Willy Krauß – der erste Jenaer im Adlertrikot

Willy Krauß war Mechaniker aus Jena. Seine Laufbahn führte ihn erst nach Leipzig und dann zurück nach Hause, zum Fußballklub der Firma Carl Zeiss. Dort wurde er etwas, das es vorher nicht gab: ein Jenaer Nationalspieler. Zwei Länderspiele, zwei ganz verschiedene Nachmittage. Ein 6:2 in Stuttgart. Und ein 4:4 in Budapest vor 25.000 Menschen, bei dem die deutsche Elf zur Pause 4:1 führte.

Willy Krauß' Laufbahn · Jena, Leipzig, Jena 1886–1960 (Willy Krauß)
Willy Krauß' Laufbahn · Jena, Leipzig, Jena 1886–1960

»Er darf als der erste prominente Transfer in der Vereinsgeschichte bezeichnet werden.«

— Thüringische Landeszeitung, 2013

Von Jena nach Leipzig und zurück

Willy Krauß kommt am 10. Februar 1886 in Jena zur Welt. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 gibt als Beruf Mechaniker an, als Stammposten »Linker Läufer«. Das ist der Außenläufer auf der linken Seite, in der alten 2-3-5-Aufstellung der Mann zwischen Abwehr und Sturm.

Seine ersten belegten Spiele macht er in Leipzig. Laut Wikipedia spielt er von 1908 an für den FC Britannia 1899 im Gau Nordwestsachsen. Als der Verein in die zweite Spielklasse absteigt, geht Krauß zurück nach Jena. Wann genau, ist nicht ganz klar. Die Thüringische Landeszeitung schreibt 1909, Wikipedia 1910.

Sein neuer Verein ist der FC Carl Zeiss Jena, 1903 als Fußball-Klub der Firma gegründet, anfangs nur für deren Angestellte. Erst 1917 wird er sich 1. SV Jena nennen. Für die Jenaer ist Krauß ein Coup. Die TLZ nennt ihn den ersten prominenten Transfer der Vereinsgeschichte.

Der erste Kronprinzenpokal

Prominent ist er, weil er schon etwas gewonnen hat. Im Frühjahr 1909 wird zum ersten Mal der Kronprinzenpokal ausgespielt, ein Wettbewerb für die Auswahlmannschaften der Landesverbände. Mitteldeutschland erreicht das Finale, und für dieses Finale steht Krauß in der Elf. Es ist laut Wikipedia sein einziger Einsatz in diesem Wettbewerb, und er kommt im wichtigsten Spiel.

Am 18. April 1909 geht es in Berlin-Mariendorf gegen die Auswahl der Hauptstadt. 3.000 Zuschauer sind da. Krauß spielt links in der Läuferreihe, neben Camillo Ugi und Richard Grilling. Edgar Blüher schießt die Mitteldeutschen in der 15. Minute in Führung und erhöht nach 75 Minuten. Helmut Röpnack verkürzt per Elfmeter, Blüher macht mit seinem dritten Tor alles klar. 3:1. Das erste Finale eines deutschen Pokalwettbewerbs geht nach Mitteldeutschland.

Auch in Jena gewinnt Krauß. Laut Wikipedia wird der Klub 1911, 1912 und 1913 Meister des Gaus Ostthüringen. In der mitteldeutschen Endrunde ist dann jeweils früh Schluss: 2:6 gegen Wacker Halle, 2:3 gegen den SC Erfurt, 0:3 gegen den Halleschen FC 1896.

Stuttgart 1911: Debüt neben den Karlsruhern

Im März 1911 kommt die Berufung in die Nationalmannschaft. Der DFB hat gerade das 1:2 von Kleve hinter sich, gespielt ohne einen einzigen Süddeutschen. Jetzt versucht er es anders. Die »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« spricht von einer »Blockbildungsstrategie«: Mit Hollstein, Breunig, Förderer und Fuchs stehen gleich vier Spieler des Karlsruher FV in der Elf.

Am 26. März 1911 spielt Deutschland auf dem Kickers-Platz in Stuttgart-Degerloch gegen die Schweiz. 8.000 Zuschauer kommen. Krauß ist linker Läufer, neben Kapitän Max Breunig in der Mitte und Karl Burger rechts. Vor ihm debütiert ein anderer: Gottfried Fuchs, der in der 35. Minute das 1:0 schießt. Am Ende steht es 6:2, »in der Höhe überraschend«, so dieselbe Chronik. Auf dem Mannschaftsfoto steht Krauß als Zweiter von links.

