Christian Schilling – der Halbrechte vom Grunewald, der zweimal durfte
Christian Schilling ist 30 Jahre alt, als er Nationalspieler wird. Und das auf dem eigenen Platz, am Pfingstmontag 1910, weil der DFB nicht genug Spieler zusammenbekommt. Das klingt nach Zufall, ist aber auch der Lohn für ein Jahrzehnt beim Duisburger Spielverein: fünf westdeutsche Meisterschaften, sieben Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft. Gegen Belgien trifft er den Pfosten. Als einziger der Duisburger Aushilfen darf er danach noch einmal ran. Sein größtes Spiel aber hat er schon sechs Jahre früher gemacht, in Leipzig, 132 Minuten lang.
»In der 39. Minute schießt der Halbrechte Deutschlands gegen die Stange, nachdem kurz vorher zwei scharfe Schüsse vom Torwächter gehalten worden sind.«
Ein Kaufmann am Grunewald
Christian Schilling wird am 11. Oktober 1879 geboren, als Heimatort nennt das Nationalspieler-Lexikon von 1939 Duisburg. Er lernt Kaufmann. Seine sportliche Heimat entsteht erst, als er schon 20 ist: Am 22. März 1900 gründen die Fußballer des Turnvereins 1848 den Duisburger Spielverein, weil die Deutsche Turnerschaft ihren Mitgliedern das Fußballspielen verboten hat. Am 28. April 1900 treten 20 weitere Mitglieder bei, so die Vereinschronik, »darunter Paul Herfurth und der spätere Nationalspieler Christian Schilling«. Wikipedia lässt seine Zeit beim DSV schon 1899 beginnen.
Gespielt wird am Grunewald. Der Platz wird eingezäunt, erst niedrig, dann ganz, damit die Zuschauer nicht mehr aufs Feld laufen. Und damit keine Trauerzüge mehr hindurchziehen: Der kürzeste Weg von der Stadt zum Alten Friedhof in Neudorf führte, so die Chronik, direkt über das Vereinsgelände.
Schilling ist nicht nur Fußballer. Im November 1903 gewinnt er beim Verbandsfest der Leichtathleten den Hindernislauf. Ab Herbst 1906 leitet er mit zwei Vereinskameraden die neue Leichtathletik-Abteilung. Ein Foto von 1910 zeigt ihn auf dem Tennisplatz, die Chronik nennt ihn einen »sehr guten Leichtathlet und passablen Tennisspieler«. 1910 sitzt er zudem im Vorstand des Vereins.
Meister im Westen
Fußballerisch wird der DSV schnell zur ersten Adresse im Westen. 1904 holt der Klub die erste Westdeutsche Meisterschaft, mit Schilling im Angriff. Es folgen die Titel 1905, 1908, 1910 und 1911. Laut dem Lexikon von 1939 ist sein Stammposten der Innensturm, halbrechts.
In den Endrunden um die Deutsche Meisterschaft haben die Duisburger allerdings selten Glück. 1905 verlieren sie im Viertelfinale in Hanau 0:1 gegen den Karlsruher FV. Am Ende stehen sie nur noch zu acht auf dem Platz, weil sich Heinrich Fischer, Willi van der Weppen und Schilling verletzt haben. Auswechseln durfte man damals nicht. 1908 gelingt in Hamburg ein 1:0 gegen Eintracht Braunschweig, Torwart und DFB-Präsident Gottfried Hinze hält einen Elfmeter. Im Halbfinale in Frankfurt geht der DSV auf einem Platz unter Wasser 1:5 gegen die Stuttgarter Kickers unter. 1910 und 1911 ist jeweils im Viertelfinale Schluss. Sieben Endrundenspiele bestreitet Schilling laut Libero, ein Tor ist darin nicht verzeichnet.
Der große Tag: 132 Minuten in Leipzig (Mai 1904)
Die erste Endrunde ist die beste. Nach einem 5:3 gegen den Casseler FV am 8. Mai 1904 auf dem eigenen Platz steht der DSV im Halbfinale. Gegner ist der Titelverteidiger, der VfB Leipzig. Nur vier Tage später, am 12. Mai 1904, wird auf dem Sportplatz an der Leipziger Radrennbahn gespielt. 350 Zuschauer, Schiedsrichter ist Paul Neumann aus Berlin.
