Lothar Budzinski-Kreth – der Läufer vom Spielverein

Lothar Budzinski-Kreth wurde Nationalspieler, weil er zufällig im Stadion saß. Am Pfingstmontag 1910 fehlten dem DFB in Duisburg die Spieler, also holte man drei Männer aus dem Publikum, einer davon war er, der Läufer vom Duisburger Spielverein. Es blieb bei diesem einen Länderspiel, einem 0:3 gegen Belgien. Sein größerer Tag liegt zwei Jahre davor. Da stand er in Hamburg in einem Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft, und hinter ihm hielt der Präsident des DFB einen Elfmeter.

Lothar Budzinski-Kreth 1886–1955: 17 Jahre Duisburger Spielverein, ein Länderspiel (Lothar Budzinski-Kreth)
Lothar Budzinski-Kreth 1886–1955: 17 Jahre Duisburger Spielverein, ein Länderspiel

»Die größte Chance der Braunschweiger vereitelte der DFB-Präsident Gottfried Hinze im Tor der Duisburger, als er einen Elfmeterball von ›Priemchen‹ Mues hielt.«

— Libero Nr. 36 (IFFHS) über das Viertelfinale 1908

Ein Name, viele Schreibweisen

Schon der Name macht es Statistikern schwer. Im Nationalspieler-Lexikon von 1939 heißt er Budzinsky-Kreth, im Kicker Budzinski, beim DFB und in den Libero-Heften Budzinsky, bei Wikipedia Budzinski-Kreth. Woher der zweite Teil des Namens stammt, verraten die Quellen nicht.

Sicher ist: Lothar Budzinski kommt am 7. August 1886 in Duisburg zur Welt. Sein Verein wird der Duisburger Spielverein. Er wird am 22. März 1900 gegründet, auf Betreiben von Gottfried Hinze, dem späteren Präsidenten des DFB. Ab 1901 spielt der DSV auf seinem Sportplatz am Grunewald, ab 1903 auch Budzinski. Er bleibt bis 1920, 17 Jahre lang, im selben Trikot.

Er spielt in der Läuferreihe, in allen überlieferten Aufstellungen auf der linken Seite. Der Spielverein ist in diesen Jahren die Macht im Westen: westdeutscher Meister 1904, 1905, 1908, 1910, 1911, 1913 und 1914. Wie Budzinski spielte, hat niemand notiert. Einen Beruf nennt keine Quelle.

Der große Tag: Hamburg, Hoheluft (Mai 1908)

Im Frühjahr 1908 ist der DSV wieder westdeutscher Meister und damit in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Das Viertelfinale steigt am 3. Mai 1908 auf neutralem Boden, auf dem Victoria-Platz in Hamburg-Hoheluft. Gegner ist der Braunschweiger FC Eintracht, drei Wochen zuvor norddeutscher Meister geworden. 1.500 Zuschauer kommen, der Magdeburger Hans Dreßler pfeift.

Für Budzinski ist es das erste Endrundenspiel. Die Duisburger haben eine Stürmerreihe, die Libero »gut harmonierend« nennt, mit den Brüdern Heinrich »Hennes« und Walter Fischer. Neben ihm in der Läuferreihe spielen Heinz Jacoby und Willi Krusenbaum. Im Tor steht Gottfried Hinze, Vereinsgründer, Kapitän und inzwischen Präsident des DFB. Ein Präsident, der selbst den Kasten hütet.

Viertelfinale 1908: Eintracht Braunschweig – Duisburger SV 0:1, Budzinski links in der Läuferreihe (Lothar Budzinski-Kreth)
Viertelfinale 1908: Eintracht Braunschweig – Duisburger SV 0:1, Budzinski links in der Läuferreihe

Zur Pause steht es 0:0. Die beste Chance der Braunschweiger bekommt ihr Stürmer Mues, genannt »Priemchen«, per Elfmeter. Hinze hält. In der zweiten Halbzeit schießt Willi van der Weppen das einzige Tor des Tages, die Minute ist nicht überliefert. Duisburg steht im Halbfinale.

