Arno Neumann – Dresdens erster Nationalspieler
Arno Neumann war der Mann, der beim Dresdner SC nie ging. Er kam als Junge um 1900, stürmte ein Vierteljahrhundert lang für den Klub und führte ihn später als Vorsitzender. Am 20. April 1908 lief er als erster Dresdner überhaupt für Deutschland auf, 1:5 gegen Englands Amateure, sein einziges Länderspiel. Sein großer Tag lag drei Jahre früher: zwei Tore binnen fünf Minuten in einem Meisterschafts-Viertelfinale gegen Victoria Hamburg. Und noch mit 73 hielt er dem DSC die Treue, als es den Verein offiziell gar nicht mehr gab. Das kostete ihn die Freiheit.
»Er war sehr lange aktiv, noch im hohen Fussballer-Alter gehörte er dem Liga-Team an, spielte dann jedoch mehr in der Abwehr.«
Ein Dresdner Junge im DSC
Ernst Arno Neumann wird am 7. Februar 1885 in Dresden geboren. Der Dresdner Sport-Club ist da noch gar nicht gegründet. Das passiert erst in der Walpurgisnacht 1898, im Hotel Stadt Coblenz neben der Kreuzkirche. Neumann stößt laut Libero »schon als Jugendlicher« dazu, das Vereinsarchiv nennt 1899, Wikipedia 1900.
Der DSC ist damals ein Klub für vieles: Fußball, Leichtathletik, Radsport, bald auch Fechten und Kricket. Neumann passt dazu. Libero lobt sein »spielerisches Können« und seine »Vielseitigkeit«. Eigentlich ist er Rechtsaußen, er kann aber auch halbrechts oder in der Mitte stürmen. Das Buch »Die deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt als Stammposten »Rechtsaußen, Mittelstürmer«.
Mit dem DSC wird er 1902 Dresdner Stadtmeister. Die Endspiele um die Mitteldeutsche Meisterschaft gehen 1902 und 1903 verloren, 1904 wird das Finale gar nicht erst ausgetragen. Im April 1905 klappt es endlich: 3:2 gegen den Halleschen FC 1896 in Leipzig. Damit darf der DSC zum ersten Mal um die Deutsche Meisterschaft mitspielen.
Der große Tag: Doppelschlag in Tempelhof (Mai 1905)
Am 28. Mai 1905 trifft der Mitteldeutsche Meister im Viertelfinale auf den FC Victoria aus Hamburg. Gespielt wird auf neutralem Boden, auf dem Germania-Platz in Tempelhof bei Berlin. Laut Libero sehen nur 300 Zuschauer zu. Schiedsrichter ist Paul Faber aus Berlin. Neumann stürmt halbrechts, neben ihm Reinhard Richter, dessen Bruder Franz in der Läuferreihe spielt.
Es beginnt schlecht. Nach vier Minuten trifft Hermann Garrn für Victoria. Dann kommt Neumanns Viertelstunde. In der 13. Minute gleicht er aus, in der 18. schießt er das 2:1. Zwei Tore in fünf Minuten. Kurz vor der Pause gleicht Berthold Hagenah zum 2:2 aus.
Nach dem Wechsel übernimmt Reinhard Richter, der in der 48. und 50. Minute ebenfalls doppelt trifft. Max Fricke verkürzt auf 4:3, Arno Große macht sechs Minuten vor Schluss mit dem 5:3 alles klar. Die Sachsen stehen im Halbfinale.
Auf der anderen Seite steht übrigens ein Rechtsaußen namens Adolf Gehrts. Drei Jahre später werden Neumann und Gehrts in der Nationalelf zusammen den rechten Flügel bilden.
Im Halbfinale am 4. Juni 1905 in Leipzig ist dann Schluss. Union 92 Berlin gewinnt 5:2, obwohl die Berliner ihren Torwart Paul Eichelmann vereinsintern gesperrt haben. Libero bemerkt spitz, die Reporter seien von Union so begeistert gewesen, dass sie vergaßen, die Torminuten aufzuschreiben. Neumann spielt diesmal Rechtsaußen.
»Hermann Garrn, alias ›Edje‹ Ehlers, hatte die Norddeutschen in Führung gebracht, doch Arno Neumann und Reinhard Richter … hatten mit je zwei Treffern die Sachsen auf Siegeskurs gebracht.«
Der erste Dresdner im Nationaltrikot
Neumann bleibt torgefährlich. Als der DSC am 24. Mai 1907 den englischen Profiklub Portsmouth FC an die Nossener Brücke holt, verliert er 1:6. Das Ehrentor schießt Neumann. Das Vereinsarchiv notiert, dass sich der DSC das Gastspiel 900 Mark Antrittsgage kosten ließ.
Im April 1908 ruft ihn der DFB. Am Ostermontag, dem 20. April, spielt Deutschland in Berlin-Mariendorf gegen die englischen Amateure. Es schneit, rund 6.000 Menschen sind gekommen. Neumann stürmt an zweiter Position, also halbrechts, neben Adolf Gehrts. Förderer gleicht per Elfmeter zum 1:1 aus, danach ziehen die Engländer auf 5:1 davon.
