Adolf Jäger – der erste Diener seiner Elf

Als der Reichstrainer Otto Nerz nach den drei größten deutschen Stürmern aller Zeiten gefragt wurde, musste er nicht lange überlegen. Einer der drei war Adolf Jäger aus Altona. Achtzehn Länderspiele, elf Tore, zehnmal Kapitän, das war vor dem Ersten Weltkrieg und kurz danach eine Karriere, wie sie kaum ein anderer hatte. Sepp Herberger sagte später über ihn: »Er war der Größte, den wir je hatten. Er war ein Stratege.« Und an einem Novembertag 1912 in Leipzig schoss Jäger nicht nur beide deutschen Tore, er fing auch noch einen Faustschlag ein, der eigentlich dem Schiedsrichter galt.

Adolf Jägers Laufbahn · von Union 03 bis zur Adolf-Jäger-Kampfbahn, 1903–1944 (Adolf Jäger)
Adolf Jägers Laufbahn · von Union 03 bis zur Adolf-Jäger-Kampfbahn, 1903–1944

»Dazu war er, obwohl jederzeit zu seinem berühmten satten flachen und halbhohen Schuß bereit, stets der ›erste Diener seiner Elf‹.«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Ein Eimsbütteler Jung’ für Altona

Adolf Friedrich Heinrich Jäger kommt am 31. März 1889 zur Welt. Wo genau, darüber sind sich die Quellen nicht einig: Wikipedia schreibt Altona, das Lexikon von 1939 Hamburg, das Hamburger Abendblatt verortet den Geburtsort am Eimsbütteler Marktplatz. Aufgewachsen ist er laut seinem Biografen Folkert Mohrhof im Pinneberger Weg, als Sohn eines Schuhmachers.

Sportlich ist der Junge ein Allrounder. Mit 13 wird er Hamburger Schülermeister im Schlagball-Weitwurf, später läuft er die 100 Meter bei den Hamburger Militärmeisterschaften in 11,4 Sekunden. Fußball spielt er zuerst bei Union 03 Altona. 1907 holt ihn der große Nachbar, der Altonaer FC von 1893. Sein erstes Spiel für die Schwarz-Weiß-Roten bestreitet er am ersten Weihnachtstag 1907 gegen den Dordtschen FC aus Holland.

Ein halbes Jahr später ist er Nationalspieler. Am 7. Juni 1908 steht der 19-Jährige in Wien im deutschen Sturm, auf einem Platz, der nach tagelangem Regen unter Wasser steht. In der 28. Minute köpft er Deutschland 2:1 in Führung. Ein Wiener Blatt erinnerte sich noch 1922 an das »effektvolle Kopftor« des Hamburgers. Deutschland verliert trotzdem 2:3. Die Statistiker der IFFHS führen Jäger mit 19 Jahren und 68 Tagen in ihrer Weltliste der jüngsten Länderspiel-Torschützen.

Der Dirigent im Sturm

Was machte Jäger so besonders? Das Lexikon von 1939 zählt auf: Technik, genaue Pässe über jede Entfernung, Kopfballspiel. Das seien aber nur die »selbstverständlichen Voraussetzungen« gewesen. Seine eigentliche Stärke lag laut Lexikon in seinem »scharfen Blick, seiner feldherrnhaften ruhigen Übersicht, dem Durchschauen jeden Gegners«. Otto Nerz nannte ihn den »Schöpfer des modernen Kombinationsspiels«. Mit den Jahren rückte Jäger von der Mitte auf Halbrechts und wurde, so das Statistikheft Libero, immer mehr zum »Dirigenten«, ohne das Toreschießen zu vergessen.

Neben dem Platz war er offenbar ein stiller Mann. Paul Duysen schrieb 1932 in einem Buch über ihn, Jäger sei im Grunde »urfröhlich und lebenslustig«, nach außen aber »wortkarg und verschlossen«, ein »typisch norddeutscher Charakter«.

In der Nationalelf ist Jäger bald gesetzt. Nur 1910 und 1923 fehlt er ganz. Die Reise nach England 1909 wird schon auf dem Schiff zur Tortur. »Alle durch die Bank wurden wir seekrank«, erzählte er 1935. In Oxford gibt es ein 0:9. 1912 in Budapest führt er die Mannschaft zum ersten Mal als Kapitän aufs Feld. Zur Pause steht es 4:1 für Deutschland, Jäger hat kurz vor dem Wechsel selbst getroffen, doch Ungarn kommt noch zum 4:4. Beim olympischen Turnier in Stockholm schießt er gegen Österreich das 1:0, am Ende heißt es 1:5.

Für die Auswahl des Nordens ist er noch wichtiger. Beim 11:0 gegen Südostdeutschland im November 1910 trifft er fünfmal. Mit Norddeutschland gewinnt er den Kronprinzenpokal 1914 und 1917 und 1919 den Bundespokal, im Finale von 1919 schießt er nach acht Minuten das 1:0.

Der große Tag: Doppelpack und Faustschlag (November 1912)

Sonntag, 17. November 1912, Leipzig, Sportplatz der Sportpark-Gesellschaft. 10.000 Zuschauer wollen Deutschland gegen Holland sehen. Schiedsrichter ist der Ungar Ede Herczog, Kapitän der Deutschen ist Max Breunig aus Karlsruhe. Jäger stürmt in der Mitte, es ist sein siebtes Länderspiel.

Holland legt vor: In der 15. Minute trifft Mannes Francken zum 0:1. Jäger gleicht in der 27. Minute aus. Kurz vor der Pause hat Deutschland die Führung auf dem Fuß, doch Breunig verschießt in der 42. Minute einen Elfmeter. Nach dem Wechsel bringt Jur Haak die Holländer erneut in Front (56.). Wieder antwortet Jäger, in der 65. Minute steht es 2:2. Dann trifft Francken ein zweites Mal, 74. Minute, 2:3. Dabei bleibt es.

