Otto Reislant – der Mittelstürmer, der eigentlich Hockeytorwart war

Für einen Mann, der jahrzehntelang im Hockeytor stand, hat Otto Reislant erstaunlich oft den Ball ins Netz befördert. Im Fußball war er Stürmer beim FC Wacker Leipzig, und am 3. Mai 1908 machte er in Breslau mit dem 3:1 den Einzug ins Halbfinale perfekt um die Deutsche Meisterschaft. Zwei Jahre später lief er einmal für Deutschland auf, beim chaotischen 0:3 gegen Belgien in Duisburg. Auch da traf er. Nur zählte es nicht. Dazwischen und danach: Tennis, Hockey, Eishockey, Bandy. »Ausgesprochen vielseitig« nennt ihn Wikipedia.

Otto Reislants Lebensweg · 1883–1968 (Otto Reislant)
Otto Reislants Lebensweg · 1883–1968

»Die endgültige Entscheidung erzwang Otto Reisland, der mit seinem Bruder Paul gleichzeitig beim Leipziger Sport-Club ein hervorragender Eishockey- und Bandy-Spieler war.«

— Libero 36 (IFFHS) über das Endrundenspiel in Breslau 1908

Ein Leipziger mit vielen Schlägern

Otto Reislant wird am 31. Mai 1883 in Leipzig geboren. Schon sein Name ist ein kleines Rätsel: Wikipedia und DFB schreiben Reislant, das Lexikon von 1939 und das IFFHS-Magazin Libero schreiben Reisland, der Kicker mal Reißland, mal Reißlant.

Mit 14 Jahren kommt er laut Wikipedia zum FC Wacker, dem Klub aus dem Leipziger Norden. Fußball ist aber nur eine von vielen Beschäftigungen. Wikipedia zählt auf: über 200 Preise im Tennis, Eis- und Feldhockey für den Leipziger Sportclub, 1903 sogar Gaumeister der Leichtathleten über 3000 Meter. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 ergänzt, er habe »jahrzehntelang im Tor der ersten Hockeyelf des LSC« gestanden. Und Libero weiß, dass er mit seinem Bruder Paul beim LSC auch Eishockey und Bandy spielte, eine Art Eishockey mit Ball auf großem Feld.

Auf dem Fußballplatz ist Reislant Angreifer. Das Lexikon nennt als Stammposten Mittelstürmer, Wikipedia »Mittel- oder Halbstürmer«. In den überlieferten Aufstellungen steht er halblinks.

Der große Tag: Das 3:1 in Breslau (Mai 1908)

Die Saison 1907/08 bringt Wacker laut Wikipedia den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Am 19. April 1908 gewinnt der Verein nach Verlängerung 3:2 gegen Victoria Magdeburg die mitteldeutsche Meisterschaft, laut Wikipedia mit Reislant. Damit ist Wacker erstmals in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft.

Das Viertelfinale steigt am 3. Mai 1908 in Breslau, auf dem Platz des VfR 1897 an der Kürassierstraße. 500 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist Curt von Paquet aus Berlin. Die Leipziger gelten als Favorit, tun sich aber schwer. In der 38. Minute verwandelt Fritz Langner einen Elfmeter zum 1:0 für Breslau, so geht es in die Pause.

Erst in der zweiten Hälfte dreht Wacker das Spiel. Alexander Palm gleicht nach 62 Minuten aus, Kurt Gräfner trifft zehn Minuten später zum 2:1. Dann kommt Reislants Moment: In der 77. Minute macht er das 3:1. Libero schreibt, er habe damit »die endgültige Entscheidung erzwungen«.

Viertelfinale 1908: VfR Breslau gegen Wacker Leipzig 1:3, Reislant trifft zum Endstand (Otto Reislant)
Viertelfinale 1908: VfR Breslau gegen Wacker Leipzig 1:3, Reislant trifft zum Endstand

Laut Libero führt Reislant die Mannschaft an diesem Tag als Kapitän an. Mit dabei sind Torwart Hans Riso und Rechtsaußen Erich Albrecht, beide später ebenfalls Nationalspieler.

Zwei Wochen später ist Schluss. Im Halbfinale am 17. Mai 1908 in Magdeburg verliert Wacker 0:4 gegen Viktoria 89 Berlin. Willi Worpitzky trifft zweimal, dazu Otto Dumke und Helmut Röpnack. Wikipedia fasst es knapp: Viktoria sei »einfach zu stark besetzt« gewesen.

Duisburg 1910: das Tor, das nicht zählte

Zwei Jahre später steht Reislant in der Nationalelf. Am 16. Mai 1910 spielt Deutschland in Duisburg gegen Belgien. Der Termin ist unglücklich gewählt, am Vortag war das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Mehrere Nationalspieler fehlen, einige Lücken werden mit Zuschauern gefüllt. Reislant ist 26 Jahre alt, geht halblinks auf den Platz, neben dem Kölner Peco Bauwens und dem Leipziger Adalbert Friedrich.

Belgien führt zur Pause 1:0. In der 73. Minute, so schildert es der Journalist Udo Muras, schießt Christian Schilling auf das Tor, der Ball rollt ohnehin hinein, Reislant setzt nach. Er steht dabei im Abseits, das Tor zählt nicht. Belgien gewinnt 0:3. Die Fachzeitschrift Neue Sport Woche ist wenig gnädig:

»Die deutsche Mannschaft spielte recht und schlecht mit wenigen Ausnahmen, in den letzten 18 bis 20 Minuten klappten Verschiedene völlig zusammen.«

— Neue Sport Woche, 1910 (zitiert nach Udo Muras, Sport1)

Es bleibt Reislants einziges Länderspiel.

Verlagsbuchhändler und Hockeytorwart

Über Reislants weiteres Leben ist wenig bekannt. Beruflich arbeitet er als Verlagsbuchhändler, so steht es im Lexikon von 1939 und bei Wikipedia. Und er bleibt dem Sport treu, im Tor der Hockeyelf des Leipziger Sportclubs, jahrzehntelang. Otto Reislant stirbt am 28. Januar 1968.

Otto Reislant auf einen Blick

Geboren: 31.5.1883 in Leipzig
Gestorben: 28.1.1968
Vereine: FC Wacker Leipzig (Fußball); Leipziger Sportclub (Hockey, Eishockey, Bandy)
Position: Mittel- bzw. Halbstürmer
Titel: Mitteldeutscher Meister 1908
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1910)
Beruf: Verlagsbuchhändler
Nationalspieler Nr.: 62 (Debüt 16. Mai 1910 in Duisburg)

Quellen

Wikipedia: Otto Reislant · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1907/08 · Wikipedia: Wacker Leipzig · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Sport1 (Udo Muras): Das peinlichste deutsche Länderspiel · DFB-Datencenter: Deutschland – Belgien 1910 · Kicker-Almanach 1996