Paul Pömpner – Paulsen, der Mann für Helsinki

Helsinki, 26. Juni 1925. Nach 50 Minuten führt Finnland 2:0, die Deutschen sind auf der Nordlandreise, der DFB hat 25 Spieler mitgenommen, und es sieht nach der zweiten Niederlage innerhalb von fünf Tagen aus. Dann nimmt ein 32-jähriger Kaufmann aus Leipzig das Spiel in die Hand. In der 52. Minute trifft er, in der 71. gleicht er aus, in der 79. schießt er das 4:2. Am Ende steht es 5:3. Sein Name auf dem Spielberichtsbogen: Paul Pömpner. In den Zeitungen jener Jahre heißt er fast immer Paulsen.

Paul Pömpners Laufbahn · von Weißenfels über Halle zum VfB Leipzig, 1892–1934
Paul Pömpners Laufbahn · von Weißenfels über Halle zum VfB Leipzig, 1892–1934

»Pömpner galt unter dem Namen Paulsen in den Jahren 1924 und 1925 als Deutschlands bester Fußballmittelstürmer.«

— Badische Presse, 17. Mai 1934, in der Meldung über seinen Tod

Ein Schüler namens Paulsen

Paul Pömpner wird am 28. Dezember 1892 in Weißenfels an der Saale geboren. Er fängt beim SC Preußen Weißenfels an, das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt TuR Weißenfels. Schülern war das Spielen im Verein damals verboten. Nach der Wikipedia wählte er deshalb den Namen »Paulsen«, damit niemand erfuhr, dass er heimlich im Verein kickte. Der Name blieb an ihm hängen. Das Lexikon führt »Paulsen« als seinen Fußballnamen, und auch die Badische Presse von 1934 kennt ihn so.

Nur Schulze-Marmeling dreht es um: Dort heißt der Spieler mit bürgerlichem Namen Paul Paulsen und »Pömpner« ist der Kosename. Wer recht hat, lässt sich nicht klären: Wikipedia, Lexikon und Zeitung stehen gegen Schulze-Marmeling. Das Tagblatt von 1924 und die niederländische Presse von 1925 schreiben jedenfalls durchgehend »Paulsen«.

1908 wechselt er zum Halleschen FC Wacker. Er ist schnell, temperamentvoll und überall einsetzbar, das Lexikon nennt alle Stürmerposten und sogar Verteidiger und Torwart. 1911 und 1912 stehen die Hallenser im Finale um die mitteldeutsche Meisterschaft. 1912 führt ihn der Beruf als Kaufmann nach Leipzig, er schließt sich dem VfB an.

Meister mit dem VfB Leipzig

Schon das erste Jahr in Leipzig krönt ihn mit dem Titel. Der VfB wird Meister von Mitteldeutschland und zieht in die Endrunde um die deutsche Meisterschaft ein. Im Viertelfinale am 20. April 1913 gewinnt er in Forst 5:0, Pömpner schießt vier Tore, drei davon bis zur 72. Minute, das fünfte in der 85. Das Halbfinale gegen Viktoria 89 Berlin endet 3:1.

Das Endspiel steigt am 11. Mai 1913 in München-Sendling, bei starkem Regen vor 5.000 Zuschauern. Gegner ist der Duisburger SpV. Eduard Pendorf verwandelt in der 9. Minute einen Elfmeter, in der 15. Minute erhöht Pömpner auf 2:0. Am Ende steht es 3:1, der VfB ist zum dritten Mal Deutscher Meister. In der Meisterelf stehen außerdem Johannes Schneider im Tor, Willy Völker in der Abwehr, Pendorf im Mittelfeld und Adalbert Friedrich im Sturm. Fünf Tore hat er in der Endrunde 1913 erzielt, mehr als jeder andere Leipziger.

