Hermann Wiggers – der Verteidiger mit der Mütze

Manche Nationalspieler erzählen ihr Leben lang von ihrem großen Auftritt. Hermann Wiggers erzählte auch davon, aber mit einem Nachsatz: Eigentlich, so sagte er, hätte ein anderer spielen müssen. Der kleine Verteidiger aus Altona kam im Juni 1911 zu einem einzigen Länderspiel, mit 31 Jahren, als Spieler des SC Victoria Hamburg, bei dem er kaum länger als eine Saison blieb. Das Spiel endete mit einem 4:2-Sieg in Stockholm, einem der wenigen Siege dieser frühen Jahre. Ein Tor schoss Wiggers nicht, dafür blieb ein Bild: ein Mann mit Monokel und Gehstock auf dem Mannschaftsfoto.

Hermann Wiggers' Lebensweg · 1880–1968 (Hermann Wiggers)
Hermann Wiggers' Lebensweg · 1880–1968

»… wenn Neiße nicht nach Wien gegangen wäre, ›diesen großen Könner‹ nicht hätte ablösen dürfen.«

— Hermann Wiggers über seine Berufung, nach der Victoria Post 2/2014

Ein Holsteiner in Altona

Hermann Wiggers wird am 7. April 1880 in Sankt Margarethen geboren, einem Dorf in Holstein. Mit sechs Jahren zieht er mit seinen Eltern nach Hamburg. So erzählt es der Victoria-Chronist Heinrich Helmke, der Wiggers 2014 in der Vereinszeitung porträtiert hat.

Sein Verein wird der Altonaer FC von 1893. Wann genau er beitritt, ist nicht sicher: Wikipedia nennt 1895, Helmke »um 1898«. Wiggers spielt hinten links, als Verteidiger. Er ist, wie Helmke schreibt, »kleingewachsen«. Und er hat ein Markenzeichen, das beide Quellen hervorheben: In den Spielen trägt er stets eine Mütze.

Mit Altona wird Wiggers laut Wikipedia mehrmals Meister von Groß-Hamburg. 1909 gewinnt der AFC die norddeutsche Meisterschaft, das Finale am 25. April geht 6:3 gegen Eintracht Braunschweig aus. Der Star dieser Elf heißt Adolf Jäger. Mit ihm in einer Mannschaft gespielt zu haben, darauf ist Wiggers zeitlebens stolz. In den beiden Endrundenspielen um die deutsche Meisterschaft, die folgen, taucht sein Name in den Aufstellungen allerdings nicht auf.

Das Jahr an der Hoheluft

1910 wechselt Wiggers zum SC Victoria Hamburg, an die Hoheluft. Es wird ein kurzes Gastspiel. Und es wird das Jahr seiner Berufung. Auf der linken Verteidigerseite stand Wiggers, so Helmke, »meist im Schatten« von Hermann Neiße vom Eimsbütteler TV. Neiße ist neun Jahre jünger und bringt es auf drei Länderspiele, ehe er nach Wien übersiedelt. Im Juni 1911 ist dann Wiggers an der Reihe.

Wiggers selbst hat daraus nie ein Geheimnis gemacht. Wenn er von seiner Berufung erzählte, schob er stets hinterher, dass er »diesen großen Könner« nicht hätte ablösen dürfen, wäre Neiße geblieben. Helmke nennt das eine »nüchterne Selbsteinschätzung«.

Der große Tag: Stockholm (Juni 1911)

Am 18. Juni 1911 spielt Deutschland in Stockholm gegen Schweden. Es ist das 14. Länderspiel des DFB. Austragungsort ist der Råsunda Idrottsplats. Eine Bildunterschrift der Statistiker des IFFHS verrät, wie ländlich es dort zugeht: Auf dem Platz grasten auch Schafe. Ein Jahr später werden hier Spiele des olympischen Turniers ausgetragen.

Das deutsche Aufgebot hat sich bei der Ankunft fotografieren lassen, in Anzügen und Mänteln, mit Hüten und Mützen. Ganz rechts steht Hermann Wiggers. Laut Helmke posiert er für dieses Erinnerungsfoto mit Monokel und Gehstock. Ihm werden, so der Chronist, »Vorlieben für bestimmte Äußerlichkeiten« nachgesagt.

