Hermann Neiße – der Eimsbütteler beim ersten Remis gegen England

Hermann Neiße kam aus einem Turnverein und stand in der Abwehr, als Deutschland zum ersten Mal nicht gegen England verlor. Der Verteidiger des Eimsbütteler TV bestritt 1910 und 1911 drei Länderspiele. Im April 1911 hielt er mit der Nationalelf in Berlin ein 2:2 gegen die englischen Amateure, sechs Wochen später gewann er mit Norddeutschland den Kronprinzenpokal. Dann packte er seine Sachen und zog nach Wien. Dort starb er 1932, erst 43 Jahre alt.

Hermann Neißes Weg: elf Jahre Eimsbüttel, dann Wien (Hermann Neiße)
Hermann Neißes Weg: elf Jahre Eimsbüttel, dann Wien

»Alles prallt jetzt am Läufer Ugi, am Verteidiger Neiße und vor allem am Torwart ab.«

— Algemeen Handelsblad, Amsterdam, über das Länderspiel in Kleve, 17. Oktober 1910 (übersetzt)

Ein Fußballer im Turnverein

Hermann Neiße wird laut Wikipedia am 5. Dezember 1888 in Schleswig geboren. Das Nachschlagewerk »Die deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt denselben Tag, aber das Jahr 1889. Heimatort ist in beiden Fällen Schleswig.

Fußball spielt er in Hamburg, und zwar in einem Turnverein. Ab 1900 kickt er laut Wikipedia in der Fußballmannschaft des Eimsbütteler TV. Offiziell gibt es die Fußballabteilung erst ab dem 12. Mai 1906. Von der Saison 1906/07 an spielt sie im Hamburg-Altonaer Fußball-Bund mit, gleich in der höchsten Klasse. Das erste Punktspiel geht bei Germania Hamburg knapp 1:2 verloren. Einen eigenen Platz hat der ETV anfangs nicht, man spielt wie die meisten Hamburger Klubs auf der Exerzierweide.

Wikipedia beschreibt Neiße als athletischen, kopfballstarken Abwehrspieler, der das körperbetonte Spiel bevorzugte. Einen Einzelbeleg dafür nennt der Artikel nicht. Ein Utrechter Reporter lobte 1910 aber ausdrücklich das Kopfballspiel der deutschen Verteidiger.

Der Norden und das Debüt in Kleve

Neiße spielt bald für die Auswahl des Norddeutschen Fußball-Verbands im Kronprinzenpokal. Im Oktober 1909 verliert der Norden in Braunschweig 2:5 gegen Mitteldeutschland. Ein Jahr später, am 9. Oktober 1910, gewinnt er in Leipzig 2:0 gegen dieselben Mitteldeutschen. Adolf Jäger und Willi Fick treffen. Neiße verteidigt.

Eine Woche danach ist er Nationalspieler. Am 16. Oktober 1910 spielt Deutschland in Kleve gegen Holland. Die süddeutschen Spieler hatten ihre Teilnahme abgesagt, die Arnhemsche Courant zählt Kipp, Löble, Förderer, Breunig und Hollstein auf. So stehen fünf Neulinge in der Elf, Neiße ist einer davon. Er ist der erste Nationalspieler des Eimsbütteler TV. Das Buch von 1939 hebt das in einem eigenen Kasten hervor: Er sei »der erste der 5 Nationalspieler« gewesen, die aus dem Eimsbütteler Turn-Verband hervorgegangen sind.

Deutschland verliert 1:2, doch die Abwehr kommt in den holländischen Berichten gut weg. Nach der Pause drängen die Holländer, und das Algemeen Handelsblad notiert, alles sei am Läufer Ugi, am »back Neisze« und vor allem an Torwart Adolf Werner abgeprallt. Die Arnhemsche Courant schreibt, Neiße wehre die holländischen Angriffe gut ab. Ein deutsches Blatt fasste das Spiel so zusammen, wie der Telegraaf es wiedergibt: Alle Deutschen außer Schilling seien gut gewesen.

