Ernst Hollstein – der »Holler«, der nie planlos wegschlug

Verteidiger hatten um 1910 einen einfachen Auftrag: Ball weg, möglichst weit. Ernst Hollstein hielt sich nicht daran. Der blonde Linksverteidiger des Karlsruher FV spielte, so das Nationalspieler-Lexikon von 1939, »herrlich und elegant«, suchte mit jedem Ball einen freien Außenstürmer und köpfte wie kaum ein anderer. Sechs Länderspiele hat er bestritten, darunter zwei bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm. Sein großer Tag aber war ein Endspiel in Köln, das 114 Minuten lang torlos blieb.

Ernst Hollsteins Laufbahn 1886–1950: Stammspieler der Karlsruher Meisterelf, danach Lehrer in Offenburg (Ernst Hollstein)
Ernst Hollsteins Laufbahn 1886–1950: Stammspieler der Karlsruher Meisterelf, danach Lehrer in Offenburg

»Sein Spiel hatte nichts mit Wucht zu tun, er bekämpfte seine Gegner mit der Gewandtheit des überragenden Technikers, kickte nie planlos ins Weite nach dem Motto: ›Ball weg‹, sondern suchte sich stets ein Ziel: den gerade frei oder günstig stehenden Außenstürmer.«

— Die deutschen Nationalspieler, 1939

Vom Phönix zum KFV

Friedrich Ernst Hollstein kommt am 9. Dezember 1886 in Karlsruhe zur Welt, als Sohn eines Bürovorstehers. Karlsruhe ist in diesen Jahren die Fußballhauptstadt des Südens, mit zwei großen Vereinen: dem FC Phönix und dem Karlsruher FV. Hollstein beginnt in der Jugend des Phönix und wechselt dann zu den Junioren des KFV. Dort schafft er den Sprung in die erste Mannschaft.

Er spielt meist links in der Verteidigung, kann aber beide Seiten. Was ihn auszeichnet, beschreibt Wikipedia so: Gewandtheit, ausgezeichnete Technik, ein glänzendes Kopfballspiel, Pässe aus der Abwehr wie von einem Außenläufer. Die Karlsruher nannten ihn »Holler«. Und sie erzählten, so das Lexikon von 1939, noch Jahrzehnte später von seinen Kopfbällen: »im Köpfeln war Ernst Hollstein ein wegweisender Meister.« Die Vereinsseite des KFV überliefert gar, der »goldhaarige« Hollstein habe 1910 einen Kopfball aus 30 Metern versenkt.

Die Chronisten Kirn und Natan nennen ihn »einen der größten Verteidiger, die je über ein Feld zogen«, und rühmen sein Stellungsspiel als »Gedankenlesen«.

Der große Tag: Das Endspiel von Köln (Mai 1910)

Das Frühjahr 1910 wird Hollsteins dichteste Zeit. Der KFV, trainiert vom Engländer William Townley, startet in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Am 17. April gewinnt er das Viertelfinale in Mönchengladbach 1:0 gegen den Duisburger SV. Eine Woche später steht Hollstein in Arnheim in der Nationalelf, links in der Verteidigung, beim 2:4 gegen Holland. Wieder eine Woche später schlägt der KFV im Karlsruher Halbfinale den Stadtrivalen Phönix 2:1.

Das Endspiel steigt am 15. Mai 1910 in Köln, im Weidenpescher Park. Der Eintritt kostet 1,10 Mark, 5.000 Zuschauer kommen. Gegner ist Holstein Kiel, Schiedsrichter Max Grafe aus Leipzig. Hollstein verteidigt mit Curt Hüber vor Torwart Adolf Dell. Davor spielen Max Breunig als Mittelläufer und im Sturm Förderer, Fuchs und Hirsch – lauter Nationalspieler, damals schon oder bald.

Endspiel 1910: Karlsruher FV gegen Holstein Kiel 1:0 nach Verlängerung – das einzige Tor fällt in der 114. Minute (Ernst Hollstein)
Endspiel 1910: Karlsruher FV gegen Holstein Kiel 1:0 nach Verlängerung – das einzige Tor fällt in der 114. Minute

Der KFV stürmt, Kiel verteidigt. Libero schreibt von einer »vorzüglichen Abwehrleistung« der Kieler »Störche«, und ihr Torwart Friese hält, was zu halten ist. In der ersten Halbzeit bekommt Karlsruhe einen Handelfmeter. Breunig verschießt. Nach 90 Minuten steht es 0:0, das Eckenverhältnis laut Wikipedia 12:2 für Karlsruhe. Zum ersten Mal in der Geschichte der Deutschen Meisterschaft geht ein Endspiel in die Verlängerung.

