Hans Schmidt – der Rechtsaußen mit dem falschen Namen
Es gibt Spieler, über die schreibt die Presse am Tag nach ihrem größten Spiel kein einziges Wort. Hans Schmidt hat es noch eigenartiger erwischt: Die Wiener Zeitung lobte den deutschen Rechtsaußen, nur stand dort ein anderer Name. Schmidt, Kaufmann aus Berlin und Stürmer beim ältesten Fußballverein Deutschlands, bestritt am 7. Juni 1908 sein einziges Länderspiel. Ein Spiel, null Tore, eine Niederlage – und ein Pfingstsonntag im Wiener Dauerregen, bei dem die Spieler übers Feld rutschten wie auf Eis.
»Ihr Zusammenspiel war so präzise, das Verständnis der Stürmer untereinander so offensichtlich, daß Wiens Deckung und Verteidigung ›schwamm‹, wie der technische Ausdruck lautet.«
Ein Schüler bei den Pionieren
Hans Willy Erich Schmidt kommt am 2. November 1887 in Berlin zur Welt. Fußball lernt er als Schüler beim BFC Germania 1888, laut einer Statistik schon ab 1896. Das ist kein beliebiger Klub. Germania nennt sich bis heute den ältesten noch bestehenden Fußballverein Deutschlands. Gegründet wurde er 1888 von einem 17-Jährigen und dessen Brüdern, gespielt wurde auf dem Tempelhofer Feld.
Als Schmidt dazukommt, ist der große Ruhm schon vorbei. Die Germanen hatten 1891 die erste Berliner Meisterschaft gewonnen. Danach ging es bergab. 1905 steigt die erste Mannschaft wieder in die höchste Berliner Klasse auf, und Schmidt rückt in diese Elf auf. Er spielt Rechtsaußen, jahrelang mit Torwart Fritz Baumgarten, der im ersten Länderspiel überhaupt im deutschen Tor stand. 1908 kommt Germania im Berliner Pokal bis ins Halbfinale und verliert dort 2:7 gegen Viktoria 89.
Mehr ist über den Fußballer Schmidt kaum überliefert. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 widmet ihm genau drei Angaben: Germania 88, Rechtsaußen, Kaufmann.
Ein Rechtsaußen für Wien
Im Juni 1908 steht das dritte Länderspiel der deutschen Geschichte an, in Wien gegen Österreich. Die Österreicher feiern Pfingsten mit großen »Jubiläumswettspielen«, England ist zweimal zu Gast, und in der Stadt tagt der Weltverband FIFA.
Die deutsche Elf, die in den Wiener Zeitungen angekündigt wird, sieht anders aus als die, die dann spielt. Laut der Meldung, die am Spieltag in den Wiener Blättern steht, sollte Albrecht von Wacker Leipzig Rechtsaußen spielen, dazu Haupt von Hertha Berlin und Oberle aus Karlsruhe im Sturm. Tatsächlich laufen laut allen Statistiken drei andere Stürmer auf: Schmidt, der 19-jährige Adolf Jäger aus Altona und Willy Baumgärtner aus Düsseldorf. Mit Torwart Paul Eichelmann, Verteidiger Willy Tänzer und Läufer Ernst Poetsch sind noch drei weitere Berliner dabei. Warum umgestellt wurde, verraten die Quellen nicht.
Zu Hause in Tempelhof passiert am selben Tag etwas Größeres: Auf dem Germania-Platz, Schmidts Heimplatz, steigt das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Viktoria 89 schlägt die Stuttgarter Kickers vor 4.000 Zuschauern 3:1. In Wien sehen rund 5.000 Schmidts Länderspiel.
Der große Tag: Regen am Cricketer-Platz (Juni 1908)
Pfingstsonntag, 7. Juni 1908, 18 Uhr, Cricketer-Platz in Wien. Es hat tagelang geregnet. Die Neue Freie Presse schreibt, der Wettergott habe »das Spielfeld an vielen Stellen unter Wasser« gesetzt, »wodurch die Spieler wie auf Eis rutschten und – oft zum Gaudium der nahezu 5000 Zuseher – hinfielen, daß das Wasser hoch aufspritzte«. Schiedsrichter ist der Engländer George Wagstaffe Simmons, in Wien als Journalist der »Sporting Life« vorgestellt.
