Willi Knesebeck – der Balldieb von der Viktoria

Er war nicht groß, aber wer gegen ihn den Ball führte, hatte ihn bald nicht mehr. Willi Knesebeck war der Mittelläufer der großen Berliner Viktoria, mit ihr stand er in vier Endspielen um die Deutsche Meisterschaft und gewann zwei. Bei den Pokalfinals der Berliner Auswahl hatte er dagegen Pech, zweimal fehlte er, beim dritten Mal war er dabei und verlor 5:6. In der Nationalelf spielte er zweimal. Das erste Mal im Dezember 1911 in München, an einem Tag, an dem gleich vier Neue debütierten.

Willi Knesebecks Laufbahn als Spieler und Trainer · 1905–1938
Willi Knesebecks Laufbahn als Spieler und Trainer · 1905–1938

»Seine Gegenspieler vermochte er fast körperlos vom Ball zu trennen, er spitzelte die Bälle im richtigen Moment den Gegnern von den Füßen.«

— Libero D3 (IFFHS), 1992

Ein Viktorianer von Anfang an

Willi Knesebeck kommt am 31. März 1887 in Berlin zur Welt. Er fängt früh mit dem Fußball an und schließt sich dem Berliner Thorball- und Fußball-Club Viktoria 1889 an. Mit 18 steht er schon in der Berliner Stadtauswahl. Ab 1905 ist er der Mittelläufer der Viktoria, bis 1914.

Und diese Viktoria ist in jenen Jahren das Maß der Dinge in Berlin. Fünfmal wird Knesebeck Berliner Meister, 1907, 1908 und 1909 dreimal in Folge, dann 1911 und 1913. Jeder Titel bedeutet die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, insgesamt bestreitet er dort laut Wikipedia 14 Spiele.

Gleich beim ersten Anlauf geht es bis ins Finale: Am 19. Mai 1907 verliert Viktoria in Mannheim 1:3 gegen den Freiburger FC. Ein Jahr später klappt es. Am 7. Juni 1908 schlägt Viktoria in Tempelhof die Stuttgarter Kickers 3:1 und ist Deutscher Meister. Das IFFHS-Heft Libero lobt die Mitte der Mannschaft:

»Auch erwies sich die Berliner Läuferreihe mit Willi Knesebeck und Paul Hunder als routinierter.«

— Libero 36 (IFFHS) zum Endspiel 1908

1909 steht Viktoria zum dritten Mal in Folge im Endspiel, in Breslau, und verliert 2:4 gegen Phönix Karlsruhe. Der zweite Titel folgt am 4. Juni 1911 in Dresden: 3:1 gegen den VfB Leipzig, vor 12.000 Zuschauern.

Klein, wendig, offensiv

Wie spielte er? Libero beschreibt ihn als körperlich »nicht sonderlich groß, dafür aber um so wendiger und geschickter«. Er trennt die Gegner »fast körperlos« vom Ball, und als Mittelläufer ist er »sehr offensiv eingestellt«, er weicht sogar auf die Flügel aus. Ein Foto im Kicker-Archiv trägt die Unterschrift »Berlins großer Abwehrstratege«.

Mit der Berliner Auswahl im Kronprinzenpokal ist es eine seltsame Geschichte. Im ersten Finale überhaupt, am 18. April 1909, fehlt er, und Berlin verliert 1:3 gegen Mitteldeutschland. Libero vermutet, das sei vielleicht einer der Hauptgründe gewesen, denn im Halbfinale habe Knesebeck »eine gute Partie geboten«. Ein Jahr später verzichtet man im Finale »erneut auf ihn – und prompt verlor Berlin«, 5:6 gegen den Süden.

Dafür trifft er im Herbst 1910 selbst. Beim 8:2 gegen die Auswahl der Mark am 9. Oktober auf dem Germania-Platz in Tempelhof schießt Knesebeck in der 55. Minute das 5:1. Und am 18. Februar 1912 ist er endlich in einem Finale dabei. Doch, so Libero, »es war wie verhext«: Wieder 5:6 gegen Süddeutschland.