Ein halbes Jahr später begegnet er Fuchs wieder, diesmal als Gegner. Im Kronprinzenpokal 1911/12 kommt Mitteldeutschland mit einem 5:1 nach Verlängerung in Cottbus ins Halbfinale. Dort, am 12. November 1911 in Leipzig, treffen die Mitteldeutschen auf den Süden. Krauß spielt wieder links in der Läuferreihe. Nach der Pause treffen Julius Hirsch und Fuchs binnen zwei Minuten. Mitteldeutschland verliert 1:2.

Der große Tag: Budapest (April 1912)

Vier Monate später wird Krauß noch einmal gerufen. Am 14. April 1912 spielt Deutschland in Budapest. 25.000 Zuschauer kommen auf den Platz an der Üllői út. Schiedsrichter ist der Österreicher Hugo Meisl. Kapitän der deutschen Elf ist zum ersten Mal Adolf Jäger. Krauß bildet mit Georg Krogmann und Camillo Ugi die Läuferreihe.

Es beginnt schlecht. Imre Schlosser trifft nach neun Minuten für Ungarn. Dann dreht die deutsche Elf das Spiel binnen zehn Minuten. Ernst Möller gleicht aus, Eugen Kipp und Willi Worpitzky erhöhen. Kurz vor der Pause trifft Jäger zum 4:1. Drei Tore Vorsprung zur Halbzeit, auswärts, vor dieser Kulisse.

Nach dem Wechsel kommt Sándor Bodnár. Er trifft in der 59. Minute, in der 65. und in der 75. Minute. 4:4. Die IFFHS-Statistiker vermerken es in einer Fußnote: Der Ungar war der erste Spieler, dem gegen Deutschland ein Hattrick gelang.

Ungarn – Deutschland 4:4, Budapest, 14. April 1912 · Willy Krauß' zweites und letztes Länderspiel (Willy Krauß)
Ungarn – Deutschland 4:4, Budapest, 14. April 1912 · Willy Krauß' zweites und letztes Länderspiel

Wie Krauß und seine Nebenleute diese halbe Stunde erlebt haben, verrät keine der geöffneten Quellen. Fest steht nur: Es ist sein letztes Länderspiel. Bei den Olympischen Spielen in Stockholm im Sommer 1912 kommt er nicht mehr zum Einsatz.

»Der Ungar war der erste Spieler, der gegen Deutschland einen Hat-trick erzielte.«

— Libero D 3 (IFFHS), 1992, über Sándor Bodnár

Krieg, Comeback, Pfeife

Die Saison 1913/14 ist laut Wikipedia seine letzte reguläre, dann kommt der Krieg. Laut Wikipedia, das sich auf die Jenaische Zeitung beruft, wird Krauß während des Krieges immer wieder reaktiviert und spielt 1918 in der mitteldeutschen Meisterschaft gegen Erfurt und Halle mit. Im selben Jahr wird der Verein, inzwischen 1. SV Jena, Meister von Thüringen.

Dem Klub bleibt er auch danach treu, nun als Schiedsrichter, so die Jenaische Zeitung von 1920. Danach verlieren sich seine Spuren. Willy Krauß stirbt am 26. Januar 1960. Wo, ist nicht überliefert.

Willy Krauß auf einen Blick

Geboren: 10.2.1886 in Jena
Gestorben: 26.1.1960 (Ort unbekannt)
Vereine: FC Britannia 1899 Leipzig (1908–1909/10), FC Carl Zeiss Jena, ab 1917 1. SV Jena (1909/10–1918)
Position: Linker Läufer
Titel: Kronprinzenpokal 1909 (Mitteldeutschland); Gaumeister Ostthüringen 1911, 1912, 1913; Meister Thüringen 1918
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1911–1912)
Beruf: Mechaniker
Nationalspieler Nr.: 70 (Debüt 26. März 1911 in Stuttgart gegen die Schweiz)

Quellen

Libero D 3 (IFFHS, 1992) · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Wikipedia: Willy Krauß · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1908/09 · Wikipedia: FC Carl Zeiss Jena · TLZ: 110 Jahre FCC (2) · DFB-Datencenter: Willy Krauß