Die Deutschen legen los, als hätten sie trockenen Rasen unter den Stiefeln. In der 6. Minute trifft Kapitän Eugen Kipp zum 1:0. Eine Minute später gibt es Elfmeter für Österreich, Dlabac verwandelt. In der 28. Minute köpft Jäger das 2:1. Dann dreht der Gastgeber auf: Studnicka gleicht in der 41. Minute aus. Drei Minuten später schießt Andres das 3:2. Die zweite Halbzeit bleibt torlos.
Und Schmidt? Die Allgemeine Sport-Zeitung lobt den rechten deutschen Flügel ausdrücklich. Garrn von Victoria Hamburg sei »ein brillanter Läufer und Techniker, der sich mit dem Rechtsaußenmann Albert vom Leipziger ›Wacker‹ überraschend schnell zusammenfand«. Nur: Albrecht stand gar nicht auf dem Platz. Der Reporter hatte offenbar die alte Meldeliste vor sich. Auch die Neue Freie Presse lässt einen Stürmer namens Haupt ein Kopfballtor erzielen, der ebenfalls nur auf der Meldeliste stand.
Wer also den Rechtsaußen neben Garrn lobt, meint aller Wahrscheinlichkeit nach Hans Schmidt. Belegen lässt sich das nicht, doch es ist das einzige Urteil über sein Spiel, das die Zeit überliefert hat.
Die deutsche Elf ist an diesem Tag im Schnitt 22 Jahre und 190 Tage jung. Die Statistiker der IFFHS führen sie damit in ihrer Liste der jüngsten Nationalteams der Welt.
»Doch die Deutschen entwickelten jetzt ein tadelloses Spiel, ihre Stürmer, die fünf verschiedenen Vereinen angehörten, arbeiteten wie aus einem Guß.«
Abstieg und Krieg
Ein zweites Länderspiel bekommt Schmidt nicht. Wikipedia erklärt das damit, dass Germania bald nicht mehr erstklassig spielte. Das ist eine Deutung, kein Beleg. Tatsächlich schafft der Verein 1911 noch einmal die Qualifikation für die neu geordnete Berliner Meisterschaft. Am Ende der Saison 1911/12 steht er in seiner Gruppe auf dem vorletzten Platz und steigt ab. Schmidt spielt laut einer Statistik bis 1915 für Germania. Im selben Jahr kündigt das Militär dem Verein den Platz in Tempelhof.
Dann wird Hans Schmidt Soldat. Am 9. Juli 1916 fällt er im Ersten Weltkrieg, 28 Jahre alt. Wo und bei welcher Einheit, ist nicht überliefert. Er ist nicht der einzige aus seinem Verein. Nach Wikipedia verlor der BFC Germania 1888 im Krieg insgesamt 44 Spieler.
Hans Schmidt auf einen Blick
Geboren: 2.11.1887 in Berlin
Gestorben: 9.7.1916, gefallen im Ersten Weltkrieg (Ort unbekannt)
Vereine: BFC Germania 1888 (Schüler ab 1896, 1. Mannschaft 1905–1915)
Position: Rechtsaußen
Titel: keine
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1908)
Beruf: Kaufmann
Nationalspieler Nr.: 22 (Debüt 7. Juni 1908 in Wien gegen Österreich)
Quellen
Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Allgemeine Sport-Zeitung, 13.6.1908 · Neue Freie Presse, 9.6.1908 · Neue Freie Presse, 7.6.1908 · Wiener Morgenzeitung, 22.4.1922 · DFB-Datencenter: Österreich – Deutschland 1908 · DFB-Datencenter: Hans Schmidt · Kicker-Almanach 1996 · Libero D 3 (1992) · Libero International · Wikipedia: Hans Schmidt (Fußballspieler, 1887) · Wikipedia: BFC Germania 1888 · RSSSF