Ein Jahr später wird es bitter. Am 31. Mai 1914 steht Leipzig wieder im Finale, in Magdeburg gegen die SpVgg Fürth mit Julius Hirsch. Nach 90 Minuten steht es 1:1, nach 120 Minuten 2:2, in der 153. Minute entscheidet Karl Franz das Spiel für Fürth. Die Wikipedia vermerkt: Leipzig spielte ab der 42. Minute in Unterzahl, weil Paul Michel verletzt ausscheiden musste. Pömpner schießt in dieser Endrunde zwei Tore, beide im Viertelfinale am 3. Mai 1914 in Königsberg: Er gleicht kurz vor der Pause zum 1:1 aus und trifft später noch einmal zum 4:1-Endstand. Das Halbfinale am 17. Mai 1914 gewinnt Leipzig im Sportpark Connewitz 1:0 gegen den Duisburger SpV, das Tor schießt Johannes Völckers nach 41 Minuten.

Später kommen weitere Endrunden dazu. Nach dem DFB-Datencenter zählt er zehn Endrundenspiele mit sieben Toren. Dazu gehören 1920 ein 0:2 gegen den 1. FC Nürnberg, 1925 ein 1:2 gegen den Breslauer SC und 1927 ein 3:0 gegen den Breslauer FV 06 und ein 0:3 beim TSV 1860 München. Im Kronprinzen- und Bundespokal führt das Datencenter zusammen 20 Spiele und zwölf Tore. Debütiert hat er in der mitteldeutschen Auswahl am 12. Oktober 1913.

Nach dem Krieg bleibt er in Leipzig. Die Wikipedia nennt 380 Einsätze für den VfB und Beteiligungen an den mitteldeutschen Meisterschaften 1925 und 1927, die englische Wikipedia lässt ihn bis 1930 beim VfB spielen. Für die mitteldeutsche Auswahl wird er 34-mal berufen, dazu kommen 24 Städtespiele für Leipzig. Mit der Auswahl steht er dreimal im Finale des Bundespokals (bis 1918 hieß der Wettbewerb Kronprinzenpokal), 1914, 1920 und 1925, und jedes Mal wird es Platz zwei. Am 4. Oktober 1925, vier Monate nach Helsinki, verliert Mitteldeutschland im Leipziger VfB-Stadion vor 30.000 Zuschauern 1:2 gegen Süddeutschland. Die Süddeutschen treffen durch Wolfgang Strobel (46.) und Andreas Franz (88.).

Sechs Länderspiele in zehn Monaten

Mit 31 Jahren debütiert Pömpner am 31. August 1924 in Berlin gegen Schweden, in einer Mannschaft ohne die Nürnberger und Fürther Stars. Es endet 1:4. Das Darmstädter Tagblatt meldet, der »Linksaußen Paulsen« sei verletzt gewesen und nach der Pause durch den Berliner Schumann ersetzt worden. Das DFB-Datencenter nennt die 72. Minute. Die Wikipedia spricht von einer Kopfverletzung, Schulze-Marmeling von einem Zusammenprall, nach dem er zunächst mit Kopfverband weiterspielte.

Am 23. November 1924 im Duisburger Wedaustadion gegen Italien (0:1) vergibt er nach dem Tagblatt eine große Chance. Karl Höger tritt kurz vor der Pause die erste deutsche Ecke, und Paulsen, der freisteht, zögert so lange, bis die italienische Verteidigung dazwischenfährt. Drei Wochen später, am 14. Dezember 1924, spielt Deutschland in Stuttgart 1:1 gegen die Schweiz. Max Breunig begleitet die Mannschaft als Berater, Adolf Jäger bestreitet sein letztes Länderspiel, und fünf Minuten vor Schluss trifft Franz nach einer Vorlage von Jäger und Pömpner die Latte.

Am 29. März 1925 verliert Deutschland in Amsterdam 1:2 gegen die Niederlande, und die niederländischen Berichte heben Pömpner hervor. Het Volk schreibt: »Der Linksaußen Paulsen ist ein sehr aktiver Spieler. Vermetten hat größte Mühe, sein Rennen zu stoppen.« Die Utrechtsche Courant meint, fast alle deutschen Angriffe seien über ihn gelaufen, und Lefèvre habe ihn zu oft losgelassen. Einer seiner Schüsse klatscht laut Het Volk an die Latte. Und er tritt die Ecke, nach der Kurt Voß zum 1:2 trifft. Mit Hermann Lux und Hanne Sobek steht er in derselben Elf. Das fünfte Länderspiel folgt am 21. Juni 1925 in Stockholm, eine 0:1-Niederlage vor 10.000 Zuschauern.

