kickers (ab 1902), BFC Preussen Berlin (1909/10), Stuttgarter Kickers (1912/13, später Alte Herren)
Position: Läufer (auch Mittelläufer)
Titel: Berliner Meister 1910; Süddeutscher Meister 1913; Kronprinzenpokal 1910 (Einsätze in Viertel- und Halbfinale); Finalist der deutschen Meisterschaft 1908
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1910)
Beruf: Landvermesser in Deutsch-Ostafrika
Nationalspieler Nr.: 54 (Debüt 24. April 1910 in Arnheim gegen die Niederlande)
Quellen
Kickersarchiv: Gustav Unfried · Wikipedia: Gustav Unfried · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 · Libero D 3/1992 · Kicker-Almanach 1996 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1907/08 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1909/10 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1909/10 · DFB-Datencenter: Niederlande – Deutschland 1910 · Ostdeutsche Morgenpost, 30.7.1934