Hermann Garrn – der Mann, der nicht Garrn hieß

Er stand in jeder Aufstellung als Garrn, dabei hieß er Hermann Ehlers. Warum der Halbrechte von Victoria Hamburg unter falschem Namen spielte, verrät keine der Quellen. Sicher ist, was er unter diesem Namen anstellte: zwanzig Jahre in der ersten Mannschaft, drei Endrundentore um die Deutsche Meisterschaft, zwei Länderspiele. Ein Wiener Reporter nannte ihn 1908 »einen brillanten Läufer und Techniker«. Und im Mai 1911 brauchte er genau drei Minuten, um den Norden auf den Weg zu seinem ersten großen Titel zu schicken.

Hermann Garrns Laufbahn · zwanzig Jahre Victoria Hamburg, 1904–1925 (Hermann Garrn)
Hermann Garrns Laufbahn · zwanzig Jahre Victoria Hamburg, 1904–1925

»Schon in der 6. Minute konnte Deutschland durch den rechten Verbindungsstürmer Garrn von der Hamburger ›Viktoria‹, einen brillanten Läufer und Techniker, […] den ersten Treffer erzielen.«

— Allgemeine Sport-Zeitung, Wien, 13. Juni 1908

Ehlers, genannt Garrn

Hermann August Henry Ehlers kommt am 11. März 1888 in Hamburg zur Welt. Mit 16 steht er schon in der Ligamannschaft des FC Victoria von 1895. Den Klub hatten Realschüler und Lehrlinge gegründet, die zuvor auf dem Heiligengeistfeld gekickt hatten.

Den Namen Garrn führen alle Statistiken, vom Nationalspieler-Lexikon 1939 bis zum Kicker-Almanach, jeweils mit dem echten Namen in Klammern. Dazu kommt ein Spitzname, bei dem sich die Quellen nicht einig sind: Wikipedia schreibt „Etsche“, das Statistikheft Libero schreibt »Edje«. Falsche Namen waren im frühen Fußball nicht selten. Walter Hempel aus Leipzig etwa spielte als Schüler als »James«, weil seine Lehrer gegen das Spiel waren. Ob bei Ehlers ähnliche Gründe dahinterstanden, weiß man nicht.

Beruflich war er Kaufmann. Mehr Privates ist nicht überliefert.

Victorias beste Jahre

Mit Garrn im Sturm hat Victoria ihre große Zeit. Von 1905 bis 1908 gewinnt der Klub viermal nacheinander die Meisterschaft von Hamburg-Altona, 1906 und 1907 auch die norddeutsche. Das öffnet dreimal die Tür zur Endrunde um die Deutsche Meisterschaft.

Die erste Endrunde beginnt spektakulär. Am 28. Mai 1905 trifft Victoria in Berlin-Tempelhof auf den Dresdner SC. Nach vier Minuten bringt Garrn die Hamburger in Führung. Am Ende steht es 3:5, vor ganzen 300 Zuschauern. Ein Jahr später scheitert Victoria in Altona 1:3 an Union 92 Berlin, laut Libero »immer wieder am Berliner Torhüter Paul Eichelmann«. Zwei Jahre danach wird Eichelmann in Wien Garrns Torwart sein.

1907 läuft es endlich. Im Viertelfinale in Duisburg gewinnt Victoria 8:1 gegen den Düsseldorfer FC 99. Garrn trifft in der 14. und 32. Minute. Im Halbfinale in Hamburg wartet Viktoria 89 aus Berlin. Das Spiel wird immer ruppiger, Schiedsrichter ist ausgerechnet DFB-Präsident Gottfried Hinze, und die Partie steht laut Libero »wiederholt kurz vor einem Spielabbruch«. Victoria verliert 1:4. Näher kommt Garrn der deutschen Meisterschaft nie.

Zwei Länderspiele, zwei Gesichter

Im Juni 1908 fährt Garrn mit der Nationalmannschaft nach Wien. Es regnet tagelang, der Cricketer-Platz steht unter Wasser. Die Deutschen spielen trotzdem so präzise zusammen, dass die Neue Freie Presse von einer Wiener Abwehr schreibt, die »schwamm«. Nach sechs Minuten steht es 1:0 für Deutschland.

Wer das Tor schoss, ist eine kleine Kontroverse. Alle Statistiken schreiben es Kapitän Eugen Kipp zu, ebenso die Neue Freie Presse. Die Allgemeine Sport-Zeitung dagegen nennt Garrn und lobt ihn für sein Zusammenspiel mit dem Rechtsaußen. Weil derselbe Reporter aber den falschen Rechtsaußen aufschreibt, ist Vorsicht angebracht. Deutschland verliert 2:3. Drei Tage später benennt sich Garrns Verein daheim in SC Victoria um, den Tennisspielerinnen zuliebe.