In der 114. Minute wird Julius Hirsch im Strafraum regelwidrig gestoppt. Wieder Elfmeter, wieder Breunig. Diesmal schießt er, so Libero, »mit großer Wucht«. Friese ist noch dran, doch der Ball ist drin. 1:0. Der KFV ist Deutscher Meister.

»So blieb die ›Jungfrau Viktoria‹ in Karlsruhe, wechselte nur den Verein.«

— Libero Nr. 36 (IFFHS), 2002 – im Jahr zuvor hatte Phönix Karlsruhe den Titel gewonnen

Hollstein ist zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt.

Olympia, und dann die Schule

Die nächsten zwei Jahre bleibt der KFV ganz oben. 1911 scheitert er im Halbfinale an VfB Leipzig, 1912 steht er wieder im Finale und verliert in Hamburg 0:1 gegen Holstein Kiel, durch einen Elfmeter. Im Februar 1912 gewinnt Hollstein mit Süddeutschland den Kronprinzenpokal, ein 6:5 gegen Brandenburg in Berlin.

In der Nationalelf wird er zum Stammspieler, wenn auch mit Lücken. Im März 1911 schickt der DFB gegen die Schweiz erstmals einen ganzen Karlsruher Block aufs Feld: Hollstein, Breunig, Förderer und Fuchs. Deutschland gewinnt in Stuttgart 6:2. Es folgen ein 1:2 in Lüttich und ein 5:5 in Zwolle.

Dann Stockholm, Olympia 1912. Gegen Österreich verliert Deutschland 1:5. Laut Wikipedia lag das weniger an Hollsteins Abwehr: Torwart Albert Weber hatte eine Gehirnerschütterung erlitten, und Mittelstürmer Willi Worpitzky musste ins Tor. Hollstein fehlt beim 16:0 gegen Russland. Beim 1:3 gegen Ungarn in der Trostrunde am 3. Juli 1912 ist er wieder dabei. Es ist sein letztes Länderspiel, er ist 25.

1913 zieht er sich vom Fußball zurück. Wikipedia und der KFV sagen: um zu studieren. Das Stadtlexikon Karlsruhe sagt: um in Offenburg eine Stelle als Gewerbelehrer anzutreten. Man habe den Rückzug »lebhaft bedauert«, schreibt Wikipedia.

Späte Jahre in Offenburg

Im Ersten Weltkrieg dient Hollstein ab 1915 beim 14. Fußartillerie-Regiment. Kurz vor Kriegsende wird er noch Leutnant, zuletzt liegt er im Lazarett in Offenburg, so das Stadtlexikon. Offenburg wird seine Stadt. Ab 1920 trainiert er den Offenburger FV, und die Zeitschrift »Fußball« lobt im Dezember 1920: »Die Erfolge sind in erster Linie dem Internationalen Ernst Hollstein zu verdanken.«

Beruflich bringt er es zum Studienrat, später Oberstudienrat. Am 1. Mai 1937 tritt er der NSDAP bei. So verzeichnen es das Stadtlexikon Karlsruhe und Wikipedia unter Berufung auf die Mitgliederkartei im Bundesarchiv.

Ernst Hollstein stirbt im Sommer 1950 in Offenburg, laut Stadtlexikon am 28. Juli, laut Wikipedia am 9. August. Er wurde 63 Jahre alt.

Ernst Hollstein auf einen Blick

Geboren: 9.12.1886 in Karlsruhe
Gestorben: Sommer 1950 in Offenburg (28.7. laut Stadtlexikon Karlsruhe, 9.8. laut Wikipedia)
Spitzname: »Holler«
Vereine: FC Phönix Karlsruhe (Jugend), Karlsruher FV (bis 1913)
Position: linker Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1910, Deutscher Vizemeister 1912, Kronprinzenpokal 1912 mit Süddeutschland
Bilanz: 6 Länderspiele, 0 Tore (1910–1912), davon 2 beim Olympischen Turnier 1912
Beruf: Gewerbelehrer, später Studienrat in Offenburg
Trainer: Offenburger FV (1920/21)
Nationalspieler Nr.: 52 (Debüt 24. April 1910 in Arnheim gegen Holland)

Quellen

Libero 36 (IFFHS) · Wikipedia: Ernst Hollstein · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1909/10 · Stadtlexikon Karlsruhe · Karlsruher FV 1891: Helden · Olympedia · Die deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Libero D3 (IFFHS, 1992) · Kicker-Almanach 1996