Der große Tag: Helsinki, 26. Juni 1925

Fünf Tage später, im Töölön Pallokenttä in Helsinki, sehen 3.500 Zuschauer unter Schiedsrichter Sigfrid Benzer aus Schweden eine Partie, die lange nach der finnischen aussieht. Hjalmar Kelin trifft in der 28. Minute zum 1:0, Aulis Koponen verwandelt nach dem Wechsel einen Elfmeter zum 2:0 (50.). Nach dem DFB-Datencenter führt Finnland zur Pause 1:0, De Telegraaf meldete dagegen 0:2.

Finnland – Deutschland 3:5 in Helsinki · drei Tore von Paul Pömpner innerhalb von 27 Minuten
Finnland – Deutschland 3:5 in Helsinki · drei Tore von Paul Pömpner innerhalb von 27 Minuten

Dann übernimmt Pömpner. Er spielt Halblinks, im Sturm stehen außerdem Hans Ruch, Voß, Otto Montag und Karl Schulz aus Kiel. Er trifft in der 52., 71. und 79. Minute, dazwischen verwandelt Ruch in der 75. einen Elfmeter zum 3:2. Koponen verkürzt in der 83. Minute noch einmal auf 3:4, Voß stellt in der 87. Minute den Endstand her, so die Angaben von DFB-Datencenter und englischer Wikipedia. Es ist der erste deutsche Sieg über Finnland, nach zuvor einem 3:3 (1921) und einem 1:2 (1923). Die Wikipedia führt Pömpner in diesem Spiel als Kapitän.

Hinter ihm spielen unter anderem Hermann Lux, Hans Lang und August Werner. Die Reise war ein Experiment: Nach Schulze-Marmeling gehörten 25 Spieler zum Tross, 15 von ihnen kamen danach nie wieder zum Einsatz. Pömpner war einer davon. Nach sechs Spielen und drei Toren, alle drei in Helsinki, endet seine Länderspielkarriere.

Die späten Jahre

Nach Helsinki spielt Pömpner mindestens noch für die mitteldeutsche Auswahl, wie das Bundespokal-Finale im Oktober 1925 zeigt. Dann endet die Spur. Die Badische Presse schreibt 1934, er habe sich »infolge einer Verletzung« vom Sport zurückgezogen. Wann das war, sagt sie nicht.

Pömpner stirbt im Alter von 41 Jahren. Nach einer Meldung der Badischen Presse aus Halle stößt in der Nacht zum Donnerstag, dem 17. Mai 1934, ein Personenkraftwagen mit einer Straßenbahn zusammen. Die beiden Insassen, beide aus Weißenfels, kommen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus Bergmannstrost. Pömpner stirbt kurz nach der Einlieferung. Die Zeitung führt ihn als SA-Mann. Die Wikipedia nennt den 17. Mai 1934 als Sterbedatum.

Paul Pömpner auf einen Blick

Geboren: 28.12.1892 in Weißenfels
Gestorben: 17.5.1934 (nach einem Verkehrsunfall; Sterbeort nicht angegeben)
Vereine: SC Preußen Weißenfels (Jugend), Wacker Halle (1908–1912), VfB Leipzig (ab 1912)
Position: Linksaußen, Halblinks, vielseitig einsetzbar (Badische Presse 1934: Mittelstürmer)
Beruf: Kaufmann
Spielername: Paulsen
Bilanz: 6 Länderspiele (1 Sieg, 1 Unentschieden, 4 Niederlagen), 3 Tore (1924–1925)
Erfolge: Deutscher Meister 1913, Endspielteilnahme 1914, Vizemeister im Bundespokal 1914, 1920, 1925
Endrunden: 10 Spiele, 7 Tore (DFB-Datencenter); Kronprinzen-/Bundespokal 20 Spiele, 12 Tore

Länderspiele

Quellen