Der große Tag: das erste Remis gegen England (April 1911)

England war in diesen Jahren das Maß aller Dinge. Die Nationalelf hatte gegen die englischen Amateure 1908 in Berlin 1:5 verloren und 1909 in Oxford 0:9. Am 14. April 1911 kommen sie wieder, diesmal auf den Viktoria-Platz in Berlin-Mariendorf. Libero zählt 10.000 Zuschauer. Schiedsrichter ist der Holländer Herbert James Willing.

Neiße spielt linker Verteidiger, neben Walter Hempel aus Leipzig. Im Tor steht wieder Adolf Werner, Kapitän ist Camillo Ugi. Im Sturm läuft auch Karl Hanssen aus Altona auf, der mit Neiße in Kleve debütiert hatte.

Nach 17 Minuten führt England durch George Webb. So geht es in die Pause. Dann schlägt der Kieler Ernst Möller zweimal zu, in der 48. und in der 50. Minute. Deutschland führt 2:1 gegen England. In der 65. Minute gleicht Gordon Wright aus. Dabei bleibt es. Zum ersten Mal verliert eine deutsche Elf nicht gegen Englands Amateure. Die Engländer führten das Spiel übrigens nur als Amateur-Länderspiel, in der DFB-Zählung ist es ein volles.

14. April 1911 in Mariendorf: Möllers Doppelschlag nach der Pause, Englands Ausgleich in der 65. Minute (Hermann Neiße)
14. April 1911 in Mariendorf: Möllers Doppelschlag nach der Pause, Englands Ausgleich in der 65. Minute

Neun Tage später spielt Neiße sein drittes und letztes Länderspiel. In Lüttich verliert Deutschland am 23. April 1911 vor 3.000 Zuschauern 1:2 gegen Belgien. Förderer gleicht aus, fünf Minuten vor Schluss trifft Saeys für die Belgier.

Pokalsieger, dann Wien

Der Mai 1911 bringt ihm den größten Titel. Am 25. Mai stehen Norddeutschland und Süddeutschland in Mariendorf im Finale des Kronprinzenpokals. Neiße verteidigt neben Albert Stamm aus Braunschweig. Hermann Garrn bringt den Norden nach drei Minuten in Führung, der Süden dreht das Spiel in der Verlängerung auf 2:1. Martin Laessig gleicht in der 119. Minute aus, das Spiel wird ein zweites Mal verlängert, und Ernst Möller entscheidet es mit zwei Toren. 4:2, der erste Pokalsieg des Nordens.

Danach verschwindet Neiße aus dem deutschen Fußball. Ende 1911 zieht er laut Wikipedia nach Wien. Dort spielt er noch einige Jahre für den First Vienna FC 1894 in der Meisterschaft des Niederösterreichischen Fußballverbands. Das Buch von 1939 gibt als Beruf »Direktor« an, ohne zu sagen, wovon.

Hermann Neiße stirbt am 21. Oktober 1932 in Wien. Laut Wikipedia starb er an den Folgen einer Blinddarmoperation, 43 Jahre alt.

Hermann Neiße auf einen Blick

Geboren: 5.12.1888 in Schleswig (1939 abweichend: 1889)
Gestorben: 21.10.1932 in Wien
Vereine: Eimsbütteler TV (1900–1911), First Vienna FC 1894 (ab 1911/12)
Position: Verteidiger
Titel: Kronprinzenpokal 1911 (Norddeutschland)
Bilanz: 3 Länderspiele, 0 Tore (1910–1911)
Beruf: Direktor
Nationalspieler Nr.: 65 (Debüt 16.10.1910 gegen Holland)

Quellen

Die deutschen Nationalspieler (1939) · Hermann Neiße – Wikipedia · Eimsbütteler TV – Wikipedia · Kronprinzenpokal 1909/10 – Wikipedia · Kronprinzenpokal 1910/11 – Wikipedia · Libero D 3 (1992) · Kicker-Almanach 1996 · Algemeen Handelsblad, 17.10.1910 (Delpher) · Arnhemsche Courant, 17.10.1910 (Delpher) · Utrechtsch Provinciaal en Stedelijk Dagblad, 17.10.1910 (Delpher) · De Telegraaf, 18.10.1910 (Delpher)