Paul Eichelmann – der Wundertorwart mit dem Unsinn im Kopf
Paul Eichelmann ist der einzige Mann, der beide Anfänge des deutschen Nationalfußballs erlebt hat. 1899 stand er im Tor, als eine Berliner Auswahl in einem inoffiziellen »Ur-Länderspiel« 2:13 gegen England verlor. Neun Jahre später stand er wieder im Tor, diesmal im ersten offiziellen Heimländerspiel, und wieder hieß der Gegner England. Dazwischen liegen eine Deutsche Meisterschaft, für deren Finale ihn der eigene Verein gesperrt hatte, und eine Handvoll Geschichten, die man kaum glauben mag. Ein Lexikon von 1939 nennt ihn den »vielleicht talentiertesten und besten, aber auch leichtsinnigsten deutschen Torwart der Vorkriegszeit«.
»Zwischen den Pfosten kaum zu schlagen; während und nach dem Spiel viel Unsinn im Kopf.«
Ein Klempner im Kasten
Paul Heinrich Karl Eichelmann wird am 11. Oktober 1879 in Berlin geboren. Er lernt Klempner. Mit 20 tritt er dem BFC Germania 1888 bei und stellt sich ins Tor. Er ist schnell gut. Schon im Oktober 1899 steht er im ersten internationalen Städtespiel Wien gegen Berlin im Kasten, die Berliner gewinnen in Wien 2:0.
Wenige Wochen später kommt der ganz große Gegner. Walther Bensemann hat eine englische Auswahl nach Berlin geholt, eine Mischung aus Profis und Amateuren. Am 23. November 1899, einem gewöhnlichen Donnerstag, sehen auf dem Athletik-Sportplatz in Charlottenburg je nach Quelle 1.000 bis 1.500 Menschen zu, wie die Engländer 13 Tore schießen. Eichelmann steht im deutschen Tor.
Irgendwann um die Jahrhundertwende wechselt er zu Union 92 Berlin. Wann genau, ist unklar: Wikipedia nennt 1904, das Fachmagazin Libero führt ihn schon im April 1900 als Unioner.
Mister Ikelman und die Sache mit dem Hyde Park
Über kaum einen frühen Nationalspieler kursieren so viele Geschichten. Die meisten stammen aus dem Nationalspieler-Lexikon von 1939, und sie drehen sich um eine Reise der Berliner Auswahl nach England im Jahr 1901. Mit »baren 6 Mark« sei Eichelmann aufgebrochen, die er beim Würfeln auf der Kanalfahrt gleich verloren habe. Die Briten hätten ihren »Mister Ikelman« trotz der hohen Niederlagen stürmisch gefeiert. Der englische Kapitän habe ihm den Spielball geschenkt. Mit dem sei Eichelmann in den Hyde Park gegangen, um zwischen zwei Bäumen zu trainieren, und prompt verhaftet worden. Englische Klubs hätten ihm »riesige Summen« geboten. Vergeblich: »ihn zog es wieder an die Spree«.
Eine hübsche Geschichte. Nur: Laut Wikipedia und Schulze-Marmelings Geschichte der Nationalmannschaft stand bei beiden Spielen in England 1901 ein anderer im Tor, ein Torwart namens Lüdecke. Ob Eichelmann überhaupt mitgereist ist, lässt sich aus den Quellen nicht klären. Auch Schulze-Marmeling erzählt die Hyde-Park-Episode, dazu die Legende von Eichelmanns Ehefrau, die mit einem Schirm hinter dem Tor gestanden habe, um ihm »einen zu verpassen«, wenn ihm die Pferde durchgingen. Und er fügt ehrlich hinzu: »Ob die Geschichten allesamt wahr sind, ist wohl nicht mehr festzustellen.«
Nüchterner klingt, was das Magazin Libero über ihn schreibt: Er sei »gegenüber jedermann respektlos« gewesen und auf dem Platz »oft ungehalten«. Seine Leistungen aber »standen jedoch außer Zweifel«. Ein »kühner und sprunggewaltiger« Torhüter, ein Unikum.
Meister ohne Finale
Wie teuer die Launen werden konnten, zeigt das Jahr 1905. Union 92 wird Berliner Meister und zieht in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft ein. Im Viertelfinale am 14. Mai in Magdeburg hält Eichelmann beim 4:1 gegen Eintracht Braunschweig. Dann greift der eigene Verein durch: Union sperrt seinen besten Torwart »aus disziplinarischen Gründen« intern. Das Halbfinale gegen den Dresdner SC gewinnen die Berliner ohne ihn. Und auch vor dem Finale kennt Union »keine Gnade«, wie Libero schreibt. Am 11. Juni 1905 schlägt Union in Köln den Karlsruher FV 2:0, mit einem Torwart aus der dritten Mannschaft. Deutscher Meister ist Eichelmann trotzdem, er hat ja im Viertelfinale gespielt.
