Ernst Möller – der Linksaußen, der Holstein zum Meister machte

Wer heute zum Holstein-Stadion in Kiel will, fährt über die Ernst-Möller-Straße. Die Fans haben den Namen ausgesucht, mit deutlichem Vorsprung. Der Mann, nach dem sie benannt ist, hat Holstein Kiel 1912 mit einem Elfmeter zum deutschen Meister gemacht, zum bis heute einzigen Mal. Ein Jahr zuvor hatte der 19-jährige Linksaußen bei seinem Länderspieldebüt zwei Tore gegen England geschossen. Neun Länderspiele, vier Tore, ein Titel, dann kam der Krieg. Ernst Möller starb im November 1916 in Frankreich.

Ernst Möllers Lebensweg · 1891–1916 (Ernst Möller)
Ernst Möllers Lebensweg · 1891–1916

»Der Linksaußen der Vorkriegszeit!«

— Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Ein Kieler bei den »Störchen«

Ernst Möller wird am 19. August 1891 in Kiel geboren. Sein Verein ist der Holstein, damals noch der FV Holstein Kiel, die »Störche«. Die Familie Möller ist dort nicht irgendwer. Laut einem Porträt in der IFFHS-Reihe Libero übernimmt sein älterer Bruder Karl am 6. Januar 1910 die Leitung des Klubs. Er gilt als »Vater des Kieler Aufstieges«.

Im selben Jahr rückt Ernst in die erste Mannschaft auf. Holstein ist gerade deutscher Vizemeister geworden, das Finale 1910 gegen den Karlsruher FV ging erst in der Verlängerung verloren. Möller ist in diesem Finale noch nicht dabei, doch bald ist er auf Linksaußen gesetzt.

Wie er spielte, fasst Wikipedia so zusammen: Man habe stets seine »außerordentliche Ballbehandlung und extreme Schnelligkeit« hervorgehoben. Er habe als bester linker Außenstürmer Deutschlands vor dem Ersten Weltkrieg gegolten, in einem Atemzug genannt mit dem Altonaer Adolf Jäger. Einen Einzelbeleg dafür gibt Wikipedia nicht. Der Holstein-Verein nennt ihn heute »einen der besten linken Außenstürmer seiner Zeit«. Im Beruf ist Möller Sekretär bei einer Intendantur, einer Verwaltungsbehörde des Militärs.

Der große Tag: Das 2:2 gegen England (April 1911)

Am 14. April 1911 empfängt Deutschland in Berlin-Mariendorf die englischen Amateure. Die Bilanz gegen die Lehrmeister ist verheerend: 1:5 im Jahr 1908, 0:9 in Oxford 1909. Auf dem Viktoria-Platz drängen sich 10.000 Zuschauer. Schiedsrichter ist der Niederländer Herbert James Willing.

In der deutschen Elf steht ein 19-Jähriger aus Kiel, der zum ersten Mal dabei ist: Ernst Möller auf Linksaußen. Im Tor steht Adolf Werner, bald sein Vereinskamerad in Kiel, Kapitän ist Camillo Ugi. Auf der anderen Seite spielen Leute wie Gordon Hoare von Woolwich Arsenal und Edward Gordon Dundas Wright von Hull City.

England geht in der 17. Minute durch George Webb in Führung, und zur Pause steht es 0:1. Dann schlägt Möllers Stunde. In der 48. Minute gleicht er aus, zwei Minuten später trifft er zum 2:1. Deutschland führt gegen England. In der 65. Minute gleicht Wright aus, dabei bleibt es.

Deutschland – England (Amateure) 2:2 am 14. April 1911 · Möllers zwei Tore beim Debüt (Ernst Möller)
Deutschland – England (Amateure) 2:2 am 14. April 1911 · Möllers zwei Tore beim Debüt

Das Lexikon von 1939 schreibt das Remis ganz dem Debütanten zu: »Dieses 2:2 war allein Möllers Werk, der dem langen englischen Torhüter zwei unhaltbare, herrliche Tore in den Kasten setzte.« Der lange Torhüter heißt Ronald Brebner. Eine spätere Chronik der Nationalmannschaft erinnert sich sogar an »dichtes Schneetreiben«. Allerdings verlegt dieselbe Chronik das Spiel irrtümlich in den November, das Wetter bleibt also mit Vorsicht zu genießen.

Ein Achtungserfolg ist es allemal. Aus englischer Sicht zählt die Partie nur als Amateur-Länderspiel. Für Deutschland ist es das erste Spiel gegen England ohne Niederlage.

»[Das Spiel] endete mit 2:2 und stellte die bis dato größte Sensation in der deutschen Fußballgeschichte dar. Denn der Gegner hieß England.«

— Hardy Grüne in »Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft«, 2004

Zwei Tore in der zweiten Verlängerung

Der Frühling 1911 wird Möllers Saison. Am 7. Mai spielt Holstein in Bremen um die deutsche Meisterschaft gegen den Duisburger Spielverein. Möller trifft in der 15. und in der 71. Minute, Holstein gewinnt 3:1. Die Statistiker des IFFHS heben ihn hervor, den »erst 19jährigen Ernst Möller«. Im Halbfinale gegen Viktoria 89 ist dann Schluss, 0:4 in Hamburg.