Auf dem Rasen bildet Wiggers mit Walter Hempel das Verteidigerpaar vor Torhüter Adolf Werner. Davor die Läuferreihe Karl Burger, Kapitän Camillo Ugi und Paul Hunder. Neben Wiggers debütieren zwei Berliner Stürmer: Otto Dumke und Rudolf Droz. 3.000 Zuschauer sind gekommen, der Schiedsrichter heißt Charles Buchwald und kommt aus Dänemark.

Dumke bringt Deutschland in der 13. Minute in Führung. Dann schlägt Karl Gustafsson zweimal binnen einer Minute zu, 2:1 für Schweden. Kurz vor der Pause gleicht wieder Dumke aus. Nach dem Wechsel trifft Eugen Kipp zum 2:3. In der 68. Minute bekommt Schweden einen Elfmeter. Kapitän Götrik »Putte« Frykman tritt an und verschießt. In der 83. Minute macht Dumke sein drittes Tor, 4:2. Dumke ist damit, so vermerkt es das IFFHS-Heft, der erste deutsche Nationalspieler mit drei Treffern in einem Spiel.

Schweden – Deutschland 2:4 am 18. Juni 1911 · Wiggers spielte linker Verteidiger (Hermann Wiggers)
Schweden – Deutschland 2:4 am 18. Juni 1911 · Wiggers spielte linker Verteidiger

Über Wiggers' eigene Leistung in diesem Spiel ist nichts überliefert. Sicher ist nur das Ergebnis, und das kann sich sehen lassen: In den sechs Länderspielen davor hatte Deutschland ein einziges gewonnen. Wiggers wird nie wieder berufen.

»Hermann Wiggers pflegte in den Spielen stets eine Mütze zu tragen.«

— Heinrich Helmke, Victoria Post 2/2014

Spontan zurück nach Altona

Dass Wiggers' Zeit bei Victoria »nicht einmal 14 Monate« dauert, hat laut Helmke einen kuriosen Grund. Vor einem Punktspiel gegen Altona 93 stellt Victoria-Kapitän Adolf Gehrts ihn nicht auf. Gehrts fürchtet offenbar, Wiggers könnte »Rücksicht auf seine Altonaer Freunde« nehmen. Den Entschluss bereut Gehrts schnell, aber zu spät: Wiggers kehrt spontan zum AFC zurück.

Wikipedia erzählt es anders und lässt ihn bis 1916 für Victoria spielen. Die Vereinsgeschichte der Hamburger, auf die sich hier gestützt wird, ist in diesem Punkt die konkretere Quelle.

In Altona spielt Wiggers weiter, lange weiter. Laut Wikipedia beendet er seine Laufbahn mit der Saison 1916/17, als noch einmal der Titel des Meisters von Groß-Hamburg herausspringt, mit Mitspielern wie Adolf Jäger, Waldemar Gilge, Kurt Hilbert und Oskar Lüdecke. Helmke schreibt, Wiggers habe seine Schuhe »erst mit 38 Jahren an den Nagel« gehängt.

Danach gehört seine Liebe dem Radsport. Im RV Germania fährt er noch mit weit über 70 Jahren bei Wanderfahrten mit. Hermann Wiggers stirbt 1968 in Hamburg. Das genaue Datum, schreibt die Vereinszeitung, ist nicht bekannt.

Hermann Wiggers auf einen Blick

Geboren: 7.4.1880 in Sankt Margarethen (Holstein)
Gestorben: 1968 in Hamburg
Vereine: Altonaer FC 1893 (1890er-Jahre bis 1910), SC Victoria Hamburg (1910/11), Altonaer FC 1893 (bis 1917 bzw. 1918)
Position: Linker Verteidiger
Titel: Norddeutscher Meister 1909 (laut Wikipedia); Meister von Groß-Hamburg
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1911)
Beruf: nicht überliefert
Nationalspieler Nr.: 75 (Debüt 18. Juni 1911 in Stockholm)

Quellen

Wikipedia: Hermann Wiggers · Heinrich Helmke: Blau-gelbe Fußball-Legenden, Victoria Post 2/2014 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · IFFHS Libero Schweden/Dänemark · Libero 36 (IFFHS) · Wikipedia: Norddeutsche Fußballmeisterschaft 1908/09 · Wikipedia: Otto Dumke · Kicker-Almanach 1996