Ein Jahr später ist er wieder dabei. Im Viertelfinale in Altona scheitern die Hamburger von Victoria »immer wieder am Berliner Torhüter Paul Eichelmann«, Union gewinnt 3:1. Im Halbfinale ist gegen den 1. FC Pforzheim beim 0:4 nichts zu holen.
Der große Tag: wieder England (April 1908)
Am 5. April 1908 spielt die erste deutsche Nationalmannschaft in Basel. Eichelmann ist nicht dabei. Er steht am selben Nachmittag in Berlin-Mariendorf im Tor, beim Städtespiel Berlin gegen Wien, das 1:3 verloren geht. Diese Doppelbelastung ist einer der Gründe, warum der DFB in Basel auf etliche Berliner verzichten muss.
Zwei Wochen später ist er dran. Am 20. April 1908 bestreitet Deutschland sein erstes Heimländerspiel, in Berlin-Mariendorf, gegen die Amateure Englands. Es ist die Mannschaft, die wenig später in London olympisches Gold holen wird. Rund 6.000 Zuschauer sind da, Schulze-Marmeling spricht sogar von einer »Rekordkulisse von über 7.000«. Schiedsrichter ist der Berliner Paul Neumann. Vor Eichelmann verteidigen sein Vereinskollege Otto Hantschick und Paul Fischer von Viktoria 89.
Nach fünf Minuten trifft Harry Stapley zum 0:1. Dann gibt es Elfmeter für Deutschland, Fritz Förderer verwandelt zum 1:1. Die Freude hält fünf Minuten, dann bringt Woodward die Engländer wieder in Führung, Claude Purnell erhöht kurz vor der Pause auf 1:3. Danach kontrollieren die Engländer das Spiel. Stapley trifft zum 1:4, Woodward in der Schlussminute zum 1:5.
Fünf Gegentore klingen nach viel. Aber man muss sie neben die 13 von 1899 legen. Schulze-Marmeling nennt die Niederlage »ehrenvoll«.
»Wenn Eichelmann nur zweimal für Deutschland spielte, so liegt das daran, dass die Glanzzeit dieses vielleicht talentiertesten und besten, aber auch leichtsinnigsten deutschen Torwartes der Vorkriegszeit lange vor der Länderspielepoche lag.«
Im Juni 1908 folgt sein zweites und letztes Länderspiel, in Wien gegen Österreich: 2:3. Zusammen sind es acht Gegentore in zwei Spielen. Laut Schulze-Marmeling verhinderte seine »mangelhafte Disziplin« eine längere Karriere in der Nationalelf.
Das letzte Finale und ein offenes Ende
Seine letzte Saison spielt Eichelmann laut Wikipedia 1911/12. Sie endet mit einem Finale. Am 18. Februar 1912 steht er im Tor der Brandenburger Auswahl im Endspiel um den Kronprinzenpokal gegen Süddeutschland. 7.000 Zuschauer sehen auf dem Union-Platz in Mariendorf ein Torfestival mit elf Treffern. Willi Worpitzky verkürzt in der 84. Minute auf 5:6, zum Ausgleich reicht es nicht. Der Pokal geht nach Süddeutschland.
Und dann verliert sich die Spur. Wann Paul Eichelmann gestorben ist, sagen die Quellen nicht übereinstimmend. Die deutsche Wikipedia nennt 1915 und beruft sich auf zwei Zeitungen vom Juli 1915, darunter die Berliner Volkszeitung. Todesursache sei »eine tückische Krankheit« gewesen. Die englische Wikipedia nennt den 9. Dezember 1938. Schulze-Marmelings Lexikon gibt den 7. September 1939 an, Libero schreibt, er sei 1939 »kurz vor Ausbruch des II. Weltkrieges« gestorben. Das Lexikon von 1939 setzt hinter seinen Namen offenbar schon ein Kreuz, soweit der Scan das erkennen lässt. Das spricht gegen den Herbst 1939, klärt die Frage aber nicht.
Paul Eichelmann auf einen Blick
Geboren: 11. Oktober 1879 in Berlin
Gestorben: umstritten (1915, 1938 oder 1939)
Spitzname: »Mister Ikelman« (so hätten ihn laut Lexikon 1939 die Briten genannt)
Vereine: BFC Germania 1888, BTuFC Union 1892
Position: Torwart
Titel: Deutscher Meister 1905, Berliner Meister 1905, Kronprinzenpokal-Finalist 1912
Bilanz: 2 Länderspiele, 8 Gegentore (1908); dazu das Ur-Länderspiel 1899
Beruf: Klempner
Nationalspieler Nr.: 12 (Debüt 20. April 1908 gegen England)
Quellen
Wikipedia: Paul Eichelmann · Wikipedia: Ur-Länderspiel · Wikipedia: Länderspiel Deutschland – England 1908 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Libero D 3/1992 · Libero International · Kicker-Almanach 1996 · austriasoccer.at: Berlin – Wien 1908 · en.wikipedia: Paul Eichelmann