Das zweite Länderspiel ist eine Lehrstunde. Am 13. März 1909 geht es in Oxford gegen Englands Amateure. Mitspieler Adolf Jäger erinnerte sich 1935: »Alle durch die Bank wurden wir seekrank.« Zur Pause steht es 0:5, am Ende 0:9. Eine höhere Niederlage hat eine deutsche Nationalelf bis heute nicht kassiert. Garrn stürmt wieder auf Halbrechts. Danach wird er nicht mehr berufen.

Der große Tag: drei Minuten zum Pokal (Mai 1911)

Den Kronprinzenpokal spielen die Auswahlmannschaften der Landesverbände aus, 1911 zum dritten Mal. Der Norden hat ihn noch nie gewonnen.

Im Halbfinale am 13. November 1910 an der Hoheluft, Victorias Heimplatz, fegt Norddeutschland den Südosten 11:0 vom Platz. Garrn trifft zum 1:0 und zum 9:0, Adolf Jäger fünfmal.

Das Finale steigt am 25. Mai 1911 auf dem Viktoria-Platz in Berlin-Mariendorf. 3.000 Zuschauer, Schiedsrichter Curt von Paquet. Gegner ist Süddeutschland mit Kipp, Hiller und Wegele, also mit mehreren Nationalspielern. Jäger fehlt dem Norden. Egal: Nach drei Minuten schießt Garrn das 1:0. Die Führung hält bis weit in die zweite Halbzeit. Erst in der 59. Minute gleicht Gratzmüller aus.

In der Verlängerung bringt Löble den Süden in der 102. Minute vorn. Eine Minute vor dem Ende der Verlängerung rettet Laessig den Norden mit dem 2:2. Also wird noch einmal verlängert, zweimal zehn Minuten. Jetzt schlägt Ernst Möller aus Kiel zu, in der 125. und in der 127. Minute. 4:2. Der Norden hat seinen ersten Kronprinzenpokal, und Garrn hat den Anfang gemacht.

Kronprinzenpokal-Finale 1911 · Garrns frühes Tor, dann zweimal Verlängerung (Hermann Garrn)
Kronprinzenpokal-Finale 1911 · Garrns frühes Tor, dann zweimal Verlängerung

Für Victoria ist es auch ein Vereinsfest: Torwart Adolf Werner und Außenstürmer Adolf Gehrts kommen ebenfalls von der Hoheluft. Frühe Führungstore waren übrigens schon länger Garrns Spezialität.

»Hermann Garrn, alias ›Edje‹ Ehlers, hatte die Norddeutschen in Führung gebracht.«

— Libero International über die Endrunde 1905

Treue bis 1925

Garrn bleibt Victoria treu. 1913 wird der Klub wieder Meister von Hamburg-Altona, 1913/14 spielt er in der ersten norddeutschen Verbandsliga. Nach dem Ersten Weltkrieg folgen laut Wikipedia die norddeutsche Meisterschaft 1919 und die Hamburger Meisterschaft 1920. 1925 endet nach zwanzig Jahren seine Zeit in der Ligamannschaft.

Was danach kam, ist nicht überliefert. Hermann Ehlers stirbt am 27. März 1964 in Hamburg. Eine Quelle, die englische Wikipedia nach dem Kicker-Almanach 2011, nennt 1966 als Todesjahr.

Hermann Garrn auf einen Blick

Geboren: 11.3.1888 in Hamburg (als Hermann August Henry Ehlers)
Gestorben: 27.3.1964 in Hamburg (andere Angabe: 1966)
Spitzname: „Etsche“ bzw. »Edje«
Vereine: FC Victoria 1895 Hamburg, ab 1908 SC Victoria (1904–1925)
Position: Halbrechts
Titel: Kronprinzenpokal 1911 (mit Norddeutschland); Norddeutscher Meister 1906, 1907, 1919; Meister von Hamburg-Altona 1905–1908, 1913, 1920 (laut Wikipedia auch 1909)
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1908–1909); 4 Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft, 3 Tore
Beruf: Kaufmann
Nationalspieler Nr.: 23 (Debüt 7. Juni 1908 in Wien gegen Österreich)

Quellen

Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Allgemeine Sport-Zeitung, 13.6.1908 · Neue Freie Presse, 9.6.1908 · Libero International, Heft 36 · Libero D 3 (1992) · Kicker-Almanach 1996 · DFB-Datencenter: Hermann Garrn · DFB-Datencenter: England – Deutschland 1909 · Wikipedia: Hermann Garrn · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1910/11 · Wikipedia: SC Victoria Hamburg · Hamburger Abendblatt, 12.4.2014