Wie gut war Neumann? Wikipedia meint, er habe »durchaus zu überzeugen« gewusst, nennt dafür aber keinen Beleg. Der Reporter der »Mariendorfer Zeitung« sah es laut Tagesspiegel anders: Fast die ganze deutsche Mannschaft habe »sehr mangelhaft« gespielt. Einzeln erwähnt wird Neumann dort nicht. Es bleibt sein einziges Länderspiel. Für den DSC ist es trotzdem ein Anfang. Das Buch von 1939 zählt zwölf Nationalspieler des Klubs und schreibt: »Arno Neumann machte vor dem Kriege den Anfang.«
Hockey, Vorsitz, Zeitung
Neumann ist mehr als Fußballer. Im August 1915 gründen Dresdner Gymnasiasten laut Vereinsarchiv »auf Initiative von Arno Neumann« die Hockeyabteilung des DSC. 1916 spielt er dreimal für die Auswahl Mitteldeutschlands. Laut Wikipedia bleibt er bis 1925 aktiv, laut Libero zuletzt eher in der Abwehr.
Danach wird er Vorsitzender, nach der Liste des Vereinsarchivs vom 8. Juli 1926 bis 27. Juli 1929. Wikipedia nennt 1924 bis 1929. Beruflich schreibt er über Sport, unter anderem für die »Dresdner Neuesten Nachrichten«. 1939 steht als Beruf »Sportschriftleiter« im Nationalspieler-Buch. Zum 1. November 1932 tritt er in die NSDAP ein, Mitgliedsnummer 1.378.404. So vermerkt es seine Karteikarte im Bundesarchiv.
Eine Frage lässt das Buch von 1939 offen. Es nennt als Vereine »Dresdner Sportclub, 1893 Dresden, Dresdner Sportclub«. Demnach hätte Neumann irgendwann kurz beim Stadtrivalen gespielt. Andere Quellen wissen davon nichts.
Das verbotene Stiftungsfest (1958)
In der DDR ist der Dresdner SC aufgelöst. In Heidelberg dagegen gibt es inzwischen einen »DSC Heidelberg«. Neumann lebt weiter in Dresden und hält Kontakt dorthin. Laut der »Sächsischen Zeitung« vom 8. Dezember 1958 schreibt er Artikel für das Mitteilungsblatt aus Heidelberg und trifft sich mit früheren Mitgliedern aufgelöster Dresdner Vereine.
Gemeinsam mit Alexander Schreiber bereitet er für den 30. April 1958 das 60. Stiftungsfest des DSC vor. Die Feier wird verboten, die Organisatoren werden im Frühjahr 1958 verhaftet. Im November 1958 verurteilt ein Dresdner Gericht Neumann und Schreiber zu je fünfeinhalb Jahren Zuchthaus. Der Vorwurf: »Wühl- und Zersetzungsarbeit« im Auftrag des SPD-Ostbüros und der Aufbau einer »illegalen Organisation«. Neumann ist zu diesem Zeitpunkt 73 Jahre alt. Ein dritter Beteiligter, Friedrich Rauchstädt, stirbt 1960 in Haft in Bautzen.
Wie lange Neumann selbst in Haft blieb, geht aus den gefundenen Quellen nicht hervor. Arno Neumann stirbt am 7. März 1966 in Radebeul. Der DSC hat ihn zum Ehrenmitglied ernannt. Zwischen 2005 und 2012 nannten Fans einen Trainingsplatz im Sportpark Ostragehege »Arno-Neumann-Sportplatz«.
Arno Neumann auf einen Blick
Geboren: 7.2.1885 in Dresden
Gestorben: 7.3.1966 in Radebeul
Vereine: Dresdner SC (um 1900–1925); laut Buch von 1939 zwischenzeitlich »1893 Dresden«
Position: Rechtsaußen, auch Halbrechts und Mittelstürmer, spät in der Abwehr
Titel: Mitteldeutscher Meister 1905; neunmal Ostsächsischer Meister (1903–1909, 1911, 1912); Dresdner Stadtmeister 1902
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1908)
Beruf: Sportjournalist (»Sportschriftleiter«)
Nationalspieler Nr.: 17 (Debüt 20.4.1908 gegen England Amateure)
Quellen
Arno Neumann (Fußballspieler) – Wikipedia · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Libero Nr. 36 (IFFHS) · Libero D 3 (1992) · Kicker-Almanach 1996 · DSC-Archiv: Arno Neumann · DSC-Archiv: Vereinsgeschichte · DSC-Archiv: 60. Stiftungsfest · DSC-Archiv: Präsidenten · Deutsche Fußballmeisterschaft 1904/05 – Wikipedia · Fußballländerspiel Deutschland – England 1908 – Wikipedia · Tagesspiegel: Anstoß in Berlin-Mariendorf (2007)