Vier Tage später steht Möller trotzdem in einem Finale, im Kronprinzenpokal für die Auswahl Norddeutschlands. Am 25. Mai 1911 geht es in Mariendorf gegen Süddeutschland. Nach 90 Minuten steht es 1:1, nach 120 Minuten 2:2. Also wird ein zweites Mal verlängert, zweimal zehn Minuten. In der 125. Minute trifft Möller zum 3:2, in der 127. zum 4:2. Norddeutschland gewinnt den Pokal zum ersten Mal.

Im Juni folgt in Stockholm sein einziger Länderspielsieg, ein 4:2 gegen Schweden. Im Herbst trifft er beim 1:3 gegen Schweden in Hamburg, im April 1912 beim 4:4 in Budapest.

Der Elfmeter von der Hoheluft (Mai 1912)

In der Saison 1911/12 ist Holstein nicht zu stoppen. In der Endrunde gewinnen die Kieler 2:1 gegen Preussen Berlin und 2:1 gegen Viktoria 89, nach zwei Verlängerungen. Das Finale steigt am 26. Mai 1912 auf dem Victoria-Platz an der Hoheluft in Hamburg, vor 9.000 Zuschauern. Gegner ist wieder der Karlsruher FV, der Holstein zwei Jahre zuvor im Endspiel besiegt hatte, mit Fuchs, Förderer und Hirsch im Sturm.

Doch Gottfried Fuchs hat sich am Knie verletzt. Er spielt die erste Halbzeit mit einer Gipsbandage und ist laut Wikipedia nur bedingt einsatzfähig. Bis zur Pause fallen keine Tore. In der 52. Minute kommt Willi Fick im Karlsruher Strafraum zu Fall. Elfmeter. Ernst Möller tritt an und verwandelt. Danach verteidigt Holstein geschickt den Vorsprung. Schiedsrichter Paul Schröder aus Mönchengladbach pfeift ab: 1:0, Holstein Kiel ist deutscher Meister.

Möller ist 20 Jahre alt. Das Tor bleibt das bis heute einzige, das Holstein Kiel eine deutsche Meisterschaft eingebracht hat. »Das goldene Tor«, nennt es der Verein.

Verteidiger, Leutnant, gefallen

In der Nationalelf verändert sich Möllers Rolle. Ab Herbst 1912 spielt er dort viermal als Verteidiger, auch das Lexikon von 1939 führt ihn als »Linksaußen und linker Verteidiger«. Sein letztes Länderspiel ist das 2:6 in Antwerpen am 23. November 1913. Mit Holstein scheidet er im April 1913 als Titelverteidiger im Halbfinale aus, 1:2 gegen den Duisburger Spielverein.

1914 meldet sich Möller laut dem Kieler Holstein-Forscher Tobias Meier freiwillig zum Kriegsdienst. Die Verlustliste des Holsteinischen Infanterie-Regiments Nr. 85 führt einen Leutnant der Reserve Ernst Möller aus Kiel, 10. Kompanie. Er wird am 3. November 1916 verwundet und stirbt am 6. November 1916 auf dem Verbandplatz in Hénin-sur-Cojeul. Ältere Quellen nennen den 8. November.

Sein Grab ist laut Meiers Recherchen in den 1920er-Jahren nach Saint-Laurent-Blangy umgebettet worden.

Aus der Meisterelf von 1912 kehren mehrere Spieler nicht aus dem Krieg zurück. Der Libero nennt Georg Krogmann, David Binder und Ernst Möller.

Straße und Banner

In Kiel ist Möller nicht vergessen. 2018 benennt sich ein Holstein-Fanclub nach ihm, »Gruppo Ernesto«, sein Gesicht ziert das Banner. Gegründet hat ihn Tobias Meier, Historiker, der für die Jubiläumschronik des Vereins bis nach Nordfrankreich gereist ist.

Als die neue Zufahrt zum Holstein-Stadion einen Namen braucht, stimmen die Fans ab, Möller setzt sich deutlich durch. Die Kieler Ratsversammlung beschließt den Namen am 18. Juli 2024. Am 30. April 2025 wird die Ernst-Möller-Straße eingeweiht.

Ernst Möller auf einen Blick

Geboren: 19.8.1891 in Kiel
Gestorben: 6.11.1916 in Hénin-sur-Cojeul (Frankreich), gefallen
Vereine: FV Holstein Kiel (1910–1916)
Position: Linksaußen, später auch linker Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1912; Kronprinzenpokal 1911 (mit Norddeutschland)
Bilanz: 9 Länderspiele, 4 Tore (1911–1913)
Beruf: Intendantur-Sekretär
Nationalspieler Nr.: 73 (Debüt 14. April 1911 in Berlin)

Quellen

Wikipedia: Ernst Möller (Fußballspieler) · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1911/12 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1910/11 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Libero D5 (IFFHS) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Denkmalprojekt: Verlustliste IR 85 · Holstein Kiel: Ernst-Möller-Straße · Kiellokal: Ernst-Möller-Forscher vom Fernsehturm · Kiel-Wiki: Ernst-Möller-Straße · Kicker-Almanach 1996