Der Außenseiter aus dem Westen führt. In der 25. Minute trifft Heinrich Fischer zum 0:1. Paul Oppermann gleicht aus, doch Willi van der Weppen bringt Duisburg wieder nach vorn. Die Chronik des DSV schreibt von einer »Sensation«, die »greifbar nahe« war. Fünf Minuten vor Schluss gleicht Bruno Stanischewski aus.
Es folgt eine Verlängerung von zweimal 15 Minuten, ohne Tor. Dann eine zweite, zweimal zehn Minuten. In der 132. Minute schießt Hans Schneider, der unter dem Namen »Johannes« spielt, den VfB ins Finale. Auf Leipziger Seite stürmt übrigens Adalbert »Bert« Friedrich, der sechs Jahre später neben Schilling in der Nationalelf stehen wird.
Die Duisburger hatten zwischen Viertel- und Halbfinale vier Tage Pause, die Leipziger 18. Die Vereinschronik führt die Niederlage auf diesen Umstand zurück. Das Endspiel findet in diesem Jahr übrigens gar nicht statt: Der DFB annulliert die Endrunde nach einem Protest des Karlsruher FV.
»Die spielstarken Duisburger waren drauf und dran den Titelverteidiger zu eliminieren, der erst kurz vor Spielende eine Verlängerung erzwang.«
Pfingsten 1910: Nationalspieler vom eigenen Platz
Am 16. Mai 1910 spielt Deutschland erstmals gegen Belgien, in Duisburg, laut Vereinschronik und DFB auf dem Platz des DSV am Grunewald. Der Termin ist unglücklich: Am Vortag war in Köln das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, die vorgesehenen Karlsruher und Kieler fehlen. Eine Stunde vor dem Anpfiff sind laut »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« erst sieben Spieler da, Udo Muras schreibt von acht.
Ergänzt wird aus der Umgebung. Laut Muras holt der Verein Preußen Duisburg drei »zufällig anwesende« Spieler von der Tribüne: Alfred Berghausen, Lothar Budzinski-Kreth und Christian Schilling. Der Wikipedia-Artikel über Schilling zählt ihn allerdings nicht zu den Zuschauern.
Schilling spielt halbrechts, neben dem Münchner Max Gablonsky. Belgien führt nach rund 20 Minuten. Dann kommt Schillings Moment, beschrieben im Duisburger Generalanzeiger: In der 39. Minute schießt »der Halbrechte Deutschlands gegen die Stange«. Nach der Pause setzt Otto Reislant laut Muras einem Schuss von Schilling nach, der ohnehin ins Tor gerollt wäre, und steht dabei im Abseits. Das Tor zählt nicht. Belgien gewinnt 0:3.
Kleve und danach
Schilling hat seine Sache offenbar ordentlich gemacht. Muras formuliert es so: Er hatte »seine Sache wohl gar nicht so schlecht gemacht«. Am 16. Oktober 1910 steht er in Kleve gegen die Niederlande wieder in der Elf, erneut halbrechts, vor 4.000 bis 10.000 Zuschauern, je nach Quelle. Richard Queck trifft für Deutschland, die Niederländer gewinnen 2:1. Aus dem Mannschaftsfoto von diesem Tag stammt das Porträt, das ihn heute bei Wikimedia Commons zeigt.
Für den DSV spielt Schilling laut Wikipedia bis 1912. Sein letztes Endrundenspiel ist das 1:3 gegen Holstein Kiel am 7. Mai 1911 in Bremen. Über sein späteres Leben schweigen die Quellen. Christian Schilling stirbt am 14. Juli 1955.
Christian Schilling auf einen Blick
Geboren: 11.10.1879 (Heimatort Duisburg)
Gestorben: 14.7.1955
Vereine: Duisburger Spielverein (1900–1912)
Position: Innenstürmer, meist halbrechts
Titel: Westdeutscher Meister 1904, 1905, 1908, 1910, 1911
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1910)
Beruf: Kaufmann
Nationalspieler Nr.: 60 (Debüt 16. Mai 1910 in Duisburg)
Quellen
Wikipedia: Christian Schilling · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1903/04 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1907/08 · Duisburger Spielverein: Historie 1900–1908 · Duisburger Spielverein: Historie 1908–1918 · Sport1 (Udo Muras): Das peinlichste deutsche Länderspiel · DFB-Datencenter: Deutschland – Belgien 1910 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Wikimedia Commons: Christian Schilling (1910)