Dort ist drei Wochen später Schluss. Am 24. Mai 1908 in Frankfurt überrollen die Stuttgarter Kickers die Duisburger mit 5:1, dieselbe Elf wie in Hamburg ist chancenlos.

»Auch die Westdeutschen vermochten dem Angriffswirbel der Schwaben nur eine halbe Stunde standzuhalten, danach brach die Duisburger Abwehr auseinander.«

— Libero Nr. 36

Das einzige Duisburger Tor ist ein Eigentor des Stuttgarters Gustav Unfried, in der 85. Minute. Unfried wird zwei Jahre später selbst Nationalspieler.

Aus dem Publikum (1910)

Zwei Jahre später ist der DSV wieder in der Endrunde, in der Westdeutschen Liga ungeschlagen geblieben. Im Viertelfinale am 17. April 1910 in München-Gladbach wartet aber der Karlsruher FV mit Fritz Förderer, Gottfried Fuchs und Julius Hirsch. Förderer trifft nach 35 Minuten, es bleibt beim 0:1. Budzinskis drittes und letztes Endrundenspiel.

Einen Monat später, am Pfingstmontag, dem 16. Mai 1910, sitzt er als Zuschauer beim Länderspiel gegen Belgien in seiner Heimatstadt. Tags zuvor hatte der Karlsruher FV in Köln die Meisterschaft gewonnen, seine Nationalspieler kamen nicht nach Duisburg, die Kieler ebenso wenig. Eine Stunde vor dem Anpfiff sind laut der Chronik der Nationalmannschaft erst sieben Spieler da. Laut Sport1 rekrutiert der ausrichtende Verein Preußen Duisburg »kurzerhand drei zufällig anwesende Spieler von der Tribüne«: Alfred Berghausen von den Preußen und die beiden Spielvereinler Christian Schilling und Lothar Budzinski-Kreth, 23 Jahre alt.

Budzinski spielt wie im Verein linker Läufer, neben dem Leipziger Camillo Ugi und dem Freiburger Kapitän Josef Glaser. 8.000 Zuschauer sehen ein 0:3. Die Neue Sport Woche findet, die Mannschaft habe »recht und schlecht« gespielt, in den letzten 20 Minuten seien »Verschiedene völlig zusammen« geklappt. Für den DSV hat der Tag trotzdem einen Eintrag in der Vereinsgeschichte: Mit Budzinski-Kreth und Schilling stellt der Verein erstmals Nationalspieler.

Späte Jahre

In der Nationalelf taucht Budzinski nicht wieder auf, und auch in der Endrunde nicht mehr. Als der Spielverein 1911, 1913 und 1914 um die Meisterschaft spielt, 1913 sogar als erster westdeutscher Verein im Endspiel, steht er in keiner der überlieferten Aufstellungen. Er spielt bis 1920 für den DSV und wird in seiner letzten Saison noch Meister des Rheinischen Nordkreises.

Zum 1. Dezember 1939 tritt Lothar Budzinski-Kreth laut Wikipedia in die NSDAP ein, Mitgliedsnummer 7.306.090, belegt durch die Mitgliederkartei im Bundesarchiv. Er stirbt am 1. März 1955, mit 68 Jahren. Der Ort ist nicht bekannt.

Lothar Budzinski-Kreth auf einen Blick

Geboren: 7.8.1886 in Duisburg
Gestorben: 1.3.1955 (Ort unbekannt)
Vereine: Duisburger Spielverein (1903–1920)
Position: Läufer (links)
Titel: mit dem DSV westdeutscher Meister (u. a. 1908 und 1910 mit Endrundeneinsatz), Rheinischer Nordkreismeister 1920
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1910)
Beruf: nicht überliefert
Nationalspieler Nr.: 58 (Debüt 16. Mai 1910 in Duisburg gegen Belgien, 0:3)

Quellen

Wikipedia: Lothar Budzinski-Kreth · Wikipedia: Duisburger SpV · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1907/08 · Libero 36 (IFFHS) · Libero D3 (IFFHS) · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · DFB-Datencenter · Sport1: Das peinlichste Länderspiel