Theo Koenen – der Ersatzmann aus Bonn
Manchmal hängt eine Nationalspielerkarriere an einer Prüfungsordnung. Im Dezember 1911 sollte der Karlsruher Ernst Hollstein gegen Ungarn verteidigen, doch er musste zum Lehrer-Examen. Also fuhr Theo Koenen vom Bonner FV nach München. Es blieb sein einziges Länderspiel, und es ging 1:4 verloren. Sechs Jahre später gelang ihm dann doch noch ein Sieg im Auswahltrikot, der einzige in fünf belegten Spielen, und der war erst in der 116. Minute entschieden.
»Stammposten: Verteidiger / Beruf: Studienrat.«
Ein Leben für den Bonner FV
Über Theo Koenens Herkunft weiß man wenig. Geboren wird er 1890, aber schon beim Tag sind sich die Quellen uneins: Wikipedia nennt den 11. Februar, das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 den 11. November. Als Heimatort gibt das Lexikon Bonn an.
Sein Verein ist der Bonner FV, gegründet am 25. März 1901 im Gasthaus »Vater Arndt« von ehemaligen Fußballern des Bonner Turnvereins. Der Statistiker Fritz Tauber führt Koenen von 1901 bis 1931 als BFV-Spieler. Dann wäre er als Elfjähriger im Gründungsjahr dabei gewesen und dem Verein dreißig Jahre treu geblieben. Andere Vereine kennt keine Quelle.
Der BFV spielt auf dem Platz an der Richard-Wagner-Straße in der Bonner Weststadt und gehört von 1909/10 an zur westdeutschen »Zehnerliga«, der obersten Klasse. Am besten schneidet er 1912/13 ab, als Fünfter. Die Vereinschronik zählt Koenen und seinen Mannschaftskameraden Josef Schümmelfeder zu den Bonner Spielern, die »über die Bonner Stadtgrenzen hinaus bekannt waren«.
Der Ersatzmann von München
Im Oktober 1911 steht Koenen erstmals in der Auswahl Westdeutschlands. Im Kronprinzenpokal verliert der Westen am 8. Oktober in Hannover 0:1 gegen den Norden, Adolf Jäger trifft in der 62. Minute. Mit Koenen stehen drei weitere Bonner in der Elf: Schümmelfeder, Tenrahm und Schwister.
Zehn Wochen später kommt der Ruf in die Nationalelf. Laut dem Spielerlexikon von Grüne und Knieriem ist er einer Absage zu verdanken: Der Karlsruher Ernst Hollstein, vorgesehen als Verteidiger, muss wegen eines Lehrer-Examens passen. So steht Koenen am 17. Dezember 1911 auf dem Platz des MTV München neben dem Leipziger Walter Hempel in der Verteidigung. Vor 8.000 Zuschauern und unter dem Österreicher Hugo Meisl als Schiedsrichter gewinnen die Ungarn deutlich. Imre Schlosser trifft zweimal, am Ende heißt es 1:4. Mit Koenen geben an diesem Tag auch Willi Knesebeck, Julius Hirsch und Otto Thiel ihren Einstand.
Weitere Länderspiele folgen nicht.
Der große Tag: Sieg in der Verlängerung (Oktober 1917)
Im dritten Kriegsjahr wird wieder um den Kronprinzenpokal gespielt. Am 14. Oktober 1917 empfängt Westdeutschland im Viertelfinale den Süden, auf dem Platz des Düsseldorfer SC 1899. 3.500 Zuschauer kommen, Schiedsrichter ist Wilhelm Quermann aus Hannover.
Koenen verteidigt rechts, neben Hoffmann vom Dürener FC. Aus Bonn ist noch Läufer Tenrahm dabei. Links stürmt Walter Fischer vom Duisburger SV, der selbst schon Nationalspieler ist. Beim Süden steht Ludwig Philipp vom 1. FC Nürnberg in der Verteidigung, dazu im Sturm Heinrich Träg und Paul Forell, die später ebenfalls das Nationaltrikot tragen.
Zur Pause steht es 0:0. Erst acht Minuten vor Schluss bringt Hermann Klinkers den Westen in Führung, doch zwei Minuten später gleicht Philipp aus. Verlängerung. In der 109. Minute trifft Becker vom Kölner FC 1899 zum 2:1, in der 116. Minute macht Matthias Blethgen alles klar. 3:1 für den Westen.
»Westdeutschland: August Göbler (Kölner CfR) – Theo Koenen (Bonner FV), Hoffmann (Dürener FC 03)«
Es bleibt Koenens einziger Sieg: Die Länderspiel-Niederlage von München eingerechnet, verliert er die anderen vier seiner fünf belegten Auswahl- und Länderspiele. Im Halbfinale am 29. März 1918 in Hamburg verliert der Westen 0:3 gegen den Norden, zweimal trifft Adolf Jäger. Im Oktober 1918 steht Koenen noch einmal in der West-Auswahl, beim 0:9 in Nürnberg gegen den Süden. Es ist sein viertes und letztes Pokalspiel.
Der Studienrat
Das Lexikon von 1939 nennt als Beruf »Studienrat«. Koenen war also Lehrer an einer höheren Schule, ausgerechnet der Beruf, der ihm 1911 über Hollsteins Examen den Platz in der Nationalelf verschafft hatte. Wo und was er unterrichtete, ist nicht überliefert.
Laut Tauber spielt er bis 1931 für den Bonner FV. Theo Koenen stirbt am 8. September 1964. Wo, ist nicht bekannt.
Theo Koenen auf einen Blick
Geboren: 1890 (11. Februar laut Wikipedia, 11. November laut Lexikon 1939), Heimatort Bonn
Gestorben: 8.9.1964
Vereine: Bonner FV (laut Tauber 1901–1931)
Position: Verteidiger, meist rechts
Titel: –
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1911); 4 Kronprinzenpokalspiele für Westdeutschland (1911–1918)
Beruf: Studienrat
Nationalspieler Nr.: 81 (Debüt 17. Dezember 1911 in München)
Länderspiele
Quellen
Wikipedia: Theo Koenen · Wikipedia (en): Theo Koenen · Wikipedia: Bonner SC · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1917/18 · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Kicker-Almanach 1996