Der große Tag: Vier Neue in München (Dezember 1911)

Im Dezember 1911 holt der DFB den Viktorianer in die Nationalelf. Laut Wikipedia soll er den Karlsruher Max Breunig vertreten, den Stamm-Mittelläufer. Gespielt wird am 17. Dezember in München, auf dem Platz des MTV. Es ist laut Wikipedia das erste Länderspiel in München überhaupt.

Die deutsche Elf ist bunt gemischt. Im Tor steht der Münchner Walter Borck, in der Verteidigung der Leipziger Walter Hempel und der Bonner Theo Koenen. In der Läuferreihe spielt Knesebeck zwischen dem Kapitän Camillo Ugi aus Leipzig und seinem Vereinskameraden Paul Hunder. Vorn stürmen Karl Wegele, Fritz Förderer, der Viktorianer Willi Worpitzky, Julius Hirsch und Otto Thiel. Knesebeck, Koenen, Hirsch und Thiel geben an diesem Tag ihr Debüt.

8.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist der Österreicher Hugo Meisl. Die Ungarn führen durch Sebestyén (24.) und Imre Schlosser (43.) zur Pause 2:0. Direkt nach dem Wiederanpfiff verkürzt Worpitzky, doch Bodnár und noch einmal Schlosser machen das 1:4 perfekt.

»1911 verliert die deutsche Elf in München 1:4 gegen Ungarn. Hier die deutschen Stürmer Worpitzky und Hirsch im Angriff.«

— Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft, Bildunterschrift

Sein zweites Länderspiel folgt nach den Olympischen Spielen, am 6. Oktober 1912 in Kopenhagen. Vor 10.000 Zuschauern führen die Dänen 3:0, Nils Middelboe trifft zweimal. Adolf Jäger verkürzt fünf Minuten vor Schluss per Elfmeter. Danach ist Schluss. Auf seiner Position gab es, so Wikipedia, mit Breunig, Josef Glaser und Camillo Ugi zu starke Konkurrenz.

Der Lehrer

1912/13 verliert Knesebeck laut Libero seinen Mittelläuferposten, im Verein und in der Brandenburger Auswahl, an Paul Kugler. Er rückt in die Verteidigung. Als der Krieg beginnt, ist er 27 und nach Libero »längst über seinen fußballerischen Zenit hinaus«. Er wechselt zum VfB Pankow und später zum BFC Hertha 1892.

Sein Beruf wird der Sport. Knesebeck ist ausgebildeter Sportlehrer, ab 1921 lehrt er an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin. Er schreibt für die Berliner »Fußball-Woche« und veröffentlicht 1925 »Des Fußballspielers Trainingsbuch«. Als Trainer arbeitet er unter anderem beim Spandauer SV und von 1935 bis 1938 bei Hertha BSC, die er laut Wikipedia 1937 zur Gaumeisterschaft führt.

In diese Jahre fällt auch seine politische Bindung. Laut Wikipedia, gestützt auf die Kartei im Bundesarchiv, tritt Knesebeck am 1. November 1933 der SA bei und wird 1935 Rottenführer. Im Oktober 1937 beantragt er die Aufnahme in die NSDAP und wird rückwirkend zum 1. Mai 1937 Mitglied.

Willi Knesebeck stirbt am 18. September 1956. Die Fußball-Woche überschreibt ihren Nachruf: »Willy Knesebeck starb in Vergessenheit«.

Willi Knesebeck auf einen Blick

Geboren: 31.3.1887 in Berlin
Gestorben: 18.9.1956
Vereine: Viktoria 89 Berlin (1905–1914), danach VfB Pankow und BFC Hertha 1892
Position: Mittelläufer
Titel: Deutscher Meister 1908 und 1911, Vizemeister 1907 und 1909; Berliner Meister 1907, 1908, 1909, 1911, 1913; Kronprinzenpokal-Finalist 1912
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1911–1912)
Beruf: Sportlehrer, Dozent an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen, Sportjournalist
Trainer: u. a. Spandauer SV, Hertha BSC (1935–1938)
Nationalspieler Nr.: 82 (Debüt 17. Dezember 1911 in München)

Länderspiele

Quellen

Wikipedia: Willi Knesebeck · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1910/11 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1911/12 · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996