Deutschland – Holland 2:3 in Leipzig · beide deutschen Tore durch Adolf Jäger (Adolf Jäger)
Deutschland – Holland 2:3 in Leipzig · beide deutschen Tore durch Adolf Jäger

Das Spiel geht in die Geschichte ein, aber nicht nur wegen der Tore. Das Lexikon von 1939 erzählt, dass die Zuschauer im Leipziger Länderspiel gegen Holland den Schiedsrichter »tätlich angreifen wollten«. Jäger stellte sich schützend vor den Ungarn und bekam dabei selbst einen Fausthieb ab. Warum die Leipziger so wütend waren, verrät die Quelle nicht. Gemeint sein kann nur dieses Spiel: Es war das einzige Länderspiel gegen Holland, das vor dem Krieg in Leipzig stattfand, und Herczog war Ungar.

Wie Jäger den Treffer wegsteckte, ist die schönste Pointe seiner Laufbahn.

»Keine Ursache! Der Hieb hat mein Zahngeschwür aufgeschlagen, das mich quälte, ich bin also geradezu belohnt worden.«

— Adolf Jäger nach dem Spiel, überliefert in „Die Deutschen Nationalspieler“, 1939

Krieg, Geschäfte und das Ende

Mit Altona 93 wird Jäger 1909 und 1914 Norddeutscher Meister. 1909 schießt er als 20-jähriger Kapitän im Viertelfinale gegen Tasmania Rixdorf das erste und das letzte Tor zum 4:2, im Halbfinale geht Altona in Berlin 0:7 gegen Viktoria unter. Von 1909 bis 1911 leistet er seinen Wehrdienst. Im Ersten Weltkrieg wird er zweimal verwundet und kehrt als Unteroffizier der Reserve zurück.

Nach dem Krieg ist er wieder Kapitän der Nationalelf. 1922 in Wien trifft er beim 2:0 gegen Österreich. Sein 18. und letztes Länderspiel bestreitet er am 14. Dezember 1924 in Stuttgart, 1:1 gegen die Schweiz, natürlich als Kapitän. Zehnmal hat er die Mannschaft angeführt, so oft wie vor ihm keiner. Erst Ludwig Leinberger übertrifft ihn 1933. Mit 36 steht er 1925 noch einmal in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Wie viele Tore er insgesamt für Altona schoss, weiß niemand genau. Die Legende spricht von über 2.000 in mehr als 700 Spielen, Freundschaftsspiele eingerechnet. Belastbare Statistiken dazu fehlen.

Geld verdient er mit Geschäften. 1919 eröffnet er einen Zigarrenladen am Schulterblatt, 1921 führt er mit einem Mitspieler das Herrenausstattergeschäft „Jäger & Koch“ gegenüber dem Rathaus, 1926 eine Anzeigenvermittlung, unter anderem mit dem späteren Verleger John Jahr. 1927 erhält er die Adlerplakette, damals die höchste Auszeichnung im deutschen Sport. Ab 1930 existiert keines seiner Geschäfte mehr. Er wohnt in einem der Neubauten am Lunapark in Altona.

Aus der NS-Zeit sind von Jäger keine politischen Äußerungen überliefert. Sein Biograf Mohrhof fand keine Parteimitgliedschaft. Im Sommer 1944 wird sein einziger Sohn Rolf bei einem Luftangriff in Frankreich getötet. Am 27. August 1944 benennt Altona 93 seine Spielstätte an der Griegstraße in „Adolf-Jäger-Kampfbahn“ um, Jäger ist dabei. Am 21. November 1944 stirbt er, 55 Jahre alt, als Angehöriger der Luftschutzpolizei am Altonaer Fischmarkt. In seiner Nähe explodiert eine Fliegerbombe mit Langzeitzünder. Er liegt in einem Ehrengrab auf dem Friedhof Altona. Noch 2014 schrieb das Hamburger Abendblatt, die Adolf-Jäger-Kampfbahn sei im Grunde der einzige Ort, der an ihn erinnert.

Adolf Jäger auf einen Blick

Geboren: 31.3.1889 in Hamburg (Altona oder Eimsbüttel, die Quellen schwanken)
Gestorben: 21.11.1944 in Hamburg-Altona
Vereine: Union 03 Altona (1903–1907), Altona 93 (1907–1927 in der Ligaelf)
Position: Mittelstürmer, später Halbrechts
Titel: Norddeutscher Meister 1909, 1914; Kronprinzenpokal 1914, 1917; Bundespokal 1919 (mit Norddeutschland); Adlerplakette 1927
Bilanz: 18 Länderspiele, 11 Tore (1908–1924), davon 10 als Kapitän
Beruf: Kaufmann (Zigarrenladen, Herrenausstatter, Anzeigenvermittlung)
Nationalspieler Nr.: 24 (Debüt 7. Juni 1908 in Wien gegen Österreich)

Quellen

Die Deutschen Nationalspieler (1939) · DFB-Datencenter: Deutschland – Niederlande 1912 · DFB-Datencenter: Adolf Jäger · Kicker-Almanach 1996 · Libero D 3 (1992) · Libero International · RSSSF: Adolf Jäger · Wiener Morgenzeitung, 22.4.1922 · Neue Freie Presse, 9.6.1908 · Hamburger Abendblatt, 12.4.2014 · RUND: Die Legende Adolf Jäger · Spiegel, 20.10.2008 · KZ-Gedenkstätte Neuengamme: Hamburger Fußball im Nationalsozialismus · Wikipedia: Adolf Jäger (Fußballspieler) · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1910/11 · Wikipedia: Bundespokal